Branchenmeldungen 02.10.2026

Verändert KI, was junge Zahnärzte von ihrem Beruf erwarten?



KI verändert die Zahnmedizin. Aber verändert sie auch die Ansprüche derer, die gerade erst in den Beruf starten? Junge Zahnärztinnen und Zahnärzte treffen auf einen Praxisalltag, in dem digitale Prozesse längst nicht immer weniger Arbeit bedeuten. Die spannendere Frage könnte deshalb bald sein, wie viel vermeidbare Routine eine Generation noch akzeptiert, die weiß, was technisch möglich ist?

Verändert KI, was junge Zahnärzte von ihrem Beruf erwarten?

Foto: Sheraz – stock.adobe.com; Generiert mit KI

Ein Examen, die ersten Jahre im Beruf und dann möglichst viel Zeit am Behandlungsstuhl. So ungefähr ließ sich der Einstieg in die Zahnmedizin lange beschreiben. Inzwischen sitzt allerdings noch jemand mit im Behandlungszimmer, zumindest digital. KI analysiert Röntgenbilder, unterstützt bei Dokumentation und Kommunikation und verspricht, ausgerechnet dort Zeit zurückzugeben, wo im Praxisalltag notorisch zu wenig davon vorhanden ist. Das dürfte nicht ohne Folgen dafür bleiben, wie junge Zahnärztinnen und Zahnärzte über ihren künftigen Arbeitsplatz denken.

Über Künstliche Intelligenz in der Zahnmedizin wird inzwischen reichlich gesprochen. Meist geht es um Anwendungen, um Röntgendiagnostik und Befundung, Dokumentation, Abrechnung, Patientenkommunikation oder Praxisorganisation. Dazu kommen die Fragen, die spätestens dann relevant werden, wenn aus einem interessanten Tool ein Arbeitsmittel wird: Was passiert mit den ganzen Daten? Wer trägt eigentlich die Verantwortung? Und wie verlässlich ist das, was der Algorithmus liefert? Weniger diskutiert wird bislang eine andere Frage. Was passiert, wenn eine Generation in den Beruf einsteigt, für die KI nicht erst irgendwann kommen wird, sondern schon längst zum Alltag gehört?

Große Erwartungen, aber noch wenig zahnmedizinisches KI-Wissen

Einen interessanten Hinweis dazu liefert eine kürzlich in BMC Medical Education veröffentlichte internationale Studie zu Wissen, Wahrnehmung und Ausbildungsbedarf von Zahnmedizinstudierenden im Umgang mit KI. Befragt wurden 508 Studierende verschiedener Studienjahre und Länder. 69,5 Prozent gingen davon aus, dass KI ihre spätere klinische Praxis verbessern werde, 64,5 Prozent sahen Vorteile bei diagnostischen Analysen und 60,4 Prozent bei der Patientenversorgung. Noch interessanter ist jedoch, was danebensteht: Zwar gaben 67,4 Prozent an, mit allgemeinen KI-Tools vertraut zu sein, konkrete zahnmedizinische KI-Anwendungen kannten dagegen nur 34,7 Prozent. Mehr als die Hälfte, 53,7 Prozent, fühlte sich durch ihre bisherige Ausbildung nicht ausreichend auf den Einsatz von KI-Technologien vorbereitet. Das Interesse ist also da, ebenso die Erwartung an den künftigen Nutzen, während das konkrete Wissen über die Anwendung in der Zahnmedizin noch deutlich hinterherläuft.

Die Ergebnisse sollte man allerdings nicht größer machen, als sie am Ende sind. Die Untersuchung ist multinational, und 47,3 Prozent der Befragten studierten in Zypern. Sie bildet damit weder deutsche Zahnmedizinstudierende repräsentativ ab noch beantwortet sie die Frage, nach welchen Kriterien junge Zahnärzte hierzulande später einen Arbeitgeber auswählen. Sie zeigt aber ziemlich deutlich, mit welcher Erwartungshaltung ein Teil des zahnmedizinischen Nachwuchses auf das Thema “KI“ blickt. Für Hochschulen ist das zunächst eine Ausbildungsfrage. Für Praxisinhaber könnte daraus jedoch schneller eine Arbeitgeber-Attraktivitätsfrage werden, als es auf den ersten Blick scheint. Denn wer während des Studiums erlebt, wie selbstverständlich KI Informationen recherchiert, strukturiert oder aufbereitet, dürfte im Berufsleben irgendwann genauer hinschauen, warum bestimmte Routinen noch immer viel Zeit beanspruchen und welchen Anteil davon tatsächlich ein Zahnarzt übernehmen muss.


Umfrage: Wird der Einsatz von KI künftig mitentscheiden, wie attraktiv eine Zahnarztpraxis für junge Zahnärzte ist?


Zwei Praxen, derselbe Beruf und ein ziemlich unterschiedlicher Arbeitstag

Nehmen wir zwei junge Zahnärzte mit vergleichbarer Ausbildung und ähnlichen Arbeitszeiten. In der einen Praxis sind viele Abläufe zwar digitalisiert, trotzdem bleibt ein erheblicher Teil der Dokumentation, Patientenkommunikation und Praxisorganisation Handarbeit. Informationen müssen mehrfach erfasst, Befunde nachgetragen, Texte formuliert und administrative Routinen abgearbeitet werden. Die Technik ist da, sie nimmt dem Behandler aber nur wenig davon ab.

In der anderen Praxis beginnt Digitalisierung nicht beim Bildschirm, sondern beim Prozess. Wiederkehrende Aufgaben werden automatisiert, KI unterstützt dort, wo sie Dokumentation vorbereiten, Informationen strukturieren oder administrative Abläufe vereinfachen kann. Fachliche Entscheidungen und Verantwortung bleiben beim Zahnarzt, aber nicht jeder Arbeitsschritt muss deshalb auch von ihm selbst erledigt werden. Am Behandlungsstuhl können beide Zahnärzte am Ende dieselbe zahnmedizinische Qualität liefern. Ihr Arbeitstag kann trotzdem ziemlich unterschiedlich aussehen. Der eine verwendet einen größeren Teil seiner Zeit auf Routinen rund um die eigentliche Behandlung, während der andere durch sinnvoll eingesetzte Technik mehr Zeit für Patienten und die Aufgaben gewinnt, für die seine zahnmedizinische Expertise tatsächlich gebraucht wird. Genau an diesem Punkt bekommt die Diskussion um KI eine personalpolitische Dimension. Die Konkurrenz um junge Zahnärztinnen und Zahnärzte entscheidet sich längst nicht ausschließlich beim Gehalt. Arbeitszeiten, Vereinbarkeit, Entwicklungsmöglichkeiten, Teamkultur und die Menge an Bürokratie, die nach einem Behandlungstag noch wartet, gehören ebenfalls dazu. Gut funktionierende digitale Prozesse könnten sich künftig in diese Reihe einordnen.

Ob Bewerber eine Praxis tatsächlich danach auswählen werden, welche KI-Anwendungen dort eingesetzt werden, ist derzeit nicht belegt. Interessanter ist ohnehin eine andere Frage: Könnte eine Praxis unattraktiver werden, wenn hoch qualifizierte Mitarbeiter regelmäßig Zeit für Routinen aufwenden müssen, die sich technisch längst vereinfachen ließen?

KI-Kompetenz heißt nicht, der KI zu glauben

Dass junge Zahnmediziner der Technologie grundsätzlich offen gegenüberstehen, bedeutet im Übrigen nicht, dass sie ihr bedenkenlos vertrauen. Auch das zeigt die internationale Studentenbefragung. 41,7 Prozent der Befragten befürchteten einen Verlust professioneller Fähigkeiten durch KI, 29,2 Prozent sahen die Gefahr einer Entmenschlichung der Gesundheitsversorgung. Rund drei Viertel hielten es für wichtig, ethische Fragen der KI interdisziplinär in der Ausbildung zu vermitteln.

Die interessantere Trennlinie verläuft damit vermutlich weniger zwischen jungen Digitalfans und älteren Skeptikern als zwischen sinnvoller und unsinniger Anwendung. In Deutschland kommt dazu inzwischen ein recht konkreter regulatorischer Rahmen. Die Bundeszahnärztekammer hat im Oktober 2025 Empfehlungen zum Einsatz Künstlicher Intelligenz in der zahnärztlichen Praxis veröffentlicht und verweist darin unter anderem auf die Anforderungen der europäischen KI-Verordnung. Betreiber von KI-Systemen müssen für ausreichende KI-Kompetenz der mit der Nutzung befassten Personen sorgen; für Hochrisiko-KI in Medizinprodukten gelten zudem besondere Anforderungen. Berufsrechtlich bleibt der entscheidende Punkt ohnehin unverändert: Zahnärztinnen und Zahnärzte bleiben auch beim Einsatz von KI persönlich verantwortlich.

Genau deshalb dürfte professionelle KI-Nutzung künftig weniger darin bestehen, möglichst viele Anwendungen bedienen zu können. Entscheidend wird sein, ihre Ergebnisse fachlich einzuordnen, Fehler zu erkennen und einem System auch widersprechen zu können. Dafür braucht es nicht weniger zahnmedizinische Kompetenz, sondern eher mehr.

KI allein macht noch keinen guten Arbeitsplatz

Vielleicht verändert KI das Berufsbild damit an einer Stelle, die in der Diskussion bisher etwas untergeht. Neben der Frage, welche zahnärztlichen Tätigkeiten künftig durch KI unterstützt werden können, wird auch relevant, welche Routinen junge Zahnärzte noch als selbstverständlichen Bestandteil ihres Berufs akzeptieren, wenn sie technisch vermeidbar wären. Das bedeutet nicht, dass Praxen nun möglichst schnell möglichst viele KI-Anwendungen anschaffen müssen. Eine Sammlung von Tools ist noch keine Digitalstrategie, und ein Chatbot macht aus einem schlechten Prozess keinen guten. Interessant wird vielmehr, ob Technologie dort eingesetzt wird, wo sie tatsächlich entlastet, und ob die gewonnene Zeit bei den Menschen ankommt, die in der Praxis arbeiten. Vielleicht wird KI damit am Ende weniger zum Ausstattungsmerkmal einer modernen Zahnarztpraxis als zum Prüfstein dafür, wie sie Arbeit organisiert. Die Frage an Praxisinhaber wäre dann nicht zuerst, welche KI sie bereits einsetzen, sondern warum Zahnärztinnen und Zahnärzte in ihrer Praxis noch Aufgaben auf eine Weise erledigen, für die es längst eine bessere Lösung gibt. Und diese Frage dürfte nicht nur den Nachwuchs interessieren.


Umfrage: Schafft KI in Ihrer Zahnarztpraxis heute bereits spürbare Entlastung?


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