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Branchenmeldungen 09.08.2019

Keramikimplantologie – Auf Augenhöhe mit Titanimplantaten

Georg Isbaner
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Keramikimplantologie – Auf Augenhöhe mit Titanimplantaten

Dr. Jens Tartsch ist neben seiner praktischen Tätigkeit als Implantologe vor allem aktiv als Gründer und Präsident der 2018 ins Leben gerufenen European Society for Ceramic Implantology, kurz ESCI genannt. Im Interview mit Georg Isbaner, Redaktionsleiter Implantologie Journal, zieht er ein erstes Resümee und gibt Einblicke in den „1. European Congress for Ceramic Implantology“, welcher am 11. und 12. Oktober 2019 in Zürich seine Premiere feiert.

Herr Dr. Tartsch, wie war ihr erstes Jahr als Präsident und wie ist die Resonanz auf die Gründung der Fachgesellschaft ausgefallen?

Es war ein spannendes – und wie ich denke – sehr erfolgreiches erstes Jahr. Wir haben sehr großen Zuspruch seitens der Presse und der Hersteller, aber vor allem auch seitens der Zahnärzteschaft erfahren. So konnte die ESCI bereits Mitglieder aus zehn europäischen Ländern gewinnen. Ein besonderes Ereignis war das 1. Europäische Council für Keramikimplantologie, welches die ESCI im Oktober 2018 in Zürich abgehalten hat. Hierzu trafen sich der Vorstand der ESCI, der hochkarätig besetzte wissenschaftliche Beirat und die wichtigsten Hersteller als Company Partner, um wissenschaftliche Fragen rund um die Keramikimplantologie zu erörtern. Zum Abschluss konnte das erste offizielle und von allen Beteiligten getragene Statement zum Thema „Zahnärztliche Implantologie mit Zirkondioxidimplantaten“ verabschiedet werden.

Die ESCI ist ein europaweites Netzwerk und eine aktive Gemeinschaft für Keramikimplantologie. Aus der Zahnärzteschaft heraus gegründet, ist sie eine neutrale und unabhängige zahnärztliche Fachgesellschaft, welche wissenschaftliche Forschung und klinische Erfahrung vereint. Entsprechend engagieren sich in ihr alle Interessensgruppierungen, welche die Kermikimplantologie fördern möchten: Zahnärzte, Zahntechniker, Institutionen und Forschungseinrichtungen, Kliniken, Hochschulen und Hersteller.

Wo liegen Ihrer Ansicht nach die offenen wissenschaftlichen Fragen, wenn es um Keramikimplantologie geht?

Diese Frage möchte ich mit dem Statement der ESCI beantworten: Aktuelle klinische Untersuchungen zu Zirkondioxidimplantaten liegen für einen Zeitraum von fünf Jahren vor und zeigen mit Titanimplantaten vergleichbare Resultate. Damit können Zirkondioxidimplantate für die klinische Anwendung empfohlen werden, jedoch werden weitere langfristige Daten benötigt, um die vielversprechenden kurz- und mittelfristigen Daten zu bestätigen. Weiterhin werden verbesserte Herstellungsprozesse und standardisierte Testverfahren benötigt.

Der Werkstoff Keramik ist ja in der Zahnmedizin etabliert, als Implantatmaterial jedoch erst seit einigen Jahren wirklich erfolgreich im Einsatz. Wie kam es zu dieser Renaissance in der Implantologie?

Es hat ein massiver Technologiewandel vor allem hinsichtlich Material, Oberflächengestaltung und restaurativen Konzepten stattgefunden. Der schlechte Ruf der Vergangenheit mit viel zu hohen Fraktur- und Verlustraten gilt daher heute nicht mehr. Aufgrund dieser Weiterentwicklungen befindet sich das Keramikimplantat heute bereits auf Augenhöhe mit dem Titanimplantat. Mit dieser Voraussetzung beginnt man nun vor allem auch in der allgemeinen Implantologie, die Vorteile des Materials wie gesündere periimplantäre Weichgewebe oder verbesserte Ästhetik für sich zu entdecken.

Wie unterscheiden sich Keramikimplantate hinsichtlich der prothetischen Anforderungen im Vergleich zu ihren Geschwistern aus Titan?

Hier muss man zunächst unterscheiden, ob man von einem einteiligen oder einem zweiteiligen Konzept spricht. Die Versorgung einteiliger Keramikimplantate ähnelt mit Abformung und Zementieren der Restauration eher der Versorgung eines natürlichen Zahns. Ein besonderes Augenmerk ist hierbei auf die Entfernung der Zementreste zu legen, was unterhalb 1,5 mm subgingival nicht mehr zuverlässig gewährleistet werden kann. Die Implantatschulter und damit der Kronenrand dieses Implantattyps ist daher streng „tissue level“ zu platzieren. Dies gilt für alle Keramikimplantate, deren Restauration zementiert wird. Zweiteilige Keramikimplantate ähneln in ihren prothetischen Anforderungen eher den Titanimplantaten. Offene und geschlossene Abformungen sind möglich, verschiedene Abutmentoptionen erhöhen die Flexibilität. Eine reversible Verschraubung erlaubt verklebte Restaurationen analog einer Titanklebebasis, womit eine subgingivale Platzierung des Kronenrands möglich wird. Evidenz haben Keramikimplantate für Einzelzahnrestaurationen und kleinere Brückenversorgungen, interne Spannungen, Überlastungen, größere Überhänge oder Flieger sind hierbei zu vermeiden.

Welche Unterschiede gibt es im chirurgischen Handling?

Auch hier ähneln Keramikimplantate den Titanimplantaten. Die von Titan bekannten biologischen Prinzipien sind auch bei Keramik zu beachten – ebenso wie die Guidelines der Hersteller. Das Inserieren von Keramikimplantaten sollte nie unter zu viel Torque geschehen, da das Material Keramik möglicherweise nicht dabei entstehende Überhitzung, wie Titan, ableiten kann. Weiterhin ist vor allem bei einteiligen Implantaten auf eine exakte Positionierung der Implantatachse, genügend Primärstabilität und den Ausschluss von Überlastungen während der Einheilphase zu achten. Augmentative Maßnahmen können ebenso wie bei Titanimplantaten durchgeführt werden.

Das Thema Implantatoberflächen spielt auch bei Keramikimplantaten eine große Rolle. Was weiß man hierüber?

Keramikimplantate mit modernen mikrorauen Oberflächen zeigen nahezu dieselbe Osseointegration wie Titanimplantate. Noch nicht letztendlich geklärt ist hierbei die Frage, wie viel „Rauigkeit“ für die erfolgreiche Osseointegration wirklich benötigt wird. Denn jede Oberflächenmanipulation bringt Energie in das Material und birgt somit das Risiko einer Materialschädigung durch Phasentransformation. Es wird daher derzeit an einem Mittelweg zwischen möglichst geringer Oberflächenbearbeitung und für eine erfolgreiche Osseointegration maximal nötiger Oberflächenrauigkeit geforscht. Einige erfolgreiche Konzepte sind bereits verfügbar.

Die Keramikimplantologie steht in einem gewissen Spannungsfeld zwischen evidenzbasierter Zahnmedizin auf der einen Seite und einem zunehmenden Patientenwunsch nach möglichst biokompatiblem, metallfreiem und ästhetischem Zahnersatz auf der anderen. Keramikimplantate gehören dazu. Auch die Industrie, die gleichzeitig einen Großteil der Forschungsarbeit leistet und finanziert, muss mit diesem Spannungsfeld umgehen. Wie soll damit umgegangen werden?

Ein Spannungsfeld sehe ich heute in diesem Bereich nicht mehr. Zunächst einmal braucht die Keramikimplantologie natürlich einen wissenschaftlichen, aber auch praktisch orientierten Ansatz. Diesen zu realisieren, ist unter anderem das erklärte Ziel der ESCI. Vor allem müssen wir uns als Zahnärzte selber mit diesen Themen auseinandersetzen und sollten es nicht ausschließlich der Industrie überlassen – die Unabhängigkeit der Ergebnisse spielt eine große Rolle. Letztendlich stehen wir selber in der Verantwortung gegenüber unseren Patienten. Dies bedeutet aber auch, dass wir nicht unbesehen den Wünschen unserer Patienten folgen dürfen, sondern unsere Patienten gezielt über die richtige Indikationsstellung, Vor- und Nachteile oder Alternativen informieren. Der aufgeklärte Patient muss in die Entscheidung einbezogen werden, jedoch obliegen die richtige Indikationsstellung und die richtige Anwendung im Rahmen der Guidelines ausschließlich dem Zahnarzt. Wenn dies beachtet wird, sind Keramikimplantate eine zuverlässige Erweiterung des Behandlungsspektrums neben den Titanimplantaten.

Sie haben für den ersten ESCI Kongress am 11. und 12. Oktober in Zürich ein großes Referententeam aus sieben Ländern gewinnen können. Worauf können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer freuen?

Der „1. European Congress for Ceramic Implantology“ steht bewusst unter dem Motto „Facts of Ceramic Implants“, denn wie bereits beschrieben, zählen auch für Keramikimplantate heute nur die Fakten – und auf diese können sich die Teilnehmer freuen. Der fachliche Rahmen mit seinen hochkarätigen Referenten ist bisher einzigartig in der Keramikimplantologie und vermittelt wichtiges Hintergrundwissen sowohl für den interessierten Einsteiger als auch für den bereits erfahrenen Anwender. Neben den Fachvorträgen und einem „Meet and Greet the Implants“ wird es „abstract- und case presentation short lectures“ geben, welche jungen Forschern und den Mitgliedern der ESCI offenstehen. Die beste Präsentation in ihrer Kategorie wird mit dem ESCI Award ausgezeichnet. Aber auch der Veranstaltungsort am Zürichsee und der gesellschaftliche Rahmen versprechen ein ausbrechen aus dem Alltag und eine Veranstaltung der „anderen Art“. Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie unter www.esci-online.com

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Tartsch.

Foto: ESCI

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