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Kieferorthopädie 16.08.2011

Prophylaxe aus einem anderem Blickwinkel

Prophylaxe aus einem anderem Blickwinkel

„Zahnärzte sollten Bewusstsein für die ‚kleinen‘ kieferorthopädischen Fälle schärfen“

Fehlentwicklungen des Kiefers und Zahnfehlstellungen bei Kleinkindern stehen im Fokus der jungen KFO. Zahnärzte, die sich darauf spezialisieren, leisten sinnvolle Prophylaxe und profitieren zudem wirtschaftlich. Dysgnathien führen oftmals zu langwierigen und kostenintensiven Behandlungen. Erfolgt der Therapiebeginn jedoch frühzeitig, ist die Ausnutzung der biologischen Wachstumsphase möglich. Auf diese Weise sinken Kosten- und Zeitaufwendungen für Patienten. Der Fachkreis Junge KFO bietet Zahnärzten eine Plattform zum Erfahrungsaustausch und zur Förderung frühzeitiger kieferorthopädischer Therapien. Dr. Wolf Peter Uhde, Sprecher des Fachkreises, erläutert die Bedeutung dieser Behandlungen für Patient und Zahnarzt.

Herr Dr. Uhde, warum ist es wichtig, in Zahnarztpraxen Leistungen der Jungen KFO anzubieten?

Dr. Uhde: Zu allererst steht die medizinische Notwendigkeit von kieferorthopädischen Therapien bei Kleinkindern im Vordergrund. Die KFO unterliegt einer Aufteilung in fünf kieferorthopädische Indikationsgruppen (KIG). Der Ausschluss bestimmter Fälle (KIG I und KIG II) aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen impliziert eine Sorglosigkeit, die nicht angezeigt ist. Der Begründung, es handle sich bei diesen Fällen angeblich nur um eine gestörte Ästhetik, stimmen wir nicht zu. Bleiben Dysgnathien bei Kleinkindern unbehandelt, führen sie oftmals zu schweren funktionellen Beeinträchtigungen und zu kieferorthopädischen Fällen, die teurer und langwieriger Behandlungen bedürfen. Bei einer Frühbehandlung hingegen, reichen in der Regel einfache therapeutische Maßnahmen aus, um eine gesunde Gebissentwicklung und korrekte Zahnstellung zu erzielen. Zeit- und Kostenaufwand halten sich so für Patienten im Rahmen.

 

Sind frühzeitige kieferorthopädische Korrekturen wirklich so prophylaktisch sinnvoll?

Dr. Uhde: Ja! Wenn Korrekturen frühzeitig im Milchgebiss vorgenommen werden, entwickelt sich dieses meist in die gewünschte Richtung. Günstige Wachstumsvorgänge in der Phase, in welcher der Zahnwechsel vom Milchzahngebiss zum bleibenden Gebiss noch nicht abgeschlossen ist, spielen eine entscheidende Rolle. Sie findet zwischen dem 4. und 10. Lebensjahr statt und kennzeichnet den Zeitraum, in dem kieferorthopädische Frühbehandlungen indiziert sind. Mit Hilfe von Apparaturen wie Lückenhalter oder Bionator erlangt Junge KFO weitestgehend stabile Ergebnisse auf einem biologisch ausgewogenen Weg. Im 2. Wechselgebiss kann dies in der Form nicht mehr erreicht werden. Eine rechtzeitige Diagnose entscheidet daher über den Behandlungserfolg. Neben diesem medizinischen Aspekt kommen für den Zahnarzt wirtschaftliche Faktoren hinzu, die für das Angebot Junger KFO sprechen.

Was bedeutet das konkret?

Dr. Uhde: Allgemeintätige Zahnärzte, die sich kieferorthopädisch weitergebildet haben, nutzen aktuelle und zukünftige Wirtschaftschancen in einem immer schwieriger werdenden Arbeitsumfeld. Neben zeitnaher Umsatzsteigerung stellt Junge KFO ein ideales Mittel zur langfristigen Patientengewinnung und -bindung dar. Schließlich lassen sich Kinder meist nicht nur kieferorthopädisch behandeln, sondern bleiben der Praxis dauerhaft erhalten, oftmals sogar als Erwachsene. Das zusätzliche Angebot kieferorthopädischer Leistungen vermittelt zudem Kompetenz und ermöglicht es, weitere Familienangehörige als Neupatienten zu gewinnen. Auf diese Weise gelingt eine Verjüngung des Patientenstamms und die Sicherung der Rentabilität der Praxis für die Zukunft. Schließlich altert und verdünnt sich der Patientenstamm oftmals zusammen mit dem Behandler. Eine verbessere Patientenstruktur steigert hingegen den Wert der Praxis bei der Übergabe. Der Ausschluss der genannten KIG-Fälle aus dem Leistungskatalog ist darüber hinaus ein Fingerzeig in Richtung Privatisierung der KFO. Wer diese Leistungen im Portfolio hat, hebt sich von der Konkurrenz ab.

Begeben sich Zahnärzte damit nicht auch in Konkurrenz zu Kieferorthopäden?

Dr. Uhde: Ganz und gar nicht, schließlich ist der grundsätzliche Bedarf an kieferorthopädischen Leistungen so groß, dass sowohl Zahnärzte als auch Kieferorthopäden das Marktsegment bedienen können. Rund 200.000 Kinder und Jugendliche pro Jahrgang werden therapeutisch nicht versorgt, obwohl sie einer kieferorthopädischen Frühbehandlung bedürfen. Es gibt also genügend Potenzial für kieferorthopädische Praxen und allgemeine Zahnarztpraxen. Vor allem diejenigen Zahnärzte, die von vornherein einen kinderheilkundlichen Schwerpunkt haben, sind angesprochen. Wenn sie sich auf einfachere Fälle der KIG I und II konzentrieren, können sie das neue Behandlungsspektrum gut in ihren Praxisalltag integrieren. Gute Fortbildungen sind dafür das A und O. Zahnärzte sollten insbesondere bei der Einführung von KFO-Leistungen schwere Fälle der KFO mit festsitzenden Apparaturen sowie Kassenfälle mit herausnehmbaren Apparaturen Fachärzten überlassen.

Warum sollte sich ein Zahnarzt dem Fachkreis Junge KFO anschließen?

Dr. Uhde: Unser Anliegen ist die Förderung der KFO-Frühbehandlungen sowie ein fundierter Erfahrungsaustausch mit dem Ziel einer optimierten Behandlung innerhalb des Leistungsspektrums der Jungen KFO. Wer also Interesse hat und unsere Ziele unterstützen möchte, profitiert von unserem Netzwerk in mehrfacher Hinsicht. Bei Fragen zur Jungen KFO erhalten unsere Mitglieder persönliche oder auch telefonische Betreuung. Darüber hinaus versuchen wir in der Öffentlichkeit ein stärkeres Bewusstsein für die Indikationen der Jungen KFO zu schaffen. Doch auch Zahnärzte müssen um diese Problematik wissen, um entsprechend kompetent ihre Patienten beraten zu können. Um das Bewusstsein für die „kleinen“ kieferorthopädischen Fälle zu schärfen, ist der Erfahrungsaustausch mit Kollegen besonders nützlich. Im Vordergrund steht für uns vor allem der interdisziplinäre Austausch unter Zahnärzten, Kieferorthopäden und Logopäden und eine fundierte Kompetenzvermittlung. Zu diesem Zweck stellen wir unseren Mitgliedern vielfältiges Informationsmaterial zur Verfügung und bieten regelmäßig Fortbildungen und Seminare an.

Wieso ist der interdisziplinäre Austausch notwendig?

Dr. Uhde: Von den Synergien profitieren alle Beteiligten, vor allem aber Patienten. Am Beispiel der Logopädie lässt sich das gut darstellen. Zungenfehllagen oder pathologische Schluckmuster können zu Dysgnathien oder zu Rezidiven bei bereits abgeschlossenen Behandlungen führen. Der Einfluss orofazialer Fehlfunktionen auf den gesamten Kieferapparat ist stark. Daher ist es wichtig, dass Zahnärzte rechtzeitig erkennen, ob neben einer Zahnstellungskorrektur auch eine unterstützende logopädische Therapie angezeigt ist, die oftmals zu schnelleren und insbesondere stabileren Ergebnissen führt. Innerhalb des interdisziplinären Austausches informieren wir daher ausführlich über Zusammenhänge zwischen den Disziplinen sowie über Diagnose- und Therapiemöglichkeiten orofazialer Fehlfunktionen.

Wie beurteilen Sie die bisherige Arbeit des Fachkreises?

Dr. Uhde: Wir haben seit 2004 viel erreicht und entwickeln uns weiterhin in die richtige Richtung. Das große Interesse, dass uns bei der letzten Jahrestagung im September entgegenschlug, hat dies verdeutlicht. Wir möchten 2010 an den bisherigen Erfolgen anknüpfen und unsere Aufklärungskampagne weiter ausbauen. Vor allem das Bewusstsein der Eltern liegt uns am Herzen, denn sie und ihre Kinder profitieren von frühzeitigen, biologischen und kostengünstigen Therapien am meisten. Es gilt sie zu überzeugen, dass sich ihre Investition lohnt und den jungen Patienten meist vor langwierigen und komplizierten Behandlungen schützt.

Was genau ist angedacht?

Dr. Uhde: Wir planen ein Infoblatt für Patienten zur Wichtigkeit der Retention und intensivieren generell unsere Pressearbeit. Auch ein Homepage-Relaunch steht an. Zu guter Letzt setzen wir weiterhin auf unsere Mitglieder und ihre Aufklärungsarbeit in der heimischen Praxis. Dafür sind wir ihnen gerne beim Praxismarketing behilflich und unterstützen sie mit Broschüren und Textvorlagen.

Fachkreis Junge KFO

Der Fachkreis Junge KFO ist ein bundesweiter Zusammenschluss von kieferorthopädisch tätigen Zahnärzten der seit 2004 besteht. Er versteht sich als Interessengemeinschaft zum Erfahrungsaustausch sowie zur Förderung von kieferorthopädischen Frühbehandlungen. Ziel ist es, Patienten umfassend zu betreuen und das Vertrauensverhältnis sowie persönliche und fachliche Bindung zwischen Patient und Zahnarzt zu stärken. Dem Fachkreis gehören aktuell rund 200 Mitglieder an, zahlreiche Zahnärzte, Kieferorthopäden und Logopäden arbeiten mit ihm darüber hinaus zusammen.

8. Jahrestagung des Fachkreises Junge Kieferorthopädie

Zu seiner 8. Jahrestagung lädt der Fachkreis Junge Kieferorthopädie vom 9. bis 10. September nach Weimar ein. Anlässlich des in diesem Jahr stattfindenden 50-jährigen Jubiläums des Elastisch Offenen Aktivator nach Klammt, steht die Jahrestagung unter dem Motto „Das Klammt-Gerät – 50 Jahre und immer noch aktuell.“ So wird am ersten Tag rund um das herausnehmbare KFO-Gerät referiert. Gemäß der interdisziplinären Ausrichtung des Fachkreises, erhalten auch Referenten zu zahnästhetischen, juristischen und betriebswirtschaftlichen Themen das Wort. Neben dem Thema „Schnarchen und lebensbedrohliche Apnoe“, dem sich Prof. Dr. med. Dr. dent. Edmund Rose aus der Schweiz widmet, erhalten Kinder- und Familienzahnärzte Einblicke in die Chirotherapie beim Thema „Das Kiefergelenk als Stressfaktor“. Zudem bekommen Teilnehmer auch in diesem Jahr die Möglichkeit, eigene Fälle mit dem Referententeam in kleiner Runde zu besprechen. Gastgeber ist das Fachlabor Orthos, das dem Fachkreis seit Jahren partnerschaftlich verbunden ist. Infos und Anmeldungen unter www.orthos.de oder 03643-80 80 0

Dr. Wolf Peter Uhde war viele Jahre als Facharzt für Kieferorthopädie in eigener Praxis tätig. Seit 1968 ist Dr. Uhde Facharzt für Kinderzahnheilkunde, seit 1973 Fachzahnarzt für Kieferorthopädie. Bis 1989 war er Chefarzt an der Zahnklinik Rostock. Zudem schult Dr. Uhde zahnärztliche Kollegen regelmäßig in kieferorthopädischen Fragestellungen und vertritt als Sprecher den Fachkreis Junge Kieferorthopädie.

Quelle: Fachkreis Junge Kieferorthopädie

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