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Cosmetic Dentistry 03.09.2008

Im Interview: Dr. Jürgen Wahlmann, Präsident DGKZ, Edewecht

Im Interview: Dr. Jürgen Wahlmann, Präsident DGKZ, Edewecht

1. Kosmetik in der Zahnmedizin: Schönheitschirurgie und ästhetische Zahnmedizin sind in den letzten Jahren zu einem Trendthema geworden. Welche Entwicklung hat die Zahnmedizin in den letzten Jahren genommen?
Die Zahnmedizin hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Noch vor wenigen Jahren ging es fast ausschließlich um die Rekonstruktion der Kaufunktion. Themen wie Ästhetik oder minimalinvasive Präparation spielten kaum eine Rolle. Vollkeramische Restaurationen haben hier zu einer Revolution der Möglichkeiten geführt. Durch neue Techniken ist es heute möglich, z.B. Veneers mit Schichtstärken von unter 0,15 mm zu fertigen. Dadurch sind weit substanzschonendere Behandlungen als früher möglich. Allerdings sind auch durch die Komplexität der neuen Verfahren die Anforderungen an die Aus- und Weiterbildung der Zahnärzte deutlich gestiegen. Wie in den angelsächsischen Ländern ist auch in Deutschland eine zunehmende Spezialisierung festzustellen. Auch die Wünsche der Patienten haben sich zum Teil dramatisch verändert. War noch vor wenigen Jahren festzustellen, dass sich unsere Patienten nicht nur funktionell hervorragenden Zahnersatz, sondern auch ein strahlendes Lächeln wünschen, so reicht es heute häufig nicht mehr aus, nur ein strahlendes Lächeln zu schaffen. Es gilt vielmehr die gesamte Gesichtsästhetik zu berücksichtigen. Hierzu ist es nötig, sich ein Netzwerk von Spezialisten aufzubauen, die als Team für den Patienten tätig werden.

2. Welche Möglichkeiten und Grenzen sehen Sie in der funktionell-ästhetischen Oralchirurgie?
Gerade die funktionell-ästhetische Oralchirurgie wird an Bedeutung in den nächsten Jahren gewinnen. Ohne Einbeziehung der kosmetischen Weichgewebssituation wird es weder in der Implantologie noch in der Prothetik möglich sein, kosmetisch optimale Behandlungsergebnisse zu erzielen. Aber auch die orofaziale Chirurgie wird eine zunehmende Rolle spielen. Herausragende Erfolge sind aus den kombiniert kieferorthopädisch/kieferchirurgischen Eingriffen bekannt. Hier ist der Zahnarzt angehalten, über den Tellerrand hinauszuschauen und seinen Patienten auf die entsprechenden Möglichkeiten hinzuweisen.

3. Ästhetische Korrekturen werden immer mehr zu einem Hauptgeschäftsfeld von Praxen. Sind Zahnärzte zuständig für Schönheit, die außerhalb des Mundraumes liegt?
Auch wenn unser Hauptgebiet sicherlich innerhalb des Mundes liegt, so ist eine Beschränkung auf diesen Bereich nicht akzeptabel. Es ist nicht einzusehen, warum Zahnärzte keine Unterspritzungen im Lippenbereich vornehmen sollten, während z.B. Allgemeinmediziner in diesem Bereich tätig sein dürfen. Selbstverständlich ist hier jedoch die Teilnahme an praktischen Fortbildungen zu fordern.

4. Der kosmetischen Zahnheilkunde werden überwiegend rein wirtschaftliche Interessen unterstellt. Ihre Meinung?
Die immer wieder diskutierten Unterschiede zwischen kosmetischer und ästhetischer Zahnheilkunde vermag ich so nicht zu sehen. Kosmetische Zahnheilkunde ist High-End-Dentistry. Nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Spezialisten aus anderen  Bereichen, wie Kieferorthopäden, Parodontologen, Implantologen oder ästhetischen Chirurgen, ist es möglich, ein optimales Ergebnis für die Patienten zu erreichen.

5. Auf welcher Basis versteht sich Ihrer Meinung nach ästhetische und auf welcher die kosmetische Zahnheilkunde? Sollte es eine stärkere Trennung/Unterscheidung zwischen beiden Gebieten geben?
Beide Bereiche sehe ich wie bereits erwähnt als High-End-Zahnmedizin. Kosmetische Zahnmedizin verhilft den Patienten nicht nur wieder zu gesunden, funktionell rekonstruierten Zähnen, sondern gewährleistet darüber hinaus eine möglichst minimalinvasive Versorgung bei gleichzeitig optimalem kosmetischen Ergebnis. Die psychologischen Auswirkungen einer Versorgung sollten nicht unterschätzt werden. Wer als Behandler einmal erlebt hat, wie sich die Ausstrahlung und das Selbstbewusstsein eines Patienten, der jahrelang versucht hat, seine Zähne beim Sprechen oder Lachen zu verbergen, nach durchgeführter Behandlung verbessert, wird nicht ernsthaft über die medizinische Notwendigkeit solcher Versorgungen diskutieren. Als Beispiel sei hier nur der englische Tenor Paul Potts genannt. Aus diesem Grund wird die DGKZ noch in diesem Jahr das erfolgreiche „Give Back a Smile“ Programm unserer amerikanischen Schwestergesellschaft American Academy of Cosmetic Dentistry (AACD, mehr als 8.000 Mitglieder in über 70 Ländern) starten. GBAS ermöglicht Opfern häuslicher Gewalt eine kostenfreie zahnmedizinische Behandlung auf höchstem Niveau.

6. Wo sehen Sie die ethischen Grenzen einer marktorientierten Zahnheilkunde?
Die Grenzen liegen immer dort, wo eine vernünftige Nutzen-Risiken-Abwägung nicht vorgenommen wird. Eine Präparation gesunder Zähne für eine Kronenversorgung ist definitiv nicht akzeptabel. Hier ist der Behandler gefordert, durch Vorschaltung einer kieferorthopädischen Behandlung und Einsatz neuester Behandlungsmethoden wie z.B. No Prep Veneers eine risikoarme Behandlungsmethode anzubieten.

7. Was gehört zu einer professionellen Zahnmedizin?
Professionelle Zahnmedizin ist gekennzeichnet durch Kenntnisse auf aktuellstem Niveau. Regelmäßige, insbesondere praktische Fortbildungen sind eine Conditio sine qua non. Darüber hinaus sollte jeder Kollege die Grenzen seiner Möglichkeiten kennen. Niemand kann heute mehr alle Bereiche der Zahnmedizin auf hohem Niveau abdecken. Daher ist der Aufbau entsprechender Netzwerke für eine professionelle Zahnmedizin unabdingbar.


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