Branchenmeldungen 22.09.2026

BIG BANG KI Festival – Die Begeisterung ist geblieben, die Fragen werden jedoch größer



KI plant, schreibt, analysiert und unterstützt längst in nahezu allen Branchen. Das BIG BANG KI Festival in Berlin zeigte, wie schnell aus Zukunftsvisionen Arbeitsalltag geworden ist. Zwischen konkreten Anwendungen, medizinischen Perspektiven und philosophischen Gegenfragen wurde allerdings auch deutlich, wie viel Menschen und Organisationen noch lernen müssen. Zwei Tage voller Möglichkeiten und guter Gründe, genauer hinzuschauen.

BIG BANG KI Festival – Die Begeisterung ist geblieben, die Fragen werden jedoch größer

Foto: OEMUS MEDIA AG

Wohnungsbau auf der einen Bühne, Gesundheitsversorgung auf der nächsten, dazwischen Finanzen, Personalmanagement, Kreativität und die Zukunft ganzer Unternehmen. Beim Gang durch die STATION Berlin ließ sich kaum noch ein Arbeitsbereich finden, für den auf dem BIG BANG KI Festival keine Anwendung diskutiert wurde. Mehr als 11.000 Besucher und über 350 Speaker kamen am 16. und 17. September zusammen. Mehr Aussteller, mehr Fläche, mehr Themen. Das Festival ist gewachsen und mit ihm die Selbstverständlichkeit, mit der Künstliche Intelligenz inzwischen zur Berufswelt gehört.

Im vergangenen Jahr kreisten viele Gespräche noch darum, wo KI bereits angekommen war und was sie künftig verändern könnte. Diesmal ging es deutlich häufiger um Erfahrungen aus der Anwendung. Was funktioniert? Was kostet mehr, als es bringt? Und wie verändert sich die Arbeit, wenn KI dauerhaft mit am Tisch sitzt? Auch die Zusammensetzung des Publikums fiel auf. Frauen waren in den Besucherreihen und auf den Bühnen deutlich präsenter als in den vergangenen Jahren. Die Auseinandersetzung mit KI wird breiter, fachlich ebenso wie personell. Die Begeisterung dafür war weiterhin spürbar. Sie hatte allerdings Gesellschaft bekommen, von kritischen Fragen und der Erkenntnis, dass sich mit einem neuen Tool allein noch kein Unternehmen verändert.

Der 12. Mann auf dem Platz – KI als zusätzlicher Mitspieler im Team

KI als Sparringspartner war ein wiederkehrender Gedanke. Sie liefert Vorschläge, bündelt Informationen, übernimmt Routinen und kann helfen, Entscheidungen vorzubereiten. Für viele ist sie längst ein zusätzlicher Mitspieler im Team. Wie gut dieses Zusammenspiel funktioniert, hängt allerdings auch davon ab, ob ihr menschliches Gegenüber die richtigen Fragen stellt, Ergebnisse prüft und Grenzen erkennt.

Sven Göth, CEO der GOETH Unternehmensgruppe, brachte diese Aufgabe bereits im Titel seiner Keynote auf den Punkt. „KI ist nicht die Zukunft, sie ist der Test, ob wir eine haben!“ Seine Aufmerksamkeit galt vor allem der Veränderungsfähigkeit. Daran scheiterten Unternehmen, wenn sie zwar Anwendungen einführten, ihre Arbeitsweisen aber nicht weiterentwickelten. Göth beschrieb einen Widerspruch, der im Alltag vieler Organisationen vertraut erscheinen dürfte. Beschäftigte arbeiten bereits mit KI, wissen aber nicht unbedingt, was sie mit den jeweiligen Systemen eigentlich tun. Gleichzeitig ist Wissen über die Technologie verfügbar wie nie zuvor. Die Schwierigkeit liegt darin, daraus wirksames Handeln zu machen. Dafür brauche es Zeit, Wissen und Mut.

Diese Perspektive zog sich durch weitere Diskussionen. Mehr Mut zur KI kann schließlich auch bedeuten, genauer zu entscheiden, welche Anwendungen gebraucht werden und welche nicht. Wo jeder seine eigenen Werkzeuge ausprobiert und neue Abonnements abschließt, wächst schnell ein kaum noch überschaubarer Bestand. Spätestens beim Blick in die BWA kann die Freude über die vermeintliche Arbeitserleichterung dann einen empfindlichen Dämpfer bekommen.

Bild von einem Quotenzeichen

Die Herausforderung liegt nicht nur in der Technologie, sie liegt auch in der Veränderungsfähigkeit von Menschen und Organisationen. Dazu gehört, Zuständigkeiten zu klären, Mitarbeiter mitzunehmen und den Nutzen einer Anwendung auch nach der ersten gelungenen Demonstration noch zu hinterfragen.

Gesundheit bekommt eine eigene Bühne

Besonders greifbar wurden diese Fragen auf der HanseMerkur Stage, die den Gesundheitsthemen einen eigenen Schwerpunkt gab. Hier ging es um die elektronische Patientenakte, vernetzte Gesundheitsdaten, Prävention und darum, wie Innovationen tatsächlich in der Versorgung ankommen. Denn zwischen einer überzeugenden Idee und einer Anwendung, die Ärzte und ihre Teams im Alltag entlastet, liegt häufig ein beträchtliches Stück Arbeit. 

Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, stellte die Möglichkeiten von KI in den Zusammenhang eines Gesundheitssystems, das gleichzeitig an mehreren Stellen unter Druck steht. Medizinischer Fortschritt eröffnet neue Behandlungswege, während demografischer Wandel, Personalmangel und steigende Kosten die Versorgung herausfordern. Neue Technik trifft dabei auf gewachsene Strukturen, die sich nicht im gleichen Tempo verändern. Kroemer zeigte, wie die Charité den Schritt von einzelnen KI-Projekten zu einer gemeinsamen Infrastruktur angeht. Forschung, Verwaltung und Klinik sollen davon profitieren. Auf seiner Übersicht fanden sich unter anderem Anwendungen zur Unterstützung beim Verfassen von Arztbriefen, bei intensivmedizinischen Übergaben und bei der Erkennung von Komplikationen. Diese waren noch als in Entwicklung gekennzeichnet. Gerade diese Unterscheidung machte die Darstellung interessant. Sichtbar wurde ein Arbeitsprozess mit unterschiedlichen Entwicklungsständen. Die vorgestellte Infrastruktur soll zudem eine kontrollierte Alternative zur Nutzung nicht freigegebener KI-Werkzeuge bieten. Was in anderen Unternehmen als Tool-Wildwuchs diskutiert wird, bekommt im Umgang mit klinischen Daten besonderes Gewicht. Eine brauchbare Anwendung muss hier auch in bestehende Abläufe passen und auf einer verlässlichen technischen und organisatorischen Grundlage stehen.

Wenn das Auto Teil der Prävention werden könnte

Ein Beispiel aus Kroemers Vortrag blieb besonders im Gedächtnis. Gemeinsam mit BMW erforscht die Charité unter dem Begriff „Automotive Health“, wie im Fahrzeug verbaute Sensoren zur Vorhersage von Herz-Kreislauf-Risiken beitragen könnten. Als mögliche Anwendungsfelder nannte die Präsentation die Prävention von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Das Auto als möglicher Ort gesundheitlicher Früherkennung erweitert die Vorstellung davon, wo medizinisch relevante Informationen entstehen können. Der Ansatz befindet sich zwar noch in der Forschung, das Beispiel zeigte aber, wie weit Prävention künftig über den Termin in Praxis oder Klinik hinausreichen könnte. 

Daran schloss die Masterclass mit Martin Gratzer, Dr. Patrick Kramer und Prof. Dr. Jochen A. Werner an. Unter dem Titel „Die Medizin von morgen beginnt vor der Krankheit“ standen KI, Biomarker, personalisierte Gesundheit und Longevity im Mittelpunkt. Die leitende Frage war, wie sich gesundheitliche Risiken früher erkennen und beeinflussen lassen. Mehr gesunde, leistungsfähige und selbstbestimmte Lebensjahre waren das Ziel. Diese Perspektive war reizvoll, gerade weil sie den Blick über die Behandlung einer bereits entstandenen Krankheit hinaus lenkte. Zugleich bleibt die Frage, welche Möglichkeiten schon im Versorgungsalltag tragen und welche noch erprobt werden müssen. Zwischen beidem zu unterscheiden, gehört ebenso zu einem verantwortungsvollen Umgang mit KI wie die Bereitschaft, neue Wege zu prüfen.

Was Banken und Krankenkassen verbindet

Wie ähnlich manche Aufgaben über Branchengrenzen hinweg sind, griff das Panel mit Christoph Rabenseifner von der Deutschen Bank und Dr. Thorsten Brackert von der Techniker auf. Moderiert von der Zahnärztin und WDR-Moderatorin Kristina Sterz standen Gesundheit und Finanzen gemeinsam im Fokus. Beide Bereiche verarbeiten sensible Daten, bewegen sich in einem stark regulierten Umfeld und organisieren Leistungen für Millionen Menschen. Das angekündigte Themenspektrum reichte deshalb von konkreten Erleichterungen im Alltag bis zur Perspektive einer proaktiven Beratung durch zunehmend autonome Systeme.

Für den Gesamtblick auf das Festival war diese Verbindung aufschlussreich. Viele Fragen tauchten in unterschiedlichen Branchen wieder auf. Wie werden Daten nutzbar? Welche Aufgaben lassen sich sinnvoll übertragen? Und an welcher Stelle muss ein Mensch nachvollziehen können, wie ein Ergebnis zustande gekommen ist? Die Anwendungen unterscheiden sich, die organisatorischen Aufgaben dahinter ähneln sich häufig.

Wenn Vertrauen zur Beute wird

Eine andere Seite der Entwicklung brachte Dr. Eckart von Hirschhausen auf die Jupiter Stage. Der Arzt und Wissenschaftsjournalist ist selbst immer wieder von Deepfakes betroffen, die ihn scheinbar für fragwürdige Gesundheitsprodukte werben lassen. Manipulierte Videos nutzen sein Gesicht, seine Stimme und vor allem die Glaubwürdigkeit, die er über viele Jahre aufgebaut hat. Damit wurde aus der abstrakten Debatte über künstlich erzeugte Inhalte ein sehr konkretes Problem. Wer eine vertraute Person sieht und hört, kann einer Empfehlung Glauben schenken, die diese Person nie ausgesprochen hat. Im Gesundheitsbereich können daraus Entscheidungen entstehen, die weit über einen ärgerlichen Fehlkauf hinausgehen.

Hirschhausens Thema setzte einen deutlichen Gegenakzent zu den vielen nützlichen Anwendungen. Die Fähigkeit, überzeugende Inhalte zu erzeugen, lässt sich eben auch für Täuschung einsetzen. Mit der Qualität dieser Fälschungen wächst die Schwierigkeit, sie zu erkennen. Vertrauen wird dadurch zu etwas, das nicht einfach vorausgesetzt werden kann. Auch politisch bekam das Thema Gewicht. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig kündigte auf dem Festival einen Gesetzentwurf für einen stärkeren Schutz vor Deepfakes an. Betroffene sollen unter anderem bessere Möglichkeiten erhalten, Verantwortliche zu identifizieren und manipulierte Inhalte entfernen zu lassen.

Precht und die Frage, was mit unserem Denken geschieht

Zu den Höhepunkten gehörte Richard David Prechts Vortrag „Auserzählt? Was bleibt vom Menschen, wenn KI Kunst, Bildung und Kreativität erschafft“. Er nahm sich die Freiheit, den Blick von einzelnen Anwendungen zu lösen und nach den kulturellen Folgen der Entwicklung zu fragen. Precht beschäftigte weniger das spektakuläre Szenario einer KI, die die Weltherrschaft übernimmt. Seine Sorge galt Veränderungen, die schrittweise stattfinden und gerade deshalb leicht übersehen werden. Was geschieht mit unserer Urteilskraft, wenn Antworten jederzeit auf Knopfdruck verfügbar sind? Welche Bedeutung hat Lernen noch, wenn das Ergebnis sofort vorliegt?

Dabei unterschied er zwischen dem Zugang zu einer Information und dem Verstehen. Eine Antwort zu lesen, bedeutet noch nicht, sie mit eigenen Erfahrungen zu verbinden, gegen andere Erkenntnisse abzuwägen oder ihre Voraussetzungen zu hinterfragen. Dieser Prozess braucht Zeit. Gerade auf den längeren Wegen, so sein Gedanke, entwickeln sich Verständnis und die Fähigkeit zum eigenen Urteil. Aus dieser Perspektive kann die ständige Verfügbarkeit von Antworten auch einen Verlust bedeuten. Wenn Menschen sich weniger selbst erschließen und weniger behalten, fehlt ihnen möglicherweise später das Wissen, mit dem sie neue Informationen prüfen könnten. Precht formulierte damit eine Gegenfrage zum Sparringspartner-Gedanken des Festivals. Wie bleibt das menschliche Gegenüber stark genug, um tatsächlich mitzudenken?

Auch die kreative Arbeit betrachtete er in diesem Spannungsfeld. KI eröffnet Menschen Möglichkeiten zum Komponieren, Schreiben oder Gestalten, für die zuvor bestimmte Kenntnisse und lange Übung erforderlich waren. Diesen leichteren Zugang stellte Precht der Frage gegenüber, wie sich der gesellschaftliche Wert kreativer Leistungen verändert, wenn nahezu jeder sie jederzeit erzeugen kann.

„Wir bräuchten eine Bildungsrevolution.“ 

Besonders eindringlich wurden sein Worte beim Thema Bildung. Precht plädierte für Schulen, in denen Verstehen, Selbstreflexion und die Schulung der Urteilskraft stärker im Mittelpunkt stehen. Neugier zu erhalten und Zusammenhänge zu erschließen, müsse mehr Gewicht bekommen als das kurzfristige Ansammeln von Wissen für die nächste Prüfung. Prechts Überlegungen reichten bis in die politische Debatte. Wenn auf Informationen unmittelbar eine emotionale Reaktion folgt, droht nach seiner Einschätzung der Raum für Abwägung kleiner zu werden. Zugleich gewöhne die Technik Menschen daran, für jede Schwierigkeit eine schnelle Lösung zu erwarten. Gesellschaftliche Veränderungen und politische Gestaltungsaufgaben folgen diesem Muster jedoch selten.

Nicht jede seiner Zuspitzungen muss man teilen, um die dahinterliegende Frage mitzunehmen. Welche Fähigkeiten sollten Menschen gerade deshalb weiterentwickeln, weil Maschinen ihnen immer mehr abnehmen können? Prechts Antwort führte zu Bildung und Eigenverantwortung und damit zurück zu einem Gedanken, der auch die praxisorientierten Veranstaltungen beschäftigte. Eine verwandte Sorge formulierte Medizinethikerin Alena Buyx. Sie warnte davor, immer mehr menschliche Fähigkeiten an KI abzugeben. Damit erhielt der Gedanke vom Sparringspartner eine wichtige Ergänzung. Wer Ergebnisse prüfen und Entscheidungen verantworten soll, muss die dafür notwendigen Fähigkeiten auch selbst erhalten und weiterentwickeln. Menschliche Kontrolle braucht schließlich mehr als einen abschließenden Klick.

Viel Aufbruch und einiges zum Weiterdenken

Das BIG BANG KI Festival zeigte in diesem Jahr eine Technologie, deren Einsatzbreite inzwischen weit über das hinausgeht, was noch vor wenigen Jahren vorstellbar schien. Auf den Bühnen begegneten sich konkrete Arbeitserleichterungen, medizinische Forschung, neue Geschäftsmodelle und Fragen nach den gesellschaftlichen Folgen. Gerade diese Mischung machte die beiden Tage interessant. Zwischen der nächsten Anwendung und dem nächsten Zukunftsversprechen gab es immer wieder Anlass, innezuhalten. Was hilft tatsächlich? Was verstehen wir schon ausreichend? Und was müssen wir selbst können, um KI sinnvoll einzusetzen?

Die Begeisterung ist geblieben. Sie wird inzwischen von mehr Erfahrung und mehr Gegenfragen begleitet. Aus Berlin nahm man deshalb neben Ideen für die eigene Arbeit auch Aufgaben mit. Für Unternehmen, für das Gesundheitswesen, für Bildung und für jeden, der KI bereits täglich nutzt. Der Sparringspartner ist längst da. Wie gut das Zusammenspiel wird, entscheidet sich auch auf unserer Seite.

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