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Cosmetic Dentistry 03.09.2008

Im Interview: Dr. Dieter Reusch, Präsident DGÄZ, Westerburg

Im Interview: Dr. Dieter Reusch, Präsident DGÄZ, Westerburg

1. Kosmetik in der Zahnmedizin: Schönheitschirurgie und ästhetische Zahnmedizin sind in den letzten Jahren zu einem Trendthema geworden. Welche Entwicklung hat die Zahnmedizin in den letzten Jahren genommen?
Aus unserer Sicht kann es keine „kosmetische Medizin“ geben! Kosmetik folgt kurzfristigen Modetrends und ist in der Regel reversibel. Wir verstehen unter ästhetischer Zahnheilkunde die Nutzung moderner Materialien und Techniken, um die Ästhetik zu verwirklichen, die der aufgeklärte Patient sich wünscht (soweit dies möglich ist). Dabei muss in jedem Fall eine klinische Indikation zur Behandlung vorliegen.

In den letzten 30 Jahren haben sich die Möglichkeiten der Zahnheilkunde dramatisch verändert. Wo früher herausnehmbarer Zahnersatz erforderlich wurde, kommen heute vermehrt Implantate zum Einsatz; die Parodontalbehandlung kannte keine regenerativen Techniken und musste resektiv arbeiten. Damit waren „lange Zähne“ unvermeidlich; als bestes Material für die Restaurierung galt gegossenes Edelmetall. Heute wurde es weitgehend von modernen Keramiken und Kunststoffen abgelöst; das Postulat von der „Extension zur Prävention“ wurde zugunsten einer minimalinvasiven Behandlungsmethode aufgegeben.

Man könnte diese Aufzählung noch weiter fortsetzen, aber schon diese drei Punkte zeigen, dass unsere Möglichkeiten, Zahnschäden zu korrigieren, sowohl was die Funktion betrifft als auch Komfort und Ästhetik, sich völlig verändert haben.

2. Welche Möglichkeiten und Grenzen sehen Sie in der funktionell-ästhetischen Oralchirurgie?
Grenzt man den Begriff „Oralchirurgie“ von der „Maxillofazialchirurgie“ ab, wird das Hauptfeld in den oben erwähnten Regenerationstechniken liegen. Nicht nur in der Parodontologie, sondern auch in der Optimierung des Knochenangebotes für die Implantologie und im Korrigieren unschöner Knochen und Weichgewebsdefekte gewinnen solche Techniken an Bedeutung. Wie sich dieses Fach in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird, kann heute noch niemand sagen. Es ist aber zu vermuten, das „Tissue-engeneering“ unsere Möglichkeiten ebenso verändern werden, wie es die Implantologie und die Parodontologie getan haben.

3. Ästhetische Korrekturen werden immer mehr zu einem Hauptgeschäftsfeld von Praxen. Sind Zahnärzte zuständig für Schönheit, die außerhalb des Mundraumes liegt?
Die ökonomische Bedeutung der Ästhetik in der Zahnheilkunde ist unbestritten. Trotzdem darf sie nicht vor dem Hintergrund der Gewinn-Maximierung gesehen werden. Sie nutzt nur neue Möglichkeiten, um Behandlungsergebnisse im Sinne der Patienten zu optimieren. Sie ist ein medizinischer Fortschritt, der die Menschen die Folgen einer Erkrankung des stomatognathen Systems besser ertragen lässt – nicht mehr und nicht weniger.

Wir sind Fachärzte für „Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“ und somit auf dieses Gebiet beschränkt. Allerdings gehören die Lippen wohl unzweifelhaft zum Mund und mir ist keine Vorschrift bekannt, die uns auf das Innere des Mundes beschränkt. Auch wenn die Rechtsprechung es heute anders sieht – wir sind überzeugt, dass das Unterspritzen von Lippenragaden und von Nasolabial-Falten zum Tätigkeitsgebiet des entsprechend ausgebildeten Zahnarztes gezählt werden muss.

4. Der kosmetischen Zahnheilkunde werden überwiegend rein wirtschaftliche Interessen unterstellt. Ihre Meinung?
Der „kosmetischen Zahnheilkunde“, so wie wir sie verstehen, unterstelle ich überwiegend wirtschaftliche Interessen – der „ästhetischen Zahnheilkunde“ nicht.

5. Auf welcher Basis versteht sich Ihrer Meinung nach ästhetische und auf welcher die kosmetische Zahnheilkunde? Sollte es eine stärkere Trennung/Unterscheidung zwischen beiden Gebieten geben?
Wie schon oben erläutert, meinen wir, dass es eine deutliche Unterscheidung zwischen diesen Begriffen gibt. Leider werden sie jedoch in der Öffentlichkeit immer wieder vermischt. Die Medien könnten hier zum besseren Verständnis beitragen, wenn sie sorgfältiger formulieren würden.

6. Wo sehen Sie die ethischen Grenzen einer marktorientierten Zahnheilkunde?
Diese Grenzen werden spätestens dann überschritten, wenn der Patient aus ökonomischen Gründen entmündigt wird (das wollen wir doch der Politik und den Kostenträgern überlassen), wenn ihm also zu Behandlungen geraten wird, die weder medizinisch indiziert, noch vom Patienten gewünscht sind. Es muss immer eine Güterabwägung zwischen dem Schaden, mit dem jeder Eingriff zwingend verbunden ist, und dem Nutzen, den der Patient durch die Behandlung erfährt, erfolgen.

7. Was gehört zu einer professionellen Zahnmedizin?
Neben den Fachgebieten, die jeder Zahnarzt in seinem Studium erlernt hat, sind auch Fächer Teil der Zahnmedizin, für die eine Spezialisierung erforderlich ist. Jeder ethisch korrekt handelnde Zahnarzt wird hier eine ehrliche Selbsteinschätzung vornehmen und solche Behandlungen, die er nicht oder nicht hinreichend beherrscht, den Kollegen überlassen, die sie beherrschen.


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