Branchenmeldungen 05.10.2026

„Nachfolge bedeutet, Gutes zu bewahren und Mut für Neues zu haben“

Am 2. September 2026 durfte sich Andrea Korndörfer, Inhaberin ihres gleichnamigen Dentallabors aus Ludwigsfelde, über die Auszeichnung mit dem Gründungspreis Brandenburg 2026 in der Kategorie „Unternehmensnachfolge“ freuen. Seit 2003 ist sie im Familienunternehmen tätig, 2022 hat sie das Labor in zweiter Generation übernommen. Wie sie seitdem ihre kaufmännische Erfahrung als Diplom-Betriebswirtin mit dem Blick für regionale Zahntechnik verbindet und mit den Anforderungen an gute Arbeitsbedingungen für Ihre Beschäftigten in Einklang bringt, erläuterte sie im Interview mit dem Online-Magazin Zahntechnik TELESKOP 06-2026 des VDZI, das am 30. September 2026 erschienen ist.

„Nachfolge bedeutet, Gutes zu bewahren und Mut für Neues zu haben“

Foto: links: © Yasmina Aust / Preisverleihung: © KreativMedia / Privatfoto: © Andrea Korndörfer

Frau Korndörfer, zunächst herzlichen Glückwunsch zum Gründungspreis Brandenburg. Sie wurden für die erfolgreiche Nachfolge und Weiterentwicklung Ihres Dentallabors ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Anerkennung?

Die Auszeichnung bedeutet mir sehr viel, weil hinter meiner Unternehmensnachfolge eine klassische Nachwende-Geschichte steht. Am 1. Juli 1991 hätte es mit der Zahntechnik in meinem Heimatort auch einfach vorbei sein können. Die Poliklinik in Ludwigsfelde wurde aufgelöst und meine Mutter stand mit ihren Kolleginnen vor der Frage: Wie geht es jetzt weiter?

Sie entschied sich den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen und musste sich gleichzeitig in einem völlig neuen Wirtschaftssystem zurechtzufinden. So ist unser Dentallabor entstanden. Dass dieses Unternehmen 35 Jahre später noch existiert und ich diese Geschichte heute weiterschreiben darf, verdanke ich also in erster Linie einer mutigen Frau, meiner Mutter.

Sie sind bereits viele Jahre im Unternehmen tätig und haben den von Ihrer Mutter gegründeten Betrieb schließlich übernommen. War für Sie schon früh klar, dass Sie eines Tages die Nachfolge antreten würden oder ist diese Entscheidung erst mit der Zeit gereift?

Nein, das war überhaupt nicht von Anfang an klar. Im Gegenteil: Ich wollte ursprünglich mit Zahntechnik eigentlich gar nichts zu tun haben. Als ich ins Unternehmen eingestiegen bin, war das für mich zunächst eher eine Übergangslösung, bis ich etwas finde, das wirklich zu mir passt.

Dann ist etwas passiert, womit ich selbst nicht gerechnet hatte: Je mehr ich mich eingearbeitet habe und je besser ich das Handwerk verstanden habe, desto mehr habe ich mich darin verliebt. Trotzdem war damit noch lange nicht automatisch klar, dass ich eines Tages das Labor übernehmen würde.

Konkret wurde diese Frage erst, als wir begonnen haben, die Nachfolge meiner Mutter zu planen. Damals stand auch ein Verkauf des Labors im Raum. Es gab einen Kaufinteressenten, und dessen Unternehmensberater nannte eine Summe, bei der ich dachte: Das kann doch nicht der Wert von mehr als 30 Jahren Arbeit und einem funktionierenden Unternehmen sein. In diesem Gespräch sagte der Berater irgendwann sinngemäß zu mir: „Dann machen Sie es doch selbst weiter. In anderen Branchen ist es doch auch völlig normal, dass jemand ein Unternehmen führt, ohne selbst den Beruf gelernt zu haben.“ Dieser Satz hat bei mir etwas ausgelöst. Ich musste darüber dennoch etwas nachdenken und habe lange mit meinem Mann gesprochen. Und dann habe ich entschieden: Ja, ich mache es.

Die Entscheidung ist also nicht über Jahre langsam gewachsen. Es gab tatsächlich diesen konkreten Moment, in dem aus der theoretischen Möglichkeit plötzlich meine Entscheidung wurde.

Eine familieninterne Unternehmensnachfolge klingt zunächst nach einem vergleichsweise einfachen Weg. In der Praxis treffen dabei aber häufig unterschiedliche Rollen, Erwartungen und Vorstellungen aufeinander. Wie haben Sie den Übergang gemeinsam vorbereitet und was waren dabei die größten Herausforderungen?

Wir hatten schon vor der Übergabe sehr unterschiedliche Rollen. Meine Mutter war immer für die zahntechnische Seite verantwortlich, ich für den kaufmännischen Bereich. Insofern mussten wir diese Rollen nicht erst mit der Nachfolge neu erfinden.

Trotzdem war der Übergang natürlich nicht konfliktfrei. Mir wurde zum Beispiel einmal vorgeworfen, ich hätte mich „ins gemachte Nest gesetzt“. Das klingt erst einmal so, als würde man einfach ein gut laufendes Unternehmen übernehmen und müsse nur noch weitermachen. So fühlt es sich als Nachfolgerin aber überhaupt nicht an. Man übernimmt eben nicht nur etwas Bestehendes, sondern auch die volle Verantwortung dafür, dass dieses Unternehmen weiter funktioniert.

Vor der Übergabe hat eine Kollegin das Unternehmen und letztlich auch das Zahntechniker-Handwerk verlassen. Ich hatte damals den Eindruck, dass sie wenig Vertrauen darin hatte, dass ich das Labor ohne eigene zahntechnische Ausbildung führen kann. Solche Situationen haben meine eigenen Zweifel natürlich zusätzlich verstärkt, denn genau diese Frage habe ich mir selbst auch gestellt.

Meine größte Unsicherheit war, dass ich keine Zahntechniker und schon gar keine Meisterin bin. Ich kann in einer personellen Notsituation nicht einfach selbst an die Werkbank gehen und fachlich einspringen. Ich bin deshalb stärker als andere Inhaber darauf angewiesen, gutes Fachpersonal im Unternehmen zu haben und zu halten.

Heute sehe ich aber auch die andere Seite davon. Ich muss nicht in jedem Bereich selbst die beste Fachkraft sein. Ich habe mit meiner Mutter weiterhin eine erfahrene Ratgeberin an meiner Seite und mit unserer Zahntechnikermeisterin eine zweite fachlich starke Ansprechpartnerin. Für mich besteht gute Unternehmensführung deshalb auch darin, die eigenen Grenzen sehr genau zu kennen und Menschen um sich zu haben, deren Kompetenz man vertraut.

Bild von einem Quotenzeichen
Für mich besteht gute Unternehmensführung auch darin, die eigenen Grenzen sehr genau zu kennen und Menschen um sich zu haben, deren Kompetenz man vertraut.

Bei einer Unternehmensnachfolge übernimmt man nicht nur einen Betrieb, sondern auch gewachsene Strukturen, Routinen und eine Unternehmenskultur. Was wollten Sie nach der Übernahme unbedingt bewahren und an welchen Stellen war für Sie klar, dass Veränderungen notwendig sind?

Unbedingt bewahren wollte ich, dass Patienten hier in der Region weiterhin mit Zahnersatz aus einem regionalen Dentallabor versorgt werden. Ich muss dafür nicht immer weiter wachsen oder mir Arbeit aus 100 Kilometern Entfernung holen. Mir geht es vielmehr darum, das zu erhalten, was gut funktioniert.

Verändern wollte ich vor allem den Umgang mit Arbeitsbelastung und Termindruck. Früher war die Haltung oft: Der Kunde gibt den Termin vor und wir machen irgendwie alles möglich. Heute sehe ich uns stärker als professionellen Partner. Natürlich wollen wir für unsere Zahnarztpraxen zuverlässig da sein, aber wir müssen genauso darauf achten, unter welchen Bedingungen unsere Mitarbeiter arbeiten.

Für mich bedeutet Nachfolge deshalb, das Gute zu bewahren und gleichzeitig den Mut zu haben, Dinge anders zu machen, wenn sie langfristig nicht mehr funktionieren.

Sie selbst sind Dipl.-Betriebswirtin und keine Zahntechnikerin. Hat Ihnen gerade dieser Blick von außen geholfen, bestimmte Strukturen und Abläufe im Unternehmen anders zu hinterfragen und neue Akzente zu setzen?

Meine fehlende zahntechnische Ausbildung habe ich lange eher als Schwäche gesehen. Heute sehe ich genau darin auch einen Vorteil: Ich habe die Zeit, am Unternehmen zu arbeiten und nicht nur im Unternehmen.

Gleichzeitig bin ich fachlich immer sehr nah dran. Ich gehe auf viele zahntechnische Fortbildungen und Kongresse, beschäftige mich mit neuen Materialien, Verfahren und Technologien und bin einfach neugierig darauf, was sich in unserem Handwerk entwickelt. Theoretisch verstehe ich deshalb vieles sehr gut, auch wenn ich es selbst nicht praktisch umsetze.

Vielleicht habe ich gerade deshalb auf manche Abläufe einen anderen Blick und stelle andere Fragen. Ich muss Dinge nicht automatisch so hinnehmen, nur weil sie schon lange so gemacht werden. Und „das haben wir schon immer so gemacht“ war für mich noch nie ein besonders gutes Argument.

Ein wesentlicher Bestandteil Ihrer Unternehmensentwicklung sind moderne und familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Flexible Arbeitszeiten, eine stärkere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und sogar ein eigener Bereich für Kinder gehören zu Ihrem Konzept. Welche Überlegungen standen dahinter?

Als kleines Labor stehe ich natürlich in Konkurrenz zu vielen anderen Arbeitgebern. Deshalb habe ich mich irgendwann ganz bewusst gefragt: Was stört Zahntechniker eigentlich an ihrem Arbeitsalltag und was kann ich davon bei uns besser machen? Da geht es natürlich auch ums Gehalt, aber eben nicht nur. Es geht um Zeitdruck, starre Arbeitszeiten, Überstunden und darum, wie schwierig sich Beruf und Familie oft miteinander vereinbaren lassen. Ich bin selbst Mutter von drei Kindern und weiß, wie schnell man an Grenzen kommt, wenn Kita oder Schule geschlossen sind oder Termine dazwischenkommen.

Gerade weil bei uns überwiegend Frauen in der Technik arbeiten, war mir wichtig, diesen Druck nicht noch zusätzlich zu erhöhen. Deshalb haben wir flexiblere Lösungen geschaffen und auch die Möglichkeit, Kinder mitzubringen. Mein Gedanke dahinter war eigentlich ganz einfach: Wenn ich gute Fachkräfte halten möchte, muss ich mir anschauen, warum so viele irgendwann keine Lust mehr auf dieses Handwerk haben.

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Technisch sehr gut zu sein, reicht aus meiner Sicht allein nicht aus. Ein Labor zu führen ist noch einmal eine ganz andere Aufgabe.

Gerade das Zahntechniker-Handwerk steht vor großen Herausforderungen bei der Gewinnung und Bindung von Fachkräften. Welche Bedeutung haben aus Ihrer Sicht heute Unternehmenskultur, Führung und Arbeitsbedingungen dafür, gute Mitarbeiter/-innen langfristig im Betrieb zu halten?

Ich glaube, viele Chef/-innen wissen gar nicht so genau, was ihre Unternehmenskultur oder ihre Arbeitgebermarke eigentlich ist. Im Alltag bleibt dafür oft wenig Zeit, gerade in kleinen Betrieben. Aber heute gehört das für mich genauso zur Unternehmensführung wie Kalkulation, Qualität oder Kundenpflege. Ich beobachte immer noch, dass wirtschaftliche Ziele oft an erster Stelle stehen. Natürlich müssen die Zahlen stimmen. Aber ohne gute Mitarbeiter funktioniert ein Unternehmen eben auch nicht. So weit sind wir in der Zahntechnik mit der Automatisierung noch lange nicht.

Für mich bedeutet Führung deshalb, sich ehrlich zu fragen: Was kann ich meinen Mitarbeitern bieten, damit sie gerne zur Arbeit kommen? Man muss niemanden auf Watte betten und sich auch nicht für jeden Wunsch verbiegen. Aber alles, was organisatorisch und wirtschaftlich machbar ist, sollte man sich zumindest anschauen. Meine Mitarbeiter sollen pünktlich Feierabend machen können, ohne schlechtes Gewissen. Wenn ein Kind krank ist oder die Betreuung ausfällt, finden wir eine Lösung. Überstunden sollen kein Normalzustand sein. Ich möchte außerdem, dass offen gesprochen wird, dass man Fehler ansprechen kann und dass Kollegen miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Mir ist auch wichtig, dass meine Mitarbeiter Verantwortung übernehmen, sich weiterentwickeln und bei Veränderungen mitreden können.

Arbeit haben wir in der Zahntechnik genug. Das viel größere Problem ist, dass wir zu viele gute Zahntechniker aus dem Handwerk verlieren. Wenn ich möchte, dass meine Mitarbeiter bleiben, muss ich ihnen also mehr bieten als nur einen Arbeitsplatz und faires Gehalt.

Sie setzen zugleich auf einen bewussteren Umgang mit Termindruck und Arbeitsbelastung. Wie gelingt es Ihnen, die Anforderungen der Zahnarztpraxen mit dem Anspruch an gute Arbeitsbedingungen für Ihre Beschäftigten in Einklang zu bringen?

Das ist tatsächlich ein Spagat und ich muss dafür bis heute viel erklären. Viele Praxen sind es gewohnt, Arbeiten in Wochenterminen zu planen, also zum Beispiel von Montag bis Montag. Dabei wird schnell vergessen, dass wir am Wochenende oder Feiertag nicht arbeiten und bei uns auch nicht 40-Stunden-Woche die Regel ist. Damit mussten und müssen sich manche Kunden erst einmal anfreunden. Zwei Kunden habe ich dadurch sogar verloren. Das war natürlich schmerzlich, aber irgendwann musste ich für mich sagen: Dann passen wir an dieser Stelle einfach nicht zusammen.

Expressarbeiten sind bei uns trotzdem möglich, aber sie sollen die Ausnahme bleiben. Eine Krone, die zwei Tage später eingesetzt wird, ist in der Regel kein medizinischer Notfall und die Patienten sind meistens provisorisch versorgt.

Für mich gehört dazu auch, den Blick etwas weiter zu machen: Was passiert eigentlich, wenn es irgendwann kaum noch regionale Labore gibt? Dann gehen schon ein oder zwei Tage allein für den Versand drauf und im Großlabor reiht sich der Auftrag ganz normal ein. Deshalb glaube ich, dass wir auch bei Terminen wieder zu einem vernünftigen Maß kommen müssen. Verlässlichkeit ja, aber nicht um jeden Preis.

Auch Social Media spielt für Ihr Labor inzwischen eine wichtige Rolle sowohl für die Außendarstellung als auch für die Mitarbeitergewinnung. Wie kam es dazu und welchen Einfluss hat diese Form der Kommunikation inzwischen auf Ihr Unternehmen?

Der Auslöser war eigentlich Frust. Ich hatte richtig viel Geld für eine Recruiting-Funnel Agentur ausgegeben und am Ende war keine qualifizierte Bewerbung dabei. Da habe ich mich gefragt: Habe ich zu hohe Ansprüche oder erreiche ich einfach die falschen Zahntechniker? Ich wollte, dass Menschen vorher sehen können, wie wir wirklich arbeiten. Welche Arbeiten wir machen, welche Materialien wir benutzen, wie unser Labor aussieht, wer mein Team ist und auch, wer ich bin. Hochglanz Frontzahnästhetik wollte ich nie, weil ich das nicht bin. Es soll echt sein.

Heute ist der Social Media Kana mein „Dentaltainment“. Ich zeige echte Zahntechnik und was eigentlich hinter Zahnersatz steckt. Dabei ist über die Jahre eine unglaublich tolle Community entstanden. Viele kenne ich inzwischen schon lange über Social Media, manche habe ich sogar persönlich getroffen und es sind auch echte Freundschaften entstanden. Wir unterstützen uns gegenseitig, stellen Fragen und bekommen immer sehr ehrliche Antworten.

Der Einfluss auf mein Unternehmen ist deshalb inzwischen ziemlich konkret: Eine neue Mitarbeiterin und auch eine Kundin haben über Social Media zu uns gefunden. Gleichzeitig erreicht das Ganze weit über mein eigenes Labor hinaus Menschen auf der ganzen Welt. Junge Menschen sehen, was Zahntechnik überhaupt ist, Patienten bekommen einen Einblick darin, warum Zahnersatz seinen Preis hat, und Zahnärztinnen und Zahnärzte sehen mehr von der Arbeit, die im Labor hinter ihrer Versorgung steckt.

Das hatte ich am Anfang so überhaupt nicht geplant, sondern einfach erstmal gemacht.

Neben neuen Formen der Führung und Kommunikation haben Sie auch die Digitalisierung des Labors weiter vorangetrieben. Welche Rolle spielen CAD/CAM, 3D-Druck und andere digitale Technologien in Ihrem Konzept und wo bleibt für Sie das klassische zahntechnische Handwerk unverzichtbar?

Ich digitalisiere dort, wo es für uns wirklich Sinn macht. Nur weil etwas technisch möglich ist, heißt das noch lange nicht, dass es sich für ein kleines Labor auch wirtschaftlich rechnet. CAD/CAM und 3D-Druck haben bei uns viele Abläufe schneller, reproduzierbarer und teilweise auch einfacher gemacht. Gleichzeitig schaue ich mir jede Investition genau an: Wie oft nutzen wir das wirklich? Spart es uns Zeit? Verbessert es die Qualität? Und amortisiert sich die Anschaffung überhaupt?

Deshalb bin ich auch froh, dass es Industriepartner gibt, die viel Erfahrung mitbringen, in Deutschland sitzen und erreichbar sind, wenn Fragen auftauchen. Gerade bei neuen Technologien finde ich diesen Austausch wichtig, weil ich nicht jede Entwicklung selbst testen und bewerten kann.

Ihr Beispiel zeigt, dass Nachfolge nicht bedeuten muss, einen bestehenden Betrieb einfach unverändert weiterzuführen. Wo liegt aus Ihrer Sicht die richtige Balance zwischen dem Respekt vor dem Lebenswerk der vorherigen Generation und dem Mut, als Nachfolgerin eigene Entscheidungen zu treffen?

Für mich liegt die Balance darin, das Lebenswerk meiner Mutter wirklich zu respektieren und trotzdem klar zu sagen: Jetzt trage ich die Verantwortung und muss auch meinen eigenen Weg gehen. Die Namensänderung war deshalb ganz bewusst das Erste, was ich gemacht habe. Der Wechsel sollte sichtbar sein. Danach habe ich aber nicht alles auf einmal verändert, sondern Schritt für Schritt geschaut: Was funktioniert gut und soll bleiben? Wo braucht es Veränderungen?

Ich wollte nie verändern, nur damit es anders ist. Gleichzeitig darf Respekt vor dem Bestehenden auch kein Grund sein, notwendige Entscheidungen aufzuschieben.

Meine Mutter ist für mich bis heute eine wichtige Ratgeberin. Aber die Verantwortung liegt heute bei mir und damit auch die Entscheidung, wohin sich das Unternehmen entwickelt.

Viele Inhaber/-innen von Dentallaboren werden sich in den kommenden Jahren mit der eigenen Unternehmensnachfolge beschäftigen müssen. Was sollten Übergeber und potenzielle Nachfolger aus Ihrer Erfahrung möglichst frühzeitig miteinander klären?

Ich glaube, die erste Frage sollte ganz ehrlich sein: Ist das Labor überhaupt übergabefähig? Wie alt sind die Mitarbeiter? Wie sieht die Kundenstruktur vom Alter aus? Wie modern ist die Ausstattung? Wie abhängig ist das Unternehmen von einzelnen Personen oder Kunden? Und ganz wichtig: Würde ich als Übergeber dieses Unternehmen heute selbst kaufen?

Wir haben ungefähr fünf Jahre gebraucht, bis bei unserer Nachfolge wirklich alles geklärt war. Dazu gehörten die Unternehmensbewertung, die Frage nach dem Kaufpreis, die Finanzierung und natürlich auch die steuerlichen Folgen der Übergabe.

Wenn man sich bei diesen Themen unsicher ist, sollte man früh Menschen dazuholen, die einen ehrlich beraten. Die Betriebsberater der Handwerkskammern sind dafür zum Beispiel eine sehr gute Anlaufstelle, zusätzlich natürlich Steuerberater und gegebenenfalls weitere Fachberater. Viele beginnen mit dem Thema erst, wenn sie eigentlich schon übergeben wollen. Aus meiner Erfahrung ist das zu spät. Ein Unternehmen übergabefähig zu machen und eine gute Lösung für beide Seiten zu finden, braucht einfach Zeit.

Und abschließend: Wenn Sie einer Zahntechnikerin, einem Zahntechniker oder auch einer fachfremden Person, die heute darüber nachdenkt, ein Dentallabor zu übernehmen, nur einen Rat mit auf den Weg geben dürften – welcher wäre das?

Mein Rat wäre: Mach es, wenn du Entscheidungen treffen kannst, auch wenn sie unbequem sind, und wenn für dich nicht nur der kurzfristige Profit zählt. Mach es auch, wenn du nach Frust und Niederlagen trotzdem weitermachen willst. Und wenn du jetzt denkst: Aber ich bin doch gar kein geborener Unternehmer. Das muss man auch nicht sein. Vieles kann man lernen. Man darf auch falsche Entscheidungen treffen. Nur möglichst nicht zu viele. Und vor allem sollte man daraus lernen.

Technisch sehr gut zu sein, reicht aus meiner Sicht allein nicht aus. Ein Labor zu führen ist noch einmal eine ganz andere Aufgabe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Autor: Sebastian Bauknecht (Erstveröffentlichung: Online-Magazin Zahntechnik TELESKOP 06-2026 des VDZI, erschienen am 30. September 2026)

ZT Zahntechnik Zeitung 10/26

ZT Zahntechnik Zeitung


Dieses Interview ist in der ZT Zahntechnik Zeitung erschienen.

Die ZT Zahntechnik Zeitung ist das einzige unabhängige Zeitungsformat für Zahntechniker mit den Schwerpunkten Berufspolitik und Laborführung. Die branchenerfahrene Redaktion der ZT Zahntechnik Zeitung dokumentiert und interpretiert in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Technik und Service die Entwicklung des Dentalmarkts und gibt den Zahntechnikern wichtige Impulse für den Laboralltag, insbesondere für die strategische Positionierung im Wettbewerbsumfeld.

 

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