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Kieferorthopädie | News zur Übersicht

News 19.11.2010

Über die Schulter geschaut

Kieferorthopäden aus dem In- und Ausland nahmen Anfang Oktober die Möglichkeit wahr, Prof. Dr. Richard Parkhouse und Dr. Joy Hickman bei einem Kurs rund um die Anwendung des Tip-Edge PLUS-Brackets über die Schulter zu schauen.

Schon im Mai dieses Jahres hatte sich Prof. Dr. Richard Parkhouse – neben Dr. Peter Kesling einer der Schlüsselfiguren rund um die Entwicklung des bekannten Tip-Edge PLUS-Bracketsystems – die Ehre gegeben. Anschließend an diesen Kurserfolg lud die Firma TP Orthodontics Anfang Oktober nun erneut zu einer Fortbildungsveranstaltung mit dem bekannten Experten aus Wales sowie dessen Praxispartnerin Dr. Joy Hickman ein, dieses Mal nach Düsseldorf.


Wer von den Teilnehmern Professor Parkhouse das erste Mal begegnete, dem wird neben all den wertvollen Informationen dieses Zwei-Tages-Kurses vor allem dessen bescheidene und sympathische Art in Erinnerung bleiben. Bereits nach wenigen Kursminuten wird klar, dieser womöglich an Körpergröße eher kleine, jedoch an Wissen riesige Professor Parkhouse hat sichtlich Freude an dem, was er tut. Und dem stand auch Co-Referentin Dr. Joy Hickman in nichts nach.

Historischer Rückblick

Niemand würde bei diesem Kurs seine Zeit vergeuden, versprach Parkhouse gleich zu Beginn der Veranstaltung und machte sich mit einem kurzen historischen Rückblick sogleich ans Werk, dieses Versprechen einzulösen. Edward Angle war es, der 1925 die Edgewise-Technik erfand. Dessen Schüler, Dr. Raymond Begg, kreierte 1957 die Begg-Technik. Diese war zwar bes­tens geeignet, um schwierige Malokklusionen schnell zu korrigieren. Die Kontrolle der Wurzelbewegung war jedoch sehr schwierig. Im Jahre 1986 löste Dr. Peter Kesling dieses Problem der schwierigen Wurzelkontrolle, indem er im Tip-Edge-Bracket „RX 1“ die Begg- mit der Straight-Wire-Technik verband. Dies gelang ihm durch Entfernung von zwei sich diagonal gegenüberliegenden Ecken eines Straight-Wire-Bracketslots. Werden mit­tels Straight-Wire-Apparatur normalerweise körperliche Zahnbewegungen ermöglicht, lässt dieser neue Brackettyp die Zähne bzw. dessen Kronen erst in ihre anatomische Position kippen, ehe kontrolliert die Wurzeln folgen.

Tip-Edge PLUS

In Zusammenarbeit mit Prof. Parkhouse erfolgte mit Tip-Edge PLUS in 2003 dann die Modifizierung des RX 1-Brackets, deren Vorteile sich insbesondere in der III. Behandlungsphase bemerkbar machen. Anstelle von bislang notwendigen Aufrichtefedern finden im sogenannten „deep tunnel“ des PLUS-Brackets superelastische NiTi-Bögen Anwendung. Sie dienen in Kombination mit Stahl-Vierkantbögen (Hauptslot) nun der Aufrichtung von Zahnwurzeln sowie zum Wurzeltorquen.
Hinsichtlich Bracket-Prescription verdeutlichte der Referent die Besonderheit des Designs, dass wenn ein geklebtes Bracket kippt, sich der Raum für den vertikalen Bogen automatisch vergrößere. Der geöffnete Slot bietet dem Drahtbogen sehr viel Spiel und schließt ein Verkeilen des Bogens im Slot aus. Dadurch arbeite das Bracket nahezu ohne Friktion. Außerdem ermögliche der geöffnete Slot einen direkten Wechsel von ei­ner .016''er- zu einer .022''er-Bogendimension. Anschließend wurde kurz auf Hilfsmittel wie die Side-Winder Spring zum Aufrichten gekippter Zähne eingegangen. Diese sei unbedingt stets von okklusal zu inserieren, so der Referent. Ebenso wurden anhand klinischer Fälle Rotationsfedern oder der Power Pin zum Settling der Okklusion gezeigt sowie auf das Thema Torquen mit Tip-Edge eingegangen.

Dr. Hickman gab dann einen Überblick hinsichtlich Kleben und Set-up und zeigte kurz die Arbeitsschritte bei Anwendung von sogenannten bonding jigs. Auf keinen Fall solle hier zu okklusal geklebt werden, da dies z.B. das Aufrichten in Pha­se III behindere oder die fina­le Torque-Prescription verändere, so Hickman. Zudem ging sie auf das Kleben der Prämolaren und die richtige Wahl der hierbei zur Verfügung stehenden Clockwise- bzw. Counter-Clockwise-Brackets ein.

1. Behandlungsphase

Prof. Parkhouse leitete dann den ersten Hands-on-Block ein, indem er zu den Mechaniken der 1. Behandlungsphase überging. Bei diesem Schritt drehe sich alles um den anterioren Bereich (Aligning des Frontsegments, Schließen anteriorer Lücken, Korrektur des Overjets, Reduzierung stärkere Überbisse bzw. offener Bisse, Beginn der Korrektur von Kreuzbissen). So sei hier vor allem zu beachten, dass nach In­sertion des vorgeformten Hauptbogens (.016'' High Tensile Stainless, z.B. Bow FlexTM) die Kraft der vom oberen Eckzahn zum unte-ren 1. Molaren eingehängten Gum­mizüge maximal 50g betrage. Zudem ging er auf die cuspid ties ein, welche nur in Phase I Anwendung finden und u.a. das „Hin-und-Her-Schlenkern“ des Bogens un­terbinden sollen. Im Anschluss konnten die Kursteilnehmer dann selbst „Hand anlegen“, indem sie das Inserieren von Haupt­bogen sowie Einhängen von Klasse II-Gummizügen am Typodonten übten.

2. Behandlungsphase

Das Schließen letzter Lücken (durch Retraktion bzw. Protraktion), die Korrektur der Mittellinie, der Abschluss der Kreuzbiss-Korrektur, die Derotation von Molaren sowie der Erhalt bisheriger Korrekturen stehen im Mittelpunkt von Phase II der Behandlung. Auch hier präsentierte Prof. Parkhouse zahlreiche Fälle zur Verdeutlichung und ging dabei u.a. auf den Einsatz der Side-Winder Spring und insbesondere auf das Alignment der Prämolaren ein. Ist der .016″er-Bogen entfernt, wird in Phase II stattdessen ein .020″er-Stahldraht einligiert. Liegt hierbei ein zu stark rotierter Prämolar vor, bietet sich der Einsatz von E-Links an. Die Derotation sollte jedoch erst dann erfolgen, wenn die Lücken bereits geschlossen sind. Im zweiten Hands-on-Teil wur­de das Gezeigte erneut in die Tat umgesetzt. Den ersten Kurstag rundeten eine Reihe klinischer Fall­beispiele ab, die die Vielseitigkeit dieses Bracketsystems verdeutlichten.

3. Behandlungsphase

Der Samstag stand dann ganz im Zeichen der 3. Behandlungsphase und deren Me­chaniken wie individuelle Torqueapplikation und Tipping-Korrekturen, Aufrechter­halten der Bogenrelation, Erzielen eines optimalen Profils sowie präzises Finish. In der letzten Phase schließen sich die Slots wieder. Durch das Aufrichten der Zähne wird der .022''er-Slot auf einen .0215''er-Hauptbogen rotiert. Dadurch arbeite das Bracket ohne jeg­liche Torqueverluste. „Sobald sich der Slot aufgrund des Aufrichtens der Zähne schlie­ße, definiere der Bogen den vollen Torque“, so Park­house. In dieser III. Phase kämen nun die Vorteile des Zusatzslots (deep tunnel) zum Tragen. Diesem kommt primär die Aufgabe zu, die Wurzeln aufzurichten. Der deep tunnel dürfe jedoch ausschließlich in dieser dritten Behandlungsphase An­wendung finden und das niemals ohne gleichzeitiges Ein­li­gieren eines Stahlbogens der Dimension .0215'' x .028'' im Hauptslot. Würde der Zusatz­slot bereits in den Phasen I und II zum Einsatz kommen, wäre eine zu frühe Kontrolle der Wurzeln gewährleistet. Zudem würde eine frühzeitige Verwendung des deep tunnels zu einem Schließen des Hauptslots führen. Dies würde das spätere Inserieren des voll dimensionierten Vierkantbogens unmöglich machen.

Für den deep tunnel verwenden die Referenten in der Regel einen .014″er-NiTi-Bogen (Reflex®), der stets vor dem Hauptbogen einzubringen sei. Wie das Einfädeln und Anpassen des NiTi’s praktisch umzusetzen ist, wurde anschließend erläutert. Dieses Einfädeln kann entweder von der Mittellinie aus oder mithilfe der distalen Methode erfolgen. Danach erfuhren die Teil­neh­mer, wie der Hauptbogen entsprechend vorbereitet und eingebracht wird. Hierbei wurde insbesondere auf den Torque sowie die Frage kein Torque oder vorgetorquter Bogen (z.B. wenn Bite Sweeps benötigt werden oder zur anterioren Kompensation bei Klasse III-Fällen) eingegangen. Während dieser dritten Phase sollte es keinesfalls versäumt werden, einzelne Aspekte der Behandlung nochmals zu prüfen. So sei es u.a. wichtig, den Verlauf des Aufrichtens genau zu verfolgen oder zu prüfen, ob hierfür genügend Platz zur Verfügung stehe. Auch soll­te nochmals die Bogenrelation gecheckt werden. Welche Fehler unter Umständen passieren und wie diese von vornherein verhindert werden können, wurde anschließend erläutert. Des Weiteren zeigten die Referenten ein Video, welches zusammenfassend demonstrierte, wie Tip-Edge PLUS erst ausschließlich mit Tip- und erst zum Schluss mit Torquekräften Zahnfehlstellungen korrigiert.

Im letzten Hands-on-Block galt es dann, den NiTi-Bogen im deep tunnel zu inserieren, den Hauptbogen anzupassen (Sweep einbiegen, Torque kontrollieren) und entsprechend einzubringen. Zum Abschluss dieser inte­ressanten Fortbildungsver­an­­staltung wurden neben der De­monstration weiterer klinischer Fälle noch einmal alle Vorteile des PLUS-Brackets für Patient, Behandler sowie Stuhl­assistenz zusammengetragen sowie einzelne Techniken für ein präzises Finishing gezeigt.