Branchenmeldungen 08.05.2026
#MEDtoo – Drei von vier Studentinnen erleben sexuelle Belästigung im Praktischen Jahr
Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein bekanntes Problem, das auch in der medizinischen Ausbildung vorkommt. Sabine Drossard, Oberärztin in der Kinderchirurgie am Uniklinikum Würzburg (UKW), hat gemeinsam mit den Studierenden Michelle Förstel und Maximilian Vogt von den Universitäten Heidelberg und Dresden sowie in Kooperation mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) das Ausmaß und die Formen sexueller Belästigung unter Medizinstudierenden in ganz Deutschland in einer Querschnittstudie untersucht.
An der anonymen Online-Umfrage nahmen 5.681 Studierende von 44 Medizinischen Fakultäten in Deutschland teil. Die Ergebnisse der Studie wurden im Journal BMC Medical Education publiziert und die Ergebnisse auf der Website https://medtoo.de/ anschaulich zusammengefasst: 49 Prozent haben sexuelle Belästigung bei anderen beobachtet. 42 Prozent gaben an, im Laufe des Studiums mindestens einmal sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Jede zweite betroffene Person erlebt Belästigung sogar mehr als dreimal im Jahr. Mit zunehmender Ausbildungsdauer zeigte sich ein deutlicher Anstieg: Während der Anteil in den frühen Studienphasen niedriger lag, gaben im Praktischen Jahr (PJ) bereits 66 Prozent der Studierenden entsprechende Erfahrungen an. Besonders betroffen waren weibliche Studierende. Drei von vier Studentinnen im PJ berichteten von sexueller Belästigung. Das Verhalten ging unter anderem von ärztlichem Personal, Lehrenden sowie Mitstudierenden, vor allem aber von Patientinnen und Patienten aus. Die Mehrheit der Vorfälle wurde nicht gemeldet – unter anderem aus Angst vor negativen Konsequenzen, aufgrund von Abhängigkeiten von Vorgesetzten und Unsicherheit bei der Einschätzung des Erlebten.
Frau Drossard, abgesehen davon, dass es sich bei der Querschnittstudie um den bislang größten Datensatz zu diesem Thema in Deutschland handelt, was ist das Besondere an der Studie?
Aufgrund der großen Stichprobe waren erstmals auch Subgruppenanalysen möglich, beispielsweise von Studierenden im PJ und von männlichen Studierenden, die von sexueller Belästigung betroffen waren. Letztere machten immerhin 29,3 Prozent der Studierenden im PJ aus. Bei den Frauen waren es 73,5 Prozent. Am wichtigsten ist jedoch, dass wir mit unseren Daten zeigen konnten: Sexuelle Belästigung ist kein regionales Problem. Sie betrifft alle Standorte in ganz Deutschland! Wir wollen jedoch niemanden an den Pranger stellen oder unter Generalverdacht setzen. Es ist aber wichtig, dass wir darüber sprechen und hinschauen.
Vielen Täterinnen und Tätern ist möglicherweise gar nicht bewusst, dass sie gerade jemanden sexuell belästigt haben. Was genau fällt eigentlich unter sexuelle Belästigung?
Aus strafrechtlicher Perspektive können viele Vorgänge nicht verfolgt werden. Im Arbeitskontext gilt jedoch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG).
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist am 18. August 2006 in Kraft getreten. Ziel des Gesetzes ist es, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.
Jedes Verhalten, das bezweckt oder bewirkt, dass ich mich in meiner Würde herabgesetzt fühle, ist eine Grenzüberschreitung. Das gilt auch, wenn das Verhalten nicht den Zweck hatte, das Gegenüber zu belästigen. Es geht also um die Wahrnehmung der betroffenen Person. Hat das Verhalten eine Belästigung bewirkt? Wenn du das Gefühl hast, dass das nicht in Ordnung war, dann vertraue auf deine Wahrnehmung. Selbst wenn das Gegenüber sagt, dass es nicht so gemeint war, kann es sich für dich falsch anfühlen.
Welche typischen Beispiele gibt es denn für Verhalten, „das nicht so gemeint war“?
Ein klassisches Beispiel sind Komplimente. Sie sind vielleicht sogar nett und freundlich gemeint. Im professionellen Kontext sind sie jedoch nicht angebracht. Wenn beispielsweise jemand sagt: „Oh, heute habe ich hier aber zwei besonders hübsche Studentinnen, die mir im OP zur Seite stehen“, dann ist das nicht angemessen. Dann werden die Studentinnen nicht in ihrer professionellen Rolle als angehende Ärztinnen wahrgenommen, sondern auf ihr Aussehen reduziert und damit zu Objekten gemacht.
Welche Komplimente sind im beruflichen Kontext denn angebracht?
Aussagen zu fachlichen Aspekten. Ein Beispiel wäre: „Ich freue mich, zwei so kompetente Studentinnen im OP zu haben.“
Viele fragen sich jetzt wahrscheinlich, ob sie überhaupt noch etwas zu Studierenden sagen dürfen, ohne sofort zur Täterin oder zum Täter zu werden.
Wichtig ist hier vor allem die Bereitschaft zur Reflexion. Es geht nicht darum, pauschal zu sagen: „Ich bin nicht so“, sondern sich ehrlich zu fragen: „Wie wirken meine Aussagen oder mein Verhalten auf andere? Könnten sie vielleicht anders verstanden werden, als ich sie meine?“ Hilfreich ist dabei, sich bewusst in die Perspektive des Gegenübers hineinzuversetzen.
Welche Empfehlungen geben Sie Studierenden bei Grenzüberschreitungen? Reicht bereits eine Äußerung zum Aussehen aus, um sich an das Beschwerdemanagement oder die Beratungsstelle zu wenden?
Wenn eine Äußerung dazu führt, dass ich mich unwohl fühle, darf ich mich in jedem Fall beraten lassen. Oft hilft aber auch schon, ungewolltes Verhalten anzusprechen und Grenzen zu setzen. In meinen Workshops mit Studierenden üben wir unter anderem den Umgang mit solchen Situationen. Vielleicht schafft die betroffene Person es in diesem Moment, den Mut aufzubringen und zu sagen: „Ja, und kompetent bin ich auch.“ Oder: „Ich finde es nicht gut, dass Sie mein Aussehen kommentieren, denn ich bin hier in einer professionellen Rolle.“ Wer das in der Situation nicht spontan schafft, kann auch später einen Termin ausmachen und das Thema freundlich und professionell ansprechen, zum Beispiel so: „Sie haben gestern dies und jenes gesagt. Wahrscheinlich haben Sie das nett gemeint. Dennoch hat es dazu geführt, dass ich mich nicht ernst genommen gefühlt habe. Ich möchte bitte keine Kommentare über mein Aussehen hören.“ Um sich die passenden Worte zurechtzulegen, kann auch ein Gespräch mit einer dritten Person oder der Beratungsstelle helfen.
Welche Belästigungen sind definitiv ein Fall für die Beratungs- bzw. Beschwerdestelle?
Wenn man sich von einer Situation beeinträchtigt fühlt, sie einen traurig oder wütend macht und man nicht aufhören kann, darüber nachzudenken, sollte man das nicht mit sich alleine ausmachen. Manchmal hilft es, sich mit einer Kollegin oder einem Kollegen auszutauschen und zu erfahren, wie sie oder er die Situation wahrgenommen hat. Viele suchen das Gespräch mit einer Freundin oder einem Freund. Die Beratungsstelle ist in jedem Fall auch eine kompetente Anlaufstelle.
Frühere Studien zeigen, dass sexuelle Belästigungen erhebliche Auswirkungen auf die Betroffenen haben können. Sie gehen mit einer erhöhten psychischen Belastung einher, verstärken Stress und Angst und können das Lernen sowie die berufliche Entwicklung beeinträchtigen. Zudem können sie Burnout begünstigen.
Ja, unsere Erhebung bestätigt internationale Studien. Unsere Auswertung ergab, dass jede zweite betroffene Person psychisch belastet ist. 68 Prozent gaben an, Personen oder Situationen aufgrund ihrer Erfahrungen zu meiden. 46 Prozent berichteten, dass die Erfahrungen ihre Wahl der Facharztrichtung beeinflusst hätten.
In der Befragung weisen chirurgische Fächer mit 1.300 Nennungen die höchste Belastungsrate auf, gefolgt von der Inneren Medizin mit 946 und der Allgemeinmedizin mit 507 Nennungen. Was sagen Sie als Kinderchirurgin dazu?
Diese Zahlen müssen mit etwas Vorsicht interpretiert werden: Chirurgie und Innere Medizin sind große Fächer mit einem hohen Anteil an der klinischen Ausbildung. Allein durch die Pflichttertiale im Praktischen Jahr, die Blockpraktika und die Einsätze im klinischen Alltag besteht hier eine deutlich höhere Exposition, sodass auch mehr Studierende potenziell belastende Erfahrungen machen können. Dennoch fällt auf, dass chirurgische Fächer im Vergleich zur Inneren Medizin nochmals deutlich häufiger genannt wurden.
Wie sind Sie zur Chirurgie gekommen?
Ich wollte zu Beginn meines Studiums eigentlich unbedingt Chirurgin werden, obwohl dieser Beruf sehr stark mit Gender-Stereotypen konnotiert ist und als Männerdomäne galt. Zwischenzeitlich haben mich die Kultur und die teilweise sehr hierarchischen Strukturen dann aber abgeschreckt. Mir wurde auch mehrfach davon abgeraten, als Frau eine chirurgische Karriere einzuschlagen. Im Praktischen Jahr hatte ich dann aber das Glück, auf einer sehr guten Station zu arbeiten. Auch durch einen Mentor, der mich ermutigt und gefördert hat, habe ich die Chirurgie wieder für mich entdeckt. Die zweite Hälfte meines chirurgischen Tertials habe ich schließlich in der Kinderchirurgie verbracht – und dort habe ich mich sofort wohlgefühlt. Die Kultur erlebe ich in der Kinderchirurgie insgesamt als etwas weniger hierarchisch.
Apropos Hierarchie: In der Medizin sind starke hierarchische Strukturen weit verbreitet. Diese erhöhen das Risiko sexueller Belästigungen, erschweren aber auch den Umgang mit Grenzüberschreitungen. Nur 12,7 Prozent der Betroffenen meldeten einen entsprechenden Vorfall.
Sexuelle Belästigung im Medizinstudium ist definitiv mehr als eine individuelle Erfahrung: Sie ist Ausdruck institutionalisierter Machtdynamiken. Aufgrund bestehender Abhängigkeitsverhältnisse und möglicher negativer Konsequenzen adressieren oder melden viele Betroffene den Vorfall jedoch nicht. In unserer Befragung hatten 38 Prozent der Betroffenen Angst vor negativen persönlichen Folgen. Fast jede zweite betroffene Person kannte die Meldewege zudem nicht oder fand sie unklar. Auch gab jede zweite betroffene Person an, kein konsequentes Handeln bei sexueller Belästigung wahrgenommen zu haben.
Als Gründe gegen eine Meldung wurden Scham- und Schuldgefühle (32,1 %) sowie Unsicherheit bei der Einordnung des Vorfalls (71,7 %) angegeben.
Die Unsicherheit bei der Einordnung ist ein sehr wichtiger Punkt – generell, was das Thema sexuelle Belästigung angeht, aber besonders in der Medizin, wo Körperlichkeit eine größere Rolle spielt und die Gesprächskultur möglicherweise anders ist. Bei der ersten Frage sollten die Studierenden beispielsweise ankreuzen, ob sie selbst betroffen sind. Es gab die Antwortmöglichkeiten „Ja”, „Nein”, „Ich bin mir nicht sicher” und „Keine Angabe”. 15 Prozent gaben an, sich nicht sicher zu sein. Das fand ich interessant, denn das bedeutet wahrscheinlich „Ja”.
Sie sprechen aus Erfahrung. Im Rahmen einer qualitativen Vorarbeit haben Sie in Augsburg Interviews mit Studierenden im PJ geführt. Dabei haben Sie differenzierte Einblicke in deren Erleben und die Schwierigkeiten bei der Einordnung von Belästigung erhalten. Die Studie ist ebenfalls im „BMC Medical Education” erschienen.
Tatsächlich wurde von vielen Studierenden berichtet: „Naja, mich betrifft es ja eigentlich nicht. Ich wurde schließlich nie angefasst.“ Oftmals werden nur körperliche Übergriffe als Belästigung gewertet. Im Laufe des Interviews stellte sich jedoch heraus, dass vieles verdrängt wurde. Die Betroffenen haben vielleicht ein ungutes Gefühl wahrgenommen, das dann im Klinikalltag unterging. Deshalb beschäftige ich mich in meinen Seminaren zunächst einmal mit der Definition. Was ist eine Grenzüberschreitung überhaupt? Wie erkenne ich sie?
Haben Sie selbst im Medizinstudium sexuelle Belästigung erfahren?
Durchaus. Das reichte von Kommentaren über das Aussehen bis hin zu scheinbar zufälligen Berührungen im OP. Es gab zahlreiche Situationen, die ich damals noch nicht richtig einordnen konnte. Heute weiß ich, dass sie nicht in Ordnung waren und Grenzen überschritten wurden. Auch diskriminierende Aussagen oder das Gefühl, als Frau nicht selbstverständlich dazuzugehören, haben dabei eine Rolle gespielt.
Basierend auf den Ergebnissen haben Sie in Würzburg ein Lehrprojekt entwickelt, das gezielt auf die Bedürfnisse der Studierenden zugeschnitten ist und Medizinstudierende im Umgang mit Grenzüberschreitungen im Klinikalltag stärken soll. Das Projekt wurde im Sommersemester 2025 erstmals am UKW durchgeführt und ist nun als Wahlangebot verstetigt. Sollte das nicht zum Pflichtfach für alle Studierenden werden?
Eigentlich müsste das sogar schon viel früher gelehrt werden – nämlich in der Schule. Es geht dabei nicht nur um Belästigung, sondern auch um rassistische und stereotype Kommentare übereinander und voneinander. Man kann nicht früh genug ein Gespür dafür entwickeln, wie man respektvoll miteinander umgeht. Am Ende geht es für mich immer um Respekt. Respekt vor anderen Personen, aber auch Respekt vor mir selbst.
Kommen wir zu den Täterinnen und Tätern. Im universitären Betrieb wurden Mitstudierende mit 70 Prozent am häufigsten von den Betroffenen genannt, gefolgt von Professorinnen und Professoren mit 54 Prozent. In der Klinik bilden die Patientinnen und Patienten mit 94 Prozent die mit Abstand größte Gruppe, gefolgt vom ärztlichen Personal. Welche Risikobereiche gibt es in der Klinik?
Zu den Risikobereichen zählen neben praktischem Unterricht mit Patientinnen und Patienten das Pflegepraktikum, Famulaturen, das PJ sowie Einsätze im OP.
Welche Art von Belästigung geht von Patientinnen und Patienten aus?
Patientinnen und Patienten äußern sich häufig zum Aussehen. Darüber hinaus erleben Studierende und Ärztinnen oft geschlechtsbasierte Zuschreibungen oder Diskriminierung. Das bedeutet, dass sie in ihrer professionellen Rolle nicht immer selbstverständlich ernst genommen werden. Dahinter stehen häufig tief verwurzelte gesellschaftliche Rollenbilder. Auch wenn solche Aussagen im Einzelfall vielleicht nicht bewusst verletzend gemeint sind, beschäftigen sie die Betroffenen oft sehr.
Es kommt beispielsweise immer noch vor, dass ich gefragt werde, ob denn heute noch ein Arzt kommt. Wenn Sie weibliche Kolleginnen in der Medizin fragen, werden viele ähnliche Erfahrungen schildern. Frauen werden leider häufig unterschwellig als weniger kompetent wahrgenommen. Gleichzeitig betrifft das Thema auch jüngere Männer – auch sie werden oft zunächst als weniger erfahren oder weniger kompetent eingeschätzt als ältere Kolleginnen und Kollegen.
Auch wenn Stereotype in der Gesellschaft keine Form von Belästigung oder vorsätzlicher Diskriminierung darstellen, sind sie dennoch ein Wahrnehmungsproblem und scheinbar ein hartnäckiges. Wie ließe es sich aufweichen?
Frauen müssen sichtbarer werden. Neben der Repräsentation von weiblichen Rollen und Vorbildern – zum Beispiel in den Medien – sollten wir auch die Sprache verändern. Gendersensible Sprache ist keine Luxusoption, sondern wichtig. Das fängt im Klinikalltag an. Ein Patient im Krankenzimmer klingelt, die Pflegekraft kommt herein und sagt: „Der Arzt kommt gleich.“ Tritt kurze Zeit später eine Ärztin ein, fällt es dem Patienten schwerer, sie als Ärztin einzuordnen. Es ist banal, aber unser Gehirn hat Schwierigkeiten, sich etwas vorzustellen, das nicht benannt wird.
Den Eltern meiner kleinen Patientinnen und Patienten sage ich deshalb immer, dass sie die Fäden gern bei der Kinderärztin ziehen lassen können. Immerhin sind 70 Prozent der Kinderärzt*innen weiblich. Manche sind dann irritiert und sagen: „Wir haben doch einen Kinderarzt.“ Umgekehrt hört man selten, dass sie eine Kinderärztin haben, wenn man vom Kinderarzt spricht.
Nehmen ihre männlichen Kollegen die Diskriminierung wahr?
Scheinbar nicht. Als ich vor einigen Jahren einem männlichen Kollegen davon berichtete, fiel er aus allen Wolken. Ich habe ihn gefragt, wie oft ihm auf dem Stationsflur ein Urinbecher in die Hand gedrückt wird. Noch nie. Mir und meinen weiblichen Kollegen passiert das hingegen jeden zweiten Tag – nach dem Motto: „Hier, können Sie die mal mitnehmen.“
Wie reagieren Sie, wenn jemand Ihre Kompetenz herabsetzt?
Früher habe ich mich darüber sehr geärgert. Je höher ich in der Position komme, desto leichter fällt es mir, lässig darüber zu stehen. Inzwischen stelle ich mich auch immer mit meiner Position vor, damit die Patientinnen und Patienten wissen, mit wem sie es zu tun haben und an wen sie sich mit ihren Fragen wenden können. Wichtig ist auch, explizit zu sagen, wenn Studierende Teil des Behandlungsteams sind. Ich stelle alle Studierenden, die mit den Patientinnen und Patienten in Kontakt stehen, zum Beispiel als meine jungen Kolleginnen und Kollegen vor. Sie sind kein Bonus, optional, Luxus oder Beiwerk. Für die Studierenden ist es sehr wichtig, dass sie in dieser Rolle wahrgenommen werden und sich auch gesehen und wichtig genommen fühlen.
Den Lehrenden kommt also ebenfalls eine besondere Verantwortung zu.
Sie sollten für die spezifischen Risiken, denen Studierende ausgesetzt sind, sensibilisiert sein. Sie sollten proaktiv über mögliche Grenzüberschreitungen aufklären und ihre Position nutzen, um ein konsequentes Vorgehen gegenüber entsprechendem Verhalten zu etablieren.
Man darf und sollte auch Patientinnen und Patienten in die Schranken weisen, wenn sie Grenzen überschreiten. Das signalisiert den Studierenden, dass der Vorfall wahrgenommen wurde und missbilligt wird. Zudem sollten wir Studierende in solchen Situationen aktiv unterstützen, ihre Handlungssicherheit stärken und sie bei Bedarf an geeignete Stellen und Angebote verweisen.
Aus ihren Studien haben sie Handlungsempfehlungen für medizinische Fakultäten und Kliniken abgeleitet.
Es besteht dringender Handlungsbedarf, was strukturelle Reformen betrifft. Insbesondere sind wirksame Präventionsprogramme, klar definierte und niedrigschwellige Meldewege sowie verlässliche Schutzstrukturen für Studierende erforderlich. Am UKW bestehen hierfür bereits etablierte Angebote, etwa durch eine Beratungsstelle für Beschäftigte mit der Möglichkeit zur anonymen Meldung. Im deutschlandweiten Vergleich ist das UKW damit strukturell gut aufgestellt.
Letztlich bedarf es jedoch eines nachhaltigen kulturellen Wandels im medizinischen System, um Grenzüberschreitungen konsequent entgegenzuwirken.
Quelle: Universitätsmedizin Würzburg