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Kieferorthopädie 08.12.2016

Alternative zur 
Vollapparatur

Alternative zur 
Vollapparatur

Dr. Dirk Kujat, Kieferorthopäde aus Groß-Gerau, 
stellt anhand zweier klinischer Fallbeispiele das 
Incognito™ Lite System vor.

War das Fachgebiet der Kieferorthopädie früher meist nur mit der Behandlung von Kindern und Jugendlichen assoziiert, so entscheiden sich heute auch immer mehr Erwachsene zu einer kieferorthopädischen Behandlung. In den letzten Jahrzehnten stiegen dabei das Bedürfnis nach ästhetischen Lösungen und die Erwartungshaltung der Patienten an die Behandlung. Der Wunsch nach weniger sichtbaren bzw. sogar unsichtbaren Apparaturen wurde laut. So kamen immer wieder neue Ideen und Entwicklungen auf den Markt, mit denen versucht wurde, dieser Nachfrage gerecht zu werden. Dazu gehören Miniaturbrackets, Keramikbrackets und schließlich auch unsichtbare Behandlungssysteme. Im Rahmen der kieferorthopädischen Entwicklung wurden schon vor fast 40 Jahren auch die ersten lingualen Bracketsysteme in Japan und in den USA entwickelt. Diese Methode wurde aufgrund nicht zufriedenstellender Resultate zuerst jedoch nicht weiter verfolgt. Später wurde im Rahmen der gestiegenen ästhetischen Anforderungen, besonders in Europa, diese Idee weiter forciert. Heute finden sich viele verschiedene Systeme von einfachen Techniken bis zu Systemen für komplexe Behandlungen mit vollkommen individuellen Lösungen.

Auch durch Korrekturen im Frontzahnbereich (Social Six) wurde eine erneute Nachfrage ausgelöst, die ebenfalls durch verschiedene  Techniken befriedigt werden kann. Die hohe Anzahl verschiedener Behandlungsmöglichkeiten mit Vor- und Nachteilen lassen die Wahl manchmal schwer fallen. Häufig haben Patienten mit hohen ästhetischen Ansprüchen auch nur ein enges Zeitfenster für die Behandlung. Sie erwarten die Korrektur in wenigen Monaten und dies unsichtbar. Viele dieser Patienten sind aber dabei durchaus bereit, die höheren Kosten für eine ästhetische Lösung in Kauf zu nehmen. So liegen die Materialkosten für eine OK/UK 7-7 Incognito™ Apparatur (Firma 3M) z. B. bei rund 2.000 Euro zzgl. MwSt. Einige Fehlstellungen, vor allem im Frontzahnbereich, können mit dem Incognito Lite System sehr gut behandelt werden. Durch Reduzierung der Materialkosten und aufgrund der verkürzten Behandlungszeit (ca. sechs bis neun Monate) stellt diese eine kostengünstige Alternative zur  Vollapparatur dar (ab 490 Euro zzgl. MwSt.). Es ist somit die Kunst des Behandlers, die Wünsche des Patienten mit den speziellen Anforderungen des Behandlungsfalls zu kombinieren, um dessen Erwartungen zu erfüllen.

Für die Lingualtechnik spricht neben den ästhetischen Ansprüchen der Patienten auch das geringere Entkalkungsrisiko. Seit 2007 haben wir über 150 Patienten mit Lingualtechnik in unserer Praxis behandelt. Bei einem Großteil der Patienten werden bei uns individuell hergestellte Systeme eingesetzt. Neben Voll- und Hybridfällen (Mischung linguale und bukkale Technik) werden seit 2012 auch sogenannte „Lite“-Fälle behandelt. Zwischenzeitlich wurden auch 2D-Systeme versucht, aber bisher hat uns nur das Incognito System überzeugt. In einer Mischpraxis mit Bukkal-, Lingual- und Alignertechnik ist es wichtig, dass der zeitliche Aufwand reduziert ist. Je besser prognostizierbar die Behandlung ist und man sein System beherrscht, umso effektiver kann der Behandlungsablauf gestaltet werden. Das Incognito Lite System kann wie andere Systeme für Korrekturen im Frontzahnbereich im Bereich 3-3 verwendet werden. Unsere Erfahrung ist, dass es von ästhetisch anspruchsvollen Patienten häufig bei Rezidivbehandlungen gewählt wird. Die Korrektur kann dann sehr unauffällig und in der Regel mit einem sehr guten Kosten-Nutzen-Verhältnis erfolgen. Mit einem individualisierten System ist eine gute Vorhersagbarkeit der Parameter Torque, In/Out und Angulation möglich. Durch die digitale Planung ist auch der Parameter Zahngröße besonders sicher bestimmbar und nötige Korrekturen lassen sich vor der Behandlung mit dem Patienten und ggf. auch mit den Überweisern besprechen (Reduktion der Zahngröße im Unterkiefer oder Aufbau der Zähne im Oberkiefer). Seit 2012 ist das Incognito Lite System auch als Splintversion (4-4 mit Splint auf 5) auf dem Markt und erleichtert hiermit die Verankerungsplanung für die Behandlung.

Im ersten Behandlungsfall, der an dieser Stelle kurz vorgestellt wird, sollte ein tertiärer Engstand korrigiert werden. Es wurde Incognito Lite mit Splint gewählt, da im Unterkiefer keine Protrusion erfolgen durfte (eine Behandlung im Oberkiefer wurde nicht gewünscht). Erleichtert wird die Behandlungsplanung durch die schon im Rahmen des Set-ups festgelegten ASR-Werte (Stripping Chart; Abb. 4). Aber auch für komplexe Behandlungsfälle kann das System in Erwägung gezogen werden. Der Wunsch nach Behandlung im Frontzahnbereich ist für viele unserer erwachsenen Patienten ein Grund, den Kieferorthopäden aufzusuchen. Aber auch zahnärztliche Kollegen überweisen, um das Gebiss vor Attrition oder Trauma schützen zu lassen. Im geeigneten Fall kann auch hier die Incognito Behandlung mit Splint als  Therapiealternative unseren Patienten angeboten werden. Ein Beispiel wird im zweiten Behandlungsfall (Abb. 5 ff.) gegeben. Die Patientin wurde von ihrem Zahnarzt zur Beratung überwiesen. Ihr wurden verschiedene Behandlungsoptionen vorgeschlagen. Eine kieferorthopädische/kieferchirurgische Kombinationsbehandlung wurde von der Patientin aufgrund ihrer beruflichen Situation ausgeschlagen. An den Molaren waren umfangreiche zahnärztliche Maßnahmen geplant und so entschied sich die Patientin für eine Teilbehandlung mittels Lingualtechnik. Ihre Hauptmotivation war die ästhetische Verbesserung der Fronten und nach Rücksprache mit den zahnärztlichen Kollegen sollte die Stufe reduziert werden. Anhand des digitalen Entwurfes im TMP (3M Unitek Treatment Management Portal; Abb. 6) konnte das geplante Ergebnis vorher mit der Patientin besprochen werden. Durch die angestrebte Reduzierung der Stufe wurde eine Verbesserung des Lippenprofils erwartet, da eine Reduzierung der Aufwerfung der Unterlippe zu erwarten war. Geplant wurde eine linguale Behandlung mit approximaler Schmelzreduktion. Die Behandlung wurde mit dem Incognito Lite System mit Splint geplant, um für die geplanten Bewegungen eine gute Verankerungssituation zu erhalten. Zur Herstellung der Incognito Lite Apparatur wurde ein Silikonabdruck angefertigt. Seit 2015 werden diese Abformungen in unserer Praxis mittels Intraoralscanner digital durchgeführt. Dies beschleunigt die Behandlungsplanung. Viele Arbeitsschritte, wie u. a. das Scannen des aus den Abformungen gefertigten Malokklusionsmodells, entfallen und es kann sofort ein digitales Set-up nach den Vorgaben des Behandlers erstellt werden.

Basierend auf diesem Set-up werden dann drei orthodontische Bögen produziert:

  • .014" NiTi
  • .016" x .022" NiTi 
  • .0182" x .0182" Beta III  Titanium.

Im dargestellten zweiten Fall erfolgte sechs Wochen nach Einbringen der Apparatur (Abb. 7) im Oberkiefer der erste Bogenwechsel. Zudem wurde eine approximale Schmelzreduktion in der oberen Front durchgeführt. Der Unterkiefer wurde mit dem inserierten .014" NiTi-Rundbogen mit Lückenöffnungsmechanik belassen (Abb. 8). Nach vier Monaten Behandlung konnte der aufgrund des fehlenden Platzes zunächst nicht beklebbare Zahn 33 in die Apparatur inseriert werden. Im Oberkiefer wurde der Lückenschluss fortgesetzt (Abb. 9). Abbildung 10 zeigt den guten Behandlungsfortschritt nach neuneinhalb Monaten. Im Unterkiefer wurden nun eine approximale Schmelzreduktion durchgeführt und die Lücken geschlossen. Nach 15 Monaten Behandlungszeit wurden die Brackets entfernt und linguale Retainer im Ober- und Unterkiefer geklebt (Abb. 12). Zum Vergleich ist in Abbildung 11 noch einmal das Set-up aus dem Treatment Management Portal dargestellt. Im Vergleich der FRS-Aufnahmen (Abb. 13) zeigt sich die Retraktion, Intrusion und Torquebewegung der OK-Inzisiven. Der Engstand der UK-Front konnte durch ASR-Maßnahmen ohne weitere Protrusion korrigiert werden. Durch die Reduzierung der Stufe erfolgte eine deutliche Verbesserung des Lippenprofils.   

Fazit

Das Incognito System als Voll- und Lite-System bietet eine sichere Variante, Patienten eine Lingualbehandlung zu ermöglichen. Die Kontrolle der dritten Ordnung wird durch die hohe Slotpräzision ermöglicht. Das Zusammenspiel von präzisen Bracketslots, 100 % customized gefertigten Brackets sowie individuell angepassten, industriell gefertigten orthodontischen Drähten ermöglicht eine präzise klinische Umsetzung des prätherapeutisch geplanten Set-ups. 3M, Incognito und 3M Treatment Management Portal (TMP) sind Markennamen von 3M. Marken- und Produktnamen sind Warenzeichen oder eingetragenen Warenzeichen ihrer jeweiligen Eigentümer.

Foto: © Autor
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