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Kieferorthopädie 29.09.2020

Indirektes, überschussfreies Bracketkleben

Indirektes, überschussfreies Bracketkleben

Die exakte Positionierung von Brackets im Patientenmund ist eine Voraussetzung für die Erzielung guter Behandlungsergebnisse innerhalb kurzer Zeit. Untersuchungsergebnisse zeigen, dass es mit gedruckten Übertragungstrays gelingt, die virtuell auf digitalen Modellen geplanten Bracketpositionen mit hoher Genauigkeit in den Patientenmund zu übertragen.1 Das im Folgenden vorgestellte klinische Fallbeispiel zeigt die erfolgreiche Behandlung einer Klasse II-Malokklusion mit überschussfreiem Bonding von Keramikbrackets nach digitaler Planung.

Die digitale Behandlungsplanung mit virtuell platzierter Multibracketapparatur, welche anschließend mittels gedruckter Übertragungstrays im Patientenmund eingesetzt wird, ermöglicht nicht nur die zuverlässige und optimale Positionierung von Brackets. Ihr Einsatz kann aufgrund der hierbei realisierbaren Präzision zudem zu einem einfacheren sowie schnelleren Finishing führen.

Klinisches Fallbeispiel

Im vorliegenden Patientenfall wurde das digitale Bonding der Behandlungsapparatur mithilfe der Software Ortho Analyzer™ (3Shape) vorbereitet. Die Übertragungstrays mit den entsprechenden Aussparungen für die in diesem Beispiel zum Einsatz kommenden Keramikbrackets (3M Clarity Ultra SL Selbstligierende mit 3M APC Flash-Free Adhäsivvorbeschichtung) wurden mithilfe eines 3D-Druckers hergestellt. Am Tag des Bondings wurden die Trays mit den adhäsivvorbeschichteten Brackets bestückt und in einer lichtgeschützten Box bis zum Klebetermin aufbewahrt.

Diagnostische Fallbeschreibung

Ein 14-jähriger Patient mit einer skelettalen Klasse II (ANB 6°) bei einem durchschnittlichen Unterkieferebenenwinkel (SN-GoGn) von 26° und einer Klasse II-Eckzahn-Molarenrelation stellte sich in unserer Praxis vor. Es lagen eine Mittellinienverschiebung von 2 mm nach links sowie ein tiefer Überbiss (6 mm) vor. Die Unterkiefer-Frontzähne waren um –1 mm in Richtung APog-Linie verschoben, ihre Neigung in Relation zur Unterkieferebene war jedoch vergrößert (100°).

In beiden Kiefern waren die Torquewerte der Eckzähne und Prämolaren negativ, wodurch dunkle Bukkalkorridore entstanden waren. Zahn 13 war stärker extrudiert als Zahn 23 (Pupillarlinie als Referenz). Da dies bei Einsatz einer konventionellen Straight Wire-Apparatur zu einem erhöhten Risiko des Kippens der Okklusionsebene nach Nivellierung und Alignment geführt hätte, entschieden wir uns für die Verwendung selbstligierender Brackets. Diese ermöglichen in der ersten Behandlungsphase in Kombination mit Lateral Development Bögen (ebenfalls 3M) den Einsatz leichter Kräfte zur Entwicklung des oberen und (in geringem Maße) des unteren Zahnbogens (Abb. 1a–o, 1p–u, 2 und 3). In der zweiten Behandlungsphase sollten zur Erreichung der exakten finalen Zahnposition Beta III Titanium sowie Stahlbögen zur Anwendung kommen.

Behandlungsplan

Der Patient entschied sich in erster Linie aus ästhetischen Gründen für eine kieferorthopädische Behandlung. Dementsprechend wünschte er vor allem im Frontzahnbereich eine Korrektur der Fehlstellungen. Zur Sicherstellung eines besonders guten Behandlungsergebnisses und zur Beschleunigung der Behandlung durch Verkürzen der für das Finishing erforderlichen Zeit wurde beschlossen, die digitale Klebetechnik einzusetzen. Neben der exakten Positionierung der Brackets kann hierbei das angestrebte Ergebnis mit der erzielbaren Okklusion für Behandler und Patienten vorab visualisiert werden.1 Zudem lassen sich sämtliche Überkorrekturen exakt planen, die für die Erzielung eines funktional wie ästhetisch bestmöglichen Behandlungsergebnisses erforderlich sind. Dies gelingt durch eine präzise Analyse der Bolton-Diskrepanzen sowie anatomischer Variationen hinsichtlich der Zahnmorphologie. Darüber hinaus ist es möglich, die Bewegung jedes einzelnen Zahns von seiner Ausgangsposition bis zur gewünschten Endposition genauestens zu planen (Abb. 4a–e, 5a–d).

Um dem Wunsch des Patienten nach einer möglichst ästhetischen Behandlungsoption zu entsprechen und aus klinischer Sicht gleichzeitig von der Vielseitigkeit und Zuverlässigkeit einer festsitzenden selbstligierenden Apparatur zu profitieren, kamen im vorliegenden Fall in beiden Kiefern selbstligierende Keramikbrackets zum Einsatz (Abb. 6a–e).

Es war geplant, den Biss unter Vermeidung einer Extrusion der Prämolaren und Molaren durch eine absolute Intrusion der Unterkieferfront zu öffnen, um auf eine Clockwise-Rotation des Unterkiefers verzichten zu können. Zur Erzielung harmonischer fazialer Verhältnisse war es notwendig, die Konvexität des Profils zu reduzieren und die Projektion des Kinns zu vergrößern. Zudem war geplant, die vertikale Dimension ausschließlich im Seitenzahnbereich durch Aufbauten zu erhöhen.

In Absprache mit dem Patienten und dessen Eltern wurde entschieden, die Korrektur der dentalen Klasse II-Verhältnisse mithilfe von leichten Klasse II-Gummizügen durchzuführen. Unter Berücksichtigung des vorliegenden vorteilhaften Wachstumsmusters war vorgesehen, die vertikale Dimension durch die Einschränkung einer Extrusion im Seitenzahnbereich präzise zu kontrollieren, um so das gewünschte sagittale Wachstum zu erzielen3 (Abb. 7a–c, 8a und b).

Behandlungsfortschritt

Die okklusalen Aufbauten auf den Molaren und ersten Prämolaren im Oberkiefer sowie auf den ersten Prämolaren im Unterkiefer dienten dazu, die vertikale Position der Molaren und Prämolaren während der Intrusion der Unterkieferfront zu kontrollieren. Außerdem wurde dadurch die okklusale Klasse II-Korrektur vorangetrieben.4

Die Klasse II-Gummizüge (Größe 3/16'', leichte Kraftübertragung 3,5 oz.) wurden vom Patienten für die Dauer von sieben Monaten für jeweils 14 Stunden am Tag getragen, um zum einen die obere und untere Mittellinie zu zentrieren und zum anderen die Klasse II-Molaren-Eckzahnrelation zu korrigieren. Zur Einschränkung der Extrusion im Seitenzahnbereich war lediglich ein leichtes Kraftniveau erforderlich.

Zur Optimierung der linksseitigen Okklusion sowie zur Parallelisierung beider Kiefer (im Unterkiefer kam von 3 bis 3 ein Teilbogen zum Einsatz) wurden vier Wochen lang Up-and-down-Gummizüge (Größe 1/8'', Kraftübertragung leicht, 3 oz.) für täglich 14 Stunden vom Patienten getragen (Abb. 9a–e, 10a–c, 11a–d).

Die aktive Behandlungszeit betrug bei diesem Klasse II-Fall zehn Monate, wobei es während des gesamten Therapieverlaufs zu keinerlei Bracketverlusten kam. Es gelang, eine ideale Okklusion zu erzielen5, 6 und den Tiefbiss zu korrigieren. Der ANB-Winkel vergrößerte sich um 2°, wodurch sich die Fülle der Lippen und das Erscheinungsbild des Profils sichtlich verbesserten. Die Okklusalebene verlief nach Behandlungsabschluss parallel zur Pupillarlinie. Zudem konnten die optisch unschönen Bukkalkorridore reduziert werden (Abb. 12a–r, 13, 14 und 15a–e).

Bogensequenzen

Im Verlauf der Behandlung kamen im Ober- und Unterkiefer folgende Bögen zum Einsatz:

Oberkiefer

  • .014'' Nitinol Lateral Development Bogen, Bogenform und -größe R28 (1,5 Monate)
  • .016'' x .022'' Nitinol Lateral Development Bogen, Bogenform und -größe R28 (1,5 Monate)
  • .019'' x .025'' Nitinol Lateral Development Bogen, Bogenform und -größe R28 (3 Monate)
  • .019'' x .025'' Edelstahl Posted Bogen, individualisierte Bogenform (4 Monate)

Unterkiefer

  • .014'' Nitinol Lateral Development Bogen, Bogenform und -größe R28 (1,5 Monate)
  • .018'' Nitinol Lateral Development Bogen, Bogenform und -größe R26 (1,5 Monate)
  • .019'' x .025'' Nitinol Lateral Development Bogen, Bogenform und -größe R26 (1,5 Monate)
  • .019'' x .025'' Beta III Titanium Bogen, individualisierte Bogenform (4 Monate)

Fazit

Im vorliegenden Fall gelang es, innerhalb einer kurzen Behandlungszeit sowohl das ästhetische Erscheinungsbild zu verbessern als auch die Klasse II-Fehlstellung zu korrigieren. Eine sorgfältige kieferorthopädische Therapieplanung, unterstützt durch den Einsatz einer Planungssoftware für das digitale Bonding, hatte dabei einen großen Anteil an der Erzielung des gewünschten Ergebnisses.

Die präzise Kontrolle aller Zahnbewegungen bis zur geplanten finalen Zahnposition war dank exakter Positionierung der verwendeten Brackets möglich. Die gewählte Apparatur (Clarity Ultra Keramikbrackets) sorgte zudem für eine sehr gute Torque- sowie Rotationskontrolle. Die Verwendung von High-Tech Lateral Development Bögen ließ in der Phase der Zahnbogenentwicklung die Applikation besonders leichter Kräfte zu, während Beta III Titanium Bögen und Stahlbögen während des Finishings die Erreichung der Behandlungsziele optimal unterstützten. Der Patient war mit der Ästhetik der Apparatur sowie mit dem erzielten Behandlungsergebnis sehr zufrieden.

Ersterscheinung in englischer Sprache: 3M Innova (www.3M.com/Innova). Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von 3M. Ein spezieller Dank geht an Stefano Negrini (KFO-Techniker).

Literaturliste

Dieser Beitrag ist in KN Kieferorthopädie Nachrichten erschienen.

Foto Teaserbild: Autor

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