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Hygiene und Sauberkeit sind sinnvoll und wichtig, besonders in medizinischen Berufsfeldern. Vonseiten der Praxis muss sorgsam darauf geachtet werden - darüber besteht kein Zweifel. Wenn jedoch die Patienten übertrieben kritisch und ängstlich reagieren, kann das durchaus zum Problem werden. In Extremfall leiden diese Patienten unter einer Phobie, was den Praxisalltag erheblich beeinträchtigen kann.

wirtschaft psychologie Der saubere Patient: normal oder Phobie? | Dr. Lea Höfel Hygiene und Sauberkeit sind sinnvoll und wichtig, besonders in medizinischen Berufsfeldern. Vonseiten der Praxis muss sorgsam darauf geachtet werden – darüber besteht kein Zweifel. Wenn jedoch die Patienten übertrieben kritisch und ängstlich reagieren, kann das durchaus zum Problem werden. In Extremfall leiden diese Patienten unter einer Phobie, was den Praxisalltag erheblich beeinträchtigen kann. ast jeder Zahnarzt wird schon einmal einen Patienten gehabt haben, der sich ständig die Hände wäscht, im Minutentakt neue Tücher verlangt, die Türen vom Praxispersonal öffnen lässt, Wasserhähne nur mit Bewegungssensor akzeptiert und die Keimfreiheit des Bohrers hinterfragt. Was anfangs noch als unterhaltsames Thema in der Praxisrunde gesehen wird, entwickelt sich mit der Zeit zu Unverständnis und Ärger dem Patienten gegenüber. Die Praxis stellt sich nervlich und zeitlich auf die Wünsche ein, die Behandlung muss häufig unterbrochen werden. Ein Staubkorn oder auch nur der Verdacht auf Bakterien kann dazu führen, dass der Patient die Behandlung verschiebt oder abbricht. Auf einmal steht nicht mehr die Zahnbehandlung im Vordergrund, sondern die psychische Störung: Phobie, meist im Zusammenhang mit Zwangshandlungen. F Phobiker ist bewusst, dass er überreagiert. Als Folge von Phobien leiden die Betroffenen oft schon an Erwartungsangst (Angst vor der Angst) und Depression und ziehen sich immer mehr zurück. Instinktiv vermeidet der Phobiker die angstauslösende Situation, was z.B. bei Angst vor tiefen Gewässern durchaus möglich ist und den Alltag kaum beeinträchtigt. Bei dem bakterienscheuen Patienten in der Zahnarztpraxis wird es jedoch schwierig, den Alltag zu meistern. Jeder Schritt in die Außenwelt, jede Berührung, jedes Tier und jeder Mensch stellt eine potenzielle Gefahr dar. Ihr Patient hat wahrscheinlich eine Bacteriophobie entwickelt, die Angst vor Bakterien oder eine Automysophobie, die Angst vor Ansteckung durch Unsauberkeit, Keime und Bakterien. Zahlreiche Bezeichnungen können zutreffen. Die einzige Phobie, unter der Ihr Patient gewiss nicht leidet, ist die Ablutophobie, der Furcht vor dem Baden und Waschen. Um der Angst scheinbar Herr zu werden, gesellt sich zu der Phobie gerne noch ein Zwang. Der Patient wäscht sich stundenlang die Hände und lässt die Desinfektionsflasche nicht außer Reichweite. Der Zwang Die Ursache Es ist durchaus möglich, dass ein Patient übertriebene Angst vor Ansteckung entwickelt, weil er in der Vergangenheit jedes Virus seiner Umgebung mitgenommen hat und ständig erkältet war. Meist liegen Phobien jedoch tief greifende Probleme zugrunde, die mit Kontrollverlust, Unsicherheit und Unselbstständigkeit zusammenhängen. Erfahrungen in der Kindheit führen dazu, dass der Patient ungelöste Probleme mit sich herumträgt (z.B. Vernachlässigung, Missbrauch, Einsamkeit), die durch die Phobie zum Ausdruck kommen. Der ursprüngliche Auslöser ist entweder unbekannt oder mit zu großer Angst besetzt, weshalb sich die Psyche ein anderes Ventil sucht. Der Patient steht unter Zwang, wenn er ständig Rituale ausführen muss. Manche Menschen neigen dazu, Handlungen auszuführen (z.B. mit dem Fuß wippen, Türschloss und Herd kontrollieren), andere wiederum leiden unter Zwangsgedanken (z.B. Grübeln, Zahlenreihenfolgen durchgehen). Der Patient in der Praxis tritt seiner Phobie mit Waschzwang entgegen und kann dadurch das Gefühl der Angst minimieren. Was zuerst dazu dient, die Angst zu kontrollieren, verselbstständigt sich mit Zeit. Jetzt kann es auch passieren, dass Angst entsteht, weil es keine Möglichkeit zur Ausführung des Zwanges kommt. Der Patient steckt in einem Teufelskreis fest, aus dem er schwer von alleine wieder herauskommt. Die Phobie Phobien sind psychologisch gesehen von Ängsten abzugrenzen. Sie sind objektbezogen (z.B. Spinnen, Keime), situationsbezogen (z.B. Rede halten, Gedächtnisverlust) oder reaktionsbezogen (z.B. Angst, Schimpfwörter zu sagen oder jemandem etwas anzutun). Die starke Angst des phobischen Patienten steht in keiner Relation zur tatsächlichen Situation. Sie kann aber auch nicht rational beseitigt werden, dem 24 ZWP 12/2009

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