Wissenschaft und Forschung 08.04.2014
Diabetes: Hilfe aus dem Gehirn
Dr. Christophe Lamy, Leiter des Laboratoire de physiologie neurométabolique der Universität Freiburg, ist einem im Gehirn angesiedelten Kontrollmechanismus des Blutzuckerwertes auf die Spur gekommen. Eine in Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne durchgeführte Studie hat sich insbesondere auf die gefürchtete Unterzuckerung bei Diabetikern konzentriert.
Mit Hilfe von genetischen und physiologischen Hilfsmitteln ist es Dr.
Christophe Lamy der Universität Freiburg gelungen, den Weg der Neuronen
nachzuverfolgen, der im Gehirnstamm zur Hypoglykämie führt. Die präzise
Analyse der damit verbundenen Mechanismen hat gezeigt, dass eine
spezialisierte Neuronenpopulation am Werk ist, welche die Funktion von
Blutzuckersensoren in dieser Region des Gehirns ausübt. Diese Zellen
werden aktiviert sobald der Blutzuckergehalt zu tief sinkt und lösen
darauf eine physiologische Reaktion aus, mit dem Ziel, den
Blutzuckerhaushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Bei
Diabetespatienten verschlechtert sich diese körpereigene Reaktion im
Laufe wiederkehrender Hypoglykämien.
Im Teufelskreis der Unterzuckerung
Diabetes gehört sowohl in der Schweiz wie auch weltweit zu den
gravierenden Krankheiten. Es handelt sich um eine chronische Erkrankung,
charakterisiert durch einen zu hohen Blutzuckergehalt und kann kurz-
wie langfristig zu schweren Komplikationen führen, wenn die betroffene
Person nicht korrekt behandelt wird. Zu tiefer Blutzuckergehalt oder
Hypoglykämie ist dabei paradoxerweise die häufigste kurzfristige
Komplikation bei Patienten in Behandlung. Sie kann zu neurologischen
Reaktionen führen, ja gar zum Koma, wenn der Blutzuckerspiegel nicht
rasch angehoben wird. Das wiederholte Vorkommen einer Unterzuckerung
führt dabei zu einer Verringerung der körpereigenen „Korrektur“ und der
Wahrnehmung dieses Zustandes, was wiederum zu einer Verstärkung der
Hypoglykämie beiträgt. Bisher waren die Mechanismen dieser
„Desensibilisierung“ weitgehend unbekannt und unerforscht; entsprechend
eröffnen sich durch die jüngsten Resultate von Dr. Lamy auch neue Wege
in der Behandlung von Diabeteskranken, sowohl im Bereich der Prävention
wie auch während der akuten Phase dieser Komplikation.
Dr. Christophe Lamy steht hinter dem kürzlich geschaffenen neuen
Forschungslabor im Bereich der integrativen Physiologie am Departement
für Medizin der Universität Freiburg. Seine Arbeit konzentriert sich auf
die Interaktion zwischen dem menschlichen Stoffwechsel und dem Gehirn
und soll zum besseren Verständnis der Ursprünge von neurologischen und
psychiatrischen Erkrankungen führen sowie die Rolle des Gehirns im
Bereich von Stoffwechselkrankheiten verstärkt beleuchten. Dr. Lamy
stützt sich dabei auf jüngste Methoden aus der Elektrophysiologie, der
Biophotonik, der Optogenetik und der Nanotechnologie.
Die vorliegenden Forschungsergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift Cell Metabolism publiziert und zusammen mit Professor Bernard Thorens (Centre de génomique intégratif) und Dr. Jean-Yves Chatton (Département de neurosciences fondamentales), beide von der Universität Lausanne, erarbeitet.
Link zum Artikel
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S155041311400059X
Quelle: Universität Freiburg