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Prophylaxe 18.04.2019

Auswirkung von Xerostomie auf die Lebensqualität

Auswirkung von Xerostomie auf die Lebensqualität

Eine sorgfältige Anamnese und angepasste Zahn- und Mundpflegekonzepte können die Ursachen wirksam bekämpfen.

Xerostomie wird im Allgemeinen häufig mit Mundtrockenheit gleichgesetzt, wobei Xerostomie einen Ausdruck für das subjektive Empfinden des Patienten darstellt. So kann das Gefühl eines trockenen Mundes vorliegen, obwohl objektiv kein Speichel­mangel festgestellt werden kann. Im Gegensatz dazu kann die Hyposa­livation sowohl klinisch als auch durch den objektiv messbaren Grad der Speichelfließrate diagnostiziert werden.1 Eine Hyposalivation liegt vor, wenn der nicht stimulierte ­Speichelfluss < 0,1 ml/min und der ­normale Speichelfluss ca. 0,3 ml/min beträgt.2, 3 Neben einem unangenehmen Mundgefühl und einer ­verminderten Lebensqua­lität erhöht sich zudem das Risiko, kariöse Zahnhartsubstanzdefekte zu entwickeln, deutlich. Ursache hierfür ist einerseits eine unzureichende Zucker-Clearance durch die geringere Speichelmenge (fehlende Selbst­reinigung), und andererseits ist durch die verminderte Verfügbarkeit an freien Calcium- und Phos­phationen aus dem Speichel die Remineralisation der Zahnober­flächen deutlich reduziert.2, 4

Die Auslöser von Xerostomie und Hyposalivation sind sehr vielfältig. Die nachfolgende Übersicht zeigt einige beispielhafte Faktoren:

  • Stress5, 6
  • Rauchen6
  • Medikamente, die das vegetative Nervensystem beeinflussen (z. B. Antidepressiva, Beta­blocker, Schmerzmittel)3, 5, 7, 8
    
  • Bestrahlung und Chemotherapie5, 9
  • Systemische Erkrankungen (Sjögren-Syndrom)5
  • Weitere Erkrankungen: Dia­betes, HIV, Lupus erythematodes, Morbus Parkinson u. a.5, 8
  • Menopause10–12
  • Altersregression

In allen beschriebenen Fällen wird die Funktion der Speicheldrüsen unterdrückt oder die Speicheldrüsen sind nicht mehr funktions­fähig [komplett oder teilweise: siehe d) und e)]. Bei Er­fragung der Medikamentendosis sollte insbesondere auch die Auswirkung von Multimedikationen auf die Speichelproduktion berücksichtigt werden (Abb. 1). Klinisch relevant ist zudem, dass selbst bei einseitiger Bestrahlung der Speicheldrüsen eine stark minimierte Funktion der noch in­takten Speicheldrüsen festgestellt werden kann.9

 

Xerostomie

Die zweite Form der Mundtrockenheit stellt eine subjektive Komponente dar: Xerostomie.1, 15–21 Etwa die Hälfte aller erwachsenen Per­sonen über 50 Jahren berichten von einer Mundtrockenheit.21 Das subjektive Empfinden eines trockenen Mundes hat einen negativen Einfluss auf die Lebensqualität.15 So trauen sich betroffene Personen häufig nicht mehr zu lachen, mit ihren Mitmenschen zu reden oder berichten von trockenen Lippen.14 Empfindliche Schleimhäute, Pro­bleme beim Sprechen, Kauen und Schlucken sowie als Folge eine ­Umstellung der Ernährung mit einem Verzicht auf trockenes Essen (Müsli o. ä.) sind zudem häufig ­berichtete Einschränkungen im alltäglichen Leben.14, 15, 22, 23
Das Vorliegen einer Xerostomie kann durch zielgerichtete Fragen im Rahmen einer Kontrolluntersuchung zügig ermittelt werden. Publikationen, z. B. von Villa et al., Dirix et al., Fox et al., Thomson et al. und van der Putten et al.6, 21, 24, 25, bieten eine Übersicht über teilweise umfangreiche ­Fragenkataloge. Nach­folgend einige exemplarische Fra­gestellungen entnommen aus Villa et al.21:
Fühlt sich Ihr Mund bzw.
Rachenraum trocken an?
Sind Ihre Lippen häufig trocken oder eingerissen?
Haben Sie das Gefühl, zu wenig Speichel zu haben?
Haben Sie tagsüber oder auch nachts häufig das Bedürfnis, etwas trinken zu müssen?
Haben Sie Schwierigkeiten,
trockene Nahrung zu essen?
Haben Sie häufig Stress?
Nehmen Sie Betablocker,
Antidepressiva etc.?
Rauchen Sie?
Sofern mindestens eine dieser Fragen mit „Ja“ beantwortet werden kann, besteht ein hohes Risiko, dass der Patient unter Xerostomie oder eventuell auch unter Hyposalivation leidet. Es ist hier wichtig, auf das erhöhte Kariesrisiko hinzu­weisen und eine angepasste Ernährung sowie eine spezielle häusliche Zahnpflege zu empfehlen. Für den Untersucher ist es unabdingbar, vermehrt auf freiliegende Zahnhälse zu achten (Dentinkaries/Wurzelkaries), weil diese besonders bei einem geringen Speichelfluss Prädilektionsstellen für eine Karies darstellen.2,26,27

Der Speichel: Remineralisation, Pufferwirkung und anti­bakterielle Eigenschaften

Der Speichel ist für die Remineralisation der Zahnhartsubstanz essenziell und besitzt überdies noch eine Vielzahl weiterer Funktionen.28–30 Zusätzlich zu den anorganischen Ionen sind im Speichel auch antimikrobielle Substanzen enthalten. Diese Wirkstoffe kontrollieren sowohl den Biofilm auf den Zähnen als auch am Zahnfleischrand und auf der Zunge.30 Zu den wichtigsten Proteinen zählen hier sicher Immu­noglobuline, Amylasen, Cystatine, Histatine, Mucine, Lysozym, Peroxidasen und Lactoferrin (Abb. 2).30–34 Diese natürliche Biofilmkontrolle verhindert eine übermäßige Plaquebildung und wirkt somit protektiv gegen Karies, Parodontitis und Ha­litosis.

Moderne Zahnpflege: Individuelle Lösungen

Neben der erhöhten Aufmerksamkeit seitens des behandelnden Personals bezüglich einer vorliegenden Mundtrockenheit ist eine Empfehlung hinsichtlich wirksamer Zahnpflegeprodukte für die häusliche Anwendung wichtig, damit die Lebensqualität der Pa­tienten wieder gesteigert werden kann.35 Vor dem Hintergrund, dass Fluoride Speichel benötigen, um ihre Wirksamkeit entfalten zu können, sollte auf Zahnpflegeprodukte mit Calcium- und Phosphat­ionen (z. B. CPP-ACP oder Hydroxy­l­apatit) verwiesen werden.36 Insbesondere Hydroxylapatit, Ca5(PO4)3(OH), ist aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem natürlichen Zahnschmelz ein vielversprechender biomimetischer Wirkstoff.37, 38 Najabfard et al. beschreiben in ihrer bereits 2011 erschienenen Publikation, dass Hydroxy­lapatit auch bei wenig Speichel ein effektiver Wirkstoff ist.39 Ferner sollten Produkte empfohlen werden, die Wirkstoffe mit polaren funktionellen Gruppen haben, wie zum Beispiel Glycerin, Sorbitol oder Betain. Derartige ­Inhaltsstoffe können Feuchtigkeit im Gewebe zurückhalten und so für ein angenehmes Mundgefühl sorgen. Entscheidend ist hier die Effektlänge der jeweiligen Sub­stanz, die ab­hängig von der eingesetzten Konzentration sein kann. Der pH-Wert sollte im neutralen Bereich der Mundhöhle (pH ca. 7) liegen. Zusätzlich sollten antibakterielle Wirk­stoffe (z. B. Xylitol, Zink oder Lactoferrin) enthalten sein. Neben der me­chanischen Plaquekontrolle (Zähne­putzen) kann durch antimikrobielle Wirkstoffe eine zusätzliche Inhi­bierung des Biofilmwachstums erreicht werden.

Fazit

Mundtrockenheit in Form von Hyposalivation oder Xerostomie betrifft etwa 50 Prozent aller erwachsenen Personen. Daher ist es wichtig, bei der Anamnese und beim Pa­tientenkontakt bewusst auf entsprechende Symptome zu achten. Anzeichen können sowohl erfragt werden (spezielle Fragebögen) als auch diagnostisch über kariös veränderte Zahnhartsub­stanz primär am (freiliegenden) Zahnhals fest­gestellt werden. Eine angepasste Mund- und Zahnpflege mit re­mineralisierenden Wirkstoffen, die auch bei Mund­trockenheit wirksam ist (Calcium­phosphatverbindungen wie z. B. Hydroxylapatit, CPP-ACP), sowie befeuchtenden (Glycerin, Hyaluron) und pflegenden Wirkstoffen (Allantoin, Pan­thenol), sollte die Folge sein.

Die Autoren danken Frau Dr. Barbara Simader für fachliche Diskussionen. 

Eine ausführliche Literaturliste steht hier zum Download bereit.

Der Beitrag ist in der Dental Tribune German Edition erschienen.

Foto: fizkes – Shutterstock.com
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