Branchenmeldungen 07.10.2026
Prämierte Langzeitbetreuung – Mundhygiene bei schwerer Erkrankung
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Herzlichen Glückwunsch zum Praktikerpreis! Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung beruflich und persönlich?
Vielen Dank! Ich habe mich wirklich sehr über diese Auszeichnung gefreut.
Beruflich ist der Praktikerpreis für mich eine besondere Anerkennung, weil er genau den Bereich würdigt, der mir in meiner täglichen Arbeit besonders am Herzen liegt: die individuelle und langfristige Betreuung von Patientinnen und Patienten mit Parodontitis. Gerade in der Parodontologie sehen wir unsere Patienten häufig über viele Jahre. Therapieerfolg bedeutet deshalb für mich nicht nur einen guten Befund nach Abschluss der aktiven Therapie zu erreichen, sondern diesen gemeinsam mit dem Patienten langfristig stabil zu halten.
Persönlich ist der Preis natürlich eine große Wertschätzung und gleichzeitig eine Motivation, mich fachlich weiterzuentwickeln. Ich sehe ihn nicht nur als Auszeichnung für das bisher Erreichte, sondern auch als Ansporn für meinen weiteren beruflichen Weg.
Sie haben die Langzeitbetreuung eines an Parodontitis erkrankten Patienten unter einer Radio-Chemotherapie vorgenommen. Wie lassen sich dieser Fall und die angewendeten Therapieschritte zusammenfassen?
Das Besondere an diesem Patienten war das Zusammentreffen zweier Herausforderungen: einer behandlungsbedürftigen Parodontitis und einer komplexen onkologischen Vorgeschichte mit Radio-Chemotherapie. Entsprechend wichtig war es, nicht nur den parodontalen Befund, sondern immer auch die allgemeine gesundheitliche Situation des Patienten zu berücksichtigen.
Nach einer ausführlichen parodontalen Befunderhebung und individuellen Risikoeinschätzung lag ein wesentlicher Schwerpunkt auf der Optimierung der häuslichen Mundhygiene und einer möglichst effektiven Biofilmkontrolle. Gemeinsam mit dem Patienten haben wir eine für ihn praktikable Strategie entwickelt. Dazu gehörte insbesondere die Anwendung einer elektrischen Zahnbürste und individuell ausgewählter Interdentalbürsten. Entscheidend war für mich dabei, die Hilfsmittel nicht nur zu empfehlen, sondern ihre Anwendung praktisch zu demonstrieren und bei den folgenden Terminen immer wieder gemeinsam zu überprüfen.
Nach der aktiven Parodontitistherapie folgten regelmäßige Reevaluationen und die langfristige unterstützende Parodontitistherapie. An Zahn 23 bestand ein persistierender parodontaler Defekt, der zusätzlich regenerativ chirurgisch behandelt wurde.
Der Fall hat mir sehr deutlich gezeigt, dass eine erfolgreiche Parodontitistherapie nicht nur aus einzelnen Behandlungsschritten besteht, sondern ein langfristiger Prozess ist und dass gerade in medizinisch komplexen Situationen eine individuell abgestimmte Betreuung besonders wichtig ist.
Wie ist der aktuelle Stand, läuft der Recall noch?
Ja, und genau das macht diesen Fall für mich so besonders: Der Patient befindet sich weiterhin in der regelmäßigen unterstützenden Parodontitistherapie. Wir kontrollieren die parodontale Situation und die Mundhygiene kontinuierlich und können dadurch frühzeitig reagieren, wenn sich Veränderungen zeigen.
Eine zusätzliche persönliche Bedeutung hat der Fall für mich, weil dieser Patient gleichzeitig mein Prüfungspatient während meiner Weiterbildung zur Dentalhygienikerin bei der Zahnärztekammer Bremen war. Ich durfte ihn dadurch über einen langen Zeitraum sehr intensiv begleiten und seine Entwicklung unmittelbar miterleben. Das ist für mich eigentlich ein schönes Beispiel dafür, was Parodontologie ausmacht: Wir behandeln nicht nur einen Befund zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern begleiten Menschen im besten Fall über viele Jahre.
Was waren die besonderen Herausforderungen bei diesem Patienten?
Die größte Herausforderung bestand sicherlich darin, die parodontale Therapie an die besondere medizinische Situation des Patienten anzupassen. Eine Radio-Chemotherapie kann mit verschiedenen oralen Nebenwirkungen einhergehen und die Belastbarkeit des Patienten erheblich beeinflussen. Deshalb müssen Therapie und Mundhygienemaßnahmen immer individuell an die jeweilige Situation angepasst und gegebenenfalls auch mit dem behandelnden ärztlichen Team interdisziplinär abgestimmt werden.
Gleichzeitig durfte die langfristige Kontrolle der Parodontitis nicht aus dem Blick geraten. Gerade in einer Phase, in der für den Patienten verständlicherweise die onkologische Erkrankung im Vordergrund steht, können Mundhygiene und regelmäßige zahnmedizinische Termine schnell an Bedeutung verlieren.
Eine wichtige Aufgabe bestand deshalb darin, den Patienten zu unterstützen und zu motivieren, ohne zusätzlichen Druck aufzubauen. Unser Ziel war nicht die „perfekte“ Mundhygiene, sondern eine möglichst effektive Routine, die für ihn auch während einer belastenden Therapie realistisch umsetzbar war.
Was können Behandler konkret tun, um Patienten mit parodontalen Erkrankungen unter einer Radio-Chemotherapie optimal zu betreuen? Haben Sie in diesem Zusammenhang Empfehlungen für die Patientenkommunikation?
Aus meiner Sicht sind drei Dinge besonders wichtig: vorausschauend planen, engmaschig begleiten und individuell kommunizieren.
Wenn es die onkologische Situation erlaubt, sollte die Mundgesundheit möglichst frühzeitig – idealerweise bereits vor Beginn einer Radio- oder Chemotherapie – beurteilt und notwendiger Behandlungsbedarf mit dem interdisziplinären Team abgestimmt werden. Während und nach der Therapie sind regelmäßige Kontrollen wichtig, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Dazu gehören neben dem parodontalen Zustand auch mögliche therapiebedingte Beschwerden wie Schleimhautveränderungen, Mundtrockenheit oder Schmerzen.
Ein zweiter zentraler Punkt ist eine effektive, aber individuell angepasste Mundhygiene. Wir sollten nicht einfach möglichst viele Hilfsmittel empfehlen. Viel wichtiger ist es, gemeinsam herauszufinden, was der Patient in seiner aktuellen Situation tatsächlich anwenden kann. Eine elektrische Zahnbürste und passend ausgewählte Interdentalbürsten können beispielsweise sinnvoll sein – entscheidend sind aber die individuelle Instruktion, das praktische Üben und die regelmäßige Kontrolle.
Mindestens genauso wichtig ist für mich die Kommunikation. Patienten unter einer onkologischen Therapie haben häufig bereits sehr viele Termine, Informationen und Sorgen. Zusätzlicher Druck ist hier wenig hilfreich. Ich versuche deshalb zu erklären, warum bestimmte Maßnahmen wichtig sind, um gemeinsame kleine, realistische Ziele festzulegen.
Manchmal ist eine einfache Mundhygieneroutine, die jeden Tag tatsächlich umgesetzt wird, wertvoller als ein umfangreiches Konzept, das den Patienten überfordert. Gute Betreuung bedeutet für mich deshalb auch, zuzuhören, Ängste ernst zu nehmen und Empfehlungen immer wieder an die aktuelle Lebens- und Therapiesituation anzupassen.
Sie haben für Ihre Weiterbildung zur Dentalhygienikerin einen großen Aufwand betrieben, was würden Sie Berufskollegen raten, die vor der gleichen Entscheidung stehen: Weiterbildung zum Dentalhygieniker – Ja oder Nein?
Für mich ganz klar: Ja!
Natürlich war die Weiterbildung intensiv. Sie bedeutete viel Lernen, zusätzliche Termine und Prüfungen. Aber rückblickend hat es sich für mich absolut gelohnt.
Ich habe mich fachlich enorm weiterentwickelt und vor allem einen noch differenzierteren Blick auf die Parodontologie bekommen. Heute verstehe ich viele Zusammenhänge besser und kann Patienten noch individueller begleiten. Gerade die langfristige Betreuung und die Frage, wie wir Patienten dazu befähigen können, selbst einen entscheidenden Beitrag zum Therapieerfolg zu leisten, haben für mich nochmal einen ganz anderen Stellenwert bekommen.
Mindestens genauso wertvoll war aber die persönliche Seite der Weiterbildung. Ich habe tolle Menschen kennengelernt und aus dem gemeinsamen Lernen, den Prüfungen und sicherlich auch der einen oder anderen stressigen Situation sind Freundschaften entstanden, die bis heute bestehen.
Wer Freude an der Parodontologie hat, gerne mit Menschen arbeitet und Lust darauf hat, fachlich mehr Verantwortung zu übernehmen, dem würde ich die Weiterbildung deshalb jederzeit empfehlen. Sie verlangt einiges – aber man bekommt fachlich und persönlich mindestens genauso viel zurück.
Vielen Dank für das Gespräch!