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Psychologie 28.02.2011

Gesichtsästhetik im Fokus der Evolution

Dr. Lea Höfel
Dr. Lea Höfel
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Gesichtsästhetik im Fokus der Evolution

Das Thema „Schönheit“ hat schon Zeitgenossen verschiedenster Epochen beschäftigt. Die  Venus von Willendorf hatte vor 27.000 Jahren eine überaus üppige Figur. In der Antike durfte Aphrodite hingegen kein Gramm Fett zu viel aufweisen. Während im Mittelalter die zarte Figur bevorzugt wurde und das Schminken eher als heidnisch galt, war Kleopatra bekannt für ihre Schönheitsexperimente und Schminktinkturen.

In der Renaissance wurde es sportlicher und im barocken Zeitalter waren füllige Formen wieder gefragt. Im weiteren Verlauf sollte sich die Idealfigur noch mehrfach ändern – auffallend ist hierbei, dass die Schönheit des Gesichts kaum Wandlungen unterlag.

Das Gesicht als Forschungsprojekt der Attraktivität hat in den letzten 20 Jahren enorm an Popularität gewonnen. Das Thema wird gerne diskutiert und häufig kommt es zu hitzigen Diskussionen, wenn die Wissenschaft Attraktivität auf basale Mechanismen der Fortpflanzung jenseits jeder ethisch-moralischen Über­legung degradiert. So erscheint es, dass wir jene Menschen als schön empfinden, die als potenzielle Partner infrage kommen – mit dem Ziel, möglichst viele und gesunde Kinder in die Welt zu setzen. Besonders das Gesicht ist ein Spiegel der Fortpflanzungsfähigkeit. Große Augen deuten auf Jugend hin, hohe Wangenknochen und volle Lippen auf sexuelle Reife und glatte Haut auf Gesundheit (Buss, 2003).

Gesicht als Spiegel der Fortpflanzungsfähigkeit

Seit vielen Tausend Jahren gelten die überwiegend gleichen Merkmale, was Schönheit anbelangt. Wir schauen einer Person als erstes ins Gesicht, bevor Oberkörper, Taille, Hüfte und Beine ins Visier genommen werden (Hassebrauck, 1998).



Augenbewegungsstudien haben gezeigt, dass als erstes die Augen angeschaut werden. Sind sie groß, glänzend und von langen dunklen Wimpern umgeben, macht das sofort einen guten Eindruck. Weiter wandert der Blick zum Mund. Hier sind volle und faltenlose Lippen von Vorteil. Lächelt die Person, sind weiße und gerade Zähne ein Blickfang. Schlussendlich wird die Nase begutachtet. Sie sollte möglichst klein und unauffällig sein. Das Gesicht des Mannes muss insgesamt etwas markanter ausfallen als das der Frau, ansonsten wirkt er nett, aber nicht unbedingt attraktiv. Das Gesicht ist der „physikalische Marker“ für Fortpflanzungsfähigkeit – wir schauen uns die Regionen an, die die besten Hinweise geben. Da Männer und Frauen in der Fortpflanzung offensichtlich unterschied­liche Aufgaben haben, sollten die Gesichter auch unterschiedlich beurteilt werden.

Wir haben in einer Studie Studenten befragt, was sie unter einem schönen ästhetischen männlichen und weiblichen Gesicht verstehen (Höfel, 2008; Abb. 1). Das typische ästhetische männliche Gesicht sollte demnach markant, kantig und eckig sein. Ein hoher Testosteronwert beim Mann bewirkt, dass die Gesichtskonturen härter werden. Gleichzeitig bewirkt die Hormonflut, dass der Mann stark ist, sich gut gegen Rivalen durchsetzen kann und möglichst widerstandsfähige Kinder zeugt. Zum Übel der Frau unterstützt der Testosteronwert leider auch, dass der Mann eventuell seine Gene weitläufig verstreut. Das typische weibliche Gesicht ist zart, lieblich, weich und niedlich. Die Frau wirkt jugendlich, unberührt und bereit für eine Schwangerschaft. Zusätzlich erweckt ihr Aussehen im Mann den Beschützerinstinkt, sodass er eventuell doch treu bei seiner Familie bleibt. Der Zusammenhang zwischen der Beurteilung von Schönheit und den Gesetzen der Fortpflanzung kann nicht mehr geleugnet werden.

Zeitliche Wahrnehmung

Wie schnell nehmen wir die kantigen Gesichtszügen eines Mannes oder die zartgeschwungen Wangen einer Frau wahr? In einer EEG-Studie wurde genau dies untersucht (Roye, Höfel & Jacobsen, 2008; Abb. 2). Versuchspersonen beurteilten am Bildschirm die Attraktivität von männlichen und weiblichen Gesichtern. Bei männlichen Gesichtern wurde das Urteil am schnellsten gefällt. Erschien ein subjektiv empfunden „nicht schönes“ männliches Gesicht, so zeigte sich das in der Hirnaktivität zwischen 280 und 440 ms nach Erscheinen des Gesichts. Die Beurteilung eines weniger attraktiven weiblichen Gesichts setzte etwas später ein und dauerte länger (520–1.200 ms). Wir benötigen demnach nicht einmal 1,5 Sekunden, um ein eher hässliches Gesicht als solches zu entlarven. Aspekte wie Sympathie, Freundlichkeit oder Humor spielen dabei keine Rolle. Es werden syste­matisch die Gesichtsmerkmale Augen, Mund und Nase gescannt und schon ist das Urteil gefällt. Auffallend ist hierbei, dass bei Männern auch sehr schnell auf das Kinn geschaut wird. Dies macht wiederum Sinn, wenn wir bedenken, dass ein attraktives männliches Gesicht kantig sein sollte. Wo könnte man das besser erkennen als am Kinn? Dieser Umstand erklärt auch, warum die Beurteilung von männlichen Gesichtern schneller geht. Ein Blick zum Kinn reicht aus.

Die Beurteilung von Schönheit, und hier besonders von Gesichtsästhetik, unterliegt klaren evolutionspsychologischen Mechanismen. Wir scannen ein Gesicht, schätzen die Fortpflanzungsfähigkeit ein und kommen dadurch zu unserem Urteil. Dieser Mechanismus läuft schnell und unbewusst ab. Merkmale, die bei unseren Vorfahren wichtig für die Erhaltung der Art waren, werden heute noch genauso wahrgenommen und interpretiert. Der Mensch wird glücklicherweise jedoch nicht nur nach seinem Äußeren beurteilt. Sozialisationsprozesse und Erfahrungen im Leben führen dazu, innere Werte eines Menschen zu beachten und in die Gesamteinschätzung einzubeziehen.

Die letztendliche Beurteilung einer Person hängt zusätzlich von Interessen, Intellekt, Gemeinsamkeiten und Ähnlichem ab. Ein attraktives Gesicht kann viele Türen öffnen – ein schlechter Charakter verschließt sie für immer.

Eine ausführliche Literaturliste finden Sie hier.


Foto: © Shutterstock.com

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