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Psychologie 21.02.2011

Der ungepflegte Patient: Was kann man tun?

Der ungepflegte Patient: Was kann man tun?

Es gibt unter den Patienten immer wieder vereinzelte Personen, die es mit der Hygiene im Allgemeinen und mit der Mundhygiene im Besonderen nicht allzu genau nehmen. Bis zu einem gewissen Maß nehmen Zahnarzt und Team dies hin. Ist es jedoch so schlimm, dass der Patient ein Ekelgefühl erregt, muss gehandelt werden. Ansonsten droht die Gefahr, dass der Patient unfreundlich behandelt wird und die Zahngesundheit und -schönheit leidet.

In der letzten Ausgabe der ZWP wurde der Umgang mit extrem sauberkeitsorientierten Patienten beleuchtet. Doch auch das andere Extrem ist in der Zahnarztpraxis zu finden. Zum einen können Patienten vorkommen, die schon von ihrem äußeren Erscheinungsbild ungepflegt sind. Sie legen keinen Wert auf ihr Aussehen, die Kleidung ist schmuddelig, die Haare haben lange kein Wasser gesehen und die Zähne wissen nicht einmal mehr, was eine Zahnbürste ist. Es kann aber auch durchaus sein, dass der Patient auf den ersten Eindruck einen sehr gepflegten Eindruck macht, die Mundhygiene jedoch stark zu wünschen übrig lässt. Beide Patienten, sowohl der „äußerlich Ungepflegte“ als auch der „äußerlich Gepflegte“, sollten im Rahmen des Möglichen darauf angesprochen werden.

Ursachen

In den seltensten Fällen werden wir es mit Menschen zu tun haben, die unter Ablutophobie oder Aquaphobie leiden, der Angst vor dem Waschen oder vor Wasser. Diese Patienten würde der Zahnarzt sehr schnell daran erkennen, dass sie mehr vor dem Wasserstrahl als vor dem Bohrer zurückschrecken.

Bei dem „äußerlich ungepflegten“ Patienten kann das Auftreten viele Gründe haben. Erscheint der Patient insgesamt in seiner Art verlangsamt, traurig und antriebsarm? Dann könnte es sich durchaus um eine psychische Krankheit wie Depression handeln. Aber auch andere psychische Krankheiten kommen infrage, da eine Reihe von Psychopharmaka den Patienten die Energie rauben. Diese Menschen sind kaum in der Lage, sich im Leben zu orientieren. Jeder Schritt ist ein enormer Aufwand, alles erscheint zu viel. Was der gesunde Mensch mit Aufstehen, Waschen, Arbeiten, Kochen, Einkaufen oder Sport als Routine in den Tag integriert, ist für den psychisch geschwächten Menschen eine enorme Hürde. Wenn es für den normalen Menschen mühsam erscheint, einen Zweitausender hinaufzuwandern, so stellt sich für den antriebsarmen Menschen schon der Gang vom Bett ins Bad als ähnliche Herausforderung dar. Körperhygiene und Mundhygiene treten in den Hintergrund.

Der „äußerlich gepflegte“ Patient mit dem schlechten Pflegezustand der Zähne weiß es häufig nicht besser. Dazu zählen ältere Patienten, die noch die ersten Zahnbürsten für die breite Masse in den 1940er-Jahren erlebt haben. Aber auch jüngere Patienten fragen häufig, wieso es denn vor einigen Jahren anscheinend auch ohne Zahnseide, Ultraschall und Prophylaxe ging. Die Vorteile der umfassenden Pflege haben sich diesen Patienten noch nicht einleuchtend erschlossen. Die Bereitschaft und die Energie, sauber und hygienisch zu sein, sind jedoch vorhanden.

Umgang

Eine Zahnarztpraxis kann dem „äußerlich ungepflegten“ Patienten nicht wirklich helfen, wenn das Problem stark psychischer Natur ist. In diesem Kontext fehlt der Einblick in die eigentliche Ursache. Letztendlich würde der Zahnarzt den Patienten mit jeder weiteren Maßregelung oder Arbeitsanweisung zur Zahnpflege zusätzlich überfordern.

Auch wenn es aufgrund der hygienischen Bedingungen schwerfällt, ist es für die Betroffenen am wichtigsten, sich angenommen zu fühlen. Die Zahngesundheit sollte im Vordergrund stehen, nicht die Ästhetik und vor allem nicht das Geld. Patienten lassen sich durchaus zu Implantaten und Ähnlichem überreden, da sie einfach nicht den Willen haben, zu widersprechen. Aber sie sind weiterhin nicht fähig zur Pflege und werden Ihnen die schöne Arbeit auch nicht danken. Wer sich äußerlich nicht pflegt und wem sein Aussehen relativ egal ist, der wird sich auch nicht um die neuen Zähne kümmern. Bieten Sie stattdessen regelmäßige Prophylaxetermine an. Meist ist es den Patienten eher möglich, sich einmal im Monat zum Zahnarzt zu begeben als täglich gründlich auf sich zu achten.

Anders sieht es bei dem „äußerlich gepflegten“ Patienten aus. Hier kann der Zahnarzt den schlechten Zustand der Zähne durchaus ansprechen – aber bitte positiv formulieren. Die Aussagen „das sieht ja schrecklich unhygienisch aus“ oder „da haben wir noch eine Baustelle“ helfen dem Patienten nicht weiter. Er muss wissen, was machbar ist. Eher überzeugen Sätze wie „hier können wir noch viel mit einer gründlichen Prophylaxe erreichen“ oder „wenn diese drei Zähne noch gemacht werden, ist alles perfekt“. Sie erzeugen weniger Abwehr.

Nehmen Sie sich die Zeit, dem Patienten die Varianten der Zahnhygiene genau zu erläutern. Viele Menschen wissen immer noch nicht, welchen Sinn Zahnpflege hat, wenn sie über das Zähneputzen hinausgehen soll. Der Patienten muss z.B. an Modellen den Unterschied zwischen einer einfachen Bürste und einer Zwischenraumbürste erkennen. Dass ein Zahn auch durchaus noch Seitenflächen hat, die an den nächsten Zahn angrenzen, ist einigen in dem Sinne gar nicht bewusst. Nur Zahnseide kann hier helfen. Was kann die Prophylaxe, was die Zahnbürste nicht kann? Nutzen Sie immer wieder Worte wie schön, weiß, sauber, gesund. Der Patient wird Ihnen folgen und ist vielleicht im weiteren Schritt kosmetischen Maßnahmen gegenüber nicht abgeneigt.

Fazit

Ob durch psychische Krankheiten oder Unwissen, der Patient braucht eine individuelle Behandlung und Beratung. Jeder Mensch hat seine Lebensgeschichte und jedes Verhalten hat seine begründeten Ursachen. Diese zu ergründen soll nicht Aufgabe des Zahnarztes sein. Die Mundhygiene kann in den meisten Fällen verbessert werden. Bei einigen Patienten bedarf es regelmäßiger Termine, andere benötigen eine umfangreiche Beratung und die nächsten kommen von selbst darauf. Wenn es bei dem antriebsarmen Patienten auch nur zu kleinen Verbesserungen in der Mundhygiene kommt, ist dies als großer Erfolg zu verbuchen. Der unwissende Patient erweitert sein Wissen und kann dies umsetzen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass schon solche Veränderungen manchmal grundlegende Wandlungen im Leben dieser Menschen bewirken können. Die Patienten machen sich doch einmal Gedanken um ihre Erscheinung, gehen mehr aus sich heraus, werden selbstsicherer oder lachen offener. Und an diesem Punkt hat der Zahnarzt schon weit mehr für den Patienten getan als es der Beruf auf den ersten Blick vermuten lässt.

Dr. Lea Höfel

Foto: © Shutterstock.com

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