Prophylaxe 11.12.2020

Teamwork als Basis nachhaltig guter Mundhygiene

Sabrina Dogan
Sabrina Dogan
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Teamwork als Basis nachhaltig guter Mundhygiene

Prävention in der Zahnmedizin

Mundgesundheit ist immer das Ergebnis einer gelungenen Zusammenarbeit von Patient und Praxisteam. Der folgende Fachartikel soll für den Stellenwert der Adhärenz im Rahmen der dentalen Prophylaxe sensibilisieren. Der Patient ist als aktiver Partner in Präventionsstrategien einzubeziehen, denn wie die Allgemein- hat auch die Mundgesundheit nur Bestand, wenn statt einer symptomatischen Therapie bei einer bereits bestehenden Erkrankung nachhaltige präventive Maßnahmen im Mittelpunkt stehen.

Der nachhaltige Erfolg zahnärztlicher Prophylaxemaßnahmen basiert auf der engen Kooperation mit dem Patienten. Somit stellt die bedarfsorientierte professionelle Prävention die Basis einer guten Versorgung dar. Hierbei obliegt es zu einem großen Teil der fachlichen Kompetenz, der Art der Wissensvermittlung und der Empathie des zahnärztlichen Teams, inwieweit der Patient dafür motiviert werden kann. Ziel ist es, ihn als Teampartner zu gewinnen und ihn nach einem Präventionstermin positiv gestimmt und motiviert aus der Zahnarztpraxis zu entlassen. In diesem Zusammenhang ist die Adhärenz und deren Stellenwert in der dentalen Prophylaxe zu betrachten.

Adhärenz, Motivation und Kommunikation

In einer Definition beschreibt die Weltgesundheitsorganisation WHO den Begriff Adhärenz: „[…] inwieweit das Verhalten eines Menschen hinsichtlich Medikamenteneinnahme, Diätbefolgung und/oder Lebensstiländerungen mit den vereinbarten Empfehlungen des medizinischen Personals übereinstimmt.“1 Adhärenz und somit die Bereitschaft des Patienten, empfohlene Maßnahmen zu befolgen, basieren auf dem Wissen, dass der Erfolg in der gemeinsamen Verantwortung liegt. Es handelt sich um eine gleichberechtige Zusammenarbeit, die auf beidseitigem Verständnis beruht. Hingegen beschreibt „Compliance“ das einseitige Einhalten von Therapievorgaben. Je nach Indikation kann das Compliance-Modell passend sein. Im Bereich der zahnmedizinischen Prävention scheint das Adhärenzkonzept wirksam.2 Hierfür ist es essenziell, Patientenwünsche und -ängste zu filtern und präventive Maßnahmen darauf abzustimmen. Bestimmte rhetorische Formulierungen, adressatengerechte Kommunikation, Authentizität und Feinfühligkeit sind unerlässlich.

Stellenwert der Adhärenz in der Prophylaxe

Zu den wichtigsten Einflussfaktoren auf das Prophylaxeverhalten zählen fachliche Qualifikationen und kommunikative Kompetenzen des Praxisteams.3,4 Adhärenz entsteht am ehesten, wenn das zahnärztliche Team Professionalität, Sicherheit und Motivation vermittelt. Aktives Zuhören, bewusstes Agieren und verständnisvolle Kommunikation gehören ebenso in das Präventionskonzept wie die Motivierung und Instruktion zur Mundhygiene. Bedenklich ist, dass – obwohl ausreichend Evidenz die Notwendigkeit entsprechender Präventionsmaßnahmen bestätigt – ein Großteil der Menschen noch kein adäquates Mundhygieneverhalten hat. Das Ergebnis sind entzündliche parodontale Erkrankungen, die weltweit zu den am meistverbreiteten Krankheiten zählen (Abb. 1).5,6 Um das Gesundheitsverhalten zu verbessern, sollten Patienten aktiv in Präventionsmaßnahmen eingebunden werden. Sie müssen die Gründe für bestimmte Empfehlungen nachvollziehen können. Dies bedeutet, Präventionsmaßnahmen und deren Kommunikation den individuellen Bedürfnissen anzupassen. Im Ergebnis entsteht eine vertrauensvolle dialogbasierte Beziehung.

Kommunikation und Motivation

Das Ziel ist einfach formuliert: eine Übereinstimmung von Alltagsverhalten und einem nach medizinischem Wissensstand wünschenswerten Verhalten. Erneut ist es die Kommunikation seitens des zahnärztlichen Teams, die zur Bewusstseinsförderung beiträgt. Mit einer positiven Gesprächsführung lässt sich beispielsweise der aktuelle Status von Zahn- und Mundgesundheit mit dem Patienten kommunizieren und zugleich das Verständnis für seine Rolle als Teamplayer und für Eigenverantwortung wecken. Eine Kommunikation mit Furchtappellen, Drohungen und Konfrontation ist erfahrungsgemäß wenig effektiv und zeigt – wenn überhaupt – nur kurzfristig Wirkung.7 Zielführender ist das Stärken der Patientenkompetenz, das Verständnis für die Maßnahmen und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (Selbstwirksamkeit). Ein praktisches Beispiel ist der häusliche Einsatz von Mundhygienehilfsmitteln. Für eine effiziente und schonende Zahnpflege ist es wichtig, diese im professionellen Umfeld – also in der Zahnarztpraxis – und möglichst in der Mundhöhle des Patienten zu demonstrieren und ggf. anwenden zu lassen. Die Tell–Show–Do-Methode ist nicht nur in der Kinderzahnheilkunde wertvoll, sondern auch bei Erwachsenen. Patienten werden eingebunden (Abb. 2), bestenfalls aktiv, zumindest aber proaktiv. Diese scheinbar so einfachen Maßnahmen erfordern neben Feinfühligkeit und Motivation das Bewusstsein dafür, dass dies für viele Patienten Überwindungsarbeit bedeutet, denn oft wird die Mundhöhle als Tabuzone betrachtet.

Selbstwirksamkeitserwartung

Für das zahnärztliche Team gilt, Patienteninformationen präzise und sensibel zu filtern und angepasst zu agieren. Das professionelle „Abholen und Leiten“ bezieht sich auf die mentale, menschliche und emotionale Grundsituation bzw. -stimmung, mit der ein Patient die Praxis aufsucht. Eine wesentliche Rolle spielt die Selbstwirksamkeitserwartung (SWE).8 Gemeint ist die Erwartung eines Menschen, aufgrund eigener Kompetenzen gewünschte Handlungen selbst erfolgreich ausführen zu können und zugleich dieses Verhalten in schwierigen Situationen beizubehalten. Die positive Einschätzung der eigenen Fähigkeiten hinsichtlich exakter häuslicher Mundhygiene zählt zu einer wichtigen Voraussetzung dafür, dass ein Patient die empfohlenen Maßnahmen in seinen Alltag implementiert. Ein Beispiel: Jönsson et al. stellten fest, dass die SWE bei der Interdentalraumreinigung wichtig für ein verändertes Mundhygieneverhalten ist.9 Sobald Patienten verstehen, weshalb, womit und wie sie etwas mit dem gemeinsamen Ziel einer bestmöglichen Mundgesundheit selbst tun sollten, „ist das Eis meist gebrochen“. Das zahnärztliche Fachpersonal hat nur das Zeitfenster des Praxisbesuchs, um Einfluss auf das Geschehen in der Mundhöhle zu nehmen und Prophylaxestrategien zu vermitteln. Wie die Maßnahmen umgesetzt werden, lässt sich ggf. erahnen oder zeigt sich beim nächsten Termin. Daher ist es wichtig, den Patienten regelmäßig zu sehen und eine Patientenbindung aufzubauen (Abb. 2). Die Regelmäßigkeit ist Bestandteil eines nachhaltigen Präventionskonzeptes.

Häusliche Prophylaxestrategien

Inwieweit der Patient seine Rolle als Teampartner ausfüllt, ist von seiner individuellen Bereitschaft abhängig. Neben dem Stärken des Bewusstseins für präventive Maßnahmen ist die Instruktion zur guten Mundhygiene wichtig. Dies bedarf der Identifikation des Praxisteams mit den empfohlenen Maßnahmen. Es ist denkbar schwierig, Sicherheit und Professionalität zu vermitteln, wenn das Praxisteam nicht hinter den Empfehlungen steht. Ebenso gelingt es einer Fachkraft kaum, die Relevanz des Themas zu vermitteln, wenn sie ihren Beruf ungern ausführt und das gemeinschaftliche Gefühl sowie die Empathie fehlen. Bei einer ausgeglichen positiven Grundstimmung wird der Enthusiasmus für die Mundhygiene von den Patienten reflektiert.

Zahnreinigung – individuell und speziell

Grundsätzlich gilt: Je komplizierter und aufwendiger eine empfohlene Maßnahme, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient sich auf die „Herausforderung“ einlässt. Daher ist die individuelle Situation des Patienten bei der häuslichen Mundhygiene zu berücksichtigen. Die regelmäßige mechanische Entfernung des mikrobiellen Biofilms durch die häusliche Mundhygiene gilt nach wie vor als zentrale Prophylaxemaßnahme, die der Patient selbst leisten kann (Abb. 3). Studien zeigen jedoch, dass das Ergebnis der häuslichen Biofilmkontrolle verbesserungsfähig ist.10 Obgleich dem Großteil der Patienten das mechanische Management des mikrobiellen Biofilms durch Reinigungsmaßnahmen bzw. deren Bedeutung bewusst ist, wird oft nicht das Niveau erreicht, das für das Vermeiden parodontaler Erkrankungen notwendig ist. Sowohl mit der elektrischen Zahnbürste als auch mit Handzahnbürsten wird nicht einmal die Hälfte des Biofilms entfernt.11,12 Oft ist die fehlende Motivation eine Ursache. Auch die möglicherweise eingeschränkte Feinmotorik, die zur gekonnten Umsetzung in der eigenen Mundhöhle nötig ist, stellt unsere Patienten häufig vor große Hürden. In beiden Fällen obliegt es dem Prophylaxeteam, hier Hilfestellung anzubieten. Wirksamkeit und Anwendbarkeit der verfügbaren Hilfsmittel sind bei einer Beratung ebenso zu berücksichtigen wie persönliche Neigungen. Jeder Patient bringt seine individuelle Situation, Geschichte, Bedürfnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen mit in die Praxis. Darauf abgestimmt, sind häusliche Mundhygienemaßnahmen zu empfehlen und zu trainieren.

Interdentalraumreinigung, Hilfsmittel und Wirksamkeit

Besonders die Interdentalraumreinigung (Abb. 4) sei betont, denn sie bedarf der besonderen Motivation. Laut der S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) haben sich Interdentalraumbürsten als sehr effektiv erwiesen.13 Die Anwendung von Zahnseide erfordert Fingerfertigkeit und muss mit dem Patienten geübt werden. Bei sachgemäßer Handhabung der Zahnseide kann die interdentale Plaque effektiv entfernt werden,14 jedoch ist die Wirkung bei fehlerhafter Anwendung stark minimiert.15,16 Die korrekte Technik lässt sich in der Praxis demonstrieren, doch die Selbstwirksamkeitserwartung variiert abhängig vom Patienten (z. B. Zahnstatus, motorische Fähigkeiten). Für den täglichen Gebrauch von Zahnseide wird von Compliance-Raten zwischen 2 und 49 Prozent berichtet.17 Interdentalbürstchen – ebenso als effektives Mittel der interdentalen Plaqueentfernung anerkannt18 – werden von Patienten oft als einfacher in der Benutzung angesehen. Doch auch deren Anwendung ist techniksensitiv.

Als weiteres wirksames Hilfsmittel für die Interdentalraumreinigung sind Mundduschen zu nennen. Untersuchungen zeigen, dass deren Anwendung die Mundgesundheit signifikant verbessern kann. So verglichen etwa Goyal et al. die Mundhygiene von Probanden bei Anwendung der Waterpik-Munddusche plus elektrischer Zahnbürste (Complete Care) gegenüber der alleinigen Verwendung von Elektrozahnbürsten. Das Ergebnis: Die Verwendung einer Munddusche in Verbindung mit einer elektrischen Zahnbürste verringert den BOP (Bleeding on Probing) um bis zu 70 Prozent und Gingivitis sowie Plaque um etwa 50 Prozent.19 Auch bezüglich ihres Handlings können Mundduschen vorteilhaft sein, wobei erneut auf die patientenspezifische Situation zu verweisen ist. Für viele Patienten sind Mundduschen einfacher zu handhaben als Zahnseide, beispielsweise bei erschwerten intraoralen Voraussetzungen (z. B. Brücken, Implantate, Zahnfleischtaschen). Der Wasserstrahl einer Munddusche erreicht bei korrekter Anwendung selbst versteckte Bereiche. Mundduschen mit pulsierendem Wasserstrahl und verschiedenen Spezialaufsätzen (Abb. 5 und 6) können zudem an die individuellen Bedürfnisse der Patienten angepasst werden. Sie können für Träger festsitzender kieferorthopädischer Apparaturen, ebenso wie für Menschen mit festsitzendem Zahnersatz, Implantatversorungen oder Kombi-Arbeiten, sowie für Patienten, die antibakterielle Mundspüllösungen zur unterstützenden Behandlung von Parodontopathien an bestimmte Prädilektionsstellen bringen sollten, hilfreich sein. Die Wirksamkeit von Mundduschen zur Entfernung von schädlichen Biofilmen wurde u. a. in einer anderen Studie von Goyal et al. bestätigt. Es wurde festgestellt, dass der Einsatz einer Munddusche um 29 Prozent effektiver ist als Zahnseide. Die Munddusche entfernte fast 82 Prozent der Approximalplaque, im Vergleich dazu waren es 63 Prozent beim Einsatz von Zahnseide.20 Auch beim Thema Mundduschen ist patientenspezifisch zu informieren. Die Anwendung sollte dem Patienten demonstriert werden. Idealerweise wird die Handhabung aktiv im Mund geübt.

Fazit

Im Rahmen der Prävention können patientenindividuell zusätzliche Hilfsmittel für die häusliche Mundhygiene empfohlen und so durch ein Erfolgserlebnis (z. B. Reduzierung des Zahnfleischblutens) das adhärente Verhalten gefördert werden. Stellen Patienten fest, dass beispielsweise durch die korrekte Anwendung einer Munddusche signifikante Verbesserungen eintreten, stärkt das erheblich die Motivation.

Zusammenfassend sei betont, dass die bedarfsorientierte professionelle Prävention die Grundlage einer adäquaten Patientenversorgung ist. Hier nimmt das Praxisteam die entscheidende Rolle als „Coach“ ein, denn Prävention ist mehr als die professionelle Zahnreinigung (PZR). Vielmehr handelt es sich um ein individuelles Präventionskonzept, das auf Teamwork basiert.

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Der Beitrag ist im Prophylaxe Journal erschienen.

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Foto Teaserbild: BalanceFormCreative/Shutterstock.com
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