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Dentalhygiene | Prophylaxe zur Übersicht

Prophylaxe 07.09.2011

Die risikoorientierte Prophylaxesitzung

Die Integration eines professionellen Prophylaxekonzepts in die Zahnarztpraxis stellt ei­nerseits zwar Anforderung an das gesamte Team, bietet anderseits aber auch interessante wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten und Spezialisierungspotenziale. Zahnärztekammern und deren Fortbildungsinstitute bieten hier gute theoretische und praktische Unterstützung in Form von Kursen und Seminaren. Viele Praxen haben jedoch Schwierigkeiten bei der konkreten praktischen Umsetzung.

Prophylaxesitzungen werden in den Zahnarztpraxen häufig sehr unterschiedlich durchgeführt und organisiert. Auch die Preise unterscheiden sich stark. Die Spanne reicht von kostenlos bis über 200 €. Entsprechend unterschiedlich ist auch die Erwartungshaltung der Patienten. Hinzu kommen häufig auch Verunsicherungen beim Praxisteam, wenn es um die Frage der „Angemessenheit“ und Realisierung der Kosten geht. Schaut man genauer hin, stellt man schnell fest, dass Behandlungsdauer, einzelne Behandlungsschritte, verwendete Materialien und die Qualifikation der Behandlerinnen von Zahnarztpraxis zu Zahnarztpraxis stark differieren.

Ablauf einer professionellen Prophylaxesitzung

Nachfolgend werden anhand eines Ablaufdiagramms die wesentlichen Elemente und Phasen einer professionellen Prophylaxesitzung dargestellt. Je nach individuellem Befund dauert die Sitzung ca. 60 Minuten. Die Behandlungsabläufe werden standardisiert unter QM-Gesichtspunkten beschrieben.

Einführungsgespräch

Zu Beginn der Prophylaxesitzung wird der Patient von der behandelnden Prophylaxeassistentin aus dem Wartezimmer abgeholt. Danach wird im Einführungsgespräch der Ablauf der Sitzung erklärt. Eine freundliche und souveräne Gesprächsführung baut Ängste ab und schafft Vertrauen. Der kommunikativ geschulten Mitarbeiterin fällt es leicht, den Wissensstand um die Mundhygiene und die Erwartungshaltung des Patienten in Erfahrung zu bringen. Eine kurze Vorstellung der für die Prophylaxesitzung wichtigsten Geräte rundet das Einführungsgespräch ab. Gerade die Art des Umgangs mit dem Patienten, dessen Ansprache und die Gesprächsführung hat entscheidenden Anteil am Erfolg des Prophylaxekonzepts. Vor dem eigentlichen Behandlungsbeginn spült der ­Patient mit 0,2%iger CHX-Lösung z.B. (ADS Curasept 0,20%) für eine Minute. Dadurch wird die Keimzahl in der Mundhöhle und im Aerosol reduziert. Dies schützt den Behandler vor Infektionen und der Patient erfährt sofort ein angenehmes und erfrischendes Gefühl.

Befundaufnahme, Indizes und Risikoermittlung

Nach der gründlichen Untersuchung und Anamnese inklusive Erhebung eines PSIs (Parodontaler Screening Index) zur Ermittlung des parodontalen Behandlungsbedarfs durch den Zahnarzt, beginnt die Prophylaxeassistentin mit der Sitzung. Klinische Parameter und individuelle Risikofaktoren bilden die Grundlage für die individuelle Risikoeinschätzung des Patienten mit anschließender individueller Therapie- und Behandlungsfestlegung. Neben den zahnbezogenen Faktoren (Furkationsbeteiligung, iatrogene Faktoren, partielle Attachmentverluste) und den stellenbezogenen Faktoren (ST/PSI, Suppuration, subgingivale Mikroflora) sind die patientenbezogenen Faktoren von besonderer Bedeutung:

‹    Blutungsindex (z.B. BOP)
Erhoben wird hier der Anteil der Stellen in Prozent, die bei der Sondierung des Sulkusbodens geblutet haben (6 Messpunkte pro Zahn). Dieser Wert ist ein Maß für die subgingivale Entzündung. Zu berücksichtigen ist, dass Nikotin die Blutungsneigung signifikant vermindert.

‹    Gesamtzahl der residualen Taschen
(Sondierungstiefe >5mm)
Pathologisch vertiefte Zahnfleischtaschen weisen auf eine subgingivale Entzündung hin. In einem Teufelskreis erhöht sich mit zunehmender Sondierungstiefe das Risiko eines weiteren Abbaus. Die Wahrscheinlichkeit zur Entwicklung einer Parodontitis steigt mit der Anzahl der über 5mm tiefen Zahnfleischtaschen.

‹    Parodontaler Knochenabbau, Zahnverlust
Knochenabbau in Relation zum Lebensalter und Zahnverlust weisen als Indikatoren auf ein erhöhtes Parodontitisrisiko hin.

‹    Patientenverhalten und allgemeingesundheitliche Verhältnisse
     • Rauchen (Nikotin ist der stärkste extrinsische ­Risikofaktor für Parodontitis)
    • Systemische und genetische Faktoren (Diabetes, Leukämie, Autoimmunerkrankungen, Candidiasis, Herpesviruserkrankungen,  Schleimhautpemphigoid, familiäre Neutropenie, Interleukin-1-Polymorphismuskomplex)
    • Medikamente (Antiepileptika, Immunsuppresiva, Kalziumantagonisten)
    • Mundhygiene (z.B. API)

Das Vorhandensein von Plaque ist zwar kein Risikofaktor im eigentlichen Sinne, lässt aber Rückschlüsse auf die Compliance des Patienten zu.

‹    Aktive Matrixmetalloproteinase-8 (aMMP-8)
Ein hoher aMMP-8-Spiegel kann auf akute Entzündungsprozesse und damit auf einen sofort behandlungsbedürftigen Zustand hinweisen. Die Messung des Entzündungsmarkers erfolgt mit einem einfachen Chairsidetest (Periomarker). Die Auswertung kann sofort in die Bewertung einfließen.

Aufgrund der Komplexität der Parodontitis mit ihren zahlreichen Einflussfaktoren und dem ständigen Gegenspiel von Noxen und Immunantwort muss eine Bewertung des individuellen Risikos umfassend vorgenommen werden. Einschätzungen auf Grundlage einzelner Parameter werden dem multifaktoriellen Geschehen nicht gerecht. Je nach ermittelten Befunden erfolgt die Zuordnung des Patienten zu einer von drei Risikogruppen. Eine farbliche Darstellung der unterschiedlichen Gruppen (Ampelfunktion) dient der zusätzlichen optischen Orientierung. Die Skalierung der Parameter erfolgt in den Stufen „niedriges“/„mittleres“ und „hohes Risiko“. Daraus ergeben sich die Empfehlungen für individuelle Recallfrequenzen und Therapiemaßnahmen:

– Niedriges Risiko: alle sechs Monate Prophylaxesitzung
– Mittleres Risiko : alle vier bis fünf Monate Prophylaxesitzung
– Hohes Risiko:  alle drei Monate Prophylaxesitzung

Eine erneute Risikoeinstufung nach ca. einem Jahr bietet sich an, um Krankheitsverlauf und Behandlungs­erfolg dokumentieren und verfolgen zu können. Auf Grundlage der sich verändernden Risikoeinstufung können Behandlungsschritte und Maßnahmen zur Intensivierung und Verbesserung der Patientencompliance sowie die Recallabstände individuell angepasst werden. Damit entsprechen sie optimal dem Erfordernis eines kontinuierlichen Risikomanagements bei unseren Patienten. Bei konsequenter Durchführung der Prophylaxe in risikoorientierten Zeitabständen können bei den meisten Patienten die parodontalen Verhältnisse über längere Zeiträume stabilisiert werden.

Dokumentation und ­Qualitätssicherung

Zur Dokumentation der Befunderhebung stehen viele computergestützte Programme zur Verfügung. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie, der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und verschiedenen Uni­versitäten wur-de mit dem „ParoStatus.de“ ein benutzerfreundliches Programm entwickelt (www.ParoStatus.de). Damit werden die erhobenen Befunde sehr übersichtlich und nachvollziehbar dokumentiert, wobei die Dokumentation einem wiederkehrenden logischen Ablauf folgt. Dadurch wird kein Parameter unbeabsichtigt vergessen und die Einarbeitung in das Programm auf ein Minimum reduziert. Die Dateneingabe kann per Fußsteuerung, kabelloser Tray-Tastatur oder Sprachsteuerung vorgenommen werden. Ohne zusätzliche Assistenz können so die o.g. Parameter in wenigen Minuten lückenlos erhoben werden. Nach abgeschlossener Befunderhebung steht eine Auswertung zur Verfügung, aus der das individuelle Erkrankungsrisiko, die empfohlene Recallfrequenz sowie Behandlungs- und Therapievorschläge hervorgehen.

Motivation und Instruktion

Von entscheidender Bedeutung für die Nachhaltigkeit des Behandlungserfolges ist, dass der Patient seine Befunde und damit sein Erkrankungsrisiko sowie die entsprechenden Behandlungsempfehlungen versteht. In der Regel kann nur ein aufgeklärter und informierter ­Patient motiviert werden, die unterstützende Parodontaltherapie und die Recalltermine regelmäßig wahrzunehmen.

Eine professionelle Unterstützung

in diesem Kommunikationsprozess stellt das ParoStatus.de-System dar. Seine besondere Stärke liegt in der patientengerechten und verständlichen Aufbereitung der Daten und Befunde. Neben der Darstellung auf einem ­Monitor erhält der Patient einen ­Ausdruck („1-Blatt-Lösung“) mit einer ­individuellen Bewertung seiner Befunde und Einschätzung seines persönlichen Erkrankungsrisikos. Mithilfe von leicht verständlichen Ausführungen zu den wesentlichen Inhalten, selbsterklärenden Schaubildern sowie farbigen Darstellung (Ampelfunktion) des Erkrankungsrisikos kann der Patient sich mit seinen Befunden auseinandersetzen. Grün bedeutet, alles in Ordnung. Gelb hingegen Achtung, dieser Bereich muss beobachtet werden. Rot wird gleichgesetzt mit sofortigem Handlungsbedarf.

Am Ende der Auswertung wird neben der Risikoeinschätzung auch der nächste Termin, auf der Grundlage der ermittelten Daten, vom Programm automatisch vorgeschlagen. Das erleichtert die Kommunikation. Bereits in der Behandlungs- bzw. Beratungssituation kann die Prophylaxemitarbeiterin anhand der Monitordarstellung Fakten und Empfehlungen aufgreifen oder auf Nachfragen des Patienten gezielt reagieren. Der weitere Behandlungsablauf und die vorgeschlagenen Recallabstände werden für den Patienten nachvollziehbar. Der Patientenausdruck enthält darüber hinaus individuelle Handlungsempfehlungen für die häusliche Mundhygiene und Vorschläge für geeignete Mundhygieneprodukte. Diese Art der Patienteninformation kommt dem Bedürfnis nach verständlicher Aufklärung und Information entgegen und führt zu einer Reduzierung zeitraubender Wiederholungen während der Recalltermine. Die dadurch freigesetzten Zeitressourcen stehen zur Motivation bzw. Remotivation und weiteren Instruktion des Patienten zur Verfügung.

Reinigung

Die anschließende Reinigung erfolgt unter dem kombinierten Einsatz von Handinstrumenten (Scaler und Küretten) und maschineller Verfahrensweisen (Ultraschall-, Schallgeräte, Airflow etc.) Maschinelle Verfahrensweisen bieten eine Reihe von Vorteilen, können den Einsatz von Handinstrumenten aber nicht komplett ersetzen. Die wesentlichsten Vorteile sind:

– verminderter Zeitaufwand
– kontinuierliche Spülung
– bessere Sicht
– geringerer Substanzverlust
– Bakterienreduktion durch Kavitationseffekte
– Keimzahlreduktion durch antibakterielle Spülungen
– kein Aufschleifen erforderlich

Sowohl der Einsatz von Handinstrumenten als auch maschinelle Verfahrensweisen erfordern zwingend umfassende Kenntnisse der eng umgrenzten Indikation im ­supragingivalen Bereich und fundiertes Wissen über Kontraindikationen. Der schmale Grat zwischen optimaler Reinigung mit minimaler Substanzveränderung der Zahnoberfläche und der Gefahr erheblicher Beschädigungen bei unsachgemäßer Anwendung muss jeder Prophylaxeassistentin bewusst sein.

Politur

Die nach der Reinigung durchgeführte Politur wird von den Patienten als spürbar angenehm erfahren und kann sehr motivationsfördernd wirken. Die Politur erfolgt mit Gummikelchen und Polierpasten mit unterschiedlichen Körnungen (RDA-Werten) und Reinigungsleistungen. Mit der Feinpolitur zum Abschluss wird die erneute Plaqueanlagerung an den glatten Oberflächen gehemmt. Mit der noch im Mund ver­bliebenen Polierpaste wird unter Zuhilfenahme von Interdentalbürstchen die Zahnzwischenraumreinigung vorgenommen. Für diesen Arbeitsschritt steht mit den neuen Curaprox CRA ROTO-Interdentalraumbürstchen ein weiteres professionelles Hilfsmittel zur optimalen Versorgung der Patienten zur Verfügung. Sie sind für den Einmalgebrauch in der Praxis konzipiert. Die höhere Reinigungswirkung eines Bürstchens gewährleistet glattere Oberflächen im Interdentalraum – wesentlich besser als Zahnseide! Zu diesem Zweck wird der korrekte Durchmesser der Bürstchen mit der patentierten IAP-Sonde durch Ausmessen der Zahnzwischenräume ermittelt. Mit dem angenehmen Gefühl glatter und sauberer Zähne verlässt der Patient nach Behandlungsende die Zahnarztpraxis.

Zusätzliche Maßnahmen

Als zusätzliche Maßnahme ist die Zungenreinigung anzusprechen. Die Zungenspitze wird mit einem Zellstoff festgehalten und mit etwas CHX-Gel und einem langsam drehendem Bürstchen auf einem grünen Winkelstück gereinigt. Für die Fluoridierung stehen verschiedene Lacke, Gele und Lösungen zur Verfügung. Je nach Indikation kann es auch sinnvoll sein, einen antimikrobiellen Lack oder ein Gel zu verwenden – hier stehen unterschiedliche Konzentrationen zur Verfügung.
Kariesdiagnostik

Das Karies-Monitoring ist fester Bestandteil der Prophylaxesitzung. Mit einem Diagnodent-Gerät ist es möglich, kariesverdächtige Stellen der gereinigten Zähne „abzuscannen“. Im Verlauf der Prophylaxebetreuung können dann ggf. rechtzeitig geeignete Maßnahmen, wie die Intensivfluoridierung, eingeleitet werden.


Beratung und Recallplanung

Zum Ende der Prophylaxesitzung erfolgt die Besprechung und Bewertung der zusammengestellten Befundparameter mit der individuellen Risikobestimmung. Je nach Ausprägung des Karies- bzw. Parodontitisrisikos (niedrig, mittel, hoch) wird dem Patienten dar­gelegt, dass er im Sinne des Behandlungserfolges in Abständen von sechs, fünf oder drei Monaten zur nächs­ten Prophylaxesitzung wieder einbestellt wird. Wichtig ist, dass der Patient einen konkreten Termin zur nächsten Prophylaxesitzung erhält, bevor er die Zahnarztpraxis verlässt. Ihm muss deutlich werden, dass er sich in einem durchstrukturierten Behandlungsablauf befindet, der nur bei konsequenter Einhaltung Aussicht auf Erfolg hat. Bewährt hat sich auch ein Erinnerungsverfahren (Mail, Anruf, SMS etc.), mit dem der Patient rechtzeitig an die bevorstehende Prophylaxesitzung erinnert wird.

Fazit

Steigende Kosten im Gesundheitssystem, knapper werdende Ressourcen und eine älter werdende Bevölkerung werden die Prophylaxe nicht nur im zahnärztlichen Bereich weiter an Bedeutung gewinnen lassen. Entsprechend aufgestellte Zahnarztpraxen werden dieser Entwicklung gelassen entgegensehen. Bei professioneller Planung und Umsetzung ist eine Win-win-Situation für den Zahnarzt, dessen Team und den Patienten zu erwarten.

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