Parodontologie 28.03.2014

Parodontalbehandlung oder lieber Implantate?

Parodontalbehandlung oder lieber Implantate?

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Das primäre Ziel aller zahnärztlichen Bemühungen ist der lebenslange Erhalt der natürlichen Zähne in einem schmerzfreien, gesunden, funktionell und ästhetisch ansprechenden Zustand.1,2 Aber wie lange funktioniert dies und bis zu welchem Destruktionsgrad ist es noch sinnvoll, einen parodontal erkrankten Zahn zu erhalten? Wann ist es besser, ihn zu entfernen, vor allem unter Berücksichtigung einer eventuellen Versorgung mit Implantaten?

Das Problem besteht vor allem in Bezug auf das Knochenangebot. So kann bei einem guten Knochenangebot der Zahn erhalten werden. Ist ein Zahn parodontal jedoch nicht mehr erhaltungsfähig, fehlt auch der Knochen für eine Implantation, sodass diese entweder gar nicht oder nur nach aufwendigen augmentativen Maßnahmen möglich ist. Also werden häufig bereits Zähne mit einer leichten bis moderaten parodontalen Erkrankung/Destruktion entfernt, damit ausreichend Knochen für eine Implantatinsertion zur Verfügung steht. Damit wird vorausgesetzt, dass ein parodontaler Knochenabbau schicksalshaft weiter voranschreiten wird.

Aber ist dies tatsächlich so? Zahlreiche Untersuchungen zeigen das Gegenteil. So ergab eine Untersuchung, die Eickholz unter dem Titel „Parodontal geschädigte Zähne! – Wie lange geht das gut?“ veröffentlichte, dass sich bei regelmäßigen und konsequenten unterstützenden Parodontitistherapien (UTP) über einen Zeitraum von zehn Jahren Überlebensraten von 87 bis 96 Prozent realisieren lassen, und dass weitere Attachmentverluste, Knochenabbau und auch Zahnverlust seltene Ereignisse sind.3 Auch in anderen Untersuchungen4 konnten in Leitzeitstudien Überlebensraten von über 90 Prozent nachgewiesen werden, selbst bei der Behandlung von Zähnen mit fragwürdiger Prognose.5 Diese Ergebnisse decken sich auch mit denen – bislang unveröffentlichten – aus unserer Praxis und sind damit mit den Überlebensraten von Implantaten mehr als vergleichbar. Vielfach finden wir sogar bei nicht chirurgischen Therapien ein spontanes Regenerationspotenzial (Abb. 1 und 2). Diese Ergebnisse beziehen sich natürlich nicht auf Risikopatienten mit Nikotinabusus, Stoffwechselerkrankungen und schlechter, ineffektiver Mundhygiene. Aber diese Patienten kämen auch nicht für eine Erfolg versprechende Implantatversorgung infrage. Außerdem besteht bei einer Implantatversorgung das Problem einer Periimplantitis, denn mit der Entfernung eines Zahnes ist die Prädisposition des jeweiligen Patienten für eine Parodontits bzw. Periimplantitis nicht zwangsläufig beseitigt.

 

 

Entscheidungsfindung – Risikoeinschätzung

Wann also ist ein Zahn nicht mehr erhaltungswürdig und sollte besser entfernt werden? Wie ist seine Prognose einzuschätzen? Lang und Ramseier entwickelten ein patientenbezogenes Modell zur Risikoanalyse der Parodontitis6,7,8 (Abb. 3, Seite 70). Dieses Faktoren beeinflussen und damit die Entwicklung und Progression bestimmen. Von maßgeblicher Bedeutung für die synoptische Behandlungsplanung ist die Einschätzung der Einzelzahnprognose, die unter Berücksichtigung der gesamten Befundsituation durchgeführt wird. Nach McGuire und Nunn wurde eine modifizierte Drei-Stufen-Einteilung entwickelt. Hier gelten Zähne als sicher, die bei guter Mundhygiene und regelmäßiger Kontrolle weniger als 50 Prozent Knochenverlust und einen maximalen Furkationsbefall Grad I aufweisen. Bei bis zu 50 Prozent Knochenverlust, Furkationsbefall Grad II und Grad III und ungünstiger Wurzelmorphologie ist die Zukunft des Zahnes zweifelhaft bzw. fragwürdig.

Ziel ist, den Zahn in einen sicheren Zustand zu überführen. Hoffnungslose Zähne haben mehr als 75 Prozent Knochenverlust und einen Mobilitätsgrad von III. Diese Zähne gelten als medizinisch nicht oder nur mit übermäßigem Aufwand erhaltungsfähig. Eine korrekte Risikoeinschätzung ist zudem Grundlage jeder erfolgreichen parodontalen Therapie (Abb. 3).17 Dabei sollten Zähne nicht „l‘art pour l’art“ (sinngemäß: „die Kunst um der Kunst willen“) erhalten werden, stattdessen sollte die endgültige prothetische Versorgung berücksichtigt werden. Ein Zahn mit einer fraglichen Prognose ist sicher als Pfeilerzahn ungeeignet. Auch gilt es, bei der Einschätzung zu berücksichtigen, ob es sich um einen einwurzeligen oder mehrwurzeligen Zahn handelt, denn es ist bekannt, dass furkationsbefallene obere Molaren die schlechtesten Überlebensraten aufweisen.18 Das individuelle Parodontitisrisiko spielt eine besondere Rolle bei der Bestimmung der UPT-Intervalle und kann sich von Sitzung zu Sitzung ändern, etwa deshalb, weil sich die Mundhygiene verschlechtert hat, Erkrankungen aufgetreten sind und Ähnliches. Die genannten Risikoanalysen müssen jedoch kritisch betrachtet werden, denn noch kennen wir die Pathogenese nicht vollständig. Psychosozialer Stress des Patienten ist zudem für den Behandler schwer einzuschätzen. Die Prognose hängt auch von nicht patientenbezogenen Faktoren wie dem Niveau der Behandlung und der Motivation des Behandlungsteams ab.

Parodontitis – Periimplantatitis

Ursachen für Parodontitis und Periimplantitis sind die bakteriellen Beläge auf den Zähnen bzw. Implantaten an deren Durchtrittsstelle durch die Gingiva bzw. Mukosa, der pathogene subgingivale Biofilm. Aber es gibt strukturelle Unterschiede. Während der Zahn über einen desmodontalen Faserapparat mit dem Knochen verbunden ist, ist das Implantat osseointegriert und vom periimplantären Hart- und Weichgewebe umgeben. Dieses Gewebe ist für Infektionen anfälliger. Tierexperimentelle Studien schienen darauf hinzuweisen, dass der Schutzmechanismus des epithelialen und bindegewebigen Attachments gegen die Attacke von Bakterientoxinen und die Ausbreitung des entzündlichen Zellinfiltrates beim Implantat weniger effizient sind als beim natürlichen Gebiss.19 Auch bei der Periimplantitis kennt man Differenzierungen: leichte Periimplantitis (ST < 7 mm bzw. Knochenabbau ≤ 2 mm) und schwere Periimplantitis (ST ≥ 7 mm bzw. Knochenabbau > 2 mm).29 Um die Diagnose einer Periimplantitis zu stellen, stützt sich der Behandler auf die klinischen Parameter wie Sondierungstiefen, Entzündungszustand der periimplantären Weichgewebe und Progression des röntgenologischen Knochenabbaus. Die Mobilität eines Implantates ist ein Zeichen fehlender Integration. Bei Parodontitis und Periimplantitis ist die Therapie primär antiinfektiös. Die Entfernung der bakteriellen Plaque von den strukturierten Implantatoberflächen gestaltet sich deutlich schwieriger, weil der Zugang zur Implantatoberfläche durch Suprastrukuren, Platform Switching und/oder Gewindeschrauben erschwert ist, während dies an den natürlichen Zähnen deutlich einfacher durchzuführen ist (Abb. 4). Daher sollte der chirurgische Zugang bei einer Periimplantitis frühzeitiger als bei der Parodontitis gewählt werden. Dass die Therapie der Periimplantitis weitaus schwieriger ist als die Parodontitisbehandlung, spricht für den weitgehenden Zahnerhalt, zumal bislang von evidenzbasierten Therapiekonzepten bei der Periimplantitis nicht gesprochen werden kann. Da häufig Patienten ihre Zähne aufgrund einer Parodontalerkrankung verloren haben, steigt die Chance, nach einer Implantatinsertion an einer Periimplantitis zu erkranken vor allem, wenn der Zahnverlust eine Folge mangelhafter Compliance war. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass erst eine erfolgreiche Parodontaltherapie die Grundlage für eine erfolgreiche Implantatinsertion schafft.21,22 Auch wenn nach einer parodontalen Behandlung die Ästhetik aufgrund von Stützgewebsdefekten, Rezessionen, fehlender Interdentalpapillen und verlängerten klinischen Kronen leiden kann, gibt es inzwischen Möglichkeiten, minimalinvasiv mit hochästhetischen Kompositen, Veneers oder Überkronungen ästhetisch ansprechende Lösungen zu finden (Abb. 5 und 6). Ob eine abnehmbare Versorgung mit Kunststoffgingiva die ästhetisch ansprechendere Lösung ist, muss der Patient entscheiden.

Fazit

Enossale Implantate sind eine unschätzbare Bereicherung des zahnärztlichen Therapiespektrums, kann man mit ihnen doch das Beschleifen von karies- und restaurationsfreien Zähnen bei einer Einzelzahnlücke vermeiden oder in einem Restgebiss einen festsitzenden Zahnersatz realisieren. Dabei darf die Gefahr einer Periimplantitis nicht verdrängt werden. Mit der Extraktion eines parodontal erkrankten Zahnes ist die Parodontitis nicht beseitigt. Und die Risikofaktoren, die für die Parodontitis gelten, gelten auch für die Insertion eines Implantates. Während für die Therapie der Parodontitis gut dokumentierte und Erfolg versprechende Konzepte etabliert sind, existieren diese zumindest zurzeit noch nicht in vergleichbarer Form für die Periimplantitis. Erstrebenswerter und auch häufig realisierbar erscheint doch da der Erhalt möglichst vieler natürlicher Zähne bis ins hohe Alter. Bei Zähnen mit kritischer Prognose, akuten rezidivierenden Entzündungen, insbesondere beim zweiten Molaren mit Furkationsbefall, wenn der erste bereits fehlt, ist eine Extraktion mit nachfolgender Implantation zu überdenken.

Die Literaturliste finden Sie hier.

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