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Branchenmeldungen 28.02.2011

Multidisziplinär denken – erfolgreich behandeln

Multidisziplinär denken – erfolgreich behandeln

Der diesjährige SSO-Kongress präsentierte die Vielschichtigkeit der Zahnmedizin. Denn gut die Hälfte der Vorträge befasste sich mit psychosozialen und allgemeinmedizinischen Inhalten. Med. dent. Roman Wieland war für Sie dabei.

Über 1’500 Teilnehmer verfolgten im Festsaal der Messe Basel die Vorträge der insgesamt 27 Referenten, darunter zwölf Mediziner. Es war keine klassische Weiterbildung im Sinne von Leitsätzen, welche im Arbeitsalltag angewendet werden können. Es war vielmehr ein Aufzeigen der Komplexität der Zahnmedizin: was gilt es alles zu beachten, um eine erfolgreiche Behandlung durchzuführen.


Eine starke Berufsorganisation ist wichtig

SSO-Präsident Dr. François Keller eröffnete den dreitägigen Kongress mit der Aufforderung an die Kolleginnen und Kollegen, sich unbedingt am Zusammenhalt und der Solidarität zur SSO zu beteiligen. Mit einer starken Unterstützung im Rücken kann sich der Zahnarzt ohne Sorgen um politische und kommerzielle Interessen ganz dem Patientenwohl widmen. Qualität ist das Merkmal der Schweizer Zahnmedizin. Dass es nun beim diesjährigen Kongress mehr als nur um optimale Farb­adaptationen oder harmonievolle E-Modul-Diagramme geht, zeigt wie sehr sich die SSO für eine umfassende Behandlung einsetzt.

Weitblick ist notwendig

Der Blick soll offen sein, sich über die eigene Praxis hinaus richten. Basel bietet sich da als offene nach Europa gerichtete Stadt optimal an, wie Dr. Peter Wiehl als Kantonszahnarzt und Vertreter der Stadt Basel erläuterte. Die Stadt zeigt sich politisch, sprachlich und kulturell sehr offen zu seinen Nachbarländern, verliert aber die exzellente zahnmedizinische Grundversorgung der Eidgenossenschaft trotzdem nicht aus den Augen und bietet eine topp positionierte Schulzahnpflege und Alterszahnmedizin. Um einen optimalen Weitblick zu erhalten, forderte Dr. Wiehl alle auf, sich an der Dental 2010 umzuschauen, Probleme aus dem Berufsalltag direkt anzusprechen und Kontakte zu knüpfen. Auch Professor Besimo, Brunnen, betonte, dass eine immer interdisziplinärere Vernetzung kommen wird. Als ethisch heiklen Punkt betrachtet Prof. Christian Besimo die Gratwanderung der Zahnmedizin zwischen Heilkunde und Beau­ty – der diesjährige Kongress soll eine Neuanordnung vorzeigen und zum Denken anregen.

Jetzt über die Zukunft nachdenken

Für Professor Sandro Palla, Zürich, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um sich Gedanken über die Zukunft der Zahnmedizin zu machen. Grosse Errungenschaften der Vergangenheit wie die Adhäsivtechnik, Implantate und Geweberegeneration sind angekommen. Jetzt gilt es, die Stossrichtung für die Zukunft zu definieren. Die goldenen Zeiten der Kariesversorgung sind aufgrund der niedrigen Kariesprävalenz vorbei. Auch die momentan noch guten Zeiten mit den Implantaten werden in einigen Jahrzehnten vorbei sein, wenn die Kariesprophylaxe noch besser sein wird und die Patienten bis ins hohe Alter keine Karies mehr haben. Weil die Patienten immer älter werden, ist dem Alterungsprozess mit seiner Polymorbidität unbedingt mehr Beachtung zu schenken. Die medizinische Grundausbildung und prophylaktische Diagnostik müssen unbedingt stärker gefördert werden. Die genetische Beeinflussung des Zahn- und Kieferwachstums sowie die kosmetische Zahnmedizin werden in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Bereits heute kann gezeigt werden, dass es genetische Unterschiede in der subjektiven Schmerzempfindung gibt. In Zukunft wird es möglich sein, eine KFO Klasse II mittels Gentherapie zu behandeln.

Der zukünftige Zahnarzt soll für folgende Indikationen gleichermassen verantwortlich sein:
• Zahn- und Parodontalerkrankungen
• Hart- und Weichgewebeerkrankungen
• Speicheldrüsen-Dysfunktionen
• Orofaziale Schmerzen
• Geschmacksmissempfindungen
• Schlaf-Apnoe
• Schluckstörungen
• Orale Manifestationen von systemischen Erkrankungen.

Prof. Palla betonte, dass jetzt die Weichen für die Zukunft noch gestellt werden können, eine rasche Entscheidung ist aber gefragt – damit der „Zahnflicker“ nicht an der Fachhochschule landet.

Nicht nur den Zahn, auch die Seele behandeln

Bei Patienten mit Bruxismus, Zahnbehandlungsangst und chronischen Schmerzen trotz fehlender objektiver Parameter, liegt das Problem oft ausserhalb der Mundhöhle. Dr. Johannes Beck, Basel, zeigte, dass Depression als mögliche Ursache weit verbreitet ist. Zwölf Prozent der Bevölkerung erfüllen die Kriterien einer depressiven Störung. Die WHO hat die Depression von 1990 auf dem vierten Platz der Ursachen für Tod und chronische Behinderung auf den zweiten Platz im Jahr 2020 angehoben. Leider wird die Depression in der öffentlichen Wahrnehmung meist als emotionale Schwäche angesehen und erschwert dadurch den Patienten einen optimalen Umgang mit ihrer Krankheit. Unterforderung und Überforderung im Alltag bewirken den Disstress, die richtige Beanspruchung bewirkt durch den positiven Einfluss den Eustress. Die Überaktivität des Stresshormonsystems kann zu einer Depression führen. Durch die Veränderungen im Monoamin-Stoffwechsel kommt es dann zu einer Veränderung der Schmerzempfindung.

Was ist zu tun bei einem Verdacht auf psychische Probleme?
• Empathie
• Wertschätzung
• Echtheit
• Diagnostische Überlegungen einfühlsam und transparent kommunizieren

Dieses Vorgehen lohnt sich in mehrfacher Hinsicht: denn je grösser das Vertrauen, umso mehr öffnet sich der Patient dem Zahnarzt und erleichtert so die Diagnose. Die Compliance wird gefördert. Je besser sich der Patient verstanden und behandelt fühlt, desto eher empfiehlt er „seinen“ Zahnarzt weiter.

KFO-Behandlung, um die Gesundheit zu fördern

Meist haben Kieferorthopädie-Patienten ein ästhetisches Problem, es gibt aber auch Malokklusionen, welche die orale Gesundheit stören. Laut Professor Christos Katsaros, Bern, hat ein vergrösserter Overjet ein drei- bis fünfmal grösseres Risiko für eine Frontzahnfraktur. Ein extremer Tiefbiss kann ein Trauma an der Gingiva der Unterkieferfront zur Folge haben. In der Hälfte der Fälle eines verlagerten Eckzahns – Verlagerungen treten zu ein bis drei Prozent auf – kommt es zu Resorptionen der Frontzähne.
Prof. Katsaros betonte, dass geflochtene Retainer besonders gut zu beobachten seien. Der Draht kann sich aktivieren und starke Rezessionen verursachen.

Parodontale Therapie gegen systemische Krankheiten

Immer mehr Studien zeigen, dass parodontale Erkrankungen systemische Krankheiten beeinflussen und auslösen können. Diabetes ist in diesem Zusammenhang eine wichtige Erkrankung. Diabetes erhöht die Anfälligkeit für Parodontitis durch Veränderung der Wirts­antwort – Parodontitis wiederum verschlechtert die metabolische Einstellung durch Erhöhung der Insulinresistenz. PD Dr. Giovanni Salvi, Bern, zeigte, dass durch eine parodontale Therapie die systemische Entzündung reduziert werden kann. Die endotheliale Funktion kann gesteigert und sogar eine Abnahme der Wanddicke der Arteria carotis erreicht werden. Die Wanddicke der A. carotis ist ein Frühsymptom-Marker des Schlaganfalls. Der gemeinsame Nenner zwischen all diesen systemischen Krankheiten und der Parodontitis ist die Entzündung.

Recallintervall dem Stress des Patienten anpassen

Professor Renate Deinzer, Giessen (DE), präsentierte in ihrem Vortrag verschiedene retrospektive Humanstudien und Tierexperimente welche deutlich zeigen, dass Dauerstress parodontale Läsionen auslöst. Diverse Untersuchungen an Medizinstudenten während ihrer Prüfungszeit zeigen, dass es einen hochsignifikanten Unterschied in der Mundhygiene gibt im Vergleich zu prüfungsfreier Zeit. Sogar vier Wochen nach der letzten Prüfung konnte noch ein Unterschied festgestellt werden. Prof. Deinzer empfiehlt den Recall an voraussehbare Stressphasen zu koppeln. Bei Lehrern soll zum Beispiel die Prophylaxe während der Prüfungszeit stattfinden, um so dem zu erwartenden Stress gezielt entgegenzuwirken.

Jährliches Wiedersehen zur Beobachtung nutzen

Für Dr. Luc Portmann, Lausanne, ist es wichtig, dass sich der Zahnarzt seiner Rolle in Bezug auf den jährlichen Recall bewusst ist. Der Zahnarzt sieht viele seiner Patienten in regelmässigen Abständen, von jungen Jahren an bis ins hohe Alter. Der Allgemeinzustand kann so optimal im Verlauf über die Jahre beobachtet werden. Bereits im Wartezimmer lässt sich ein ers­ter Verdacht auf zum Beispiel Hyperlipidämie oder Vitaminmangel feststellen. Ist auf einem OPT vermehrt Spongiosa zu erkennen, handelt es sich möglicherweise um einen Hyperparathyreoidismus (Malfunktion der Schilddrüse), welche beim nächsten Arztbesuch anzusprechen ist.

Patienten bis ins hohe Alter begleiten

Die Definition des geriatrischen Alterns liegt offiziell bei 64 respektive 65 Jahren, gemäss Umfragen aber eher bei 69 Jahren. Nach Professor Reto Kressig, Basel, lebt eine gesunde 80-jährige Frau heutzutage im Durchschnitt noch 13 Jahre! Der Alterungsprozess ist ein Gleichgewicht zwischen Abbau und Reparation. Eine besondere Herausforderung im Alter ist die Ernährung. Trotz 25 Prozent weniger Energiebedarf muss der Nährstoffgehalt gleichbleibend sein. Dies lässt sich nur über Speisen mit einer erhöhten Nährstoffdichte erreichen. Um eine mögliche Malnutrition, beispielsweise ein Vitamin D-Mangel, zu diagnostizieren, dient der Mini Nutritional Assessment-Fragebogen. Noch einfacher ist ein Blick in den Kühlschrank „in frigo veritas“, je weniger essbare Lebensmittel im Kühlschrank, um so eher wird der Patient eingeliefert werden müssen. Mittels einer Verwicklung in ein Gespräch auf dem Weg vom Wartezimmer in den Behandlungsraum, kann auf einfache Weise analysiert werden, ob der Patient ein erhöhtes Sturzrisiko hat. Muss der Patient beim Gehen stoppen, so ist dieses Risiko erhöht. Neueste Studien zeigen, dass nach Insertion einer zahnärztlichen prothetischen Versorgung der Gang schneller und sicherer wird.

Bereits ab 40 Jahren besonders gut behandeln

Für Professor Christian Besimo, Brunnen, steht bereits ab einem Patientenalter von 40 Jahren die Multidisziplinarität im Mittelpunkt. Mit dem Alter sinkt die körperliche Leistungsfähigkeit. Als Beispiel sei hier das Herumtoben mit Kindern erwähnt: was für Erwachsene bereits nach einer halben Stunde zur Erschöpfung führt – lässt Kinder dagegen noch lange nicht ermüden. Prof. Besimo betonte wie sein Vorredner: lediglich mit neuen Zähnen verbessert sich die Malnutrition nicht von alleine. Es braucht ergänzende Massnahmen.

So geht Prof. Besimo in seiner Praxis vor:
• Ausführliches Anamneseblatt, dass der Patient vor dem ersten Termin zu Hause ausfüllt
• Ausführliche Medikamentenliste, welche ebenfalls zu Hause ausgefüllt wird (inkl. genauer Dosierung)
• Checkliste für das Personal am Empfang (Erkennen von Auffälligkeiten, Hinweise auf Depression, kognitive Fähigkeiten wie zeitliche und örtliche Orientierung, …)

Dazu kommen noch weitere fakultative Bögen, wie der Geriatric Depression Scale, der Uhrentest oder ein Malnutritionsfragebogen. Auf der SSO-Homepage lassen sich diese Bögen gratis herunterladen.

Mundgeruch mit neuesten Mitteln bekämpfen

Bei der Diagnose von Mundgeruch ist die organoleptische Messung, die menschliche Nase, immer noch der Goldstandard. Professor Andreas Filippi, Basel, zeigte die Anstrengungen der Industrie, Geräte herzustellen, die sich als künstliche Nase verwenden lassen. Aktuell sind drei professionelle Geräte auf dem Markt. Alle haben aber den Nachteil, dass nur bestimmte Substanzen gemessen werden und nicht der eigentliche Mundgeruch. In 60 Prozent der Fälle von Mundgeruch ist die Zunge involviert. Neueste Recallsysteme werten mittels Fotoanalyse der Zunge den Verlauf des Mundgeruchs aus. Prof. Filippi betonte, dass heute nicht mehr der Zungenschaber, sondern die Zungenbürste mit Paste Standard sei. Mittels der zinkhaltigen Paste lassen sich die anaeroben Bakterien besser aus den Krypten der Zunge entfernen als nur mit Schaben. Die Zinkpaste hat weiter den Vorteil, dass der Mundgeruch deutlich länger verhindert und der Geschmacksinn gesteigert werden kann. Neueste Forschungen und Versuche gehen in die Richtung der probiotischen Beeinflussung. Anstatt einfach alles zu entfernen, soll ein Bakterienumfeld geschaffen werden, das sich gezielt gegen übelriechende Keime richtet.

Orofaziale Schmerzen im Team bekämpfen

Dr. Dominik Ettlin, Zürich, und der Psychologe Dr. Roberto Pirrotta, Zürich, zeigten in ihrem gemeinsamen Vortrag, dass orofaziale Schmerzen (Kopfweh, Gesichtsschmerz, Zahnschmerz, Nacken-/Schulterschmerz und Kiefergelenk-/Ohrschmerz) am besten im Team bekämpft werden. Warum überhaupt einen Psychologen hinzuziehen? Die Schmerzleitung ist kein starres Kabel, sondern kann neuroplastisch und sogar auf zellulärer Ebene verändert werden.

Bei der Schmerzdiagnostik müssen diese Punkte beachtet werden:

• Ort, Verteilung
• Zeitmuster
• Auslöser
• Begleitphänomene
• Attribute.

Mittels realen Patientenvideos zeigten Dres. Ettlin und Pirrotta, wie eine Diagnose abläuft, die zumeist hundertprozentig von der Anamnese ausgeht!

Die zahnärztliche Kunst in einem solchen Patientenfall liegt nun darin, einen schwierigen Patienten versus komplexer Beschwerden abzugrenzen und die therapeutischen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Es gilt, die Übertragung der negativen Stimmung wahrzunehmen sowie dem Drängen zur sofortigen Behandlung zu widerstehen.

Mittels Ren Mai 24 zur besseren Abformung

Nebst der klassischen Zahnmedizin gibt es noch viele weitere Therapieansätze. Dr. Hans Ogal, Brunnen, präsentierte ganzheitliche Therapieverfahren wie Arnika, Eichenrindenextrakte und Enzyme der Papaya, um Muskelspasmen zu lösen. Mittels dem Akupunktur-Punkt Ren Mai 24 (in der Mento­labialfalte) kann ein gesteigerter Würgereflex vermindert werden. Mit dem Druckpunkt Di 2 (auf dem Grundgelenk des rechten Zeigefingers) lassen sich sogar Zahnschmerzen mildern.


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