Branchenmeldungen 19.06.2026

„Die Praxis an das Kind anpassen“: Ein Praxiskonzept für mehr Inklusion



Dr. Sabrina Reitz hat mehr als eine Vision. Sie hat einen ambitionierten und sehr konkreten Plan. Die Zahnärztin baut gerade in Mainz eine inklusive Praxis auf, in der sich auch Patienten mit Beeinträchtigungen willkommen fühlen sollen. Das Besondere an ihrem Praxiskonzept: niemand ist zu besonders. Hier sollen alle Patienten die gleichen Chancen auf eine einfach zugängliche zahnmedizinische Präventionsversorgung haben. Eine wichtige key message, die auch im Rahmen des 7. Präventionskongresses gewürdigt wurde – Dr. Reitz‘ Projekt belegte den ersten Platz beim diesjährigen DGPZM-Praktikerpreis. Was steckt hinter dem preisgekrönten Konzept und wie können Hürden eliminiert werden, denen sich ein Behandler bei vulnerablen Patientengruppen gegenübersieht? Darüber gehen wir mit Dr. Reitz ins Gespräch.

„Die Praxis an das Kind anpassen“: Ein Praxiskonzept für mehr Inklusion

Foto: Emá Tanée

Frau Dr. Reitz, Ihre Praxis soll ein Ort werden, an dem sich alle Menschen willkommen fühlen. Welche typischen Zugangsbarrieren zur zahnärztlichen Prävention erleben Sie bei Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf?

Die größten Barrieren sind häufig nicht die zahnmedizinische Behandlung selbst, sondern die vielen kleinen Hürden davor. Für viele Familien beginnt die Herausforderung bereits bei der Terminvereinbarung. Oft besteht Unsicherheit darüber, ob die Praxis überhaupt auf die individuellen Bedürfnisse ihres Kindes vorbereitet ist. Viele Eltern berichten negativ von Zeitdruck oder dem Gefühl, dass ihr Kind „nicht in den normalen Ablauf passt“. Das führt leider dazu, dass Zahnarztbesuche teilweise hinausgezögert oder ganz vermieden werden.

Besonders betroffen sind Kinder mit Behinderungen, Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS, genetischen Syndromen oder komplexen chronischen Erkrankungen. Aber auch Kinder mit starken Ängsten, Sprachbarrieren oder sozialen Herausforderungen erleben häufig Schwierigkeiten beim Zugang zur Prävention.

Aus meiner Sicht wird vor allem eine Patientengruppe noch viel zu selten mitgedacht: Kinder mit unsichtbaren Beeinträchtigungen. Ein Kind mit Autismus, einer Wahrnehmungsstörung, einer Entwicklungsverzögerung oder einer Kommunikationsschwierigkeit erkennen wir mit bloßem Auge schwer. Dabei benötigen gerade diese Kinder oft individuelle Strukturen, mehr Zeit und ein angepasstes Umfeld. Viele zahnärztliche Praxen wurden ursprünglich nicht für diese Patientengruppen geplant. Helle Beleuchtung, laute Geräusche, unbekannte Gerüche, lange Wartezeiten oder unvorhersehbare Abläufe können für manche Kinder eine enorme Belastung darstellen. Deshalb ist mein Ansatz, die Frage umzudrehen. Nicht: „Wie können wir das Kind an die Praxis anpassen?“ Sondern: „Wie können wir die Praxis an das Kind anpassen?“ Meine Praxis soll einen Ort schaffen, an dem sich Kinder und ihre Familien nicht als Ausnahme fühlen, sondern als selbstverständlicher Teil einer Gemeinschaft.

 Ihr Praxiskonzept umfasst das Vorhaben, sich sportlich auszurichten. Was genau steckt dahinter?

Sport verbindet Menschen. Dieses Gemeinschaftsgefühl möchte ich in die Zahnmedizin übertragen. Die sportliche Ausrichtung meiner Praxis steht für Motivation, Teamgeist, Prävention und persönliche Entwicklung. Kinder sollen nicht das Gefühl haben, in eine klassische Zahnarztpraxis zu kommen, sondern an einen Ort, an dem sie Teil eines Teams werden.

Ein zentrales Element wird dabei ein Basketballplatz im Wartebereich sein. Die Idee: Bewegung schafft Begegnung. Kinder kommen miteinander ins Gespräch, spielen gemeinsam und finden oft innerhalb weniger Minuten einen Zugang zueinander. Gerade für Kinder, die neu in einer Umgebung sind oder sich zunächst unsicher fühlen, kann das eine wertvolle Unterstützung sein. Besonders schön finde ich den Gedanken, dass die Begegnungen nicht an der Praxistür enden müssen. Viele Kinder erhalten bei uns als Erinnerung einen kleinen Basketball. Dieser Ball wird nicht nur zu einem Symbol für den Zahnarztbesuch, sondern oft auch zum Anlass, draußen weiterzuspielen, neue Kontakte zu knüpfen und miteinander in Bewegung zu kommen. So entsteht Gemeinschaft und Teilhabe weit über die eigentliche Behandlung hinaus.

Gleichzeitig spielt Sportzahnmedizin eine wichtige Rolle. Ich möchte Prävention nicht nur auf die Mundhöhle beschränken, sondern die Verbindung zwischen Mundgesundheit und Allgemeingesundheit stärker in den Fokus rücken. Denn manchmal beginnt Prävention nicht mit einer Zahnbürste, sondern mit einem gemeinsamen Spiel.

 Sie planen einen sogenannten Snoezelen-Behandlungsraum. Können Sie beschreiben, was diesen Raum besonders macht und wie Sie ihn für die zahnärztliche Behandlung adaptieren?

Ein Snoezelen-Raum ist ursprünglich ein multisensorisches Konzept, das Menschen dabei unterstützt, Reize gezielt wahrzunehmen oder zu reduzieren. Besonders Menschen mit Autismus, ADHS, Angststörungen oder sensorischen Besonderheiten profitieren davon. Für meine Praxis möchte ich dieses Konzept gezielt für die Zahnmedizin weiterentwickeln. Der Behandlungsraum wird unter anderem über einen beruhigenden Sternenhimmel an der Decke, eine Wassersäule mit sanften Licht- und Bewegungseffekten sowie ein individuell dimmbares Lichtkonzept verfügen. So können wir die Umgebung bereits beim Ankommen an die Bedürfnisse des jeweiligen Kindes anpassen. Viele Kinder benötigen zunächst Zeit, um sich an eine neue Umgebung zu gewöhnen. Deshalb soll der Raum ein geschützter Ort des Ankommens sein. Durch die ruhige Atmosphäre können Kinder die Situation in ihrem eigenen Tempo kennenlernen, Vertrauen auf- und Ängste abbauen. Störende Reize werden bewusst reduziert. Geräusche, Licht und visuelle Eindrücke können individuell angepasst werden. Dadurch entsteht eine Umgebung, die Sicherheit vermittelt und insbesondere Kindern mit erhöhtem Unterstützungsbedarf eine deutlich angenehmere Behandlung ermöglicht. Die Kinder sollen sich gesehen und ernst genommen fühlen.

Welche weiteren Anpassungen sind geplant, um ein Ort der Inklusion zu werden?

Die Praxis wird über ein leicht verständliches Wegeleitsystem mit Farben, Symbolen und Piktogrammen verfügen. So können sich auch Kinder, Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Personen mit Sprachbarrieren besser orientieren. Wir wollen Informationen nicht nur über Sprache, sondern auch visuell zugänglich machen.

Ergänzend planen wir Materialien in leichter Sprache, visuelle Kommunikationshilfen, Rückzugsmöglichkeiten sowie individuell angepasste Terminabläufe. Außerdem möchte ich eng mit Familien, Pflegekräften, Therapeuten sowie Einrichtungen zusammenarbeiten. Niemand kennt die Bedürfnisse eines Menschen besser als sein persönliches Umfeld. Diese Erfahrungen können dann aktiv in die Behandlung einbezogen werden.

Ich möchte meine Praxis so gestalten, dass möglichst viele Menschen selbstbestimmt, sicher und mit einem guten Gefühl zahnmedizinische Versorgung in Anspruch nehmen können. Deshalb freue ich mich besonders darüber, dass ich bereits heute mit dem regionalen Autismusverband zusammenarbeite. Der Austausch mit Betroffenen, Familien und Fachkräften hilft mir dabei, die Praxis nicht nur aus zahnmedizinischer Sicht zu planen, sondern vor allem aus der Perspektive der Menschen, die sie später nutzen werden. Echte Inklusion entsteht nicht am Schreibtisch, sondern im Dialog mit den Menschen, für die wir sie gestalten.

Besonders wichtig ist mir, Inklusion nicht als spezielles Angebot für beeinträchtigte Menschen zu verstehen. Viele Maßnahmen, die wir für Kinder mit Unterstützungsbedarf entwickeln, helfen allen Kindern. Klare Kommunikation, Orientierung, Vorhersehbarkeit und ein wertschätzender Umgang schaffen Sicherheit für jede Familie.

 Welche Rolle nimmt die Vorbereitung auf den Termin im häuslichen oder pflegerischen Umfeld ein?

Die Vorbereitung auf den Zahnarzttermin spielt in meinem Konzept eine zentrale Rolle. Gerade bei Kindern und Erwachsenen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf entscheidet häufig nicht die Behandlung selbst über den Erfolg, sondern die Zeit davor. Deshalb möchten wir Familien bereits vor dem ersten Termin begleiten. Geplant sind Bildkarten und kurze Videos, die den Praxisbesuch Schritt für Schritt erklären. So können sich Kinder gemeinsam mit ihren Eltern oder Betreuungspersonen in ihrer vertrauten Umgebung vorbereiten. Gerade für Kinder mit Autismus, Entwicklungsverzögerungen oder Ängsten kann diese Vorbereitung sehr hilfreich sein, da sie Sicherheit und Vorhersehbarkeit schafft. Angehörige und Pflegekräfte sind dabei wichtige Partner. Niemand kennt die individuellen Bedürfnisse, Ängste, Kommunikationsformen und Stärken eines Menschen besser als die Personen, die ihn täglich begleiten. Dieses Wissen möchten wir aktiv in die Behandlung einbeziehen.

Welche prophylaktischen Maßnahmen sind nach Ihrem Konzept umsetzbar?

Prävention ist das Herzstück meines gesamten Praxiskonzepts. Gerade bei Kindern mit Beeinträchtigungen, Autismus, Entwicklungsverzögerungen oder anderen besonderen Bedürfnissen erleben wir häufig, dass zahnärztliche Kontakte erst dann stattfinden, wenn bereits Beschwerden bestehen. Dabei ist gerade für diese Kinder eine frühzeitige, regelmäßige und vertrauensvolle Begleitung besonders wichtig. Wir setzen bereits im Kleinkindalter an. Neben den klassischen prophylaktischen Maßnahmen wie Individualprophylaxe, Fluoridierung, Fissurenversiegelungen, Ernährungsberatung und Mundhygieneinstruktionen legen wir den Fokus auf Gewöhnungs- und Kennenlerntermine. Dabei haben Kinder die Möglichkeit, die Praxis, das Team, die Behandlungsräume und die Abläufe zunächst ganz ohne Behandlungsdruck kennenzulernen. Manchmal besteht ein Termin zunächst nur daraus, gemeinsam den Behandlungsstuhl auszuprobieren, Instrumente anzuschauen oder spielerisch die Zähne zu zählen. Auch das ist für mich bereits erfolgreiche Prävention. Wenn wir es schaffen, Kindern früh die Angst zu nehmen und positive Erfahrungen zu ermöglichen, legen wir den Grundstein für lebenslange Mundgesundheit.

Werden Sie Ihr Team im Umgang mit vulnerablen Patientengruppen speziell schulen und gibt es Defizite in der Ausbildung, wenn es um Special-Care-Zahnmedizin geht?

Ja, die Schulung unseres Teams ist ein zentraler Bestandteil des Konzepts. Wir möchten Inklusion als Haltung leben. Fachlich werden wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gezielt im Bereich der Kinderzahnheilkunde, Prävention sowie der Behandlung von Menschen mit Behinderungen und besonderem Unterstützungsbedarf weiterbilden. Dabei geht es neben der zahnmedizinischen Versorgung selbst um Kommunikation, Verhaltensführung, Angstmanagement und individuelle Behandlungsstrategien. Dabei möchten wir bewusst über den Tellerrand hinausblicken. Geplant sind Schulungen und Workshops gemeinsam mit Autismusverbänden, Selbsthilfeorganisationen, pädagogischen Fachkräften sowie weiteren Vereinen und Einrichtungen, die täglich mit Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen arbeiten.

Unser Team soll nicht nur über Menschen mit Unterstützungsbedarf sprechen, sondern direkt von ihnen und ihren Angehörigen lernen. Ihre Perspektive vermittelt ein Verständnis, das man aus keinem Lehrbuch gewinnen kann. Hier sehe ich tatsächlich ein Defizit in der aktuellen Ausbildung. Themen wie Inklusion, Special-Care-Zahnmedizin, Autismus, unterstützte Kommunikation oder die Behandlung von Menschen mit komplexen Behinderungen werden häufig nur am Rande behandelt. Gleichzeitig steigt der Bedarf in unserer Gesellschaft kontinuierlich. Deshalb möchten wir in unserer Praxis eine Kultur des lebenslangen Lernens etablieren. Jeder Mitarbeitende soll sich auch sicher, empathisch und wertschätzend im Umgang mit vulnerablen Patientengruppen fühlen.

Welche Elemente Ihres Konzepts wären unmittelbar auf bestehende Praxen übertragbar, auch ohne Neugründung?

Viele Elemente des Konzepts lassen sich bereits mit überschaubarem Aufwand in bestehenden Praxen umsetzen. Nicht jede Praxis benötigt einen Basketballplatz oder einen Snoezelen-Raum, um inklusiver zu werden. Bereits kleine Veränderungen können einen großen Unterschied machen. Dazu gehören beispielsweise angepasste Anamnesebögen, die gezielt nach sensorischen Besonderheiten, Kommunikationsbedürfnissen oder individuellen Unterstützungsbedarfen fragen. Ebenso können Bildkarten zur Vorbereitung von Behandlungen, visuelle Tagesabläufe oder einfache Kommunikationshilfen den Praxisbesuch deutlich erleichtern. Auch ein durchdachtes Wegeleitsystem lässt sich in nahezu jeder Praxis integrieren und hilft vielen Menschen bei der Orientierung.

Darüber hinaus plane ich, die von uns entwickelten Materialien wie Anamnesekonzepte, Bildkarten, Teile des Wegeleitsystems sowie Erklärvideos zur Vorbereitung auf den Zahnarztbesuch anderen Praxen und Einrichtungen zur Verfügung zu stellen. Mein Wunsch ist es, dass möglichst viele Kinder von diesen Angeboten profitieren können, auch wenn sie nicht bei uns behandelt werden.

Ich bin überzeugt, dass Inklusion kein Wettbewerbsvorteil einzelner Praxen sein sollte. Vielmehr sollte sie ein gemeinsames Ziel der gesamten Zahnmedizin sein. Wenn wir gute Konzepte entwickeln, sollten wir sie teilen, damit möglichst viele Menschen davon profitieren können. Genau darin sehe ich auch den Modellcharakter des Projekts: Ich möchte zeigen, dass Inklusion nicht kompliziert sein muss. Oft reichen Verständnis, gute Vorbereitung und die Bereitschaft, Abläufe aus der Perspektive der Betroffenen zu betrachten. Viele Maßnahmen können sofort umgesetzt werden und haben einen unmittelbaren positiven Einfluss auf die Teilhabe von Kindern und Erwachsenen mit Unterstützungsbedarf.

Vielen Dank fürs Gespräch. Wir wünschen Ihnen für die Neugründung viel Erfolg und vor allem viele glückliche Patienten!

Übrigens: Wer über den Werdegang der Praxisgründung von Dr. Reitz auf dem Laufenden bleiben möchte, sollte dran bleiben! Die dentalfresh wird das Baugeschehen begleiten und darüber berichten.

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