Branchenmeldungen 02.10.2026

Raus aus der Nische: Scheitern in Deutschland

In Deutschland definieren wir Erfolg stark über Sicherheit und einen geraden, lückenlosen Lebenslauf. Ein gescheitertes Unternehmen passt da nicht rein, es wirkt wie ein Bruch und wird schnell als Unfähigkeit der handelnden Person gedeutet. Wir sind allerdings der Auffassung, dass dahinter unzählige Gründe und Herausforderungen stecken, die eine gründende Person kaum alle gleichzeitig im Griff haben kann: Finanzierung, Teamdynamik, Marktumfeld, Regulatorik und vieles mehr. 

Raus aus der Nische: Scheitern in Deutschland

Foto: Sean Wallace-Jones – stock.adobe.com

Es gehört auch eine Portion Glück und Timing dazu, damit aus einer Neugründung nach einigen Jahren ein profitables Unternehmen wird. In den USA gilt genau der Umgang mit diesem Risiko als Beweis, dass jemand ins Ungewisse gegangen ist und daraus gelernt hat.

Wir kommen aus dem Sport, und dort ist die Haltung längst eine andere: Kein/e Profiathlet/-in gewinnt jedes Spiel, Niederlagen sind Teil des Wegs und der wichtigste Grundstein für die nächsten Erfolge. Daher müssen wir vor allem die Sprache ändern: Solange wir von „Pleite“ statt von „Erfahrung“ sprechen, bleibt der Makel im Kopf. Es braucht mehr sichtbare Vorbilder, die offen erzählen, was schiefgelaufen ist, was sie daraus gelernt haben und was sie dann im Nachgang aufgebaut haben. Das sind die Storys, die zählen, die Stärke zeigen und normalisieren, dass Erfolg keine Gerade ist.

Was macht die deutsche Fehlerkultur mit uns? Die größte Folge ist, dass viele gar nicht erst gründen. Wer Scheitern als persönliches Versagen fürchtet, wählt lieber den sicheren Weg, und damit verlie­-ren wir Ideen, bevor sie überhaupt existieren. Wer trotzdem gründet, denkt oft zu klein und zu vor­sichtig, weil das Risiko so schwer wiegt. Und wer einmal gescheitert ist, bekommt beim zweiten Anlauf häufig schwerer Kapital und Vertrauen, obwohl genau diese Person am meisten gelernt hat. Für den Innovationsstandort ist das teuer, denn da­-durch könnten uns genau die guten Gründer/-innen im System verloren gehen.

Wir als Gründer sagen: Ein Scheitern in der Histo­rie ist kein Ausschluss, im Gegenteil, es kann ein echtes Plus sein. Entscheidend ist, wie jemand mit dem Scheitern umgeht. Zum Pluspunkt wird es, wenn Gründer/-innen klar benennen können, was schiefgelaufen ist, welchen Anteil sie selbst daran hatten und was sie zukünftig konkret anders machen werden. Reflexion statt Ausreden. Dann bekommen wir Gründer/-innen, die die teuren Lek­tionen schon hinter sich haben und beim nächsten Mal schneller und klüger bauen. Genau diese Reife sehen wir auch bei Athlet/-innen nach einer Ver­letzung oder einer sportlichen Niederlage: Wer ­einmal am Boden war und wieder aufgestanden ist, bringt eine unglaubliche Widerstandskraft mit, die nicht so einfach zu finden ist. Nach geschei­-terten Gründungen sollten wir viel mehr auf das sportliche „Come back stronger!“ setzen.

Zur Person


Mattis Hecht ist Mitgründer von Athlete Capital, einem Karrierenetzwerk für Profisportler. www.athlete-capital.de

Autor: Matthis Hecht

ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis 07/26

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