Branchenmeldungen 23.10.2026

Nachgefragt: Implantologische Chirurgie im Expertenfokus



Digitale Planungsverfahren, moderne Augmentationskonzepte und minimalinvasive Techniken erweitern das Spektrum der implantologischen Chirurgie. Welche chirurgischen Ansätze haben sich im Praxisalltag bewährt?

Nachgefragt: Implantologische Chirurgie im Expertenfokus

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Wo liegen die Grenzen aktueller Verfahren und welche Entwicklungen werden die Implantologie künftig prägen? Renommierte Experten ordnen aktuelle Entwicklungen nachfolgend ein.

Priv.-Doz. Dr. Florian Rathe, MSc 32schönezähne – Zahnarztpraxis Schlee & Rathe, Forchheim


Umbrellatechnik für Hart- und Weich- gewebsaugmentation

Ob ein Blocktransplantat vitales Gewebe überträgt, ist bislang offen. Nach sechs Monaten zeigen histologische Untersuchungen leere Lakunen. Der Umbauprozess kann unbestimmt lange dauern und bleibt häufig unvollständig. Dass Zellen in ungestielten Transplantaten langfristig überleben, ist nicht belegt. Die Augmentation gelingt somit aus anderen Gründen. Entscheidend ist die Schaffung eines immo- bilen, durchbluteten Raumes unter einem vollständig geschlossenen Weichgewebe. Hinzu kommen das regenerative Potenzial des Knochendefektes sowie der Einsatz von Membranen und Füllermaterialien. Eine eindeutig überlegene Augmentationstechnik zeigt auch der Cochrane-Review von Esposito et al. nicht. Er zeigt jedoch, dass die vertikale Augmentation mit mehr Komplikationen verbunden ist als die horizontale und dass im Unterkiefer kurze Implantate ohne vertikale Augmentation offenbar bessere Erfolgsraten aufweisen als lange Implantate in Kombination mit einer vertikalen Augmentation. Zudem bevorzugten die Patienten Knochenersatzmaterial gegenüber autologem Knochen. Klassische Zeltschrauben stützen das Weichgewebe, gewährleisten jedoch keine zuverlässige Immobilisierung des Augmentationsraumes. Das Füllermaterial resorbiert, und die kleinen Schraubenköpfe können die Schleimhaut perforieren. Bei der Umbrella- bzw. Schirmschraube ist der Kopf 6 mm, bei der schmaleren Variante 4 mm breit, flach und ohne scharfe Kanten. Er hält das Weichgewebe wie ein Schirm ab und wirkt dadurch der Resorption entgegen. Der Schaft misst lediglich 1,2 mm, sodass unter dem Schirm möglichst viel Raum für die Knochenregeneration verbleibt. Die aus chirurgischem Stahl gefertigte Schraube osseointegriert nicht und lässt sich daher leicht entfernen. Die Schirmschrauben sind in Längen von 8, 10 und 12 mm erhältlich. Die Köpfe werden an der angestrebten Kammkontur ausgerichtet; der entstandene Raum wird mit Knochen, Knochenersatzmaterial oder einer Kombination aus beidem gefüllt. Die Indikation der Umbrellatechnik reicht von der horizontalen und/oder vertikalen Augmentation von Schaltlücken über Freienddefekte bis hin zur simultanen Augmentation. Die Technik ist minimalinvasiv und kostengünstig und eignet sich auch zur Weichgewebsverdickung, sodass gegebenenfalls auf die Entnahme eines freien Bindegewebstransplantats verzichtet werden kann.

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Priv.-Doz. Dr. Dr. Markus Schlee Zahnarztpraxis Schlee & Kollegen


Risikofaktor Periimplantitis: Ursachen erkennen, chirurgisch richtig handeln

Das lange Zeit vorherrschende Paradigma definiert Periimplantitis als einen entzündlichen Prozess, der durch bakteriellen Biofilm verursacht wird. Die Ätiologie dieser Erkrankung wurde primär auf patientenbezogene Risikofaktoren wie genetische Disposition, Mundhygiene, Rauchen sowie allgemeinmedizinische Faktoren zurückgeführt. Das Framing war einfach: Biofilm führt zu Entzündung und langfristig zu Periimplantitis. Die Montegrotto-Konferenz 2014 stellte dieses Modell als eine der ersten infrage, indem sie zusätzlich zum Biofilm sogenannte „clinically induced triggering factors“ diskutierte, also chirurgische, prothetische und materialbezogene Auslöser. Dennoch definierte der World Workshop 2017 die Erkrankung erneut rein deskriptiv und beschrieb lediglich Entzündung, zunehmende Sondierungstiefen und progredienten Knochenverlust. Darin liegt die Schwäche dieser Definition: Sie beschreibt einen Endzustand, nicht die Kausalität. Genau dieses Problem erklärt die häufig unbefriedigenden Therapieergebnisse. Will man eine Erkrankung behandeln, muss man deren Ursachen beseitigen. Erfreulicherweise haben dies nun einige Autoren des World Workshops 2017 erkannt und in einem Konsensuspapier (Chen et al., 2026) beschrieben, dass Periimplantitis im Jahr 2026 nicht mehr ausschließlich als eigenständige Erkrankung, sondern in rund 70 Prozent der Fälle als Folge behandlerinduzierter Fehler und anderer Komplikationen anzusehen ist. Die freiliegende mikroraue Implantatoberfläche wird als gemeinsamer biologischer Endpunkt vieler dieser klinisch induzierten Faktoren beschrieben. Die Frage verschiebt sich damit von „Warum Biofilm?“ zu „Warum wurde die raue Oberfläche überhaupt exponiert?“. Malpositionen, unvollständige Knochenregeneration, prothetische Überkonturierungen mit Emergenzwinkeln von mehr als 30 Grad, Zementreste, Misfit, inadäquates Weichgewebsmanagement oder fehlende befestigte und keratinisierte periimplantäre Mukosa werden als mögliche Ursachen für Knochenrückgang und eine exponierte raue Implantatober-fläche angesehen. Erst dadurch wird die Voraussetzung für eine dauerhafte Biofilmbesiedlung geschaffen. Das hat drastische Konsequenzen für die chirurgische Therapie. Eine Implantatoberfläche kann heute mit GalvoSurge, einer elektrolytischen Methode, vollständig dekontaminiert werden. Es ergibt jedoch wenig Sinn, ein Implantat zu behandeln, das aufgrund seiner Fehlpositionierung nicht mehr augmentierbar ist. Denn selbst das bestmögliche Behandlungsergebnis würde eine teilweise freiliegende raue Oberfläche zurücklassen – und damit genau jene biologische Voraussetzung, die bereits zur Entstehung der Erkrankung beigetragen hat. Die einzig sinnvolle Therapie wäre in einem solchen Fall die Explantation. Zwei identische klinische Befunde können also völlig unterschiedliche Ursachen haben. Genau das hat therapeutische Konsequenzen: Biofilm lässt sich kontrollieren, Zement entfernen und die Prothetik anpassen. Ein Implantat außerhalb des knöchernen Lagers bleibt jedoch auch nach erfolgreicher Entzündungskontrolle fehlpositioniert. Deshalb brauchen wir eine zweite Achse in der Klassifikation: nicht nur, was wir sehen, sondern auch, warum es passiert ist und ob die Ursache korrigierbar ist. Die Definition von 2017 beschreibt, wie Periimplantitis aussieht. Die nächste Definition sollte uns helfen zu verstehen, wodurch sie verursacht wurde. Dass dies in wissenschaftlichen Arbeiten, die unterschiedliche Therapieprotokolle vergleichen, bislang häufig nicht berücksichtigt wurde, erklärt die sehr unterschiedlichen Ergebnisse. Provokativ formuliert: Wenn die eigentliche Ursache ein schief gesetztes Implantat ist, hilft auch kein Abschleifen. In diesem Sinne, liebe Kolleginnen und Kollegen: Lassen Sie uns in der chirurgischen Implantologie präzise planen und arbeiten, damit Periimplantitis möglichst gar nicht erst entsteht. Und wenn wir diese Erkrankung dennoch sehen, sollten wir konsequent eine ursachenbezogene Therapie wählen.

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Dr. Philipp Tavrovski Mundreich Zentrum für zahnärztliche Chirurgie & Endodontie


Erfolgsfaktoren und Herausforderungen in der modernen Implantologie

In der modernen implantologischen Chirurgie hat sich das Verständnis für den langfristigen Behandlungserfolg grundlegend gewandelt. Die derzeit wichtigste Komponente für eine erfolgreiche Chirurgie ist das konsequente Denken von der Prothetik her (Backward Planning). Ein Implan- tat ist kein isoliertes chirurgisches Produkt, sondern das Fundament für eine funktionelle und ästhetische Rekonstruktion. Wer die implantat- prothetischen Prinzipien nicht von Beginn an in seine chirurgische Planung einbezieht, riskiert fehlerhafte Positionierungen, die weder biologisch noch prothetisch nachhaltig kompensiert werden können. Damit verknüpft ist die Herausforderung, das fundierte Wissen aus über 50 Jahren wissenschaftlicher Literatur und klinischer Evidenz nicht nur zu kennen, sondern im Alltag aktiv anzuwenden. Oft gilt es dabei, veraltete Handlungsmuster mutig zu durchbrechen und liebgewonnene Routinen zugunsten evidenzbasierter, moderner Behandlungskonzepte aufzugeben. Eine der größten klinischen und persönlichen Herausforderungen stellt jedoch die kritische Selbsteinschätzung der eigenen Kompetenz dar. Das Erkennen der eigenen Leistungs- grenzen schützt Patienten vor unnötigen Komplikationen. Dies wird in einer Zeit, in der Fortbildungsveranstaltungen und Kongresse von perfekt inszenierten Erfolgsgeschichten dominiert werden, zunehmend erschwert. Der Eindruck, nur man selbst kämpfe mit Komplikationen, während bei anderen stets makellose Ergebnisse gelingen, ist eine gefähr- liche Illusion. Realistische Chirurgie erfordert Transparenz im Umgang mit Misserfolgen. Erfolgreich ist langfristig nicht derjenige, der sich vom Perfektionsdruck blenden lässt, sondern wer seine eigenen Fähigkeiten realistisch bewertet, wissenschaftlich fundiert handelt und das Gesamtergebnis im Blick behält.

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Dr. Fabian Schick Spezialist für Biologische Zahnheilkunde und Keramikimplantate


Von der Mechanik zur Osteoimmunologie

Die Implantologie stand lange auf zwei Säulen: Mechanik und Ästhetik. Beide sind weit entwickelt. Osseointegration ist heute vorhersagbar, und ästhetisch erreichen wir Ergebnisse, die vom natürlichen Zahn kaum zu unterscheiden sind. Nun kommt eine weitere wichtige Säule dazu: die Osteoimmunologie. Sie erweitert das Modell, statt es zu ersetzen. Osseointegration wurde lange vor allem beschrieben. Heute verstehen wir die Einheilung als geordnete Immunantwort auf einen Fremdkörper. Damit wird steuerbar, was vorher Erfahrung war: Wer das Gewebe immunologisch ruhig hält, arbeitet mit der Regeneration und nicht gegen sie. Zirkonoxidimplantate sind in nationalen wie internationalen Leitlinien als valide Therapieoption angekommen. Klinisch zeigt sich mehr: eine gewebefreundliche Oberfläche und eine Mukosa, die auch nach Jahren ruhig bleibt. Parallel hat die Chirurgie einen Sprung gemacht, den ich für den größten der letzten Jahre halte: asymmetrische Makrodesigns, triangulär, oval oder mit Balkonstrukturen. Eine Alveole ist nicht rund. Diese Formen finden Halt, wo Knochen ist, und lassen Raum, wo Gewebe hingehört. Für die Sofortimplantation ändert das alles: Das Emergenzprofil entsteht am Tag der Extraktion. Im metallfreien Monoblock verläuft die Struktur fugenlos vom Knochen bis zur Krone, bakterielles Leakage hat keine Eintrittsstelle. Der Gewinn liegt in der Summe. Ein entzündungsfreies Interface ist die Voraussetzung für stabile Weichgewebeverhältnisse. Natürliche Ästhetik wird dann nicht aufwendig hergestellt, sondern von Anfang an erhalten. Dazu kommen weniger Eingriffe, weniger Termine, kürzere Behandlungszeiten. Damit erweitert sich der Maßstab. Neben Funktion und Ästhetik zählt die immunologische Nachhaltigkeit. Genau hier wachsen Zahnmedizin und Medizin wieder zusammen, und die Daten dazu werden dichter. Neben der künstlichen Intelligenz ist das die Entwicklung, die unser Fach in den nächsten zehn Jahren prägen wird. Wer heute implantiert, ersetzt nicht nur einen Zahn. Er nimmt Einfluss auf die Entzündungslast eines ganzen Organismus.

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Dr. Dr. Christoph Willamowski MKG UNIQUM Implantologie und Knochenregenerations Zentrum Bottrop


Von der Biologie zur chirurgischen Systematik

Die entscheidende Komponente ist neben dem Material die Vorbereitung. Augmentative Eingriffe verzeihen keine Abkürzungen: Eine nicht abgeschlossene Parodontaltherapie, insuffizient restaurierte Nachbarzähne, eine mangelhafte Mundhygiene oder fortgesetzter Nikotinkonsum sind keine Randbedingungen, sondern zählen zu den häufigsten Ursachen für Dehiszenzen, Membranexpositionen und den Verlust des Augmentats. Deshalb gehört eine sorgfältige und ehrliche Patientenauswahl an den Anfang jeder Planung, ebenso wie die Bereitschaft, einen Eingriff zu verschieben oder abzulehnen, solange die notwendigen Voraussetzungen nicht geschaffen sind. Wer bei den Voraussetzungen Kompromisse macht, verlagert das Risiko vom Behandlungsplan in den Heilungsverlauf. Genauso konsequent müssen die chirurgischen Prinzipien umgesetzt werden: ein spannungsfreier, zweischichtiger Wundverschluss, eine ausreichende Lappenmobilisation, ein ausreichender Abstand der Membran zur Nachbarbezahnung, die Immobilisierung des Augmentats sowie eine zahngetragene provisorische Versorgung, die das augmentierte Areal nicht belastet. Diese Punkte sind bekannt und doch entscheidet jeder einzelne über das Ergebnis. Der Weg zu vorhersagbaren Ergebnissen führt für mich über zwei Dinge. Erstens über die Auseinandersetzung mit einschlägigen Fachbüchern und der Fachliteratur: Wer die biologischen Grundlagen, die operativen Prinzipien und die dokumentierten Fehlerquellen kennt, trifft fundiertere Entscheidungen. Zweitens über die schriftliche Iteration des eigenen Vor- gehens. Gerade am Anfang sollte man die einzelnen Arbeitsschritte protokollieren und auf Grundlage dieser Aufzeichnungen und Checklisten ein standardisiertes Vorgehen entwickeln. Die Operation sowie das prä- und postoperative Patientenmanagement werden dadurch um ein Vielfaches leichter. Aus Erfahrung wird schließlich ein reproduzierbares Protokoll. Beides, die konsequente Umsetzung und die kritische Nach- bearbeitung, verlangt Disziplin. Sie ist aus meiner Sicht die eigentliche Schlüsselkompetenz in der Augmentationschirurgie.

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Implantologie Journal 07/26

Implantologie Journal


Dieser Beitrag ist im IJ Implatologie Journal erschienen.

Das Implantologie Journal hat sich als eine unverzichtbare Informationsquelle für Fachleute der zahnärztlichen Implantologie etabliert. Das Themenspektrum reicht von Fachbeiträgen über aktuelle Entwicklungen in der Forschung bis hin zu Expertenmeinungen, Kongressberichten und Neuigkeiten zu den Aktivitäten der DGZI sowie Industrie. Jede Ausgabe widmet sich einem spezifischen Fokusthema, das einen Teilbereich der Implantologie vertieft.

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