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Kieferorthopädie 11.11.2020

Einfach distalisieren bei verringerter Reibung

Einfach distalisieren bei verringerter Reibung

Eine der häufigsten Malokklusionen im kieferorthopädischen Praxisalltag stellt die Angle-Klasse II dar. Im Rahmen der Behandlung dieser dentalen Fehlstellung mit oder ohne skelettale Beteiligung ermöglichen heutzutage viele Wege eine erfolgreiche Distalisation von Zähnen, und zwar mit mehr oder weniger kontrollierbaren Nebeneffekten. Der folgende Artikel zeigt das klinische Fallbeispiel eines zwölfjährigen Patienten, bei dem die Klasse II-Korrektur mithilfe einer passiven Multibracketapparatur sowie einer NiTi-Druckfeder erfolgte. 

Einleitung

Kiefer- und Zahnstellungsanomalien werden mithilfe unterschiedlicher kieferorthopädischer Methoden behandelt. Zwischen 28 und 63 Prozent der uns zu einer KFO-Therapie überwiesenen Patienten weisen eine Angle-Klasse II auf.2, 3 Die Behandlungsmöglichkeiten umfassen hierbei die Wachstumshemmung des Oberkiefers, die Förderung des Unterkieferwachstums sowie die Distalisierung von Eckzähnen, ersten oder zweiten Prämolaren bzw. Molaren. Liegt eine skelettale Klasse II vor, ist in der Regel eine kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgische Therapie indiziert.1

In der Geschichte der Kieferorthopädie wurden über die Jahre viele Methoden und Apparaturen zur Distalisierung von Zähnen entwickelt. Als erste in der Praxis bewährte Apparatur wäre hier der Headgear zu nennen (Proffit 1992). Darüber hinaus wurden und werden die Pendulum-Apparatur sowie die Oberkieferplatte mit distaler Schraube erfolgreich eingesetzt.1, 13

Zudem wurden festsitzende mitarbeitsunabhängige Therapiegeräte entwickelt, wie beispielsweise der Distal Jet oder das Herbst-Scharnier, welches erstmals 1909 von Emil Herbst publiziert und 1979 von Hans Pancherz weiterentwickelt wurde und bis heute in verschiedensten Modifikationen im klinischen Einsatz ist.1, 19

Gegenwärtig werden des Weiteren zahlreiche Distalisationsapparaturen mit temporär inserierten Miniimplantaten (Temporary Anchorage Devices, TADs) kombiniert. Hier wären stellvertretend u. a. der Beneslider nach Wilmes (2006) oder die modifizierte C-Gaumenplatte (Modified C-Palatal Plate, MCPP) nach Park (2004) zu nennen.4, 5

Nicht selten finden in der kieferorthopädischen Praxis zur dentoalveolären Korrektur aber auch einfache Klasse II-Gummizüge Anwendung – und dies durchaus mit guten Ergebnissen. Doch egal, welche Apparatur letztlich zum Einsatz kommt, keine ist völlig frei von unerwünschten Nebeneffekten.

In unserer Praxis haben wir uns mit unterschiedlichsten Techniken zur Behandlung von Klasse II-Fällen auseinandergesetzt. Wir arbeiteten dabei über die Jahre sowohl mit herausnehmbaren Geräten (z. B. Headgear, Aktivator, Fränkel, DVP etc.) als auch mit festsitzenden Apparaturen, mit Gummizügen als auch mit Minischrauben. Dabei waren wir stets bemüht, eine Vereinfachung der Distalisationsmechanik zur Erzielung bestmöglicher Ergebnisse zu realisieren – sowohl im Hinblick auf die Funktion als auch bezüglich der Ästhetik.

Klinisches Fallbeispiel

Im Folgenden sei exemplarisch ein Fallbeispiel aus unserer Praxis vorgestellt. Ein zwölfjähriger Junge wurde aufgrund einer Durchbruchsstörung der Zähne 13, 23 und 43 an uns überwiesen (Abb. 1a–f, 2a und b, 3a und b). Nach erfolgter Diagnostik entschieden wir uns in Absprache mit den Eltern, eine festsitzende Apparatur (Abb. 4) mit möglichst leichten Kräften bei geringer Reibung einzusetzen (Damon® System, Fa. Ormco).19

Mit der passiven Multibracketapparatur kam acht Wochen nach Behandlungsbeginn eine NiTi-Druckfeder (Open Coil Spring) im Oberkiefer zur Anwendung, welche zwischen 12-14 sowie 22-24 zur Lückenöffnung inseriert wurde (Abb. 5a–f). 28 Wochen nach Behandlungsbeginn wurden ein Kontroll-OPG sowie -DVT erstellt (Abb. 6a und b).

Im weiteren Behandlungsverlauf brachen nach Lückenöffnung im Oberkiefer spontan die Eckzähne durch, deren Einordnung mittels Drahtligatur unterstützt wurde. Im Unterkiefer war zwischenzeitlich mithilfe einer weiteren NiTi-Druckfeder der Platz für Zahn 43 geschaffen worden, dessen Freilegung dann operativ erfolgen sollte (Abb. 7a–h).

Abbildung 8a zeigt die Aktivierung des Zahns 43 nach Lückenöffnung mithilfe einer Drahtligatur, Abbildung 8b das OPG nach dessen operativer Freilegung. Zur Feineinstellung kam sowohl im Ober- als auch Unterkiefer ein .018'' x .025'' CuNiTi-Bogen zum Einsatz (Abb. 9).

Nach zwei Jahren und sieben Monaten konnte die Behandlung erfolgreich abgeschlossen werden. Zur Retention wurde in beiden Kiefern ein fixer Lingualretainer geklebt (Abb. 10a und b, 11, 12a und b).

Schlussfolgerungen

Der Einsatz eines passiven Multibracketsystems in Kombination mit einer offenen Coil Spring ermöglicht eine leicht durchzuführende Distalisierung bei verringerter Reibung.

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Dieser Beitrag ist in KN Kieferorthopädie Nachrichten erschienen.

Foto Teaserbild: Autor

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