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Cosmetic Dentistry 21.02.2011

Im Interview: Prof. Dr. med. Giovanni Maio, Mediziner und Ethiker aus Freiburg im Breisgau

Im Interview: Prof. Dr. med. Giovanni Maio, Mediziner und Ethiker aus Freiburg im Breisgau

1. Kosmetik in der Zahnmedizin: Schönheitschirurgie und ästhetische Zahnmedizin sind in den letzten Jahren zu einem Trendthema geworden. Welche Entwicklung hat die Zahnmedizin in den letzten Jahren genommen?
Die Zahnmedizin hat in den letzten Jahren den gleichen Trend angenommen wie die Humanmedizin, wenn auch in verstärkter Form: Sie entwickelt sich zunehmend weg vom Paradigma der Heilbehandlung, hin zur Dienstleistung auf Wunsch. Damit verabschiedet sich die Zahnmedizin zunehmend von ihrer Identität als ärztliche Heilkunst und wird verstärkt zu einem rein marktorientierten Serviceunternehmen.

2. Welche Möglichkeiten und Grenzen sehen Sie in der funktionell-ästhetischen Oralchirurgie?
Man muss hier genau differenzieren; wenn es darum geht, die Funktionsfähigkeit eines Gebisses wiederherzustellen, dann ist es nicht nur probat, sondern auch notwendig, dabei ästhetische Gesichtspunkte mit zu beachten. Wenn man Zähne wieder herstellt, ohne dabei auf die Ästhetik zu achten, wird man den Eingriff nicht gut machen. Allerdings ist die Ästhetik hier sekundär in die Heilbehandlung eingebaut und nicht primärer Anlass des Eingriffs. Wenn aber nun Zähne nur aus ästhetischen Gründen verändert, ja oft gar – wie bei den Jacket-Kronen – in ihrer Integrität verletzt werden, so ist das ethisch gesehen eher bedenklich.

3. Ästhetische Korrekturen werden immer mehr zu einem Hauptgeschäftsfeld von Praxen. Sind Zahnärzte zuständig für Schönheit, die außerhalb des Mundraumes liegt?
Ärzte sind dafür zuständig, kranke Zähne zu behandeln und das Erkranken der Zähne zu verhindern. Für die Verschönerung von Zähnen sind Ärzte zunächst einmal nicht zuständig. Erst dann, wenn ein Gebiss eine so entstellende Wirkung hat und dadurch einen solchen Leidensdruck auf den Patienten ausübt, kann selbst die rein ästhetische Maßnahme auch ein Heileingriff sein. Dafür aber muss es sich um ein genuines Leiden handeln und nicht um das Trachten nach modischen Schönheitsidealen – die Grenzen sind hier allerdings fließend.

4. Der kosmetischen Zahnheilkunde werden überwiegend rein wirtschaftliche Interessen unterstellt. Ihre Meinung?
Ob reine Marktinteressen oder ein humanitäres Interesse am Wohl der Patienten handlungsleitend sind, lässt sich nicht pauschal sagen. Allerdings halte ich die gegenwärtige Tendenz, dass Zahnärzte mehr oder weniger explizit Werbung für ihre „Produkte“ machen, für sehr fragwürdig. Wenn ein Arzt damit wirbt, dass er „ein schönes Lächeln“ machen könne, so ist das unseriös. Ein schönes Lächeln entsteht nicht durch die Zahnausrichtung, sondern durch die gesamte Ausstrahlung des Menschen. Da versprechen Zahnärzte nicht nur zu viel, sie vermitteln den Menschen, dass sie eines Zahnarztes bedürfen, um schön lächeln zu können. Die Zahnärzte laufen durch ihre Ausrichtung auf die Marktwirtschaft und durch die Propagierung ihrer Maßnahmen als heilversprechende Produkte Gefahr, ihr größtes Pfand zu veräußern, und das ist die Vertrauenswürdigkeit ihres Berufsstandes.

5. Auf welcher Basis versteht sich Ihrer Meinung nach ästhetische und auf welcher die kosmetische Zahnheilkunde? Sollte es eine stärkere Trennung/Unterscheidung zwischen beiden Gebieten geben?
Ich denke, man ist gut beraten, die rein kosmetische Zahnheilkunde, wenn man sie bagatellisierend so bezeichnen möchte, aus der Medizin auszuklammern. Ich bin davon überzeugt, dass die Zahnheilkunde sich keinen Gefallen damit tut, wenn sie das humanitäre Ziel der Hilfe für in Not geratene leidende Menschen mit dem marktwirtschaftlichen Ziel, Produkte zu verkaufen in einer Person oder einer Disziplin vereint. Ich denke, eine stärkere und sichtbarere Trennung dieser beiden Bereiche würde – trotz der vielen fließenden Übergänge – für den Erhalt des Vertrauens in das Ethos der Medizin als Heilkunde nützlich sein.

6. Wo sehen Sie die ethischen Grenzen einer marktorientierten Zahnheilkunde?
Die ethischen Grenzen einer marktorientierten Zahn„heilkunde“ sehe ich dort gegeben, wo die Medizin nicht mehr Medizin, sondern Dienerin der Beauty-Industrie wird.

7. Was gehört zu einer professionellen Zahnmedizin?
Arzt sein heißt, sich allein dem Wohl des Patienten zu verschreiben. Wer es ernst meint mit dem Wohl seiner ihm anvertrauten Patienten, wird ihnen keine teuren Produkte verkaufen wollen, von denen ein Arzt wissen sollte, dass sie in der Regel das Grundproblem, das das Verlangen nach Ästhetik aufwirft, unbehandelt lässt. Das Grundproblem hinter dem Begehren nach Ästhetik ist häufig das fehlende Selbstbewusstsein der Menschen, die dem gesellschaftlichen Konformitätsdruck nicht standhalten können. Diese Menschen brauchen keine Techniker, sondern tatsächlich Ärzte. Eine professionelle Zahnmedizin wird getragen sein müssen von Menschen, die ihren Beruf tatsächlich als Profession, als Berufung begreifen. Das bedeutet, den Rat suchenden Menschen eine Hilfe anzubieten, die mehr sein muss als eine rein technische Antwort auf ein Selbstbewusstseinsproblem.


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