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Branchenmeldungen 01.09.2015

„Die größte Innovation der Zahnmedizin“

Georg Isbaner
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„Die größte Innovation der Zahnmedizin“

Implantologie und Hals-Nasen-Ohren-Medizin werden künftig noch enger verwoben – davon ist Prof. Dr. Hans Behrbohm überzeugt. Georg Isbaner, Redakteur des Oralchirurgie Journals, sprach mit dem international anerkannten Fachmann für HNO und Plastische Chirurgie über die Schnittstelle seines Fachbereichs mit der Implantologie, die Bedeutung der Kenntnis der Kieferhöhlenanatomie, die Risiken bei der Patientenbehandlung und seine Kursreihe Sinuslift und Sinuslifttechniken.

Herr Prof. Behrbohm, der Ostseekongress bzw. die Norddeutschen Implantologietage finden traditionell hier in Warnemünde statt. Sie selbst sind regelmäßig Referent und Kursleiter auf dieser Veranstaltung. Was verbindet Sie mit diesem Ort?

Mit Warnemünde verbindet mich eine ganze Menge. 1971 fand hier vor dem heutigen Tagungsort unsere erste Seeregatta auf einer 420er Jolle statt. Damals herrschte relativ viel Wind – Knatter, wie wir sagen. Die Regatta wurde später abgebrochen. Wir gerieten richtig in Seenot und mussten dann geborgen werden. Ein Teil der Boote ist sogar kaputtgegangen – das war schon eine haarige Situation. Und immer, wenn ich wieder ins Hotel Neptun zurückkehre, dann erinnere ich mich an diese erste Begegnung auf der See in Warnemünde. Insofern ist das hier für mich ein besonderer Ort. Wir sind aber alle heil zurückgekommen.

Diese bewegte Zeit ist nun vorbei. Heute sind Sie aus einem ganz anderen Grund hier, denn inzwischen sind Sie ein international anerkannter Fachmann für HNO und Plastische Chirurgie. Warum ist die HNO für die Zahnärzte überhaupt von Bedeutung?

Aus meiner Sicht stellt die Implantologie die größte Innovation der Zahnmedizin in den letzten 30 Jahren dar. Über die Sinuslift-Technologie, das heißt die Augmentation des atrophen Sinuskamms, dehnt sich das Fachgebiet der Zahnheilkunde bzw. der Implantologie eigentlich in ein anderes Gebiet aus, nämlich in das der MKG-Chirurgie und vor allem auch in die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Da entstehen jetzt neue Schnittstellen. Und dass wir diese interdisziplinär diskutieren, ist der Grund, warum ich hier seit sieben Jahren am Ostseekongress teilnehme.

Das heißt, es ist ein Arbeitsgebiet, in dem noch nicht seit allzu langer Zeit zusammengearbeitet wird – zumindest nicht so intensiv, wie es sein sollte?

Naja, ich denke die Implantologie ist ein Gebiet, das sich sehr dynamisch entwickelt. Es entstehen einfach ganz neue Fragestellungen: Wann muss bei Erkrankungen der Kieferhöhle vorher operiert werden? Wann empfiehlt es sich, zu augmentieren oder zu implantieren? Ich denke, dass sich die Implantologie auch im Gesichtsbereich als eigenes Fachgebiet entwickeln wird. Das heißt, dass die Region, in der Implantologie stattfindet – am Ober- und am Unterkiefer – ein Spezialgebiet wird, bei dem in 10–15 Jahren die Implantologen auch selber endoskopieren. Sie werden die Operationen, die heute noch die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte übernehmen, selbst ausführen.

Über welches Grundwissen sollte ein Zahnarzt hinsichtlich der Kieferhöhle verfügen, um die therapeutischen Optionen qualifiziert abwägen zu können?

Es ist wichtig, dass man die topografische Anatomie kennt. Die Kieferhöhle ist in der Zahnmedizin eine Region, vor der man etwas zurückschreckt, insbesondere, wenn im Rahmen einer Zahnextraktion eine Perforation gesetzt wird und diese verschlossen werden muss. Ganz allgemein sollten natürlich grundlegende Kenntnisse vorhanden sein, sobald an bzw. in der Kieferhöhle operiert wird. Ausdruck dieser interdisziplinären Sicht ist auch das sogenannte Berliner Modell. Wir haben in einer Berliner Arbeitsgruppe mit der Leipziger Firma Phacon ein Modell entwickelt. Ein 3-D-Druck aus Kunststoff, bei dem die Schleimhaut in der Kieferhöhle, der Knochen des Oberkiefers, auch der angrenzenden Regionen wie z.B. der Fossa pterygopalatina, der Alveolarkamm und in diesem Fall auch der atrophe Alveolarkamm sehr realistisch nachgebildet wurde. Dieses Modell dient dazu, die topografische Anatomie der Kieferhöhle und auch diese interdisziplinären Schnittstellen besser zu verstehen – sowohl für die Zahnärzte, Implantologen und MKG-Chirurgen als auch für die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte.

Was sind die Risiken und wie begegnen Sie diesen als Arzt, wenn es um die Kieferhöhle geht?

In den Vorträgen und Präsentationen geht es darum, dass wir Komplikationen möglichst vermeiden. Die meisten Implantationen sowie auch die meisten Augmentationen verlaufen ohne ernsthafte Probleme. Manchmal ist es aber so, dass sich dennoch Komplikationen anschließen, dass Implantate eben nicht ossär integrieren. Doch mit einem Einmaleins von Vorsichtsmaßnahmen mit adäquaten Untersuchungen, wie einer gezielten Anamnese, die beispielsweise nach Nasennebenhöhlenentzündungen, nach Allergien oder nach entsprechenden Dingen, wie Störung des Geruchsinns oder den nächtlichen Aussetzern beim Atmen fahndet, kann man schon Risiken erkennen und eine adäquate bildgebende Diagnostik einleiten. Wenn diese Risiken allerdings doch auftreten und sich Komplikationen anbahnen, geben wir auch Hinweise, was man machen kann, um die Komplikationen zur Ausheilung zu bringen, ohne dass der Patient einen Schaden davonträgt.

Seit einiger Zeit reisen Sie durchs Land und unterrichten mit Ihrem Kollegen Dr. Theodor Thiele, M.Sc. in einer Kursreihe Sinuslift und Sinuslifttechniken. Was sind die Grundelemente des Kurses und wie können die Zahnärzte danach mit dem Wissen umgehen?

Wir bringen den Zahnärzten bei diesen Kursen die Sicht der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde auf die Kieferhöhle nahe, indem wir beispielsweise Informationen zur respiratorischen Schleimhaut verdeutlichen: Dass die Kieferhöhle Bestandteil eines pneumatisierten Hohlraumsystems im Gesicht ist, welche Funktion die Kieferhöhle in diesem Rahmen hat. Und in welchem Maße man diese Kavität als knöchernes Widerlager für Zahnimplantate verwenden, in welchem Maße man implantieren und in welchem Zeitfenster man vor einer Implantation oder einem Sinuslift tatsächlich so eine Kieferhöhle sanieren kann. Vor allen Dingen haben wir aber auch die Operationstechniken weiterentwickelt, die immer weniger invasiv geworden sind.

Womit sicherlich auch die Patientenakzeptanz steigt …

Absolut. Man darf auch nicht vergessen, der Patient kommt zum Zahnarzt und möchte Implantate bzw. eine Zahnlücke geschlossen haben, er möchte wieder eine normale Funktion des Gebisses erlangen. Und er möchte nicht, wenn jetzt Umwege beschritten werden müssen, dass sich dieses Ziel verschiebt. Und deshalb stellen sich dem Hals-Nasen-Ohren-Arzt ganz neue Herausforderungen, dass er – ohne sich auf dünnes Eis zu begeben, aber schon mit Verfeinerung seiner Techniken – auch mit einem Umdenken adäquate Lösungen anbieten kann. Hier greifen wir auf alte und neue Techniken zu: zum Beispiel, ob wir nicht optimaler über bereits verlassene Zugänge zur Kieferhöhle zum Zuge kommen. Um diese Zugänge und diese Entwicklung geht es in den Workshops.

Worauf sollte ein Arzt besonders achten?

Wenn der Patient berichtet, er bekommt auf einer Seite keine Luft, er hat eine schwere Allergie, er leidet seit Jahren unter wiederkehrenden oder chronischen Nasennebenhöhlenentzündungen, er hat öfter schon Nasenpolypen gehabt. Wenn er nicht richtig riechen kann oder er Geschmacksstörungen hat. Das sind alles Hinweise auf Erkrankungen der Kieferhöhle. Dann sollte der Arzt aufhorchen, alles dokumentieren und ein DVT veranlassen. Im DVT zeigt sich dann in der Bildgebung, mit welcher Erkrankung wir es zu tun haben. Das sollte dann entsprechend interdisziplinär diskutiert werden – natürlich immer in Rücksprache mit dem Patienten. Dann gibt es möglicherweise eine Empfehlung des HNO-Arztes, ob eine Operation ausgeführt werden sollte, um beispielsweise das Siebbein zu sanieren – die Sekretschleuse zwischen Nase und Kieferhöhle – oder ob man ein Fenster an verschiedenen Stellen anlegt. Oder ob man durch das Fenster den Polypen, eine Zyste oder manchmal vielleicht Material herausnimmt, dass bei der odontischen Behandlung vorher in die Kieferhöhle gelangt ist, auf dessen Grundlage sich ein Pilz entwickeln kann. Diese Bewertung hat das Ziel, die Kieferhöhle zur Ausheilung zu bringen und die weiteren Schritte risikominimiert weiter verfolgen zu können.

Sie hatten in einem kurzen Vorgespräch erwähnt, dass die Luftqualität nach einer erfolgten Operation durchaus eine Rolle spielt. Also Ostseeluft ist zu empfehlen?

Absolut. Wir nennen das eine Anschlussheilbehandlung für Patienten mit chronischen Erkrankungen der oberen und auch unteren Luftwege – die oberen sind ja praktisch der Filter für die Bronchien. So eine salinisch gesättigte Luft, wie hier an der Ostsee, hat schon einen therapeutischen Wert.

Herr Prof. Behrbohm, vielen Dank für das Gespräch.

Abb. 2: Prof. Dr. Hans Behrbohm leitet seit Jahren gemeinsam mit Priv.-Doz. Dr. Dr. Steffen Köhler bzw. Dr. Theodor Thiele eine Kursreihe zum Thema Sinuslift, in der Zahnärzte u. a. mit der topografischen Anatomie der Kieferhöhle vertraut gemacht werden. – Abb. 3: Das sogenannte „Berliner Modell“ ist ein detaillierter 3-D-Druck aus Kunststoff, der die wichtigsten, z. B. die für den Sinuslift relevanten anatomischen Strukturen nachbildet.

Foto: © OEMUS MEDIA AG
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