Branchenmeldungen 21.10.2026
„Deutsche ZMPs und DHs brauchen mehr psychologische Skills“
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Frau Krause, hatten Sie als geschulte Dentalhygienikerin jemals selbst Angst vor einem Zahnarztbesuch?
Eine pauschale ja-nein Antwort wird der Komplexität, die sich bei differenzierter Betrachtung hinter der Frage verbirgt, tatsächlich nicht gerecht. Als Dentalhygienikerin, die als Grundlage die ZFA Ausbildung sowie einige Jahre an Berufserfahrung hat, bin ich da eher entspannt. Abläufe, Instrumente etc. sind keine unbekannten Variablen, trotzdem schwebt natürlich im Hinterkopf immer das „worst-case-Szenario“ möglicher Komplikationen. Nach diversen Jahren in der Oralchirurgie ist aber auch das eher eine strukturierte Übersichts-Mindmap der möglichen Folgewege im Kopf. Als Kind, bei dem die Erziehungsberechtigten die Zahnarztwahl trafen, war ich beim Hauszahnarzt sehr unentspannt – vielleicht auch, weil es da sehr an Regelmäßigkeit gefehlt hat. Zudem war immer auch ein wenig das Gefühl, als ließe jemand einen Gegenstand reparieren. Kommuniziert wurde damals so gut wie nie direkt, sondern immer über die Erwachsenen. Die Kieferorthopädie war da im Gegenzug wiederum sehr entspannt.
Gibt es Schlüsselstellen, an denen die Entstehung von Zahnbehandlungsangst positiv beeinflusst oder sogar verhindert werden können?
Da ein Teil der Angstpatienten immer wieder traumatische Erfahrungen in der Kindheit angibt, liegt ein ganz großer Schlüssel bei den Eltern, um erst gar keine Ängste entstehen zu lassen. Problematisch wird es, wenn Begleitpersonen selbst Angstpatienten sind. Ängste werden unbewusst projiziert, und insbesondere Kinder haben da sehr feine Antennen. Wenn aber z.B. die berühmte Chemie zwischen Kind und Behandler nicht wirklich passen will, kann ein Behandler- oder Praxiswechsel mit dem Kind ein sinnvoller Schritt sein. Beobachtungsgabe und Gespür der Eltern sind hier – aus meiner Sicht – ausschlaggebend.
Eine einmalig schlechte Tagesform – womöglich noch beim ersten Termin in einer Praxis mit fremder Umgebung, fremden Leuten, Geräuschen etc. – ist hier nicht unbedingt aussagekräftig. Oft reicht es aber schon, die Kommunikation zwischen Kind und Team stattfinden zu lassen und sich als Elternteil wirklich aus der Situation rauszunehmen.
Sie haben in Ihrer wissenschaftlichen Studie Angstpatienten in verschiedenen Kategorien erfasst. Welche sind das und wie hoch ist der Anteil an ängstlichen Patienten insgesamt?
Den Fragebogen zur Studie habe ich auf Grundlage einer US-amerikanischen Studie nach Rücksprache mit der Autorin Lauren Kanzigg übernehmen dürfen. An einigen Stellen war eine Modifizierung nötig. Bei der Einstufung leicht-mittel-schwer des Originals habe ich mich entschieden, die Kategorie „schwer“ in starke und übermäßig starke Angst zu unterteilen, da genau hier eine Schlüsselstelle zur Differenzierung zwischen Zahnbehandlungsangst und Zahnbehandlungsphobie liegt. Zudem habe ich mich entschieden, die Kategorie „angstfreie Patienten“ hinzuzunehmen.
Hier ist hinzuzufügen, dass ich in der Studie selbst keine prozentuale Ermittlung zur Kategorisierung von Angstpatienten vorgenommen habe. Stattdessen sollten die Studienteilnehmenden eine Blindeinschätzung vornehmen, welchen Anteil an Angstpatienten sie vermuten und wie sich dieser prozentual auf die Kategorien verteilt. Der Gesamtanteil an Angstpatienten wird in der Literatur in diversen Quellen mit rund 60% angegeben (vgl. Enkling, N., Jöhren, H-P et al: Leitlinien Zahnmedizin S3 Leitlinie (Langversion) Zahnbehandlungsangst beim Erwachsenen, 2019).
Ein Kernergebnis der Studie: nur knapp 5% der teilnehmenden DHs schätzten den Anteil der Angstpatienten zwischen 60-70% ein. Ein knappes Drittel schätzte den Anteil auf 10-20%, weitere 30% der DHs auf 20-30%.
In Ihrem prämierten Beitrag geht es um den Umgang deutscher DHs mit Angstpatienten. Wie würden Sie die Einstellung und das Hintergrundwissen der DHs einordnen?
Das Hintergrundwissen der DHs entspricht im Durchschnitt den Kompetenzen, die in der Ausbildung sowie den Fortbildungen vermittelt werden. Der Anteil der entsprechenden Inhalte ist im Bezug zur Gesamtwissensvermittlung allerdings verschwindend gering und liegt im Schnitt bei unter 5% des zeitlichen Unterrichtsvolumens. Dessen ist sich der Großteil der befragten DHs auch sehr bewusst. Das Gros der DHs steht Angstpatienten sehr aufgeschlossen gegenüber, nichtsdestotrotz gibt ein gewisser Prozentsatz an DHs mentale Erschöpfung nach der Behandlung mehrerer Angstpatienten an. Sehr überrascht hat mich, dass die Existenz der Leitlinie zur Zahnbehandlungsangst bei Erwachsenen der Mehrheit gänzlich unbekannt ist. An anderer Stelle ist die verkürzte Studie lesbar.¹
Wo sehen Sie dringend Verbesserungspotenzial und wie könnten praktische Lösungsansätze lauten?
Verbesserungspotenzial sehe ich insbesondere in der Ausbildungsordnung bzw. in den Fort- und Weiterbildungs-/Studienordnungen. Es gibt Inhalte, die als Basics bereits in der ZFA Ausbildung vermittelt werden könnten. In den Weiterbildungen zur ZMP/DH, wo ja eine Spezialisierung erfolgt, die letzten Endes zur eigenständigen Behandlung am Patienten führt, empfinde ich eine Erweiterung der Vermittlung psychologischer Basiskompetenzen als unerlässlich. Notwendig wären nicht nur eine gezielte Überarbeitung der Inhalte, sondern auch des zeitlichen Umfangs. Zudem finden sich im Bereich Psychologie/Kommunikation kaum bis keine Fortbildungen, die für zahnärztliches Fachpersonal zugänglich sind. Eine Öffnung der bestehenden Fortbildungen auch für ZMPs und DHs als ergänzendes Angebot oder das Angebot eigenständiger Fortbildungen und Workshops wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung. Nichtsdestotrotz kann ein Halbtageskurs nur Einblicke liefern und den Fokus auf einzelne Elemente lenken.
Denkbar wären darüberhinaus in kleinerem Rahmen Teamcoachings mit entsprechenden Referenten. Was voraussetzt, dass das jeweilige Praxisteam mit allen Beteiligten geschlossen dahintersteht.
Was kann das Personal überhaupt leisten? Mit welchen Tools und Handlings kann es dabei unterstützt werden?
Ein empathisches und authentisches Auftreten gegenüber den Patienten ist die Ausgangsbasis. Ruhe und Sicherheit ausstrahlen nimmt oft schon viel Druck aus mancher Situation, erweist sich im Praxisalltag aber oft als Balanceakt. Zeitdruck, Personalausfälle, Behandlungen die ggf. anders verlaufen als geplant sind Stellschrauben, die Ressourcen ziehen – in der Assistenz häufig noch mehr als im Prophylaxebereich. Dennoch ist gerade in der Prophylaxe die Kommunikation ein ganz großer Schlüssel. Und mit entsprechenden Grundlagen in patientenzentrierter Gesprächsführung – analog der klientenzentrierten Gesprächsführung aus der klinischen Psychologie – können hier beide Seiten mental entlastet werden.
Wie nehmen Sie in Ihrem Arbeitsalltag selbst Rücksicht auf die speziellen Bedürfnisse von Angstpatienten und wie schaffen Sie Vertrauen?
Ich gehe bei mir unbekannten Patienten von vornherein grundsätzlich erst einmal von einem potenziellen Angstpatienten aus. Ein Teil kommuniziert es direkt, viele maskieren aber auch. Die Körpersprache verrät da schon sehr viel. Grundsätzlich gehe ich mit dem Patienten die Anamnese noch mal kurz durch und lasse den Patienten erzählen. Diese drei bis fünf Minuten muss ich erstmal von meinem Zeitbudget abknapsen, spare sie aber am Ende an diversen anderen Stellen wieder ein. Wichtig ist mir von Beginn an eine klare, aber trotzdem lockere Kommunikation auf Augenhöhe. Wir bekommen von den Patienten im Prinzip ja immer einen Vertrauensvorschuss. Im Gegenzug bekommen die Patienten von mir ganz klare Regeln genannt, an die ich mich konsequent halte. Die Kontrolle liegt somit komplett beim Patienten, auch das sage ich explizit dazu. Das Einhalten dessen, was besprochen wurde – ehrliche Kommunikation, nichts Versprechen was nicht eingehalten werden kann und das Nichtüberschreiten meiner vorab gesetzten Grenzen – sind aus meiner Sicht die Werkzeuge, mit denen ich sehr viel Vertrauen aufbauen kann.
Stopp heißt Stopp. Ob der Weg danach einfach Pause und weiter oder Plan B oder C heißt, wird gemeinsam entschieden. Und: Schmerz ist immer ein subjektives Empfinden und somit für mich nicht verhandelbar. Oft wechseln die Patienten dann bei längeren Behandlungen und mit zunehmender Entspannung auch völlig unbewusst ins Du.
Vielen Dank für den interessanten Einblick und alles Gute!
¹ Prophylaxe Impuls 03/2026