Branchenmeldungen 09.10.2026
Kritik üben, Mut machen – FVDZ diskutiert die Zukunft der Freiberuflichkeit
share
„Wir dürfen uns unseren eigenen Beruf nicht schlechtreden.“ Mit diesem Appell begrüßte Dr. Andreas Koch, Vorsitzender des FVDZ-Landesverbandes Hessen, die Teilnehmer der Hauptversammlung in Kassel. Vom 8. bis 10. Oktober beschäftigt sich der Freie Verband Deutscher Zahnärzte dort mit der Zukunft der Versorgung, den Bedingungen freiberuflicher Tätigkeit und dem eigenen Verbandskurs. Koch benannte die Belastungen der Praxen deutlich. Steigende Kosten, zunehmende Bürokratie und eine Gebührenordnung, die mit der wirtschaftlichen Entwicklung nicht Schritt halte, verlangten politische Antworten. Wer eine flächendeckende Versorgung sichern wolle, müsse auch die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Zahnärztinnen und Zahnärzte bereit seien, eigene Praxen zu gründen oder bestehende zu übernehmen. Doch bei der Kritik wollte Koch es nicht belassen. So erinnerte er an die Gestaltungsmöglichkeiten, die eine eigene Praxis bietet, an fachliche Unabhängigkeit und die persönliche Verantwortung für Patienten und Mitarbeiter. Gerade gegenüber jungen Kolleginnen und Kollegen dürfe berechtigter Ärger über die politischen Rahmenbedingungen nicht dazu führen, dass die Niederlassung vor allem als Belastung wahrgenommen werde. Vielmehr sei auch der Berufsstand selbst gefordert, die Chancen der Freiberuflichkeit wieder selbstbewusster zu vermitteln.
„Freiberuflichkeit ist kein Modell von gestern. Sie ist ein Modell für morgen.“
In den anschließenden Grußworten warben auch BZÄK-Präsidentin Dr. Romy Ermler und der KZBV-Vorsitzende Martin Hendges dafür, gemeinsam für die Zukunft der Freiberuflichkeit einzutreten. Einen Blick über die Landesgrenzen eröffnete Dr. Jean-Philippe Haesler, Präsident der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft SSO, der die Versorgungssysteme beider Länder gegenüberstellte. Während Deutschland seinen Bürgern mehr soziale Absicherung biete, lasse das Schweizer Modell größere individuelle Freiheiten. Ein verbindendes Element sei die Prävention, die in der Schweiz insbesondere durch die früh ansetzende Schulzahnpflege fest verankert sei. Dass größere Eigenverantwortung auch ihre Schattenseiten hat, verschwieg Haesler dabei nicht. Nach seinen Angaben verzichten in der Schweiz rund 450.000 Menschen aus finanziellen Gründen auf notwendige zahnärztliche Behandlungen. Die SSO setze deshalb auf gezielte Unterstützung für diejenigen, die darauf angewiesen sind, statt auf eine obligatorische Zahnversicherung für alle. Mit einer ebenso einfachen wie pointierten Frage nahm Haesler schließlich die zunehmende Bürokratie ins Visier. „Wann hat ein zusätzliches Formular zuletzt einen Zahn gerettet?“
Nach der Verleihung der Ehrenmitgliedschaften widmete sich die anschließende Podiumsdiskussion der provokanten Frage „Schaffen wir uns als Zahnärzte ab?“. Unter der Moderation der stellvertretenden FVDZ-Bundesvorsitzenden Dr. Jeannine Bonaventura diskutierten Ermler, Hendges, FVDZ-Bundesvorsitzender Dr. Christian Öttl und Christine Aschenberg-Dugnus, Vorsitzende des Bundesfachausschusses Gesundheit der FDP.
Wie eng die Zukunft der Versorgung mit dem Generationenwechsel verbunden ist, verdeutlichte Öttl später auch bei der Vorstellung der Arbeit des Bundesvorstandes. Mit dem bevorstehenden Ruhestand der geburtenstarken Jahrgänge stehe die Zahnärzteschaft vor einer Entwicklung, die weit über einzelne Praxisübergaben hinausreiche. Viele langjährige Praxisinhaber führten ihre Tätigkeit aus Verantwortung für die Versorgung und für Patienten fort, die sie teilweise seit Jahrzehnten begleiteten. Doch wer wird diese Verantwortung künftig übernehmen? Öttl richtete den Blick auf die nachfolgende Generation, die fachlich gut ausgebildet sei und mit eigenen Vorstellungen von Beruf und Lebensgestaltung in die Zahnmedizin starte. Wer sich niederlasse, übernehme allerdings nicht allein die Verantwortung für die Behandlung, sondern auch für den wirtschaftlichen Erfolg der Praxis, die Beschäftigten und die eigene Familie. Umso wichtiger seien Rahmenbedingungen, unter denen dieser Schritt attraktiv und wirtschaftlich tragfähig bleibe. Dabei erinnerte er auch an die Freiheiten, die mit der Selbstständigkeit verbunden sind. Die eigene Arbeitszeit gestalten, berufliche Entscheidungen unabhängig treffen und Familie und Beruf nach eigenen Vorstellungen miteinander vereinbaren zu können, seien Möglichkeiten, die in der Diskussion über die Belastungen des Praxisalltags häufig zu kurz kämen. Zugleich gab er zu bedenken, dass es auch für die zahnärztliche Tätigkeit im Angestelltenverhältnis Menschen brauche, die Praxen führen und Arbeitsplätze schaffen. Junge Kolleginnen und Kollegen für die Niederlassung zu gewinnen und sie zugleich zur berufspolitischen Mitgestaltung zu ermutigen, war deshalb ein zentrales Anliegen seines Beitrags.
Wie ein Verband diese Bereitschaft fördern kann, griff Dr. Jeannine Bonaventura auf. Ihre Rede war ein Plädoyer dafür, junge Menschen nicht nur für die Berufspolitik gewinnen zu wollen, sondern ihnen zuzuhören, ihre Anliegen ernst zu nehmen und ihnen konkrete Möglichkeiten zur Mitgestaltung zu eröffnen. Studierende, angestellte Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie junge Praxisgründer müssten erleben können, was der Verband für sie bewegt und welchen Beitrag sie selbst leisten können. Dass aus einer solchen Beteiligung ganz praktische Angebote entstehen können, zeigte sie am Beispiel Sachsens. Nachdem Studierende beim HV-Planspiel einen unkomplizierten und kostengünstigen Zugang zu Übungszähnen angeregt hatten, organisierte der Landesverband einen entsprechenden Automaten an der Universität Leipzig. Für Bonaventura war dies ein Beispiel dafür, wie aus dem Zuhören ein konkreter Nutzen entstehen und der Verband im Alltag des Nachwuchses sichtbar werden kann. Zugleich warb sie dafür, Zahnärztinnen stärker zu Wort kommen zu lassen und den veränderten Lebens- und Arbeitsmodellen innerhalb des Berufsstandes Rechnung zu tragen. Die Vereinbarkeit von Familie und Selbstständigkeit sowie der Zugang zu Führungsverantwortung seien keine Randthemen, sondern Fragen, die über die Zukunft der gesamten Zahnärzteschaft mitentscheiden. Ihr Anliegen brachte sie schließlich mit einer Frage auf den Punkt. „Wollen wir einen Verband verwalten, wie er einmal war? Oder wollen wir einen Verband gestalten, den Menschen auch morgen noch brauchen?“
Bis Samstag stehen in Kassel weitere Beratungen und Beschlüsse an. Neben versorgungspolitischen Fragen bildet die Prävention einen Schwerpunkt der Tagesordnung. Auch Haushaltsfragen, Satzungsänderungen und Anträge werden die Delegierten beschäftigen.
Fazit
Die Hauptversammlung macht mehr als deutlich, wie eng die Zukunft der Freiberuflichkeit mit der Frage verbunden ist, ob es gelingt, junge Zahnärztinnen und Zahnärzte für die eigene Praxis und die berufspolitische Mitgestaltung zu begeistern. Budgetierung, zunehmende Bürokratie und politische Unsicherheit machen ihnen die Entscheidung für eine Niederlassung nicht gerade leicht. Umso wertvoller ist ein Verband, der die Fahne der Freiberuflichkeit hochhält und zugleich bereit ist, sich mit den Wünschen, Erwartungen und Lebensentwürfen der nächsten Generation auseinanderzusetzen.
Dass der FVDZ mit seiner mehr als 70-jährigen Geschichte seine Zukunft gemeinsam mit dem Nachwuchs gestalten will, ist in Kassel deutlich zu spüren. Der Wille, jungen Menschen zuzuhören, ihre Ideen ernst zu nehmen, ihnen den Einstieg in die Berufspolitik zu erleichtern und Verantwortung zuzutrauen, zieht sich durch die Beiträge und wird vom Bundesvorstand mit Überzeugung vertreten. Besonders erfreulich ist, dass es dabei nicht allein um gute Absichten geht. Konkrete Angebote, persönliche Ansprache und die Offenheit für neue Wege zeigen, wie Nachwuchsarbeit gelingen kann. Dieses Engagement verdient Anerkennung und macht Mut. Es bleibt zu wünschen, dass es möglichst viele junge Kolleginnen und Kollegen erreicht und sie dazu ermuntert, ihren Berufsstand aktiv mitzugestalten. Denn Freiberuflichkeit braucht Menschen, die für sie eintreten, sie weiterentwickeln und vor allem gerne leben.