Branchenmeldungen 16.07.2021

HEAVY DENTAL – Zahnärztin und Rockröhre zugleich

HEAVY DENTAL – Zahnärztin und Rockröhre zugleich

Foto: Lorena Melinda Photography/Mutterstern Medien

Die junge Hamburger Zahnärztin Britta Calmer kennt die Bühnen ihrer Stadt: Während sie tagsüber Patienten in ihrer 2019 eröffneten Praxis versorgt, hält sie an zahlreichen Abenden (zumindest vor Corona) ein Mikro in der Hand. Denn Britta Calmer ist Zahnärztin und Rockröhre zugleich! Und das zu 100 Prozent. Dabei ist Calmers Leidenschaft für die Musik allgegenwärtig in ihren Praxisräumen und bietet so den Patienten einen einnehmenden Blick auf eine Zahnärztin, die mit sich und ihren Facetten im Einklang ist.

Frau Calmer, der Name Ihrer Praxis, Heavy Dental, klingt nach Programm und lässt sofort an Heavy Metal denken – können Sie uns kurz erklären, wie es zu dem Namen gekommen ist und was genau dahintersteckt?

Das haben Sie genau richtig kombiniert! „Wenn ich mal groß bin, mach ich ‚ne Rock-n-Roll­-Praxis auf“ – das habe ich als Rockröhre schon zu Beginn meines Studiums gesagt. „Da soll gute Musik laufen, ich will schwarze Handschuhe, viele tätowierte, bunte Angestellte und Patienten“ und alles sollte irgendwie anders sein, ohne Angst und Ehrfurcht vorm ­großen (bösen) Gott in Weiß.“

Ich hatte zwar schon immer Lust auf diesen Beruf, aber nicht auf diese „weiße“ Welt. Diese anfängliche Bauchidee der Rockerpraxis hatte ich aus Vernunft und weil ich meine Praxis ziemlich kurzfristig übernahm, erst mal zur Seite geschoben. Einen guten Monat vor Eröffnung kam mir dann plötzlich im Halbschlaf diese Namensidee in den Sinn und da wusste ich – ich MUSS bei meinem Traum bleiben! Nun sitze ich täglich von Kurt Cobain, Lemmy und vielen anderen meiner liebsten Rock- und ­Metal-Größen umgeben, an den Wänden hängen Gitarren, auf Konzerten gefangene Pleks und Drumsticks, und lausche den wohligen Klängen etwas härterer Gitarrenriffs. Ich war schon immer irgendwie Spießer und Rebell ­zugleich. Ich könnte weder ohne das eine noch das andere leben. Was liegt also näher, als beides zu verbinden? Für das Projekt ­„eigene Praxis“ musste ich somit einen Weg finden, mit dem ich mich auch langfristig wohlfühle, ohne mich emotional einzuschränken oder verstellen zu müssen. Meine Devise lautet: „Hier bin ich Mensch, hier kann ich (ich) sein.“ …

Wie wichtig ist es denn Ihrer Meinung nach, dass man sich authentisch als Zahnärztin gibt und auch Seiten zeigt, die nicht zwingend etwas mit der Zahnmedizin zu tun haben?

Ich habe schon immer ein sehr offenes, natür­liches Verhältnis zu meinen Patienten – ich bin mit mir und meiner Persönlichkeit im Reinen und habe daher keine Angst, mich als ganzen Menschen zu zeigen. Ich verbringe den Großteil des Tages in der Praxis und möchte mich dort natürlich auch wohlfühlen, eine lockere, entspannte Atmosphäre haben und auch den Patienten ein nahbares Gefühl vermitteln, Gespräche auf Augenhöhe führen und nicht von oben herab. Das entspricht meiner Authentizität und schafft deshalb auch Vertrauen. Und das spielt in unserem Beruf eine so wahnsinnig riesige Rolle. Patienten kommen oftmals mit Hem­mungen, Scham, Ängsten und vielerlei Fragen in die Praxis. Indem ich etwas von mir preisgebe, fällt es dem Gegenüber, also den Pa­tienten leichter, es mir gleich zu tun.

Ich komme nicht aus einem Ärzte-Haushalt, hab in meinem Leben schon Tankstellen-WCs geputzt und neben dem Studium in einer der schäbigsten Kneipen Hamburgs gearbeitet. Und ich würde es genauso wieder tun! Das war eine grandiose Zeit, aus der ich die tollsten ­Menschen mitnehmen durfte. Gleichzeitig hat mich diese Phase auch unheimlich positiv geprägt und immer wieder, trotz meines beruflichen Er­folges, auf dem Teppich gehalten.

Wie alles im Leben hat auch das authentischsein viele Gesichter und Grade. Es kommt total auf die Persönlichkeit, das Praxiskonzept und das Patientenklientel an – ich kenne viele Kollegen, denen der persönliche Umgang mit den Patienten (oder Angestellten) einfach nicht so liegt, deren Klientel darauf aber auch keinen Wert legt und deren tatsächliche Authentizität darin besteht, sich als ein eher kurz angebundener, sachlicher Zahnarzt nur um das Wesentliche zu kümmern.

Andere Bühne mit anderem Sound und „Publikum“: ZÄ Britta Calmer in ihrer Praxis in Hamburg. © Mutterstern Medien

Vertiefen wir noch mal das Thema Musik – Sie sind die Tochter einer Sängerin und die Stimme einer ­Rock-Band. Wie hat sich diese ­musikalische Schiene entwickelt, als direkte Vorgabe aus dem Elternhaus oder aus einem eigenen Interesse heraus?

Es hat sich ganz natürlich ergeben, dass ich beide Wege – den der Musik und der Medizin – gehe. Für mich war es auch immer ganz normal, dass ­beides geht, die Frage stellte sich ­eigentlich nie – so habe ich es durch meine Mutter ja von Geburt an kennengelernt.

Musik habe ich schon immer gemacht – zu Hause, beim Klavierunterricht, im (Kinder-/Schul-/Dorf-)Chor. Und in der Truppe meiner Eltern hab ich als Kind und Teenie die ersten Bühnen­erfahrungen mit einer Band gemacht. Auch wenn ich in der Jugend in die verschiedensten Musikgenres rein­geschnuppert hab – mein Herz gehörte schon immer der Handgemachten, dem Grunge, Rock, Alternative, Metal.

Seit über zehn Jahren singe ich in einer Rock-Coverband. Mit wechselnder Besetzung haben wir schon verschiedene Namen hinter uns – seit einigen Jahren kennt man unser Projekt aber als KIEZ LIVE. Abgesehen von der derzeitigen Corona-Situation findet man uns regelmäßig in den ­ty­pischen Hamburger Live-Bars und bei diversen überregionalen Veranstaltungen wie Firmenfeiern, Straßen- oder Stadtfesten, Hochzeiten, Geburtstagen ... wo auch immer man uns gern sehen und hören möchte. Für entspanntere Klänge trete ich zudem mit unserem Gitarristen Dennis Krüger als Acoustic-Duo in Hotelbars, bei verschiedenen Kulturveranstaltungen oder auch bei Trauungen auf.

Was bedeutet die Musik heute für Sie?

Die Musik bedeutet mir enorm viel. Ich kenne ja auch gar kein Leben ohne sie. Es gab Zeiten, da wurde mir das alles etwas zu viel. „Beide Leben“ haben einfach zu viel Zeit eingenommen, dass Partner, Freunde und Familie ein wenig auf der Strecke blieben. Ich war genervt und nahm mir eine Band-Pause. Es hat aber nicht lange ge­dauert, da hab ich es nicht mehr ausgehalten und musste wieder zurück auf die Bühne. Allerdings mittlerweile nicht mehr in der Häufigkeit wie früher. Gerade in den Zeiten der Praxisgründung, in der ich wegen des wahn­sinnigen Pensums mit den Gigs etwas kürzertreten musste, und nun auch noch durch die Coronakrise, habe ich wirklich Sehnsucht nach Live-­Action und meinen Jungs! Ja, ich empfinde einen richtigen Entzug und ein starkes Vermissen! Es fühlt sich manchmal schon richtig an wie Liebes­kummer. Also ganz klar – die Musik als Gegenpol zur Zahnmedizin brauche ich, wie die Luft zum Atmen, sonst bin ich schlichtweg unglücklich.

Und wie war das mit der Zahnmedizin, warum dieses Fach, wenn die Musik schon eine Richtung vorgab?

Ich wusste schon ziemlich früh, dass ich (wenn es mir möglich ist) Zahn­medizin studieren will. Schöne Zähne und ein freies Lachen fand ich schon immer faszinierend und ansprechend und genauso tragisch fand ich es, zu sehen, wie einschränkend ein Leben ohne ­gesunde (und schöne) Zähne sein kann. Da ich immer eine Bastel-­tante war, zog es mich wohl in diese handwerkliche ­Richtung. Durch meine Mutter, die in meiner Kindheit noch als Krankenschwester und später als ­medizinische Gut­achterin arbeitete, hatte ich schon früh einen natürlichen und entspannten Bezug zum Thema Medizin und fand es auch im Kindergarten zum Beispiel schon richtig und wichtig, „Bronchitis“ statt „Husten“ zu sagen, weil ich das so ­aufgeschnappt hatte.

Sie haben 2019 eine lang geführte Praxis übernommen. Wie verlief die Übernahme?

Die Übernahme war dann doch ziemlich spontan und kurzfristig, sodass ich in dieser Phase einfach nur funk­tioniert hab. Gut fünf Wochen vor Niederlassung habe ich den Kauf­vertrag unterschrieben, war noch in fester Anstellung und hatte keine Urlaubstage mehr. Man wächst ja bekanntlich mit seinen Aufgaben! Dem Alltag als ­„Chefin“ fühlte ich mich durchaus gewachsen, da ich in meiner letzten Stelle als angestellte Zahnärztin bereits als Praxisleitung fungiert hatte.

Und wie sind Sie mit dem bisherigen Praxispersonal umgegangen?

Das Personal habe ich vollständig übernommen. Dies war mir zum einen superwichtig für die Stammpa­tienten – ich hab hier als neue, junge Zahnärztin eh schon alles auf den Kopf gestellt, da sind ein paar vertraute ­Gesichter nicht die schlechteste Idee. Zum anderen habe ich in dieser Praxis nicht eine Sekunde gearbeitet, bevor ich die Türen geöffnet habe und war heilfroh, dass ich mich auf ein eingespieltes Team verlassen konnte. Glücklicherweise verstehen wir uns zu-dem auch alle gut! Schnell merkte ich aber, dass ich allein wegen der höheren Stundenzahl, die ich im Vergleich zu ­meiner Vorgängerin ar­beitete, dringend weitere Unterstützung brauchte. Da kam es mir gerade recht, als eine ehe­malige Helferin mich fragte, ob ich nicht eine freie Stelle hätte. So profitierte das alte Team von der neuen Kollegin, die mich schon gut kannte, und die neue Kollegin vom lang­jährigen Team, das die Praxis kennt wie seine Westentasche.

2021 wird ein kompliziertes Jahr bleiben. Wie blicken Sie nach vorne?

Mit unserem Optimismus, der Leidenschaft und dem Spaß am Beruf haben wir sogar das letzte Jahr gemeistert und sind mit ein paar blauen Augen und Blessuren davon­gekommen. Wir haben uns bis jetzt nicht unterkriegen ­lassen und das Gefühl, ein paar Monate nach der Eröffnung schon mit so einer gewaltigen Hürde irgendwie klarge­kommen zu sein, hat uns sehr gestärkt.

Selbstverständlich werden wir auch in diesem Jahr auf ­weitere Herausforderungen stoßen, aber blicken diesen optimistisch, mit klarem Kopf, gesundem Selbstbewusstsein und Optimismus entgegen. Ja, allein die Aussicht auf ein „Ende“ dieser Situation wäre wirklich schön, um einfach mal ganz tief durchzuatmen … aber – Aufgeben ist keine Option!

Das Interview ist in dentalfresh erschienen.

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