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Branchenmeldungen 01.03.2016

Digital lingual. Now and forever!

Digital lingual. Now and forever!

Trotz des unwetterartigen Schneesturms ließen sich rund 180 Kieferorthopäden nicht davon abhalten, am 15. und 16. Januar 2016 auf Einladung des Tagungspräsidenten Dr. Peter Kohlhas und des ersten Vorsitzenden der DGLO, Dr. Andreas Barthelt, zur Lingualtagung nach Baden-Baden zu kommen.

Gleich am Freitagmorgen startete der unterhaltsame und sympathische Dr. Paolo Manzo aus Italien mit seinem Vorkongresskurs über das Harmony® System. In witziger Manier erläuterte er die Lingualbehandlung mit seinem selbstligierbaren Low-Friction-Bracketsystem anhand vieler anschaulicher Patientenbeispiele. Während es draußen weiter schneite, hatten die mehr als 20 Dentalaussteller ihren Platz im Kongresshaus Baden-Baden eingenommen und Dr. Peter Kohlhas begrüßte mit seiner Frau, Dr. Claudia Obijou-Kohlhas, die Kongressteilnehmer aufs Herzlichste.

Parallel zum wissenschaftlichen Programm der Tagung startete ein anderthalbtägiger Kurs für 32 Zahnmedizinische Fachangestellte (ZMF), die sich auf einen theoretischen und einen praktischen Teil zur Assistenz in der Lingualbehandlung freuen durften. Die Referenten Prof. Dr. Dr. Ralf Radlanski, Dr. Andrea Thalheim und Dr. Jens Johannes Bock gaben in dem im Vorfeld schon früh ausgebuchten Kurs ihr theoretisches Wissen zum Besten und das Praxisteam Dr. Kohlhas übte fleißig mit den Kursteilnehmern Scannen, Silikonabdrücke, digitale Fotos sowie linguale Ligaturen in den Praxisräumen der Kursanbieter.

Der erste Referent der Tagung, Woo-Ttum Bittner, riet dazu, in der Lingualbehandlung direkt nach dem Bonden der Brackets erneut zu scannen, um eventuelle Positionierungsfehler auszugleichen. Vergleichbar mit Totwinkelwarner und Spurkontrolle beim Auto sollte man auch in der lingualen Kieferorthopädie die Kontrolle über den Behandlungsverlauf bewahren und regelmäßig nachscannen.

Extra aus Paris eingeflogen kam der erfahrene Lingualbehandler Dr. Didier Fillion, um die Vorteile seines Liberty-Systems vorzustellen. Typische Merkmale seiner Apparatur sind gerade und flache Bögen, dafür müsse man aber unter Umständen dickere Bracketbasen in Kauf nehmen. Finishingbiegungen sind für den französischen Kollegen keine Schande, ebenso wie diese in der Bukkaltechnik notwendig sein können. Unter dem Motto „Patients don’t want to be treated by a robot“ beendete Dr. Fillion seinen Vortrag.

Die Freizeitsegler und engagierten Lingualspezialisten Prof. Dr. Dietmar Segner und Dr. Dagmar Ibe präsentierten die neuesten Klebeverfahren bei der IncognitoTM-Apparatur. Der feuchtigkeitsunempfindliche Dualzement RelyX (Fa. 3M Oral Care) in Kombination mit dem Clear Precision Tray verspricht nachweislich eine geringere Anzahl von Bracketverlusten und eine höhere Präzision der Bracketpositionierung. Professor Segner empfahl aus seiner eigenen Erfahrung heraus, besonders bei älteren Patienten die Zähne vor dem Bonden zu sandstrahlen.

DDr. Silvia Silli aus Wien begann ihren Vortrag völlig unverblümt damit, dass die Lingualapparaturen durch Frühkontakte zu Störungen des neuromuskulären Systems und Zwangsbisssituationen führen könnten. Die Dorsalrotation des Unterkiefers nach Eingliederung der Lingualbrackets führe zu einer Verschlechterung der Okklusionsverhältnisse in Richtung einer Distalbisslage mit einer möglicherweise parallel dazu einhergehenden posterioren Kondylusverlagerung. Motivieren konnte Dr. Silli schlussendlich die Teilnehmer damit, dass das Einschleifen der Vorkontakte, die Anwendung von Hybrid- oder Cross-over-Techniken, selektive Bracketentfernungen oder Aufbissbehelfe im Sinne einer Dreipunktabstützung bei iatrogenen Funktionsstörungen Abhilfe schaffen können.

Nach dem Besuch der Dentalausstellung in der Kaffeepause konnten sich die Kongressteilnehmer auf einen hochinteressanten Vorlesungsblock zum Thema „Kiefergelenke und Kieferorthopädie“ freuen. Zu Beginn begeisterte Dr. Elisabeth Menzel die Zuhörerschaft mit ihrem Vortrag über die gelenkbezogene kieferorthopädische Behandlung von Asymmetrien. Brackets und Schiene gleichzeitig im Mund der Patienten in Kombination mit Gummizügen führen aus ihrer Sicht von der lateralen Zwangsbisslage zu einem gelenkorientierten Behandlungsergebnis.

Dr. Jens Johannes Bock war direkt nach der Unterrichtung der ZMFs im Nachbarhörsaal herüber geeilt, um in seinem Vortrag über die CMD-Befunde und Konsequenzen für die linguale Kieferorthopädie in seiner Praxis zu sprechen.

Beispielhaft aus der eigenen Praxis zeigte Dr. Peter Schicker aus Bergisch-Gladbach seinen Workflow in Bezug auf Kiefergelenksdiagnostik und Therapie. Die Digitalisierung der Behandlungsunterlagen zeigen seiner Meinung nach auch für die Miterfassung der CMD eindeutige Vorteile.

Völlig neu war es für viele Kolleginnen und Kollegen, zu erfahren, wie weit die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie bei der chirurgischen Therapie am Kiefergelenk inzwischen fortgeschritten ist. Privatdozent Dr. Dr. Markus Teschke aus Bonn zeigte beeindruckende Bilder zum Thema Kiefergelenkersatz mit individuell hergestellten Endoprothesen.

Am Ende des Kongresstages präsentierte Dr. Till Merkle aus Esslingen einen Kiefergelenkpatienten aus seiner Praxis, den er mit vielen Tricks mit Lingualbrackets und Schiene erfolgreich behandelt hatte.

Beim Round-Table-Abend im Casino Baden-Baden wurde lebhaft über die am Tage gewonnen Erkenntnisse diskutiert und so manch einer freute sich über die kleinen Gewinne, die er in der Spielbank erzielen konnte und tanzte bis in die Nacht.

Frisch und munter begann Dr. Dr. Wolfgang Kater aus Bad Homburg am Samstagmorgen seinen Vortrag über die Möglichkeiten der ästhetischen und funktionellen Verbesserungen durch dysgnathiechirurgische Maßnahmen. Beeindruckende Korrekturen asymmetrischer Gesichter überzeugten die Zuhörerschaft.

Wie erwartet zeigte Prof. Dr. Benedict Wilmes tolle Bilder über seine am Gaumen inserierten Verankerungsschrauben und die Kopplungsmöglichkeiten mit der Lingualapparatur. Damit die Brackets nicht während der initialen Distalisierungsphase verloren gehen, empfahl er eine Achterligatur über die Brackets zu legen, bis der erste Bogen eingesetzt werden könnte. Eine sogenannte „Mausefalle“, einen skelettalen Retainer nach chirurgischer GNE und eine in Zukunft erhältliche Insertionsschablone für Schrauben weckten großes Interesse bei den Kongressteilnehmern.

Die ersten Erfahrungen mit dem von Dr. Philipp Eigenwillig getesteten Suresmile® Fusion System zeigten sich als zukunftsorientiert und vielversprechend. Unter dem Motto „Digital lingual. Now and forever!“ machte der Kollege viel Hoffnung in Richtung einer digitalen Zukunft.

Kurzfristig als Referent einspringen musste Ralf Paehl von der Firma 3M TOP-Service für Lingualtechnik, nachdem Dr. Giuseppe Scuzzo seinen Vortrag aus privaten Gründen abgesagt hatte. Der studierte Luft- und Raumfahrtingenieur überzeugte mit seinen Darstellungen über die technischen und kundenorientierten Vorteile der IncognitoTM-Apparatur.

Im nach der Kaffeepause begonnenen Vortragsblock zeigten Dr. Magali Mujagic aus Paris, Dr. Volker Breidenbach aus Castrop-Rauxel und die Arbeitsgruppe um Dr. Elisabeth Klang und Professor Dr. Dirk Wiechmann aus Bad Essen ästhetische und funktionelle Behandlungen mit der vollständig individuellen Apparatur (WIN). Besonders beeindruckend waren die Darstellungen der Lückenschlussbehandlungen im Unterkiefer mit Lingualbrackets in Kombination mit dem gebondeten Herbstscharnier, sodass Dr. Elisabeth Klang mit dem Preis für den besten Vortrag der Tagung ausgezeichnet wurde. Dr. Volker Breidenbach zeigte wie erwartet vorbildlichbehandelte linguale Borderline-Fälle aus seiner Praxis.

Dass die vollständig individuelle linguale Apparatur die mundgesundheitsbezogene Lebensqualität nicht signifikant beeinflusst, stellten anhand des OHIP-G49-Fragebogens Dr. Dennis Böttcher und Prof. Dr. Ariane Hohoff anhand statistischer Daten unter Beweis.

Für eine kieferorthopädische Frühbehandlung mittels herausnehmbarer Apparaturen plädierte Dr. Michael Sostmann, nachdem er die anatomischen Wachstumsveränderungen des Gesichtsschädels erläutert hatte. Die Funktion bestimme das Gesichtswachstum und auch die Kopfhaltung lasse auf eine mehr oder weniger harmonische funktionelle Matrix schließen.

Die Teilnehmer, die am Vortag den Vorkongress besucht hatten, konnten nach der Kaffeepause noch länger bei der Dentalausstellung verweilen und den herrlichen Winteranblick durch die riesigen Glasfenster des Kongresshauses genießen, denn der italienische Referent Dr. Paolo Manzo zeigte eine Auswahl exakt derselben Bilder wie in seinem Vorkongresskurs. Anschließend präsentierte Dr. Germain Beckerseine mit der IncognitoTM-Apparatur erfolgreich behandelten Fälle aus seiner Praxis in Luxemburg.

Prof. Dr. Dr. Ralf Radlanski brachte spannende Bilder aus der Grundlagenforschung mit und die Zuhörer wurden sichtlich nachdenklich, als es darum ging, dass Knochenfenestrationen mit einer Häufigkeit von 36 Prozent vorhanden seien. „Knochen geht vor Okklusion“, propagierte Professor Radlanski, und seiner Meinung nach solle der Kieferorthopäde die Zähne so stellen, dass die Wurzeln von Knochen umgeben sind.

Auf den folgenden Vortrag von Dr. Andrea Thalheim waren alle sehr gespannt, denn die Expertin für die klinische Beratung in der Lingualbehandlung hatte Altes und Neues von der IncognitoTM-Apparatur mitgebracht. Überzeugend und souverän stellte sie die von ihr eingebrachten Ideen zur Weiterentwicklung der Behandlung mit dieser Apparatur dar.

Im letzten Vortragsblock zeigte Dr. Jürgen Roming den Zusammenhang zwischen häufigen Reparaturen und dem Spielen von Blechblasintrumenten auf. Die Kollegen Dr. Jakob Karp aus Heimstetten und Dr. Alexander Gebhardt aus Bad Wildungen machten in ihren Vorträgen deutlich, dass die fast unsichtbare Lingualbehandlung nicht immer teuer sein muss. Mit wenig Aufwand können Zähne nur mit gebondeten elastischen Bögen und Set-up-Schienen begradigt werden, ganz ohne Brackets, so Dr. Jakob Karp. Laut Dr. Alexander Gebhardt können leichte Behandlungsfälle mit indirekt geklebten 2D®-Lingualbrackets der Firma FORESTADENT preisgünstig korrigiert werden.

Der letzte Referent der Tagung, Dr. Stefan Kneer, war vom Tagungspräsidenten gebeten worden, seine für die Zertifizierung der DGLO eingereichten Fälle zu präsentieren, und es war eine Freude zu sehen, wie vorbildlich seine Dokumentationen waren. Nach der Diskussion ging es direkt mit der Mitgliederversammlung weiter. Das Protokoll ist der internen Seite der DGLO www.dglo.org in Kürze zu entnehmen.

Der Galaabend im schicken Brenners Park Hotel mit fetziger Musik eines Elvis-Stars sorgte für einen schönen Abschluss einer gelungenen DGLO-Tagung.

Bis nächstes Jahr dann in München!

Autoren: Dr. Kathleen Berghof, Dr. Claudia Obijou-Kohlhas

Foto: © Sonja Bell, www.sonjabell.de
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