Anzeige
Parodontologie 26.04.2011

Parodontaler „Frieden“ oder nur „Waffenstillstand“?

Sylvia Fresmann
Sylvia Fresmann
E-Mail:
Parodontaler „Frieden“ oder nur „Waffenstillstand“?

Parodontitis ist ein multifaktorielles Geschehen, das in einem empfindlichen Gleichgewicht steht. Nur ein optimales Risikomanagement bietet die Chance auf „Frieden“.

Vielen Patienten ist nicht bewusst, dass der Kampf um Sieg oder Niederlage der Parodontitis auf mikrobiologischer Ebene in ihrem Mund täglich neu gefochten wird. Fakt ist, dass z.B. Rauchen, Stress etc. diese ernst zu nehmende Krankheit begünstigen und Immunabwehr, Medikamente, eine gute Mundhygiene das Krankheitsrisiko mindern. Am Ende entscheidet die Überlegenheit einer Seite, ob es zur Progression oder zur Heilung kommt, wobei der Patient mit seinen Verhaltensweisen im Wesentlichen bestimmt, in welche Richtung die Reise geht.

Wichtige Waffen in diesem Krieg, der im Sinne des Patienten nicht verloren gehen darf, sind dessen Aufklärung und Motivation.

 

 

75 Prozent aller 35- bis 44-Jährigen sind betroffen

Dieser hohe Prozentsatz macht deutlich, dass Gingivitis und Parodontitis unter der erwachsenen Bevölkerung sehr weitverbreitet sind. Das Erkrankungsrisiko nimmt mit steigendem Alter noch zu. In dieser Altersgruppe leiden bereits 52,7 Prozent an einer mittelschweren und 20,5 Prozent an einer schweren Form der Erkrankung. Ein Grund hierfür ist der an sich positive Umstand, dass bei Erwachsenen heute deutlich weniger Zähne durch Karies verloren gehen als früher, diese „älteren“ Zähne aber dadurch ein höheres parodontales Erkrankungsrisiko mit sich bringen. Altersspezifische Probleme wie freiliegende Zahnhälse, Zahnhalskaries, Attachmentverlust etc. sind häufig die Folge. Doch das muss nicht sein! Gingivitis und Parodontitis sind keineswegs schicksalhafte Folgen des Älterwerdens. Diese Erkrankungen können bei den meisten Patienten durch regelmäßige zahnärztliche Untersuchungen, durch eine unterstützende Parodontitistherapie (UPT) gestoppt und unter Kontrolle gebracht werden. Voraussetzungen hierfür sind Früherkennung, professionelles Risikomanagement und konsequente Mitarbeit des Patienten.

Allgemeingesundheitliche Risiken vermeiden, Risiko für Herzinfarkt und Frühgeburt vermindern

Parodontalerkrankungen bleiben häufig unentdeckt und stehen in vielfältigen Wechselbeziehungen zur Allgemeingesundheit. Neben den negativen Folgen für die Zahngesundheit belegen Studien direkte Zusammenhänge mit einem signifikant höherem  Herzinfarkt- und Früh-/ Fehlgeburtsrisiko. Um den Schadenseintritt zu vermeiden, ist es erforderlich, die Risikofaktoren innerhalb eines parodontalen Risikomanagements zu erheben und hinsichtlich der gesundheitsschädlichen Auswirkungen zu bewerten. Erhebliche Hindernisse auf diesem Weg stellen unregelmäßige Zahnarztbesuche,  mangelndes Risikobewusstsein und ein Unterschätzen der Gefahr durch die Patienten dar; in der Anfangsphase verläuft die Parodontitis schmerzfrei  und unbemerkt. Uninformierten und nicht aufgeklärten Patienten geht wichtige Zeit verloren, dies führt zu Schäden, die vermeidbar sind.

Ziel

Ziel des parodontalen Risikomanagements ist es, diesen Prozess wirkungsvoll zu unterbrechen und die Zahn- /Allgemeingesundheit des Patienten zu schützen. Von besonderer Bedeutung ist, dass  der Patient von Beginn an mit einbezogen wird. Er muss den Prozess verstehen und die notwendigen (Behandlungs-)Konsequenzen akzeptieren und umsetzen.

Risikomanagement in der konzeptionellen Umsetzung

Parodontales Risikomanagement ist ein systematischer Prozess, der mit einer umfassenden Anamnese beginnt. Zahn- und allgemeingesundheitliche  Beschwerden/Besonderheiten, Medikationen, persönliche und familiäre Disposi-      tionen wie Allergien, Unverträglichkeiten, Vorerkrankungen etc. werden ebenso erhoben und dokumentiert, wie Rauch- und sonstige bedeutsame Lebensgewohnheiten. Da die Parodontitis in verschiedenen Schweregraden verläuft, kommt der Beurteilung der klinischen Parameter besondere Bedeutung zu. Im Rahmen der Befunderhebung wird der parodontale Status des Patienten erfasst. Klinische Parameter und die v.g. individuellen Risikofaktoren bilden dabei die Grundlage für die individuelle Risikoeinschätzung des Patienten, auf deren Basis wiederum die individuelle Therapie und Behandlung festgelegt wird. Die Befunddokumentation und Einschätzung des parodontalen Risikos erfolgt häufig unterschiedlich.

Neben den zahnbezogenen (Furkationsbeteiligung, iatrogene Faktoren, partielle Attachmentverluste) und stellenbezogenen Faktoren (ST/PSI, Suppuration, subgingivale Mikroflora) sind die patientenbezogenen Faktoren von besonderer Bedeutung:

• BOP (bleeding on probing) Erhoben wird hier der Anteil der Stellen in Prozent, die bei der Sondierung des Sulkusbodens geblutet haben (sechs Messpunkte pro Zahn, einmal pro Jahr). Dieser Wert ist ein Maß für die subgingivale Entzündung. Zu berücksichtigen ist, dass Nikotin die Blutungsneigung signifikant vermindert.
• Gesamtzahl der residualen Taschen (Sondierungstiefe > 5mm) Pathologisch vertiefte Zahnfleischtaschen weisen auf eine subgingivale Entzündung hin. In einem Teufelskreis erhöht sich mit zunehmender Sondierungstiefe das Risiko zu weiterem Abbau. Die Wahrscheinlichkeit zur Entwicklung einer Parodontitis steigt mit der Anzahl der über 5mm tiefen Zahnfleischtaschen.
• Parodontaler Knochenabbau, Zahnverlust Knochenabbau in Relation zum Lebensalter und Zahnverlust weisen als Indikatoren auf ein erhöhtes Parodontitisrisiko hin.
• Patientenverhalten und allgemeingesundheitliche Verhältnisse
    – Rauchen: Nikotin ist der stärks-te extrinsische Risikofaktor für Parodontitis.
    – Systemische und genetische Faktoren: Diabetes, Leukämie, Autoimmunerkrankungen, Candidiasis, Herpesvirus-Erkrankungen, Schleimhautpemphigoid, Familiäre Neutropenie, Interleukin-1-Polymorphismuskomplex
    – Medikamente: Antiepileptika, Immunsuppresiva, Kalziumantagonisten
• Mundhygiene Das Vorhandensein von Plaque ist zwar kein Risikofaktor im eigentlichen Sinne, lässt aber Rückschlüsse auf die Compliance des Patienten zu.
• Aktive Matrixmetalloproteinase-8 (aMMP-8) Ein hoher aMMP-8-Spiegel  weist auf akute Entzündungsprozesse und damit auf einen akuten, behandlungsbedürftigen Zustand hin. Für die Messung des Entzündungsmarkers steht nun der neue Chairside-Schnelltest PerioMarker aMMP8 zur Verfügung.

Die Komplexität der Parodontitis und das ständige Gegenspiel von Noxen und Immunantwort macht eine umfassende Bewertung des individuellen Risikos erforderlich. Einschätzungen auf Grundlage einzelner Parameter werden dieser multifaktorellen Krankheit nicht gerecht. Je nach Ergebnis wird der Patient einer von drei Risikogruppen zugeordnet.
Eine farbliche Darstellung der Gruppen (Ampelfunktion) dient der zusätzlichen optischen Orientierung. Die Skalierung der Parameter erfolgt in den Stufen „niedriges“, „mittleres“ und „hohes Risiko“. Hieraus lassen sich Empfehlungen für individuelle Recallfrequenzen und Therapiemaßnahmen ableiten.

• Niedriges Risiko: UPT 1 x/Jahr
• Mittleres Risiko: UPT 2 x/Jahr
• Hohes Risiko: UPT 3–4 x/Jahr

Nach ca. einem Jahr bietet sich eine erneute Risikoeinstufung an, um Krankheitsverlauf und Behandlungserfolg nachvollziehen zu können. Auf  Grundlage der erneuten Risikoeinstufung (positiv oder negativ) können Behandlungsschritte, Maßnahmen zur Verbesserung der Patientencompliance sowie Recallabstände individuell angepasst werden und entsprechen damit dem Erfordernis eines kontinuierlichen Risikomanagements bei Parodontalpatienten (unterstützende Parodontaltherapie). Bei konsequenter Durchführung der UPT in risikoorientierten Abständen können bei den meisten Patienten die parodontalen Verhältnisse über längere Zeiträume stabilisiert werden.
 
Dokumentation und Qualitätssicherung

Zur Dokumentation der Befunderhebung stehen viele computergestützte Programme zur Verfügung.In Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie, der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und verschiedenen Universitäten wurde ein besonders benutzerfreundliches Programm entwickelt – ParoStatus.de

Mit dem System werden die erhobenen Befunde systematisch und  übersichtlich dokumentiert. Die Abläufe des Programms folgen einem immer wiederkehrenden logischen Ablauf, kein Parameter kann unbeabsichtigt vergessen werden. Die Eingabe der Werte erfolgt per Fußsteuerung und kabelloser Tray-Tastatur, eine sprachgesteuerte Erhebung ist optional möglich.

Die o. g. Parameter können in wenigen Minuten ohne Assistenz vollständig erhoben werden. Im Anschluss steht eine Auswertung zur Verfügung, aus der sowohl das individuelle Erkrankungsrisiko als auch die empfohlene Recallfrequenz sowie Behandlungs- und Therapievorschläge hervorgehen.

Kommunikative Überzeugungsarbeit: „Wie sage ich es meinem Patienten?“

Vielfach bereitet es Probleme, Patienten verständlich und überzeugend zu informieren. Nur ein aufgeklärter und überzeugter Patient, der die Befunde und Konsequenzen versteht und akzeptiert, wird dauerhaft an seinem parodontalen Frieden arbeiten. Eine Stärke des ParoStatus.de-Systems liegt in diesem Zusammenhang in der patientengerechten Aufbereitung der Daten. Dem Patienten kann ein Aus- druck mit seiner individuellen Auswertung mit nach Hause gegeben werden, der sowohl die ermittelten Befunde als auch die Bewertung seines persönlichen Erkrankungsrisikos enthält. Allgemein verständliche textliche Ausführungen zu den wesentlichen Inhalten, selbsterklärende Schaubilder sowie eine farbige Darstellung (Ampelfunktion) des persönlichen Risikoprofils ermöglichen es dem Patienten, sich in Ruhe zu Hause mit seinen Befunden auseinanderzusetzen. Grün bedeutet, wie man unschwer vermuten kann, alles o.K. Gelb hingegen Achtung, Vorsicht, dieser Bereich muss beobachtet werden, und Rot wird gleichgesetzt mit sofortigem Handlungsbedarf. Am Ende der Auswertung wird neben der Risikoeinschätzung auch der nächste Termin im System vorgeschlagen: Das erleichtert die Kommunikation! Die Prophylaxemitarbeiterin kann sich auf diese Empfehlung beziehen: „Auf der Grundlage Ihrer Mundgesundheitswerte hat das System einen Abstand von drei Monaten vorgeschlagen, also Ende Juni. Wir schauen am besten gleich nach einem Termin.“

So oder ähnlich könnte das Abschlussgespräch verlaufen – dass der „Computer“ den nächsten Termin vorschlägt, ist für die Patienten beeindruckend und neutral! Empfehlungen für den weiteren Behandlungsablauf und die vorgeschlagenen individuellen Recall-abstände werden so für den Pa-tienten transparent und nachvollziehbar. Der Patient erhält eine individuelle Handlungsempfehlung für seine häusliche Mundhygiene. An seinem Zahnschema wird die Verwendung von für ihn geeigneten farbig codierten Zahnzwischenraumbürstchen grafisch anschaulich illustriert. Dies kommt einerseits dem Bedürfnis der Patienten nach einer verständlichen Information entgegen, andererseits wird dadurch die zielgerichtete Kommunikation in Beratungs- und Behandlungssituationen  deutlich erleichtert. Zeitraubende Wiederholungen während der Recalltermine werden reduziert, die dadurch freigesetzten Zeitressourcen stehen zur Motivation bzw. Remotivation und weiteren Instruktion des Patienten zur Verfügung. Manchmal schwer zu realisierende Verhaltensänderungen können so effektiv unterstützt werden.

Fazit

Ein konsequent strukturiert durchgeführtes Risikomanagement ist die Grundlage für ein frühzeitiges Erkennen parodontaler Erkrankungen. Erst auf dieser Basis können zielgerichtet Behandlungskonzepte umgesetzt werden, die auch dem parodontal erkrankten Patienten den langfristigen Erhalt seiner Zähne und den Schutz seiner Allgemeingesundheit ermöglichen. Mit ParoStatus.de steht den Zahnarztpraxen ein System zur wirkungsvollen Unterstützung des Risikomana-gements zur Verfügung. Wissenschaftliche (Auswerte-)Möglichkeiten werden unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Notwendigkeiten hochwertig dargestellt und in „Patientensprache“ übersetzt. Durch die professionelle Patientenführung mit kontinuierlicher Verlaufsdokumentation wird dessen Verständnis gestärkt.

Wenn wir unserem Patienten nach einigen Prophylaxesitzungen sein verringertes Erkrankungsrisiko anhand seines individuellen Ausdrucks belegen, wird er die Leistung unserer Praxis umso mehr zu schätzen wissen.

Mehr Fachartikel aus Parodontologie

ePaper

Anzeige