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Branchenmeldungen 08.04.2015

„In Leipzig wird gerade Geschichte geschrieben!“

„In Leipzig wird gerade Geschichte geschrieben!“

Zum nunmehr dritten Mal trafen sich die Mitglieder der Gesellschaft für ästhetische und rekonstruktive Intimchirurgie Deutschland (GAERID) e.V. am 6. und 7. März 2015 im Leipziger Marriott Hotel zum fachlichen Austausch im Rahmen einer Jahrestagung. Dabei wurde deutlich, dass sich das inhaltliche Spektrum der Organisation inzwischen von rein kosmetischen Eingriffen emanzipiert hat.

Betrachtet man die Referentenliste der diesjährigen Jahrestagung der GAERID e.V., sticht sofort deren Internationalität ins Auge. Experten aus Argentinien, Schweden, Slowenien, Frankreich, Kroatien, Norwegen, Österreich und den Niederlanden widmeten sich gemeinsam mit ihren deutschen Kollegen dem Wissenstransfer über praxisnahe, effektive und zukunftsweisende Therapiemöglichkeiten im Bereich der Intimchirurgie. Diese große länderübergreifende Resonanz untermauert die Aussage von Dr. Marwan Nuwayhid, Gründer und Vorstandsvorsitzender der GAERID, zum gestiegenen Renommee der Gesellschaft. „Zahlreiche Gespräche mit nationalen, aber auch internationalen Kollegen bestätigen mir, dass sich die GAERID in den vergangenen drei Jahren nicht nur deutschlandweit, sondern auch europa- und weltweit zur führenden Gesellschaft auf dem Gebiet der Intimchirurgie entwickelt hat“, so Dr. Nuwayhid. Damit habe sich die Organisation als richtungsweisender Katalysator für diese noch immer sehr junge Disziplin erwiesen.

impressionen aus Leipzig

Tagungspräsident Dr. Dominik von Lukowicz definiert als Ziele der GAERID den beschleunigten Erfahrungsaustausch unter den Operateuren, die Ausbildung interessierter Kollegen, die Weiterentwicklung bestehender OP-Techniken sowie eine aktivere Außenkommunikation gegenüber der breiten Öffentlichkeit. Dem letztgenannten Aspekt kommt insbesondere deshalb ein hoher Stellenwert zu, da die Intimchirurgie vor allem in ihrer medialen Abbildung noch immer gegen den Ruf des Anrüchigen kämpft, gegen das Bild einer Begünstigung unrealistischer Schönheitsideale und unnötiger Modifikation natürlicher Strukturen. Umso entscheidender sind die Aufklärung und der Dialog sowohl in Richtung der Patienten, als auch gegenüber der Ärzteschaft anderer Fachbereiche. Auf die multidisziplinäre Mitgliederstruktur der GAERID ist Dr. Nuwayhid besonders stolz. So bringen sich Fachärzte der Dermatologie, Urologie, Ästhetischen und Plastischen Chirurgie, Gynäkologie und Psychologie in die fortschreitende dynamische Entwicklung der Gesellschaft ein.

Entsprechend vielgestaltig zeigte sich auch das Vortragsprogramm an beiden Kongresstagen. Von klassischen intimchirurgischen Eingriffen wie der Labioplastik über Rekonstruktionen nach Female Genital Mutilation (FGM) bis zur männlichen Intimchirurgie fanden sich zahlreiche bereits in den Vorjahren berücksichtigte Thematiken wieder. Darüber hinaus referierten die Experten aber auch über neu gesetzte Themenschwerpunkte, die dem sich verbreiterndem inhaltlichen Spektrum der Tagung Rechnung trugen. Neben genitalangleichenden Operationstechniken bei transsexuellen Patienten und Problematiken des weiblichen Beckenbodens fanden ebenso psychologische Aspekte Eingang in die Agenda. Da sich der Erfolg einer Praxis oder Klinik aber nicht allein auf medizinische Resultate gründet, widmete sich eine der Sitzungen auch Fragestellungen aus den Bereichen Marketing, Recht und Social Media.

In der den Kongress begleitenden Industrieausstellung wurde sichtbar, dass auch die Branche auf die steigende Nachfrage nach intimchirurgischen Behandlungen reagiert und entsprechende Produkte sowie Technologien anbietet. Mit der intravaginalen Lasertherapie, speziellen Fillerprodukten zur G-Punkt-Unterspritzung und Radiofrequenzgeräten für die äußerliche Straffung der Labien seien nur einige Beispiele für die Neuentwicklungen genannt, die den Ärzten künftig für Behandlungen zur Verfügung stehen.

Im Interview mit face erläutert Dr. Marwan Nuwayhid die inhaltliche Evolution der GAERID und deren Rolle im internationalen Wissenstransfer der Intimchirurgie.

Herr Dr. Nuwayhid, die Jahrestagung der GAERID findet in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Wie haben sich die Themenschwerpunkte im Vergleich zu den Vorjahren verändert?

 Verändert hat sich eigentlich nicht nur das Programm, sondern die gesamte Idee der GAERID. Ursprünglich war sie eine Initiative der im Intimbereich chirurgisch tätigen Kollegen, die der Ansicht waren, dass diese Disziplin eine Organisation sowie einheitliche Qualifikationsstandards benötige. Es sollte einen aktiven Austausch unter den beteiligten Ärzten über deren Methodik geben, außerdem war die verstärkte Ansprache der Medien und der Gesellschaft das Ziel. Zu Beginn bestand der Großteil der durchgeführten Eingriffe in kleineren, meist ästhetischen Operationen, wie zum Beispiel Scheidenstraffungen oder die Verkleinerung der kleinen Labien. Dies war wohl einer der Gründe, weshalb namhafte Kollegen der GAERID eine aussichtsreiche Zukunft absprachen und ihre Zusammenarbeit mit der Begründung ablehnten, der Fachbereich sei zu klein für eine eigene Fachgesellschaft.

Das Hauptziel war von Anfang an, die Qualität der Patientenversorgung durch wissenschaftlichen Austausch und das gegenseitige Lernen voneinander zu verbessern. Besonders wichtig ist dabei der Input aus verschiedenen Fachrichtungen, da die Behandlungen oftmals Aspekte der Gynäkologie, Urologie, Dermatologie und Chirurgie tangieren. Dies war der Grundgedanke der GAERID: Ihre Mitglieder sollen sich multidisziplinär gegenseitig befruchten – zum Wohle des Patienten!
Während sich nun die erste Tagung zu 80–90 Prozent mit ästhetischen Eingriffen am äußeren Genital beschäftigte, geht es inzwischen auch sehr stark um die rekonstruktive Chirurgie, beispielsweise nach Genitalverstümmelungen. Außerdem haben wir die Themen Transsexualität, Psychologie & Intimchirurgie, männliche Intimchirurgie und Rekonstruktionen nach Traumata mit aufgenommen. Natürlich spielt die ästhetische Intimchirurgie nach wie vor eine Rolle, macht aber nur noch rund ein Drittel des Programms aus. Zusammengefasst würde ich sagen: Wir werden immer reifer!

Der Fokus hat sich also vom ästhetischen Aspekt hin zum rekonstruktiven, zur Wiederherstellung der Funktionalität, entwickelt?

 Wir haben jetzt einfach einen weiteren Blick auf das Gebiet, bedingt durch die aktive Mitarbeit unserer Mitglieder. Sie regten durch ihre jeweiligen Spezialisierungen eine Erweiterung unseres inhaltlichen Horizontes an und natürlich nehmen wir gern weitere Behandlungsmöglichkeiten für verschiedene Indikationen auf, mit denen Menschen geholfen werden kann.
Die Intimchirurgie war eines der letzten medizinischen Tabuthemen, über die man einfach nicht sprach. Dabei ist dieses Gebiet unglaublich sensibel und wichtig für das Selbstwertgefühl, das Wohlbefinden, die Partnerschaft, das Familienleben – manche Mütter trauen sich nicht, mit ihren Kindern ins Schwimmbad zu gehen, aus Scham vor einem Besuch der Gemeinschaftsduschräume. Aus diesem Grund bleibt die Ästhetik natürlich für uns ein wichtiges Thema, aber sie wird durch eine ganze Anzahl weiterer Aspekte ergänzt, beispielsweise das Thema Beckenboden oder Erschlaffung der Scheide nach mehreren Geburten.

Wie reagieren inzwischen die Kollegen, die sich einer Zusammenarbeit anfangs verschlossen haben? Gibt es nach dieser erfolgreichen Entwicklung der Gesellschaft ein anderes Feedback?

 Der Grundgedanke der GAERID ist die Teamarbeit. Sie definiert sich nicht über einzelne Persönlichkeiten, sondern durch die Gesamtleistung, die ihre Mitglieder für das Fachgebiet erbringen. Kollegen, denen dieser Teamgeist fehlt und die sich ausschließlich selbst profilieren möchten, werden in unseren Reihen nicht das finden, was sie suchen. Unser Fortschritt lebt vom Austausch, niemand kann in allen Teildisziplinen Experte sein. Die Dermatologen geben den Gynäkologen Tipps, der Urologe lernt vom Plastischen Chirurgen – die Multidisziplinarität ist unser Trumpf!

Wie beurteilen Sie den Einfluss Ihrer Gesellschaft auf die öffentliche Wahrnehmung  des Themas Intimchirurgie? Was hat sich in den letzten drei Jahren getan?

 Zum einen haben die Medien begonnen, sich für das Thema zu interessieren und es den Menschen zugänglich zu machen. Das war vorher lange Zeit undenkbar. Außerdem haben wir Patienten, die ganz offen über Eingriffe sprechen und damit dazu beitragen, sie zu enttabuisieren. Ästhetische und funktionelle Einschränkungen können nahezu am ganzen Körper korrigiert werden, warum nicht auch in der Intimregion? Wichtig sind für uns vor allem der wissenschaftliche Ansatz und die Seriösität, was den allgemeinen Blick auf das Fachgebiet enorm verändert hat. Zuvor fiel der Begriff „Designer-Vaginas“ und sowohl die intimchirurgisch tätigen Kollegen als auch deren Patienten wurden diskreditiert und verspottet. Übrigens ging es den Pionieren anderer ästhetischer Eingriffe, beispielsweise der Brustvergrößerungen, vor etwa 30 Jahren nicht anders. Auch damals war es in der Anfangszeit ein Spießrutenlauf, sich einer solchen OP zu unterziehen bzw. sie durchzuführen und danach offen darüber zu sprechen. Auch da hat innerhalb dreier Jahrzehnte ein enormer Sinneswandel stattgefunden und sich eine wesentlich höhere Akzeptanz entwickelt. Ich bin mir sicher, dass wir in zehn Jahren auch ganz anders mit dem Thema Intimchirurgie umgehen werden. Es ist und wird immer ein sehr intimes Thema bleiben. Jedoch werden wir als Gesellschaft mit jedem Jahr exponierter. Wer aber nur nach schlagzeilenträchtigen Boulevardberichten sucht, ist bei uns an der falschen Adresse.

Gibt es denn aus internationaler Sicht noch weitere Gesellschaften, die sich ähnlich positionieren?

 Ich reise beruflich sehr viel und kann sagen, dass die GAERID als Gesellschaft, die sich ausschließlich mit dem Thema Intimchirurgie befasst, weltweit einzigartig ist. In unserer Konstellation mit dem interdisziplinären Ansatz einerseits und der hohen Mitgliederzahl andererseits gibt es in keinem Land eine vergleichbare Organisation. Man kann sagen, hier in Leipzig wird gerade Geschichte geschrieben. Wir haben viele internationale Mitglieder und suchen deren Partnerschaft auch ganz gezielt, da die Kollegen in anderen Ländern oftmals noch allein agieren und nicht von einem interdisziplinären Austausch profitieren. Sie sind oftmals hochspezialisiert auf ihren Gebieten, zum Beispiel die Kollegen aus Afrika bei der Behandlung von Fistula und Female Genital Mutilation (FGM). Wir befinden uns meiner Einschätzung nach in der Übergangsphase von der Nationalität zur Europäisierung, um anschließend international zu werden. Zunächst mussten wir während einer Aufbauphase in Deutschland unsere Seriösität unterstreichen und unser Fachwissen beweisen; nun geht es darum, diese Botschaft europaweit zu verbreiten.

Gibt es denn neben den geographischen Grenzen auch kulturelle Barrieren, die die internationale Zusammenarbeit erschweren? Oder wird in anderen Kulturen bereits offener über das Thema gesprochen?

Wenn es eine Vorreiterrolle gibt, dann wird diese in Europa liegen. Gerade in den – oftmals als sehr offen angesehenen – USA gibt es äußerst starke konservative Kräfte, die es einzelnen Pionieren des Fachgebiets wie z.B. Dr. David Matlock sehr erschweren, sich untereinander zu organisieren. Auch im Nahen Osten wird es in naher Zukunft wohl eher schwierig, das Thema in einer gesellschaftlichen Diskussion zu verankern. Die größten Chancen für einen offeneren Umgang sehe ich zum Beispiel im südostasiatischen Raum und in Australien. In Afrika ist besonders die Behandlung von Fistula ein großes Thema, über das jedoch auch kaum öffentlich gesprochen wird.

Die fachliche Qualifikation der Ärzte ist eine Sache, mit ihr müssen aber auch die technologischen Innovationen Schritt halten, mit denen Sie arbeiten. Teilen Sie den Eindruck, dass die Industrie diesen Trend erkannt hat und – beispielsweise auf den Gebieten der Radiofrequenz- und Lasertherapie – zahlreiche Neuentwicklungen zur Verfügung stellt?

Die Industrie hat das klar erkannt! Ein großes Thema ist zum Beispiel die Vaginalstraffung mittels Laser. Zahlreiche Patienten haben eine Scheu davor, ihre intimchirurgischen Probleme mit dem Skalpell behandeln zu lassen. Für diese sind diese minimal-invasiven Verfahren eine echte Alternative. Es ist Aufgabe des Behandlers, nicht darauf zu beharren, die eigenen chirurgischen Fähigkeiten unbedingt zur Anwendung zu bringen, sondern die individuellen Wünsche des Patienten zu berücksichtigen. Dieser muss am Ende  mit dem Behandlungsergebnis glücklich sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kontakt:

Gesellschaft für ästhetische und rekonstruktive Intimchirurgie Deutschland (GAERID e.V.)
Brühl 33
04109 Leipzig
info@gaerid.de

Foto: © OEMUS MEDIA AG
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