Branchenmeldungen 19.02.2026
Weitergehen, auch wenn es schwierig wird: Der besondere Berufsweg einer Kieferorthopädin
share
Mit elf Jahren in ein neues Land zu kommen heißt auch, vieles neu lernen zu müssen, Sprache, Schule, Regeln. Welche Herausforderungen waren in dieser Zeit besonders prägend, gerade mit Blick auf Schule und Sprache?
In Deutschland begann für mich ein neues Kapitel meines Lebens. Es war nicht nur ein neues Land, sondern ein völlig anderes System. Plötzlich begann alles bei null. Besonders herausfordernd war die neue Sprache. Bis zu unserer Ankunft hatte ich ausschließlich Arabisch und Kurdisch gesprochen. Arabisch lernte ich in der Schule in Syrien, die ich bis zur sechsten Klasse besucht hatte. Im Vergleich zur deutschen Sprache ist es ein anderes Alphabet mit einer anderen Schreibrichtung.
In Syrien war ich die Jahrgangsbeste, und hier konnte ich mich anfangs kaum verständigen. Dieser Wandel war für mich sehr schwer. Ich erinnere mich an Nächte, in denen ich geweint habe, weil ich das Gefühl hatte, trotz großer Anstrengung meine bisherigen Leistungen nicht zu erreichen. Hinzu kam, dass ich Englisch und später ab der neunten Klasse auch Latein lernen musste. Bis zur zehnten Klasse bedeutete das, kontinuierlich sprachlich aufzuholen. Das verlangte viel Disziplin und Durchhaltevermögen.
In Fächern wie Mathematik fand ich schneller Halt, gute Noten haben mir Mut gemacht. Gleichzeitig habe ich früh gemerkt, wie stark Bewertungen von sprachlicher Präzision abhängen. Ein Satz eines Lehrers ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben: „Frau Sino, Sie sind erst seit zwei Jahren in Deutschland, da erwarten Sie doch nicht die Note 1.“ Obwohl ich inhaltlich alles richtig beantwortet hatte, gab es Punktabzüge wegen der Formulierung. Das war nachvollziehbar, aber emotional sehr ernüchternd.
Zugleich habe ich früh Verantwortung übernommen. Da ich die Sprache schneller lernte als meine Eltern und die Älteste von vier Kindern bin, habe ich häufig bei Elternsprechtagen und schulischen Gesprächen für meine Eltern gesprochen. Ich habe erklärt, übersetzt und vermittelt, nicht nur für mich, sondern auch für meine Geschwister. Diese Rolle hat mich geprägt. Sie hat mich schneller erwachsen gemacht und mir ein starkes Pflichtbewusstsein gegeben.
Rückblickend war die Sprache meine größte Hürde und zugleich meine wichtigste Lektion. Dranzubleiben, auch wenn man müde ist, und sich nicht entmutigen zu lassen, wenn der Weg länger ist als bei anderen.
Trotz des späten Einstiegs in das deutsche Bildungssystem haben Sie Abitur und Zahnmedizinstudium in Regelstudienzeit abgeschlossen. Was hat Ihnen dabei besonders geholfen?
Rückblickend haben mir vor allem konsequente Disziplin, ausgeprägte Zielstrebigkeit und ein starkes familiäres Fundament geholfen. Ich war schon immer leistungsorientiert und im besten Sinne ungeduldig. Wenn ich mir etwas vornehme, arbeite ich systematisch und ohne Ablenkung darauf hin. Eine Schlüsselrolle spielte meine Familie, besonders meine Mutter. Sie war in Syrien Lehrerin und hat Bildung nie als Nebensache betrachtet, sondern als Tor zu Freiheit, Selbstbestimmung und Würde. Dieser Gedanke war bei uns zu Hause präsent, nicht als Druck, sondern als Haltung. Lernen ist Verantwortung, aber auch Chance. Meine Herkunft hat dieses Bewusstsein zusätzlich geschärft. Als Kurdin gehöre ich in Syrien zu einer Minderheit, der oft Rechte und Perspektiven verwehrt bleiben. Für meine Eltern war deshalb früh klar, dass ihre Kinder in einem Land aufwachsen sollen, in dem Leistung zählt und Zukunft möglich ist. Dieses Vertrauen in die Möglichkeit von Aufstieg hat mich geprägt und zugleich den Anspruch geweckt, diese Chance auch zu nutzen.
Und schließlich hat mir meine Fluchterfahrung eine innere Stabilität gegeben, die später vieles eingeordnet hat. Die Reise nach Deutschland war extrem belastend, mit monatelangen Zwischenstationen, Unsicherheit, schlechten Unterkünften und gefährlichen Etappen. Besonders die Überfahrt über das Mittelmeer war ein Einschnitt, denn unser Boot hatte einen Motorschaden, und wir waren zeitweise in akuter Lebensgefahr. Wenn man solche Momente erlebt hat, verändert sich der Blick auf spätere Herausforderungen. Prüfungen sind schwer, ja, aber sie sind zu meistern.
All das hat in mir die Haltung geformt, nicht zu klagen, sondern zu handeln. Ich hatte früh ein klares Ziel vor Augen, Zahnärztin zu werden. Diese Kombination aus innerem Antrieb, familiärer Wertebasis und innerer Stärke hat mich durch Abitur und Studium getragen.
Bereits während Ihres Studiums wurden Sie in die Begabtenförderung der Hans-Böckler-Stiftung aufgenommen, eine frühe Anerkennung. Was hat diese Förderung in Ihnen verändert, fachlich oder im Blick auf sich selbst? Welche Bedeutung hatte diese Förderung für Ihren weiteren Berufsweg?
Die Aufnahme war für mich ein Wendepunkt, fachlich, persönlich und auch existenziell. Ich wurde von Lehrkräften vorgeschlagen, die meine Entwicklung über Jahre begleitet haben. In den naturwissenschaftlichen Fächern, insbesondere in Mathematik, gehörte ich zu den Jahrgangsbesten. Teilweise durfte ich Aufgaben erklären und Lösungsansätze vorstellen. Das hat mein Selbstvertrauen gestärkt.
Gleichzeitig war die Förderung weit mehr als ein Titel. Sie eröffnete mir überhaupt erst die realistische Möglichkeit zu studieren. Mit meinem damaligen Aufenthaltstitel hatte ich keinen Anspruch auf BAföG, und unsere familiären Mittel waren begrenzt. Eine eigenständige Studienfinanzierung wäre für mich nicht möglich gewesen.
Das Stipendium war daher keine Kür, sondern Voraussetzung. Es gab mir finanzielle Sicherheit und das klare Signal, dass meine Leistungen wahrgenommen und unterstützt werden. Dafür empfinde ich bis heute große Dankbarkeit.
2023 erhielten Sie den Jahresbestpreis der DGKFO für eine wissenschaftliche Arbeit aus der Praxis. Worum ging es in der ausgezeichneten Publikation, und welchen Praxisnutzen ziehen Sie daraus bis heute? Wann merken Sie im Praxisalltag, dass Forschung mehr ist als Theorie?
Die Arbeit untersuchte, ob standardisierte Multibrackettherapien unabhängig von der Ausgangslage der Schneidezähne automatisch zu normgerechten Ergebnissen führen. Das Ergebnis war eindeutig: Die Ausgangsneigung der Frontzähne beeinflusst das Behandlungsergebnis stärker, als man im Alltag oft annimmt.
Für meine praktische Arbeit bedeutet das weniger Standarddenken und mehr individuelle Planung. Therapieziele werden differenzierter definiert, die Mechanik konsequent an der Ausgangssituation ausgerichtet. Dass Forschung mehr ist als Theorie, merke ich dann, wenn ein Fall trotz Standardvorgehen nicht wie erwartet verläuft. Dann liefert sie die Grundlage, um gezielt nachzusteuern.
Sie haben sich mit 30 Jahren für die eigene Praxis entschieden. Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: Jetzt gibt es kein Zurück mehr?
Ja, diesen Moment gab es. Ich habe die Praxis zum 1. Juli 2019 übernommen. Direkt danach standen Sommerferien und Renovierung an. Unter Zeitdruck haben wir alles vorbereitet, neuer Boden, Malerarbeiten, vieles in Eigenleistung, weil die Wiedereröffnung unmittelbar bevorstand.
Am letzten Abend vor der Eröffnung zog ein heftiges Unwetter über Alzenau. Regenwasser lief durch Balkontüren und Fenster in die frisch renovierten Räume. In diesem Augenblick hatte ich kurz das Gefühl, mir bricht alles weg. Ich habe geweint, mich dann gefasst und gemeinsam mit Familie und Freunden bis tief in die Nacht gearbeitet. Am nächsten Morgen haben wir wie geplant eröffnet.
Rückblickend war das mein „Kein-Zurück-mehr“-Moment: Selbstständigkeit heißt, dass Unvorhergesehenes passiert und dass man trotzdem Verantwortung übernimmt und handlungsfähig bleibt. Gleichzeitig hat mich diese Nacht in meiner Entscheidung bestärkt: Die Praxis war kein spontaner Schritt, sondern das Ergebnis eines bewussten Weges. Ich wollte eine eigene, moderne Praxis aufbauen und habe diesen Traum Schritt für Schritt verwirklicht.
Viele junge Zahnärztinnen und Zahnärzte empfinden den Schritt in die Selbstständigkeit als Hürde. Was davon ist real und was vor allem Angst? Was waren rückblickend die größten fachlichen und organisatorischen Hürden in dieser Phase?
Viele junge Zahnärztinnen und Zahnärzte erleben den Schritt in die Selbstständigkeit als große Hürde und ein Teil dieser Sorge ist vollkommen berechtigt. Real sind vor allem die finanzielle Verpflichtung und die Verantwortung für das Personal und die Patienten. Das ist eine Entscheidung mit Tragweite, die man nicht leichtfertig treffen sollte.
Teilweise entsteht die Angst aus dem Gefühl, allein davorzustehen. Gerade wenn man, wie ich, keinen familiären „Praxisfahrplan“ mitbekommt, ist die Selbstständigkeit ein Sprung ins Unbekannte. Ich musste mir vieles selbst erschließen: rechtliche Rahmenbedingungen, betriebswirtschaftliche Fragen, Personalthemen, Abrechnung, Prozesse. Meine Familie hat mich dabei unterstützt, keine Frage. Aber die endgültigen Entscheidungen und die Verantwortung lagen bei mir. Fachlich hatte ich eine solide Basis. Die größten Herausforderungen lagen jedoch im Organisatorischen. Viele Rollen gleichzeitig zu übernehmen, oft in Bereichen außerhalb der Zahnmedizin, auf die das Studium kaum vorbereitet.
Besonders deutlich wurde das beim Umzug der Praxis in eine neue Immobilie im Jahr 2023: Das Gebäude war ein Rohbau, und ich war plötzlich Behandlerin, Bauherrin, Projektleiterin und Koordinatorin. Grundrissplanung, Materialauswahl, Terminpläne, Abstimmungen mit mehreren Gewerken und das parallel zum laufenden Praxisbetrieb. Diese Mehrfachbelastung war anspruchsvoll, weil sie ständige Priorisierung und sehr klare Kommunikation erfordert.
Mein Fazit ist deshalb: Die Angst ist häufig größer als die Realität, aber die Verantwortung ist real. Und wenn man sie annimmt, wächst man spürbar mit der Aufgabe.
Ihr Schwerpunkt liegt auf Kindern, Angstpatienten und Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Was bedeutet diese Ausrichtung konkret für Ihren Praxisalltag und was lernt man in diesen Behandlungen über Geduld und über sich selbst?
Diese Ausrichtung verlangt eine besonders achtsame und individuelle Behandlung. Wir nehmen uns Zeit, erklären jeden Schritt verständlich und schaffen eine Atmosphäre, in der sich Patientinnen und Patienten sicher fühlen. Dazu gehören auch angepasste Abläufe und ein ruhiger Rahmen, immer mit dem Ziel, Überforderung zu vermeiden und Vertrauen aufzubauen. Gerade in diesen Behandlungen lernt man viel über Geduld und über sich selbst. Fortschritt entsteht häufig in kleinen Schritten, und das Tempo gibt nicht der Terminplan vor, sondern der Mensch. Für mich ist das eine tägliche Erinnerung daran, präzise zu arbeiten und gleichzeitig aufmerksam zu bleiben, mit dem Blick dafür, dass Kieferorthopädie nicht nur Ästhetik bedeutet, sondern vor allem Funktion, Gesundheit und Lebensqualität.
Neben Ihrer fachlichen und unternehmerischen Tätigkeit engagieren Sie sich humanitär. Wie lässt sich dieses Engagement mit dem Berufsalltag vereinbaren? Ist dieses Engagement für Sie Ausgleich oder Verpflichtung?
Für mich ist es in erster Linie Verantwortung. Ein Teil meiner Familie lebt noch in der kurdischen Heimat. Wenn man sieht, wie fragil Sicherheit und Versorgung sein können, bleibt man nicht unberührt.
Vereinbaren lässt sich das mit dem Berufsalltag vor allem über klare Strukturen und realistische Grenzen. Ich engagiere mich so, dass es neben der Praxis dauerhaft machbar bleibt: häufig, indem ich in meinem Umfeld finanzielle Unterstützung organisiere und gezielt weiterleite, damit vor Ort Grundbedürfnisse wie Lebensmittel abgesichert werden können. Gleichzeitig endet Verantwortung für mich nicht an Landesgrenzen. Deshalb unterstütze ich auch Vereine hier in der Region, weil gesellschaftlicher Zusammenhalt dort beginnt, wo man lebt und arbeitet.
Ob Ausgleich oder Verpflichtung? Für mich ist es eher eine Haltung. Es gibt mir Sinn und Erdung und es ist die logische Konsequenz aus dem, was ich erlebt habe. Wenn man die Möglichkeit hat, zu helfen, sollte man sie nutzen, menschlich wie beruflich.
Wenn Sie heute auf junge Kolleginnen und Kollegen blicken, die am Anfang stehen. Was wird ihnen aus Ihrer Sicht zu selten ehrlich gesagt?
Der schwierigste Teil der Selbstständigkeit ist oft nicht die Zahnmedizin, sondern alles, was daneben dauerhaft mitläuft. Selbstständigkeit bedeutet Gestaltungsspielraum, ja, aber sie ist vor allem eine Entscheidungs- und Verantwortungskultur für Zahlen, Abläufe, Qualität und ganz besonders für Menschen.
Gerade das Thema Team wird häufig unterschätzt. Mitarbeitende zu finden, einzuarbeiten, zu halten, Konflikte fair zu lösen, Ausfälle aufzufangen und gleichzeitig eine gute Atmosphäre zu sichern – darauf bereitet einen das Studium kaum vor. Man behandelt nicht „nur“ Patientinnen und Patienten, man führt eine Praxis und damit vor allem ein Team. Und genau an diesem Punkt wird es in der Realität oft anspruchsvoll, organisatorisch und menschlich, nicht fachlich. Wer sich jedoch früh Strukturen aufbaut, sich Unterstützung holt und bereit ist, in Führung und Kommunikation zu wachsen, kann das sehr gut meistern. Entscheidend ist, ehrlich zu prüfen, ob man nicht nur die Behandlung, sondern auch die Arbeitgeberrolle übernehmen möchte. Denn am Ende läuft vieles bei einem selbst zusammen.
Noch eine Frage zum Schluss. Viele Menschen mit Umwegen im Lebenslauf erzählen später von Stärke. Gab es auf Ihrem Weg auch Momente, in denen Sie das Gefühl hatten, einfach nur noch zu funktionieren und wie haben Sie da wieder zu sich selbst zurückgefunden?
Ja, solche Momente gibt es. Phasen, in denen man unter hoher Belastung schlicht nur noch funktioniert. Personalmangel, organisatorische Baustellen, finanzielle Entscheidungen. Verantwortung hat dann keine Öffnungszeiten; sie läuft im Kopf weiter, manchmal bis in schlaflose Nächte hinein.
Ein besonders prägender Moment war kurz vor der Eröffnung meiner neuen Praxisräume. Die Feier war geplant, Einladungen waren verschickt, Kolleginnen und Kollegen, sogar der Bürgermeister der Stadt Alzenau hatten zugesagt. Und einen Tag davor bin ich mit starken Schwindelanfällen im Krankenhaus gelandet, vermutlich stressbedingt. Ich erinnere mich an diesen einen Gedanken, der sich ständig wiederholte: Morgen ist die Eröffnung, das kann ich nicht einfach absagen. In solchen Augenblicken wird sehr deutlich, wie schnell man über die eigenen Grenzen geht.
Wieder zu mir selbst finde ich, indem ich bewusst Gegenräume schaffe. Vor allem im Urlaub, ich reise gezielt weg, gewinne Abstand, schalte wirklich ab und sortiere meine Gedanken. Dieses Reset ist für mich kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, damit ich langfristig gesund und leistungsfähig bleibe und mit Klarheit und neuer Energie zurückkehre.
Vielen Dank, Frau Dr. Sino, für das offene Gespräch und die persönlichen Einblicke in Ihren beruflichen und menschlichen Weg.