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Zahnerhalt ist immer auch ­psychologischer Halt

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Zahnerhalt ist immer auch ­psychologischer Halt

Gesundheit und Erhalt der eigenen Zähne sind nicht nur aus medizinischer Sicht wichtig – ein gesundes und vollständiges Gebiss hat darüber hinaus einen großen psychologischen ­Stellenwert. Dem Zahnverlust beim Milchgebiss wird noch freudig entgegengesehen, da er das Erwachsenwerden symbolisiert. Den Zahnverlust der zweiten Zähne möchte man jedoch so lange wie möglich vermeiden, da er mit Alter, Schwäche und Krankheit assoziiert wird.

Jeder Zahnarzt wird die Situation kennen, wenn besonders ältere Patienten stolz von den eigenen Zähnen erzählen, die sie noch haben. Der Verlust der letzten Zähne geht dann häufig mit einem psychischen Verfall einher.

Die Psyche und der Zahn

Die Zähne werden im normalen Sprachgebrauch oft mit psychischen Eigenschaften in Verbindung gebracht. Man beißt sich durch, geht auf dem Zahnfleisch, ist verbissen, beißt sich auf die Zunge und fühlt anderen auf den Zahn. Die schönste Art, dem Feind die Zähne zu zeigen, ist ein Lächeln. Wissenschaftliche Ergebnisse weisen darauf hin, dass jedem einzelnen Zahn psychische Merkmale zugeordnet werden können. Schneidezähne stehen beispielsweise für Vertrauen und Durchsetzungskraft, Eckzähne werden mit Aggressivität in Verbindung gebracht. Zähne werden insgesamt als Zeichen des Zupackens und der Energie gesehen. Fallen sie aus, kann Nahrung nicht mehr zerkleinert und „angegriffen“ werden – der Genuss kommt zu kurz. Besonders ausgeliefert ist man den „harten Brocken“ – weiche Suppen hingegen sind kein Problem. Im psychologischen Bereich kann das ­Gefühl entstehen, sich nicht mehr tatkräftig am Alltagsgeschehen beteiligen zu können. Das Leben plätschert ohne Höhen und Tiefen vor sich hin, man kocht sein eigenes Süppchen. Das Zahnfleisch und die Wurzel stehen für Halt und Fundament. Parodontitis oder Entzündungen des Wurzelkanals können unbehandelt zu Zahnverlust führen. Dies hat wiederum die psychische Auswirkung, dass sich der Mensch „entwurzelt“ und haltlos fühlen kann.

Der Zusammenhang zwischen Zähnen und der Psyche wird deutlich, wenn z.B. ein Mensch anfängt, aus Stress mit den Zähnen zu knirschen (siehe Abb. 1). Im nächsten Schritt schädigt er damit sein Gebiss, es kommt zu ­Dysfunktionen, Schmerzen oder Zahnverlust. Dies wiederum beeinträchtigt das Selbstwertgefühl und der Stresspegel steigt weiter an. Bei anderen beginnt der Kreislauf bei den Schmerzen, die zu Stress und damit zu Bruxismus führen. Einige Therapeuten und Coaches schließen daher die Sanierung der Zähne in das Therapiekonzept ein, um den Menschen in der Gesamtheit Körper-Seele-Geist zu unterstützen.

Zahnerhalt und Zahnersatz

Vergegenwärtigt man sich die Bedeutung der Zähne für das psychische Wohlbefinden, so ist die Arbeit der Endodontie und des Zahnerhalts im Allgemeinen weit mehr als der medizinische Erhalt der eigenen Zähne. Psychologisch gesehen ist kein Zahnersatz in der Lage, die eigenen Zähne zu ersetzen. Die geringste Akzeptanz besteht bei Prothesen, da hier bei jeder Reinigung dem Träger vor Augen geführt wird, dass er seine eigenen Zähne nicht mehr besitzt. Dies erklärt auch die relative Häufigkeit von Prothesenunverträglichkeiten ohne medizinische Indikation und das Prothesen-Shopping bei verschiedenen Zahnärzten. Festsitzender Zahnersatz in Form von Implantaten wird eher akzeptiert, da er den Ursprungszustand zumindest optisch und funktional wiederherstellt. Viele Patienten können damit gut umgehen, bei einigen bleibt jedoch immer die Enttäuschung darüber, dass sie ihre eigenen Zähne nicht halten konnten. Endodontische Behandlungen können durchaus langwierig und schmerzhaft sein. Der positive Ausgang ist nicht garantiert. Dennoch bedeutet eine erfolgreiche Behandlung für den Patienten, dass er weiterhin seine eigenen Zähne zeigen kann und somit dem psychologisch wahrgenommenen Alterungsprozess ein Schnippchen geschlagen hat. Der Zahn wird von vielen Patienten als Körperteil wie jedes andere wahrgenommen. Eine künstliche Hand ist niemals die eigene – warum sollte es bei Zähnen also anders sein? Patienten, die so denken, sind bei einem endodontisch orientieren Zahnarzt am besten aufgehoben, auch wenn der implantologisch oder prothetisch ambitionierte Zahnarzt das vielleicht anders sieht. Es gibt genügend Patienten, die aus ästhetischen Gründen Implantate bevorzugen. Wiederum andere freuen sich über ihre Prothese, weil sie eventuell von Zahnbehandlungen und Schmerzen genug haben. Herauszufinden, mit welcher Lösung der Patient am zufriedensten ist, stellt die He­rausforderung für den Zahnarzt dar. Fragen, die es zu stellen gilt

Hinterfragen Sie Wissensstand, Wünsche und Motive ­Ihrer Patienten und klären Sie im Zweifelsfall auf:
–    Wie wichtig ist Ihnen der Erhalt Ihrer eigenen Zähne auf einer Skala von eins bis zehn?
    → Ab einem Wert von sechs sollte versucht werden, die Zähne zu erhalten
–    Welche Formen von Zahnersatz kennen Sie (Brücke, Prothese, Implantate etc.)?
    → Viele Patienten kennen sich mit Vor- und Nach­teilen der Alternativen nicht aus
–    Welche Vorstellung haben Sie von einer Wurzelkanalbehandlung?
    → Manche Patienten vermeiden die Endodontie aufgrund von negativen Erzählungen, obwohl sie lieber ihre Zähne erhalten würden.

Fazit

Der Verlust der „bleibenden Zähne“ ist für viele Menschen ein Paradoxon, mit dem sie schlecht umgehen können. Zahnlücken werden oft als Symbol für Alter und Schwäche wahrgenommen, welche auch durch Zahn­ersatz nicht adäquat aufgefüllt werden können. Für diese Klientel steht der Zahnerhalt an erster Stelle. Der Zahnarzt geht damit über den medizinischen Bereich hinaus und stärkt das psychologische Selbstwertgefühl seiner Patienten.

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Dieser Artikel wurde verfasst von:

  Dr. Lea Höfel