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Branchenmeldungen 21.02.2011

"Was Hänschen nicht lernt... - Kinder sind unsere Zukunft"

"Was Hänschen nicht lernt... - Kinder sind unsere Zukunft"

Statement von Dr. Wolfgang Schmiedel, Präsident der Zahnärztekammer Berlin

„Zahlen sind oft sehr lehrreich, lassen Sie mich deshalb ein paar davon an den Anfang stellen: In Deutschland gibt es über 11 Millionen Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre. Das sind 196 Kinder pro niedergelassenen Zahnarzt. Fast 3,4 Millionen dieser Kinder und Jugendlichen haben einen Migrationshintergrund. Wie viele Kinder und Jugendliche aus dieser Bevölkerungsgruppe betreuen Sie in Ihrer Praxis? Der Durchschnitt wäre: 60.

Mit den nächsten Zahlen wird es etwas schwieriger, denn da sind sich die Experten über die zugrunde liegenden Kriterien nicht ganz einig, aber nehmen wir bewusst einen niedrigen Wert: Mindestens 10 Prozent aller Kinder in Deutschland wachsen in einer prekären finanziellen Situation auf. Das sind 1 Million – und damit 17 in jeder unserer Praxen. Erreichen wir all diese Kinder wirklich? Geben wir uns genug Mühe?

Zu Recht freuen wir uns über enorme Erfolge bei der Kinder-Zahngesundheit in Deutschland – aber der Platz auf den obersten Rängen der Hitparade ist kein Ruhesessel, sondern eine Führungsaufgabe. Es hat sich gezeigt, dass die Milchzahngesundheit derzeit wieder schlechter wird. Sicher hängt dies auch mit der nicht geringen Zahl der Kinder in schwierigen Verhältnissen zusammen. Diese Kinder müssen wir erreichen, und über sie die Eltern. Das ist keine Aufgabe, die wir getrost unseren erfolgreichen Landesarbeitsgemeinschaften und den zahnärztlichen Diensten überlassen dürfen. Hier müssen wir alle uns etwas einfallen lassen, die Wissenschaft, die Zahnärzte in den Praxen und die vielen zahnärztlichen Organisationen und Verbände. Wir wollen hier die Verantwortung der Politik nicht gänzlich abnehmen – aber: Kehren wir doch zuerst vor unserer eigenen Tür!

Teamwork ist gefordert, nicht Abgrenzung. Dass kluge Ideen funktionieren, hat eine vorbildliche Aktion eines Zahnärztlichen Dienstes in Berlin gezeigt: In Zusammenarbeit mit LAG und Kammer wurde an einer Grundschule mit sehr hoher Migrationsquote ein Wettbewerb veranstaltet. Die Kinder wurden aufgefordert, eine Kontrolluntersuchung bei einem Zahnarzt wahrzunehmen, dies per Stempel belegen zu lassen und das Blatt mitzubringen. Die Klassen mit der höchsten Teilnahmezahl erhielten kleine Preise wie beispielsweise einen Besuch im Zoo. Fast jedes zweite Kind hat mitgemacht, eine für diese Schule enorme Quote. Manche Kinder waren überhaupt das erste Mal beim Zahnarzt. All dies hat funktioniert, weil die Kinder gewinnen wollten, es gab einen kindgerechten Anreiz. An den Kindern liegt es also nicht, dass wir einige von ihnen selten oder nie sehen. Wir sind es, die Ideen brauchen. Eine andere vorbildliche Aktion: das „Elternklassen-Konzept“ der LAG. Im Umfeld der Schule erhalten die Eltern, vor allem Mütter, Deutschunterricht anhand von Alltagssituationen, eines dieser Themen ist dabei die Zahngesundheit. Es zeigten sich teilweise katastrophale Kenntnisse – aber auch eine enorme Lernfreude der Mütter und die Bereitschaft, das Gelernte zu Hause auch weiterzugeben. Das Wissen und das Mitreden können macht sie auch stark.

Wenn wir nachdenken, finden wir sicher weitere Beispiele, lauter kleine Einzelmaßnahmen, die partiell Verbesserungen bringen. Vielleicht müssten wir das zu einer großen Gemeinschaftsaufgabe machen, solche Einzelmaßnahmen evaluieren und durchgehende Konzepte entwickeln. Vielleicht ist das letztlich sogar wichtiger als mit viel Aufwand Leitlinien für Behandlungsbereiche zu erarbeiten, in denen es um Kofferdam oder nicht Kofferdam geht. Denn: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans meist später auch nicht. Kinder sind mehr als „kleine Patienten“ – sie sind die Zukunft.

Wir haben uns zu einer präventionsorientierten Zahnheilkunde bekannt, aus tiefster Überzeugung, fachlich und ethisch, und wo, wenn nicht bei den Kindern, sollen wir damit anfangen und den Grundstein legen? Rufen wir nicht immer nur nach der Politik. Sie denkt kurzfristig und erweist sich mitunter als unzuverlässig. Gehen wir es selbst an im Teamwork: Warum nicht „Kinder“ zum Thema für uns alle machen – bei einem unserer nächsten Deutschen Zahnärztetage? Und dann auch Konsequenzen ziehen?“

Aus: ZWP 5/2009

Foto: © Shutterstock.com

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