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Kieferorthopädie 28.02.2011

Neue linguale Straight-Wire-Technik

Neue linguale Straight-Wire-Technik

Welche Vorteile sich für Patient, Behandler und Labortechniker durch den Einsatz des STb Light Lingual Systems ergeben, verdeutlicht Dr. Andreas Bartelt aus München.

In den letzten neun Monaten wurde in der Praxis des Autors eine klinische Studie bezüglich einer neuen Behandlungsapparatur in der Lingualtechnik durchgeführt. Hierbei handelt es sich um eine Weiterentwicklung der STbTM-Apparatur (Fa. Ormco)* von Scuzzo/Takemoto.

Neue linguale Straight-Wire-Technik mit STbTM-Brackets

Um verschiedene technische Schwierigkeiten und Grenzen zu überwinden, die mit der herkömmli­chen „Mushroom Arch Form“ zusam­menhängen, haben Scuzzo/Takemoto bereits im Jahre 1995 die linguale Straight-Wire-Technik entwickelt. Diese Bogenform erforderte stets vertikale Stufen und Insets zwischen den Eckzähnen und ersten Prämolaren, was ein kompliziertes Biegen der Bögen bedeutete, was zwangsläufig zu Fehlerquellen führen kann, welche letztlich die Behandlungsergebnisse beeinflussen.


Die erste Straight-Wire-Technik eliminierte dieses Problem, jedoch resultierte die Profildicke der Brackets in einem kleineren Interbracketabstand sowie Irritationen an Gingiva und Zunge.

Prof. Dr. Giuseppe Scuzzo und Prof. Dr. Kyoto Takemoto haben daraufhin eine neue Straight-Wire-Apparatur auf Basis der STb-Brackets entwickelt, bei der eine plane Bogenform genutzt wird. Dies erleichtert die Bogenkoordination erheblich und eröffnet zudem die Möglichkeit der Anwendung vereinfachter Mechaniken, wie z.B. einer Gleittechnik.

Veränderungen im Design


Das STb-Bracket wurde im Jahr 2003 mit dem Ziel entwickelt, den Patientenkomfort, die Behandlungsgeschwindigkeit und Zuverlässigkeit von Lingualbehandlungen zu verbessern. Die modifizierte linguale Straight-Wire-Technik erfordert, dass die Brackets viel weiter gingival und auch näher an die linguale Zahnoberfläche platziert werden. Um diesen Anforderungen zu entsprechen, wurde 2009 das neue „Light Lingual System“ eingeführt (Abb. 1, 2).

Die neuen Brackets des STb Light Lingual Systems weisen einen .018'' x .025'' horizontalen Slot und eine Profildicke von nur noch 1,5mm auf. Zudem wurde das Bracket auf den deutlich dünneren Basen (aus 316 L Stainless Steel) viel weiter gingival platziert (gingival offset) und verfügt über eine deutlich geringere mesiodistale Breite. Dies vergrößert den Interbracketabstand, was die Kraftübertragung des Bogens reduziert und auch den Widerstand bei der Gleitmechanik. Durch diese Veränderung kommt der gesamte Bogenverlauf näher an die linguale Zahnoberfläche.

Sowohl das originale als auch das neue STb-Bracket verfügen über eine 0,33mm große Schulter, welche ein passives Ligieren bis zu einer Bogenstärke von .014'' ermöglicht.

Die Technik


Die linguale Straight-Wire-Technik erfordert ein Labor-Set-up (Abb. 3–5), welches Torque, Angulation, Höhe und Rotationen enthalten muss. Ebenso müssen die notwendigen Überkorrekturen enthalten sein, wie Übertorque und Überangulation, was vor allem für Extraktionsfälle benötigt wird. Ein starker zusätzlicher Torque auf den oberen Frontzähnen des Set-up-Modells positioniert die Brackets fast an den Gingivalsaum.

Für die Positionierung der Brackets benutzt der Autor einen .018'' x .025''er Stahlbogen, welcher nun weder ein Inset noch eine vertikale Stu­fe mehr benötigt. Alle Brackets werden mittels Gummiligaturen auf dem Idealbogen fixiert, während dieser drei­dimensional möglichst nah an die Zahnoberflächen angelegt und fixiert wird. Die Brackets werden nach der Hiro-Methode mit einer individuellen Kunststoffbasis versehen. Für jedes Bracket wird ein Einzelübertragungstray aus Pattern Resin oder einem anderen Kunststoff gefertigt (Abb. 3). Der Idealbogen dient bei späte­ren Reparaturen auch als Repositionierungsbogen (Abb. 4).

Wir empfehlen den Einsatz folgender Bogensequenz:


Non-Extraktionsfälle

• Nivellierung .012'' NiTi oder .013'' Copper NiTi
• Rotationskontrolle .014'' oder .016'' x .016'' NiTi
• Torquekontrolle .017'' x .017'' oder .018'' x .018'' Copper NiTi oder .0175'' x .0175'' TMA
• Feineinstellung .016'' TMA

Extraktionsfälle

• Nivellierung .012'' NiTi oder .013'' Copper NiTi
• Rotationskontrolle .014'' oder .016'' x .016'' NiTi
• Torquekontrolle .017'' x .017'' Copper NiTi oder .0175'' x .0175'' TMA
• Lückenschluss .016'' x. 022'' oder .017'' x .025'' Stainless Steel
• Feineinstellung .016'' oder .0175'' x .0175'' TMA

Fallpräsentation (Zwischenbericht), Abb. 6–13


Der vorgestellte Patient ist 35 Jahre alt, männlich und hat eine stark ausgeprägte mandibuläre Retrognathie mit einer sagittalen Stufe von ca. 12mm sowie einem vertikalen Overbite von 8mm. Intraoral zeigt sich ein transversal schmaler Oberkiefer und ein ausgeprägter Engstand im Unterkiefer mit starker Rotation der Zähne 33 und 43.

Der aufgestellte Behandlungsplan sieht eine kieferorthopädisch-kieferchirurgische Kombinationsbehandlung vor. Zunächst wurde die LSW-Apparatur im Ober- und Unterkiefer eingesetzt. Um auch direkt nach Einsetzen der Apparatur eine Dreipunktabstützung der Okklusion zu bekommen, wurden die bukkalen Höcker der unteren ersten Molaren mit Komposit aufgebaut.

Im Oberkiefer erfolgte zunächst die Nivellierungsphase mithilfe eines .013'' Copper NiTi-Bogens und danach die Ausformung des Zahnbogens sowie transversale Erweiterung mit einem .016'' x .016'' Copper NiTi-Bogen.

Im Unterkiefer wurde die Nivellierungsphase ebenfalls mit einem .013'' Copper NiTi-Bogen durchgeführt und danach die Ausformung des Zahnbogens und gleichzeitige Lückenöffnung für den Zahn 43 mithilfe eines .016'' x.016'' Copper NiTi-Bogens und einer TMA-Druckfeder. Nach der Zwischendiagnostik erfolgt als nächster Schritt eine bimaxilläre Umstellungsosteotomie mit Vorverlagerung der Mandibula und transversaler Erweiterung der Maxilla.

Schlussfolgerung


Nach ca. einem Jahr klinischer Erfahrungen mit der neuen LSW-STb-Technik können wir signifikante Vorteile bezüglich der neuen Bogenform gegen­über der herkömmlichen „Mushroom“-Bogenform erkennen. Schon für den Tech­niker im Labor ergibt sich ein erheblicher Nutzen, da durch das Weglassen von Insets und vertikaler Stufe Fehlerquellen von vornherein ausgeschaltet werden (vor allem auch Torquefehler).

Auch klinisch ist der Tragekomfort für den Patienten deutlich verbessert, da besonders bei dünnen Bögen das Inset oft als störend empfunden wird. Für den Behandler ist das gesamte Handling deutlich verbessert, was zu einer erheblichen Zeitersparnis bei jedem Bogenwechsel und der Bogenkoordination führt.

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