Kieferorthopädie 11.08.2026

Frühbehandlung einer skelettalen Klasse III mit Alignern



Die Behandlung der skelettalen Klasse III im Wachstumsalter stellt nach wie vor eine therapeutische Herausforderung dar. Insbesondere bei Patienten mit progenem Formenkreis und frontalem Zwangsbiss besteht ein funktioneller Therapiebedarf.

Frühbehandlung einer skelettalen Klasse III mit Alignern

Foto: Dr. Udo Windsheimer

Während klassische Frühbehandlungen häufig mit herausnehmbaren funktionskieferorthopädischen Geräten oder festsitzenden Multibracketapparaturen erfolgen, gewinnen Aligner-Systeme zunehmend an Bedeutung – auch im Wechselgebiss. Präziser digitaler Workflow mit digitalem Scannen und digitaler Behandlungsplanung, gute Mundhygiene, hohe Ästhetik, verbesserte Compliance durch Visualisierung des Therapieziels sowie telemedizinische Betreuung eröffnen neue Möglichkeiten. Der vorliegende Case Report beschreibt die erfolgreiche Frühbehandlung einer Angle-Klasse III mit frontalem Kreuzbiss und Zwangsbiss unter Einsatz eines Alignerbasierten Therapiekonzeptes.

Ausgangsbefund

Anamnese und Erstvorstellung

Der Patient stellte sich am 3. Februar 2025 zur kieferorthopädischen Erstberatung vor. Allgemeinanamnestisch ergaben sich keine relevanten Besonderheiten.

Bereits klinisch zeigte sich ein frontaler Kreuzbiss im Bereich der Zähne 11 und 21 mit funktionellem frontalem Zwangsbiss mit anteriorem Vorschub des Unterkiefers beim Schlussbiss. Die habituelle Okklusion war nur unter Zwangsführung erreichbar.

Funktionelle okklusale Analyse

Das funktionelle Screening ergab:

  • frontaler Zwangsbiss mit deutlicher Abweichung CO – CRAbrasionen in der Front
  • Abrasionen in der Front

Zahnstatus und Entwicklungsstand

Der Patient befand sich in der Ruhephase des Wechselgebisses:

  • bleibende Frontzähne im Ober- und Unterkiefer vollständig durchgebrochen
  • Milchstützzone OK/UK vollständig vorhanden
  • erste Molaren (6er) durchgebrochen
  • zweite Molaren (7er) noch nicht in Eruption
  • Weisheitszähne angelegt
  • leicht verzögerte Dentition (Dentition tarda)

Die sagittale Abweichung manifestierte sich klinisch durch:

  • frontalen Kreuzbiss 11-21/32-42

Diagnostische Maßnahmen

Zur vollständigen Befunderhebung wurde eine umfassende Anfangsdiagnostik durchgeführt:

  • Orthopantomogramm (OPG)
  • Fernröntgenseitenbild (FRS)
  • Intraoralscan OK/UK in HIK
  • intraorale und extraorale Fotodokumentation

Die zephalometrische Analyse bestätigte den progenen Formenkreis.

Therapieplanung

Auf Basis der Diagnostik wurde die Indikation zur kieferorthopädischen Frühbehandlung gestellt. Die Ziele der Behandlung wurden wie folgt festgelegt:

  1. Überstellung des frontalen Kreuzbisses
  2. Beseitigung des funktionellen Zwangsbisses nach ventral
  3. Entlastung der Kiefergelenke
  4. Harmonisierung der Frontzahnstellung
  5. Frühzeitige sagittale Korrektur zur Wachstumslenkung

Die Behandlung wurde mit dem Clarity Aligner FLEX von Solventum durchgeführt. Das Clarity Portal ermöglicht die Auswahl zwischen den Clarity Alignern FLEX sowie FORCE, einem rigideren Aligner-Material mit minimal höherer Schichtdicke. In diesem Fall wurde bewusst das FLEX Material gewählt, da es sich um einen heranwachsenden Patienten handelt und die flexible Materialeigenschaft für diese Altersgruppe besonders geeignet ist. Die digitale Behandlungsplanung wurde mittels der herstellereigenen Software durchgeführt. Insgesamt wurden 20 aktive Aligner im Oberkiefer und Unterkiefer vorgesehen.

Digitale Planung und Biomechanik

Die virtuelle Set-up-Planung umfasste:

  • sagittale Frontkorrektur mit Proklination 11, 21, Ausformung 12-22
  • Rotations- und Torquekontrolle
  • Klasse III-Elastics zur Kontrolle der UK-Ventralentwicklung
  • erhöhte Trimline im OK/UK
  • keine Bewegung der Milchstützzone im OK/UK

Zur Optimierung der Kraftübertragung wurden Clarity Precision Grip Attachments geplant und nach dem Bonding-Protokoll adhäsiv mit Grip Attachment Template geklebt.

Folgende Attachments wurden zur adhäsiven Befestigung vorgesehen:

  • 12, 22, 42: Extrusionsattachments (Clarity Precision Grip)
  • 32: Rotationsattachment (Clarity Precision Grip)
  • 16, 63, 26, 74, 84: Verankerungsattachments (Clarity Precicion Grip)
  • laterale Bite Blocks an 16, 26
  • Bite Ramps an 12 bis 22, um die anteriore Disklussion zu unterstützen.

Zusätzlich wurde eine intermaxilläre Klasse III-Mechanik mit Gummizügen integriert. Dafür wurden Buttons an 55, 65 adhäsiv mit Cut-out bukkal 55, 65 befestigt und Hooks im Aligner an 73, 83 mit Verankerungs-Attachments an 16, 26 und 74, 84 eingeplant.

Klinischer Ablauf

Einsetzen der ersten Aligner

Vor der Eingliederung erfolgten: eine professionelle Zahnreinigung der Zähne 16-26, 36-46, die Entfernung von Konkrementen, eine fluoridfreie Politur der Labialflächen der Zähne, die für die Clarity Precision Grip Attachments vorgesehen waren, sowie ein präzises Bonding der Clarity Precision Grip Attachments gemäß des step by step Bonding-Protokolls.

Der Patient erhielt außerdem Chews zur Verbesserung der Adaptation, detaillierte Hygieneinstruktionen, eine Tragevorgabe von 22 Stunden täglich, die Vorgabe, alle sieben Tage die Schienen zu wechseln (alle 20 Aligner wurden dem Patienten mitgegeben), sowie eine Instruktion zum Tragen der Klasse III-Gummizüge (3/16 Medium) nachmittags und nachts.

Die Betreuung wurde zusätzlich telemedizinisch über Dental Monitoring begleitet. Wöchentliche Scans ermöglichten eine engmaschige Verlaufskontrolle.

Bild von einem Quotenzeichen
„Nach 20 Wochen zeigte sich die vollständige Überstellung des frontalen Kreuzbisses. Die Front war ausgeformt, der frontale Zwangsbiss aufgelöst und ein physiologischer Overbite und Overjet hergestellt.“

Komplikationen und Management

Nach ca. zwölf Wochen lösten sich ein Attachment an Zahn 16, 12 und ein Button. Diese wurden sofort wiederbefestigt.

Therapieverlauf

Die Compliance des Patienten war sehr gut. Er trug die Elastics konsequent. Die Aligner saßen präzise und es wurden keine relevanten Tracking-Verluste verzeichnet. Nach 20 Wochen zeigte sich die vollständige Überstellung des frontalen Kreuzbisses. Die Front war ausgeformt, der frontale Zwangsbiss aufgelöst und ein physiologischer Overbite und Overjet hergestellt. Die sagittale Relation hatte sich deutlich verbessert.

Abschlussphase

Nach Erreichen der aktiven Ziele wurden nach 20 Wochen:

  • sämtliche Clarity Precision Grip-Attachments entfernt
  • Buttons für die Klasse III-Elastics entfernt
  • passive Aligner zur Stabilisierung und Retention eingesetzt

Die aktive Frühbehandlung konnte im November 2025 abgeschlossen werden. Die Gesamtdauer der Behandlung betrug ca. sechs Monate.

Diskussion

Die Frühbehandlung einer Angle Klasse III im Wechselgebiss verfolgt primär das Ziel, funktionelle Störungen frühzeitig zu eliminieren und ungünstige Wachstumsentwicklungen zu beeinflussen und Kreuzbisse zu überstellen.

Der vorliegende Fall demonstriert mehrere zentrale Aspekte:

  • effektive Überstellung eines frontalen Kreuzbisses mit Alignern
  • Entlastung des Kiefergelenkes
  • Kombination aus Aligner-Therapie und intermaxillärer Mechanik
  • digitale Fernüberwachung zur Optimierung der Effizienz

Besonders bemerkenswert ist die Behandlungsdauer von lediglich sechs Monaten bei gleichzeitig guter Stabilität des Ergebnisses. Die 2. Phase des Wechselgebisses konnte ohne Probleme erfolgen. Aligner im Wechselgebiss werden häufig kritisch diskutiert. Dieser Fall zeigt jedoch, dass bei sorgfältiger Indikationsstellung und präziser digitaler Planung eine effektive sagittale Korrektur möglich ist. Die Kombination aus Grip Attachments und Klasse III-Gummizügen ermöglichte eine kontrollierte dentoalveoläre Bewegung mit funktioneller Stabilisierung.

Die frühe interzeptive Behandlung einer Klasse III mit frontalem Zwangsbiss kann erfolgreich mit einem Aligner-basierten Konzept der Clarity Aligner durchgeführt werden.

Voraussetzungen sind:

  • exakte kieferorthopädische Diagnostik
  • strukturierte digitale Behandlungsplanung
  • Verlaufskontrolle (klinisch/virtuell)
  • gute Compliance

Der hier dargestellte Fall belegt, dass auch im Wechselgebiss eine effiziente, ästhetische und funktionell wirksame Therapie möglich ist – mit kurzer Behandlungsdauer und stabiler Überstellung des Kreuzbisses.

Weitere Autoren: Amelie Windsheimer und Besart Lani 

KN Kieferorthopädie Nachrichten 07/26

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Dieser Beitrag ist in der KN Kieferorthopädie Nachrichten erschienen.

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