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Parodontologie 12.03.2018

Prävention parodontaler Erkrankungen

Prävention parodontaler Erkrankungen

Parodontitis ist eine weltweite, hoch prävalente Erkrankung und betrifft ungefähr die Hälfte der Erwachsenen mit steigender Krankheitslast im zunehmenden Alter. In dem folgenden Artikel werden daher Prinzipien und Strategien der Prävention parodontaler Erkrankungen wie der Gingivitis und Parodontitis näher erläutert.

Eine schwere Parodontitis ist laut der aktuellen Global Burden of Disease Study die sechsthäufigste Erkrankung mit einer Prävalenz von 11,2 Prozent und die häufigste Ursache für Zahnverlust (Kassebaum, Bernabe et al. 2014). Die Parodontitis besitzt neben der lokalen Wirkung, nämlich dem Verlust des Zahnhalteapparates bis hin zum Zahnverlust, auch systemische Auswirkungen. Nach dem heutigen Kenntnisstand wissen wir, dass eine schwere Parodontitis einen Einfluss auf Allgemeinerkrankungen wie koronare Herzerkrankungen oder Diabetes mellitus ausübt. Daher ist der Prävention parodontaler Erkrankungen eine besondere Bedeutung zuzuordnen, da durch vergleichsweise einfache Maßnahmen Erkrankungen und deren schwerwiegende gesundheitliche Folgen reduziert werden können.

Prävention

Die Weltgesundheitsorganisation gliedert die Prävention nach dem Zeitpunkt und unterscheidet so nach primärer, sekundärer und tertiärer Prävention (siehe Tabelle 1).

Ergebnisse des 11th European Workshop on Periodontology zum Thema effektive Prävention parodontaler Erkrankungen

Sowohl die Gingivitis als auch die Parodontitis sind entzündliche Zustände, die durch die Entstehung und Persistenz eines mikrobiellen Biofilms zustande kommen. Der primäre ätiologische Faktor ist die bakterielle Plaque, allerdings entscheiden über den Krankheitsver­lauf und -schweregrad die individuelle Empfänglichkeit des Patienten sowie Risikofaktoren (Page and Kornman 1997, Genco and Borgnakke 2013).

2015 fand der 11. European Workshop on Periodontology zu dem Thema Prävention statt. Ziel war es, den wissenschaftlichen Wissensstand unter die Lupe zu nehmen und Empfehlungen zu entwickeln, welche die Plaquekon­trolle verbessern, Risikofaktoren kontrollieren und gezielte professionelle Präventionsschritte liefern.

Primäre Prävention von Paro­­dontitis durch das Management einer Gingivitis

Die Arbeitsgruppe um Ian Chapple untersuchte, inwiefern die Prävention einer Gingivitis zu einer primären Prävention von Parodontitis führt (Chapple, Van der Weijden et al. 2015). Grundstein der primären und sekundären Prävention ist die tägliche mechanische Plaqueentfernung. Wenn diese korrekt durchgeführt wird, ist sie effek­tiv in der Reduktion von Plaque und Gingivitis.

Für die eine erfolgreiche parodontale Prävention ist eine professionelle In­struktion der Patienten zu einem indi­vidualisierten Mundhygieneprogramm essenziell. Eine professionell durchgeführte Plaquekontrolle verbessert den Entzündungszustand der Gingiva und mindert die Plaquescores, ebenso bringt die individuelle Remotivation bei der oralen Hygiene dabei noch zu­sätzlichen Nutzen (Abb. 1). Dies erfordert allerdings einen erheblichen Zeitaufwand vom zahnärztlichen Team und dem Patienten.

Unabdingliche Voraussetzung für die individualisierte Plaquekontrolle ist die zahnärztliche Befunderhebung, patientenspezifische Analyse seiner Risiko­faktoren, die Motivation und das Wiederholen der Empfehlungen sowie fortwährende Remotivation. Patienten müssen verstehen, dass parodontale Prävention einen lebenslangen Ein­satz erfordert und dass der Weg zum Erfolg in der Zusammenarbeit mit dem zahnärztlichen Team liegt.

Was die Mundhygienehilfsmittel an­-geht, können mit Handzahnbürsten als auch elektrischen Zahnbürsten Plaque und Gingivitis effektiv beseitigt werden. Allerdings bleibt ungewiss, wie der ideale Bürstenkopf aussehen muss. Ganz allgemein werden Bürsten mit kleinem Kopf und mittelharten abge­rundeten Borsten empfohlen.

Die tägliche Reinigung der Zahnzwischenräume ist für die Gesunderhal­tung der interdentalen Gingiva uner­läss­­lich. Die Verwendung von Zahnseide sollte nach der Zusammenfassung der Expertengruppe nur in den Bereichen verwendet werden, die für Interdentalbürsten nicht zugänglich sind. Interdentalbürsten in angepass­ter Größe sind für die Zahnzwischenraumpflege das Mittel der Wahl und sollten täglich zur Aufrechterhaltung der gingivalen Gesundheit verwendet werden (Abb. 2). Mundspülungen bewirken einen zusätzlichen Effekt bei der Behandlung der Gingivitis, ebenso wie einige Agenzien in Zahnpasten. Die gezielte An­wendung sollte allerdings nicht generell empfohlen, sondern von Fall zu Fall entschieden werden. Eine gute Mund­hygiene ist unerlässlich für eine gingi­vale Gesundheit und ausreichend für die Beseitigung der bakteriellen Plaque sowie einer gingivalen Entzündung.

Professionelle mechanische Plaque­entfernung zur Prävention einer Parodontitis

Eine weitere Arbeitsgruppe des Workshops beschäftigte sich mit der Frage, ob die regelmäßige Durchführung professioneller Zahnreinigungen tatsächlich zur Prävention einer Parodontitis führt (Needleman, Nibali et al. 2015). So bestätigt die Arbeitsgruppe, dass erwartungsgemäß die professionelle Zahnreinigung in Kombination mit einer Mundhygieneinstruktion einen großen Einfluss auf die Plaquebesiedlung sowie die gingivale Blutung ausübt, erst recht im Vergleich zu keiner Behandlung.

Allerdings gibt es keinen Beweis dafür, dass es hinsichtlich der Blutung und Plaqueanlagerung zu einem Unterschied kommt zwischen professioneller Zahnreinigung in Kombination mit der Mundhygieneinstruktion und lediglich der Mundhygieneinstruktion, unter der Voraussetzung, dass diese gründlich durchgeführt und wiederholt wird. Bislang ist die wissenschaftliche Daten­lage noch zu gering, um den direkten Effekt regelmäßiger professioneller Zahnreinigungen hinsichtlich einer primären Pa­rodontitisprävention zu bestätigen. Weiterhin ist es wichtig, den parodon­talen Screening Index bei jedem Pa­tienten regelmäßig zu erheben, um frühzeitig parodontalen Behandlungsbedarf zu identifizieren (Abb. 3).

Sekundäre Parodontitisprävention und Komplikationen durch Präven­tionsmaßnahmen

Die Arbeitsgruppe um Mario Sanz überprüfte den Effekt der professionellen Plaqueentfernung auf die sekundäre Parodontitisprävention und beurteilte die durch die regelmäßige Reinigung möglicherweise entstehenden unerwünschten Ereignisse (Sanz, Baumer et al. 2015).

Die sekundäre Prävention der Paro­dontitis besteht darin, eine weitere Progression oder Rekurrenz der Erkrankung zu vermeiden. Das heißt, weiterer Attachment- und/oder Knochenverlust soll verhindert werden.

Nach Abschluss der „aktiven Phase“ der Parodontitistherpie werden die Patienten in das Programm der unterstützenden Parodontitistherapie (UPT) überführt. Zu diesem Zeitpunkt sollte der Patient optimalerweise keine persistierenden tiefen Taschen (≥ 5 mm) mehr und keine Entzündungszeichen im Sinne einer Blutung oder Suppuration aufweisen.

Das UPT-Intervall sollte zwischen zwei- bis viermal pro Jahr in Abhängig­­keit patientenspezifischer Risikofaktoren be­tragen. Dem Patienten soll der Sinn des dauerhaften UPT-Programms verdeutlicht werden. Eine fehlende Com­pliance und unregelmäßige Teilnahme übt sich negativ auf den lang­fristigen Behandlungserfolg aus. Bei den UPT-­Sitzungen ist eine Mund­hygieneinstruktion, -übung und die Re­motivation des Patienten unabdinglich. Weitere Bestandteile des UPT sind die parodontale Untersuchung sowie die supragingivale Reinigung aller Zähne und die subgingivale Instrumentierung in Bereichen mit Sondierungswerten ≥ 5 mm (Abb. 4). Darüber hinaus empfiehlt es sich, den Patienten auf Ver­haltensgewohnheiten im Sinne eines gesunden Lebensstils hinzuweisen, wie beispielsweise eine Raucherentwöhnung oder die Kontrolle von Begleiterkrankungen.

Seit einigen Jahren rückt die Pulverstrahltechnik zur Biofilmentfernung immer mehr in den Fokus. Der Vorteil der Pulver-Wasser-Strahlgeräte ist eine sehr gründliche und dabei minimal traumatisierende Entfernung des bak­teriellen Biofilms. Allerdings spielt das verwendete Pulver eine entschei­dende Bedeutung. So ist durch das wenig ­abrasive Glyzin- oder Erythritolpulver eine besonders schonende Bearbeitung der Wurzeloberflächen ohne kritischen Substanzverlust bis in eine subgingivale Tiefe von 5 mm möglich (Petersilka 2011). Das hoch abrasive Natriumbicarbonatpulver hingegen sollte ausschließlich für die supragingivale professionelle Zahnreinigung benutzt werden (Buhler, Schmidli et al. 2015). Die Pulverstrahltechnik mit wenig­abrasiven, substanzschonenden Pulvern eignet sich daher hervorra­gend für die unterstützende Parodon­titistherapie, da hier eine häufige Reinigung stattfinden muss (Abb. 5). Harte Auflagerungen bleiben durch dieses Verfahren allerdings unberührt und müssen zuvor entfernt werden.

Durch die regelmäßige Teilnahme am UPT kann die Krankheitsprogression und der Zahnverlust deutlich reduziert werden. Ebenfalls bestätigte die Arbeitsgruppe, dass Zähneputzen nicht als alleiniger Faktor für die Entstehung gingivaler Rezessionen oder zervikaler Defekte anzusehen ist und weder die Hand- noch die elektrische Zahnbürste diese begünstigen. Relevanter für die Entstehung und Progression diese Art von Läsionen sind vielmehr lokale und pa­tientenbezogene Faktoren. Auftre­tende Überempfindlichkeiten können gut durch chemische Zusätze in Zahnpasten sowie professionell applizierte Prophylaxepasten gelindert werden.

Präventive Rolle von Ernährung und Probiotika

Seit einiger Zeit rückt die Bedeutung der Ernährung mit Hinblick auf die Zufuhr von Mikronährstoffen und auch die Rolle von Probiotika in den Blickpunkt hinsichtlich Therapie, aber auch Prävention. So wird die tägliche Aufnahme von natürlichen Antioxidantien, Omega-3-­Fettsäuren aus Fischöl, Vitamin D, Kalzium, Magnesium, Vitamin B und Vitamin C empfohlen (Van der Velden, Kuzmanova et al. 2011).

Die Reduktion oder Prävention pa­rodontaler Entzündungen sowie die Förderung der Wundheilung im Rah­-men parodontaler Therapien durch den Konsum probiotischer Bakterien scheint vielversprechend. Die positive Wirkung der Probiotika kann einer­seits durch eine direkte kompetitive Hemmung pathogener Keime erfolgen oder andererseits auf einer gesundheitsförderlichen Modulation des Aktivierungsstatus des Immunsystems beruhen. Bislang ist die Studienlage durch eine starke Heterogenität hinsichtlich der Ergebnisse und der eingesetzten Mikroorganismen allerdings zu schwach, um eine allgemeine Empfehlung aussprechen zu können.

Fazit

Die Therapie gingivaler und parodon­taler Erkrankungen gehört zum zahnärztlichen Alltag. Daher sind präventive Maßnahmen von essenzieller Bedeutung, grundsätzlich bezüglich der Entstehung, aber auch der Früherkennung und Behandlung. So können abgestufte Prophylaxekonzepte parodontale und Erkrankungen auf verschiedenen Präventionsebenen verhindern.

Die vollständige Literaturliste gibt es hier.

Der Fachbeitrag ist in der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis 3/2018 erschienen.

Foto: Autorin
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