Implantologie 24.09.2026
Digitales Backward Planning in der Sofortimplantation
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Algorithmen auf Basis künstlicher Intelligenz ermöglichen es zudem, die makroästhetische Gesichtssituation der Patienten von Beginn an in die digitale Planung einzubeziehen, was die Vorhersagbarkeit des chirurgischen und prothetischen Endergebnisses signifikant erhöht.
Die moderne Implantologie hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Stand früher primär das vorhandene Knochenangebot im Fokus der chirurgischen Planung, bestimmt heute das angestrebte prothetische Ergebnis die Position des Implantats. Der vorliegende Fallbericht beschreibt einen solchen digitalen Workflow – von der präoperativen Simulation bis zur definitiven Versorgung.
Ausgangssituation und Therapiekonzept
Eine Patientin stellte sich mit einer stark gelockerten Krone an Zahn 21 in unserer Praxis vor. Der Zahn war bereits endodontisch vorbehandelt und mit einem Stiftaufbau versorgt. Klinisch und röntgenologisch zeigte sich eine ausgeprägte Kronenrandstufe. Eine vergleichbar unbefriedigende Situation mit fraglicher Prognose lag auch an Zahn 22 vor (Abb. 1).
Das therapeutische Ziel bestand in einer minimalinvasiven, zeitsparenden und festsitzenden Versorgung. Nach eingehender Beratung fiel die Entscheidung auf die Extraktion beider Zähne und eine Sofortimplantation in Regio 21. Die definitive prothetische Versorgung sollte über eine Implantatkrone an 21 mit einem distalen Anhänger für Zahn 22 erfolgen.
Das bewusste Abweichen von zwei Einzelimplantaten basiert auf fundierten klinischen Erfahrungswerten: Zwei eng stehende Implantate führen im Interimplantatbereich häufig zu krestalem Knochenabbau, was den Verlust der interdentalen Papille nach sich ziehen kann. Eine Anhängerversorgung bietet in solchen Fällen ein biologisch deutlich stabileres Fundament für die Weichgewebsentwicklung und führt zu einem besseren ästhetischen Outcome.
Digitale Diagnostik und ästhetische Planung
Die präoperative Diagnostik umfasste einen Intraoralscan, eine digitale Volumentomografie (DVT) sowie standardisierte extra- und intraorale Fotodokumentationen. Die Zusammenführung dieser Datensätze erfolgte in der Software SmileCloud. Als Referenz diente das Porträtfoto der Patientin, in das der Intraoralscan und die DVT-Daten deckungsgleich eingepasst wurden.
Im nächsten Schritt wurden die Kronen 21 und 22 virtuell aus dem STL-Modell entfernt und die Ästhetik der künftigen Versorgung digital definiert (Abb. 2). Um die geplante Situation für die Patientin plastisch darzustellen, wurde die Ästhetik der definitiven Prothetik in HD-Qualität simuliert – nicht nur als statische Ansicht, sondern auch als KI-generierte Videosequenz, die das künftige Lächeln in der Dynamik des Gesichts zeigte.
Nach Freigabe durch die Patientin wurde der Datensatz exportiert und in die Planungssoftware SICAT übertragen. Dort erfolgte die dreidimensionale Positionierung des Implantats in Regio 21 in präziser Abstimmung auf die prothetische Zielvorgabe und das vorhandene Knochenangebot (Abb. 3).
Chirurgisches Vorgehen und Sofortversorgung
Auf Basis dieser Daten fertigte das Labor eine vollgeführte (fully guided) Bohrschablone sowie eine provisorische Implantatkrone aus Kunststoff an. Der chirurgische Eingriff begann mit der schonenden Extraktion von Zahn 21, um die knöchernen und weichgewebigen Strukturen bestmöglich zu erhalten (Abb. 4).
Nach Überprüfung der exakten Passung der Bohrschablone (Abb. 5) erfolgte die geführte Implantatbettaufbereitung, gefolgt von der Insertion des Implantats mit hoher Primärstabilität. Um den physiologischen Remodelling-Prozessen des Alveolarknochens entgegenzuwirken, wurde der verbleibende Spaltraum mit einer Mischung aus Bio-Oss Collagen und autologem Knochen augmentiert.
Unmittelbar im Anschluss wurde die provisorische Krone eingesetzt und zur temporären Stabilisierung mittels Kunststoff an den Nachbarzähnen fixiert (Abb. 6). Um jegliche mechanische Belastung während der Osseointegration auszuschließen, wurde die Versorgung in vollständiger Infra- okklusion gestaltet.
Einheilung und definitive prothetische Versorgung
Zehn Tage postoperativ wurden die Nähte bei reizfreien Wundverhältnissen entfernt. Nach einer dreimonatigen Einheilphase wurde das Provisorium abgenommen. Es zeigten sich stabile, reizfreie Weichgewebsverhältnisse mit einem ideal ausgeformten Emergenzprofil (Abb. 7).
Für die definitive Prothetik wurde ein Scanbody auf das Implantat geschraubt (Abb. 8) und die Situation mittels Intra-oralscan digital abgeformt. Diese Daten dienten dem La-bor als Grundlage für die CAD/CAM-gestützte Fertigung der definitiven, individuell geschichteten Zirkonoxidkrone auf 21 mit distalem Anhänger für 22 (Abb. 9).
Ergebnis und klinische Bewertung
Der direkte Vergleich zwischen der initialen visuellen Simulation und dem finalen klinischen Ergebnis (Abb. 10) belegt die hohe Verlässlichkeit dieses Workflows. Für den Behandler bietet das softwaregestützte Backward Planning ein Höchstmaß an Präzision und therapeutischer Sicherheit, da irreversible Fehler bei der Implantatpositionierung systematisch vermieden werden. Der Eingriff selbst lässt sich zeitsparend und minimalinvasiv durchführen, während sich für die Patientin das chirurgische Trauma deutlich reduziert.
Der entscheidende Vorteil liegt jedoch in der Vorhersagbarkeit: Die fotorealistische Visualisierung nimmt Behandlungsängste, stärkt das Vertrauen in den Therapieverlauf und trägt zu einer hohen Patientenzufriedenheit bei, da das finale Ergebnis der vorab präsentierten Planung in hohem Maß entspricht.
Autoren: Dr. Steffen Kistler und Alena Meiss