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Branchenmeldungen 07.11.2019

Ameloblastom: Chirurgen entfernen Riesentumor

Ameloblastom: Chirurgen entfernen Riesentumor

Aufgrund eines riesigen Ameloblastoms war die 30-jährige Chinelo aus Nigeria über zehn Jahre entstellt. Der Tumor, der zu wachsen begann, als Chinelo gerade schwanger war und in eine glückliche Zukunft zu starten glaubte, hatte letztendlich einen Durchmesser von 12,5 x 11,5 x 8,2 Zentimetern bei einem Gewicht von 439 Gramm erreicht. In ihrem Heimatland konnte ihr nicht geholfen werden. Dank mehrerer Operationen in der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in der Uniklinik RWTH Aachen begann im April 2019 für sie ein neues Leben.

Die junge Nigerianerin ist als neuer Mensch zurück in ihre Heimat geflogen. Sie kann nach ihrer ersten Behandlung in der Uniklinik RWTH Aachen den Mund wieder normal öffnen, die Kiefer bewegen und ist auf dem Weg zu einem vollständigen Gesicht. Ein Expertenteam unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Frank Hölzle, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, hat die Patientin vollständig von diesem Riesentumor befreit und ihr nicht nur ein neues Gesicht, sondern ein großes Stück Lebensqualität geschenkt.

Seitdem Chinelo eine junge Frau war, litt sie an einem Ameloblastom, einem lokal langsam wachsenden odontogenen Tumor, der sich von den zahnschmelzbildenden Zellen, den sogenannten Ameloblasten, ableitet. Der an sich gutartige Tumor hatte praktisch das gesamte zentrale Mittelgesicht ausgefüllt. Er entstellte und beeinträchtigte nicht nur ihre linke Gesichtshälfte, sondern auch Teile ihres Kiefers, ihre Nase sowie ihr linkes Auge.

Doch Chinelo hatte Glück im Unglück: Hochleistungsmedizin, modernste Resektionstechniken sowie komplexe Rekonstruktionsverfahren in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie verhalfen dazu, sie von dem entstellenden Tumor zu befreien, der ihr jahrelang gravierende Schwierigkeiten beim Essen, Trinken, Sprechen, Sehen und Atmen, aber auch soziale Probleme wie Ausgrenzung und Isolation bereitete.

Sechs Stunden höchster Konzentration

Der aufwändige, fast sechs Stunden dauernde Eingriff, bei dem das Ärzteteam um Prof. Hölzle Chinelo von dem Tumor befreite, wurde von einem Anästhesieteam und zwei OP-Schwestern begleitet. Zur Planung, Durchführung und Nachbehandlung bildeten Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen, Intensivmediziner, Anästhesisten, Radiologen, Phoniater und Logopäden ein interdisziplinäres Team.

Ziel der ersten Operation war die vollständige Tumorentfernung. „Der chirurgische Eingriff war wie erwartet in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung. Im Vorfeld musste der Tumor exakt lokalisiert werden, um bei der Entfernung des Ameloblastoms weder Blutgefäße noch Nerven oder andere wichtige Strukturen zu verletzen. Natürlich wollten wir den Tumor vollständig entfernen, gleichzeitig aber auch möglichst viele wichtige gesunde Gewebestrukturen wie Nerven und Gefäße erhalten“, erklärt Prof. Hölzle.

Dafür war eine sorgfältige Vorbereitung notwendig. Anhand computertomographischer Daten wurden lange und intensive Besprechungen mit den Radiologen bezüglich der Ausdehnung des Tumors, insbesondere zur linken Augenhöhle und zur Schädelbasis hin geführt.

Am 6. Mai haben die Chirurgen die junge Frau ein zweites Mal operiert: Dabei wurde der durch den Riesen-Tumor entstandene Defekt im Oberkiefer und an der Nase durch Weichgewebe aufgefüllt, um die Funktion und Ästhetik bestmöglich wiederherzustellen. Die rekonstruktive Operation dauerte rund zehn Stunden und wurde von zwei Operationsteams der MKG-Chirurgie durchgeführt. Drei Monate später erfolgte dann noch eine Ausdünnung und Feinadjustierung des Weichgewebetransplantates.

Möglich wurden die operativen Eingriffe durch die Unterstützung eines deutschen Pfarrers mit afrikanischem Ursprung, der Chinelo bei einem seiner Heimatbesuche kennengelernt und sich dafür eingesetzt hat, dass sie in Deutschland behandelt wird. Der enorme finanzielle Aufwand für die Operationen, Reise und Unterbringung der Patientin konnte dank der Einnahmen der EUREGIO-Symposien, einer Fortbildungsveranstaltung der MKG-Chirurgie für Ärzte und Zahnärzte, sowie weiterer karitativer Spenden finanziert werden. Sofern die weitere Spendenakquise wie erhofft gelingt, kann im nächsten Jahr die mikrochirurgische Knochenrekonstruktion des Oberkiefers durchgeführt und damit die Grundlage für die weitere kaufunktionelle Rehabilitation ermöglicht werden.

Zukunftsweisende medizinische Kompetenz

„Mit dem aktuellen Stand der operativen Technik in Aachen konnte gezeigt werden, dass wir im interdisziplinären Team in der Lage sind, auch größte, andernorts als inoperabel eingeschätzte Tumoren in unserem gesichtschirurgischen Zentrum erfolgreich zu operieren. Von den neuen Erkenntnissen dieses Eingriffs im Extrembereich werden auch zukünftig andere Patienten in der Uniklinik RWTH Aachen profitieren. Aber auch die moderne Technik hat einen großen Anteil am Erfolg dieser Behandlung. Der Fall Chinelo zeigt, was man mit neuen Technologien, einem gut aufgestellten chirurgischen Team und karitativer Unterstützung bewegen kann“, betont Prof. Hölzle.

Quelle: Uniklinikum RWTH Aachen

Foto: totojang1977 – stock.adobe.com

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