Branchenmeldungen 27.06.2025

„Azubis aus dem Ausland lösen die Probleme nicht“

Ein Kommentar von Dr. Guido Süllner über den Personalmangel in den Praxen. Der Personalmangel ist omnipräsent. Fast jede Praxis in Bayern ist händeringend auf der Suche nach ZFA und ZMV. Längst ist der Fachkräftemangel zum limitierenden Faktor bei der Behandlungskapazität geworden – in den Großstädten ebenso wie im ländlichen Raum. Und natürlich haben findige Unternehmer schnell erkannt, dass sich aus unserer Not Kapital schlagen lässt. Das merkt man auch an den Angeboten, die in unseren Praxisbriefkästen landen. In den Social Media bietet man uns Unterstützung beim Personal-Recruiting an. Sogar im Bayerischen Zahnärzteblatt werben Personalvermittler für ihre Dienstleistungen. Die Preise für die Leistungen sind sehr ambitioniert, der Erfolg ist überschaubar.

„Azubis aus dem Ausland lösen die Probleme nicht“

Foto: Brad Pict – stock.adobe.com

Mehrere Kollegen haben alternativ das Experiment gewagt und Azubis aus fernen Ländern eingestellt. Vietnam, Madagaskar, Mexiko – die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Hinzu kommen Migrantinnen und Migranten, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Die Berufsschulen und die Fortbildungen für ZFA sind heute längst ein multikultureller Mikrokosmos. Uns als Arbeitgeber stellt das vor gewaltige Herausforderungen. Neben der Vermittlung des Fachwissens müssen wir auch sprachliche und kulturelle Brücken bauen. Doch zurückdrehen werden wir diese Entwicklung nicht. Migration ist ein notwendiger Baustein für den Erhalt der flächendeckenden Versorgung. Sie kann aber nicht die alleinige Lösung sein. Laut Analysen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) ist ZFA ein Beruf mit der höchsten Abwanderung. Das heißt: Wir bilden vergleichsweise viele junge Frauen und auch einige Männer aus, doch nach ein paar Jahren wechseln sie in andere Branchen. Und das muss uns zu denken geben.

Wie können wir den ZFA-Beruf wieder attraktiver, interessanter und relevanter machen? Wie können wir mit anderen Arbeitgebern konkurrieren? Wie binden wir das Personal an unsere Praxen? Gefordert ist hier sowohl der einzelne Zahnarzt oder die Zahnärztin als auch unsere Selbstverwaltung. Das wichtigste Thema ist sicherlich die Bezahlung. Tarifverträge sind in anderen medizinischen Berufen schon lange etabliert, auch Weiterqualifikationen sollten besser finanziell bewertet werden. Gehälter, die nur knapp über dem gesetzlichen Mindestlohn liegen, sind eigentlich untragbar. Doch eine ordentliche Bezahlung des Personals setzt vo­raus, dass wir auch den Mut haben, unsere Leistungen nicht unter Wert zu verkaufen.

Der Vorstand der KZVB hat mit seiner Kampagne „Mehr GOZ, weniger BEMA“ einen Weg aufgezeigt. Allerdings muss dann auch der GOZ-Punktwert endlich angepasst werden. Immerhin verschaffen uns die diesjährigen Vergütungsverhandlungen mit den Krankenkassen mehr finanziellen Spielraum. Die Punktwerterhöhungen liegen über der Inflationsrate! Doch die Bezahlung ist nicht alles. Auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Wertschätzung, ein kooperativer Führungsstil und Teambuilding sind unverzichtbar, um die Mitarbeiterinnen an die Praxis zu binden. Auch ein freier Tag unter der Woche und eine zeitgemäße Präsenz bei Berufs- und Ausbildungsmessen kann Teil dieses Paketes sein.

Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf müssen die Kommunen sorgen, indem sie genügend und vor allem bezahlbare Kindergarten- und Krippenplätze zur Verfügung stellen. Und zu guter Letzt sollten wir die Möglichkeiten nutzen, die die Digitalisierung und die KI bieten. Die Entlastung des Praxispersonals von monotonen Verwaltungsaufgaben ist elementar, um den Betrieb aufrechtzuer-
halten.

Das wird aber nur funktionieren, wenn die Politik endlich ernst macht mit dem Bürokratieabbau, der auch im schwarz-roten Koalitionsvertrag erneut versprochen wird. Denn wenn wir so weitermachen wie bisher, ist es meines Erachtens nur eine Frage der Zeit, bis auch die Azubis aus exotischen Ländern die Flinte ins Korn werfen und sich nach ihrer Ausbildung (und mit ausreichenden Deutschkenntnissen) beruflich anders orientieren. Und damit wäre keinem geholfen – außer den Personalvermittlern!

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