Branchenmeldungen 01.10.2026
„Ich möchte meine erhobenen Daten für eine evidenzbasierte Aussage nutzen“
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Frau Dr. Schwarze, wann und wie sind Sie auf das Thema Mundtrockenheit bei Patientinnen aufmerksam geworden?
Ich habe in Köln studiert und nach meinem Examen als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der prothetischen Abteilung gearbeitet. Unter der Leitung des Klinikchefs Prof. Dr. Niedermeier, insbesondere durch meine Promotionsarbeit, habe ich mich schon während des Studiums intensiv mit dem Thema Mundtrockenheit (Xerostomie) beschäftigt. Hierbei war das Ziel, ein fundiertes und evidenzbasiertes Verständnis für die Funktion und Regulation der kleinen Speicheldrüsen, der Glandulae palatinae, zu erhalten.
Neben der studentischen Ausbildung und der Patientenversorgung führte ich zur Klärung besonderer Fragestellungen sowie zu Forschungszwecken auch die in der prothetischen Abteilung angebotene sogenannte Prothesenunverträglichkeitssprechstunde. Hier stellten sich Patienten vor, die nicht unter einer Allergie litten, sondern aus anderen Gründen mit ihrem Zahnersatz nicht zurechtkamen oder nicht erklärbare orale Symptome aufwiesen.
Diese spezielle Sprechstunde war für mich das Fundament der sogenannten Ausschlussdiagnostik – in einem diagnostischen Rahmen, der weit über die Inhalte der universitären Ausbildung hinausreichte. Denn die Symptome einer Xerostomie können oft einem ganzen Symptomenkomplex zugeordnet werden. Mundtrockenheit hat immer multifaktorielle Ursachen und die Diagnose und Therapie ist individuell im Gesamtkontext zu erheben bzw. anzupassen.
Was mir bereits vor 25 Jahren auffiel, war die Alters- und Geschlechtsstruktur der Patient/-innen, die sich in der Prothesensprechstunde vorstellten. Wie das Wort impliziert, handelte es sich zum größten Teil um Prothesenträger, also ältere Menschen. Besonders häufig waren es jedoch Frauen in, um und nach der Menopause.
Die Prothesenunverträglichkeitssprechstunde wurde zur damaligen Zeit klinikintern unter der überwiegend männlichen Kollegschaft als „Psychosom-Sprechstunde“ belächelt. Ich wurde teilweise bedauert, die „anstrengenden“ Leute empfangen zu müssen. Bis heute werden Beschwerden vorschnell als psychosomatisch abgestempelt1. Aktuelle Studien2 belegen, dass 54 Prozent aller Frauen oft fünfmal von Facharzt zu Facharzt geschickt werden, bis sie eine richtige Diagnose erhalten. 40 Prozent der Frauen meiden den Arztbesuch aus Angst, nicht ernst genommen zu werden. Ein Drittel aller Frauen fühlt sich aktuell im Gesundheitssystem benachteiligt und erlebt diese Benachteiligung auch tatsächlich.
Im Rahmen der in der Sprechstunde erhobenen Daten zum Thema Mundtrockenheit, führte ich dennoch die Befunderhebungen mit persönlichem Interesse durch und stellte schon damals fest, dass bei der wissenschaftlichen Analyse das Alter und das Geschlecht der Patient/-innen eine untergeordnete Rolle einzunehmen schienen. Ich verließ dann nach fünf Jahren die Universität und machte mich ein paar Jahre später, nach Familiengründung und Tätigkeit als angestellte Zahnärztin, in eigener Praxis selbstständig. Der Schwerpunkt meiner in der Zeit besuchten Fortbildungen lag weiterhin auf dem Gebiet der Prothesen- und Materialverträglichkeit, der Mundtrockenheit sowie der Diagnostik und Therapie oraler Beschwerden in diesem Zusammenhang.
Bis auf sehr wenige Ausnahmen - und dann waren es von mir ganz gezielt gesuchte Fortbildungen, z.B. zum Thema Burning Mouth Syndrom (BMS) - wurden in den Vorträgen geschlechtsspezifische Unterschiede im Allgemeinen und beim Alterungsprozess nicht erwähnt. Bis heute finden sich immer noch sehr wenige Informationen zur Frauengesundheit in der zahnmedizinischen Fachliteratur. Dabei liegt in der geschlechtssensiblen Medizin das riesige Potential gezielter Risikoreduzierung und damit ein bedeutender Beitrag zur Prävention und Erhaltung der Gesundheit.
Warum wurde das Thema Mundtrockenheit lange stiefmütterlich behandelt?
Unsere zahnmedizinische universitäre Ausbildung und praktische Erfahrung zum Zeitpunkt des Examens umfasst ein großes, komplexes Gebiet und befähigt die Absolventen mit der Approbation zur Ausübung des Berufes in erstklassiger Qualität. Sicherlich changiert der Inhalt je nach Universität und verändern sich im Laufe der Zeit. Wir entwickeln uns auch persönlich zeitlebens weiter. Trotz der sehr guten Ausbildung sind wir angehalten, uns stetig fortzubilden und auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu halten. Manchmal ist das persönliche Interesse, sich mit einem Thema intensiv weiter zu beschäftigen groß, und resultiert in einer Weiterqualifizierung wie z.B. der Implantologie, der Kinderzahnmedizin oder der Kieferorthopädie etc.
Für den Bereich der Mundtrockenheit oder der geschlechtersensiblen Zahnmedizin gibt es bislang nur sehr wenige Fortbildungsmöglichkeiten für Zahnärzte. Glücklicherweise ändert sich dies langsam und stetig im positiven Sinne. So beobachten wir im allgemeinmedizinischen Bereich und vielen damit assoziierten Fachrichtungen eine zunehmende Wahrnehmung und Integration der geschlechtsspezifischen Unterschiede. Den sogenannten Gender-Health-Gap zu schließen, nimmt gerade Fahrt auf, steckt jedoch in vielerlei Hinsicht noch in den Kinderschuhen.
Daher ist es nicht verwunderlich, wenn Themen wie Frauengesundheit, hormonelle Umstellung in den Wechseljahren und damit verbundene Risiken weder in der Gesellschaft noch in der Fachgesellschaft auf große Bekanntheit stoßen. Das Interesse an diesen Themen ist vorhanden, doch häufig prägt Halbwissen die öffentliche Wahrnehmung. Ich meine damit nicht, dass diese Themen niemanden interessieren - die meisten haben eine allgemeine Meinung und allgemeines Wissen über diese Themen – allerdings handelt es sich dabei leider oft um Mythen und Ammenmärchen. Aktuell werden diese Themen aus der „Tabuzone“ herausgeholt und es zeigt sich, wie vielschichtig und komplex diese Lebensphase für eine Frau sein kann und wie wenig dies bislang im persönlichen, sozialen, beruflichen und gesundheitlichen Bereich berücksichtigt wurde. Soziale Medien, Bücher, Podcasts, Informationsveranstaltungen und Kurse machen aktuell zunehmend darauf aufmerksam.
Für mich als Zahnärztin und speziell als Endodontologin haben diese Themen unmittelbare Auswirkungen auf meinen Beruf: Frauengesundheit bzw. die verschiedenen Lebensphasen einer Frau manifestieren sich eben doch anders im oralen System als die von Männern. Mundtrockenheit, orale Mikrobiomveränderungen und eine steigende Schmerzempfindlichkeit können eine Folge von hormonellen Veränderungen sein. Diese sind für mich zusätzlich wichtige Kriterien zur Risikoeinstufung, Therapieplanung und Einschätzung der Genesungsprozesse sowie der Prognosen.
Die Zahnmedizin hätte mit diesem zusätzlichen Wissen bei der allgemeinen Vorsorge ein sehr potenzielles Tool bei der Früherkennung von altersbedingten Risiken. Statistisch gesehen sind Zahnärzte die meistbesuchten Fachärzte in Deutschland3. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen wäre ein Traum!
Die medizinische Behandlung von Frauen (Schwangerschaft und Stillzeit ausgenommen) unterscheidet sich bislang nicht wesentlich von der Behandlung von Männern. Bei Medikamentengaben wird ggf. mal eine Dosis reduziert. Langsam beobachten wir, wie z.B. bei den Symptomen der koronaren Herzkrankheiten, rheumatischen Problemen, den Autoimmunerkrankungen oder dem BMS auf geschlechterspezifische Unterschiede zunehmend eingegangen wird. Im zahnmedizinischen Bereich finden sich momentan jedoch fast keine Studien, die das biologische Geschlecht als primäre Analysevariable systematisch auswerten.
Sie haben eigens für Ihre Praxis einen Fragenbogen zu menopausalen Beschwerden entworfen. Welche Informationen holen Sie damit ein und zu welchem Zweck?
Mein Mann und ich führen eine kleine Praxis für Endodontie in Hannover. Wir arbeiten mit sehr vielen Zahnarztpraxen aus der Region zusammen, die uns komplexe endodontische Behandlungsfälle überweisen. Dadurch habe ich - anders als in einer Allgemeinzahnarztpraxis - die Möglichkeit, über eine große Informationsmenge zu akuten und chronischen apikalen Parodontopathien zu verfügen. So konnte ich bei der Analyse der mehr als 6.0000 bei uns behandelten Patienten der letzten zehn Jahre feststellen, dass gerade in der Lebensmitte mit 26 Prozent doppelt so viele Frauen wie Männer eine Behandlung bei uns durchführen ließen. Das lässt die Frage aufkommen: Hat die Lebensmitte einen geschlechterspezifischen zu berücksichtigenden Aspekt, der bei Wurzelkanalbehandlung von Bedeutung ist? Wir wissen um biologische Unterschiede bei hormonellen Faktoren, beim Knochenmetabolismus, dem Immunsystem und der Schmerzwahrnehmung.4 Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Menopausestatus und erhöhten Entzündungsreaktionen durch die Abnahme des Östrogenspiegels und dessen schützende Wirkung auf das Immunsystem, was zur Abnahme der Immunreaktion auf pathogene Keime5 führt. Die hormonellen Veränderungen bei Frauen (Östrogen-/Progesteronreduktion) verändern das orale Mikrobiom und können zur Zunahme pathogener Keime führen. Das wiederum fördert u.a. die Entstehung von periapikalen Läsionen6. Hypoöstrogenie begünstigt das Fortschreiten der apikalen Parodontitis7 und Frauen ab dem 40. Lebensjahr zeigen häufiger Flare-ups und postendodontische Beschwerden8.
Zur aktuellen Studienlage sowie den modernen Therapieformen und Empfehlungen ließ ich mich umfassend u.a. von der DMG (Deutsche Menopause Gesellschaft), speziell ausgebildeten Gynäkologinnen, einer Urologin und der Ökotrophologin Susanne Liedtke beraten. Seither nutze ich einen mit einer Kollegin selbst entwickelten, an den MRS II (Menopause Rating Scale9) angelehnten Fragebogen, der allgemeinmedizinische und zahnmedizinische Symptome sowie die allgemeine Anamnese und etwaige regelmäßige Medikamenteneinnahmen verknüpft, ohne dabei „gynäkologisch“ zu sein.
Bislang haben alle Frauen ab dem 40. Lebensjahr sehr positiv auf meine initiativ gestellten Fragen reagiert - immerhin zeigt eine aktuelle Studie, dass nur zwölf Prozent aller Frauen ihre Ärzt/-innen aktiv ansprechen, obwohl 96 Prozent aller Frauen in der Lebensmitte orale Beschwerden haben.10 Anamnese, klinische und röntgenologische Untersuchungen sowie das Feststellen aktueller oraler und körperlicher Symptome mittels Fragebogen ergeben ein aktuelles Bild der Lebensphase, in der sich die Frau befindet und helfen, die oralen Beschwerden besser zu interpretieren.
Es gibt mehr als 39 Wechseljahressymptome, Mundtrockenheit ist eines davon. Viele Symptome sind in der allgemeinen Anamnese abgebildet. Aber erst die Integration des subjektiven Empfindens und des zeitlichen Auftretens der Symptome ergibt einen Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen.
Zwei Drittel aller Frauen in der prä-, peri- und postmenopausalen Lebensphase geben Wechseljahressymptome an. Bei einem Drittel reduzieren diese Symptome die Lebensqualität erheblich. Ein frühes Erkennen und richtiges Einordnen von Symptomen sowie die Aufklärung über die stattfindenden körperlichen Prozesse können einen langen Leidensweg verhindern.
Hormonelle Veränderungen und Symptome wie Mundtrockenheit sind keine Erkrankung. Die Risiken einer daraus begünstigten Entstehung von Erkrankungen sind aber erhöht. Meinen Fragebogen nutze ich als Instrument der präventionsorientierten Medizin.
Genau hier fehlen meines Erachtens in unserem Gesundheitssystem oft das Fachwissen, die interdisziplinäre Zusammenarbeit, aber auch die angemessene Honorierung. Aus meinen Recherchen weiß ich, dass es sehr schwierig ist, eine qualifizierte Facharztpraxis zu finden, in der Frauen mit menopausalen Symptomen wirklich umfassend beraten und begleitet werden. Die Ökotrophologin, Wechseljahre-Expertin und Spiegel-Bestsellerautorin Susanne Lietdke „sammelt“ hierzu kontinuierlich besonders zu empfehlende Adressen solcher Fachpraxen, denn selbst bei den Gynäkolog/-innen ist die Weiterbildung im Bereich Menopause ein individuelles Interesse. Das liegt auch daran, dass eine oft sehr zeitintensive Betreuung von Frauen mit großem Leidensdruck im Gesundheitswesen oder dem Leistungskatalog der Krankenversicherung nicht abgebildet ist.
Erst 2026 wurde in Zusammenarbeit mit dem Vorstand der Deutsche Menopause Gesellschaft und der Funke Mediengruppe eine Liste veröffentlicht, die die Suche nach auf Wechseljahre spezialisierte Ansprechpartner erleichtern kann.
Sie suchen aktuell auch Verbindungen zur universitären Forschung. Mit welchem Ziel?
Ich würde gerne meine erhobenen Daten nutzen, denn mittlerweile haben ca. 400 Frauen den Fragebogen ausgefüllt, selbstverständlich anonymisiert und von allen Partizipantinnen freiwillig abgegeben. Ich würde mich über einen wissenschaftlichen Ansatz freuen, um diese statistisch zu analysieren und eine evidenzbasierte Aussage zu erzielen. Weiterhin finde ich die Aufnahme dieser Thematik in das Studien-Curriculum und in die Ausbildung von zahnmedizinischem Fachpersonal sehr wichtig. Ich habe bereits als Referentin vielfältig über die hormonellen Veränderungen von Frauen gesprochen. Hier könnte ich Vorträge anbieten. Es gibt wunderbare Bücher, die die Lebensphasen der Frau aus allen möglichen Perspektiven durchleuchten - aber kein Nachschlagewerk für Zahnmediziner zu diesen Themen. Neben meinem Beruf ist ein Alleingang als Autorin nicht realisierbar, aber gemeinsam mit Partnern aus Universitäten oder der Forschung sicherlich machbar. Und ja, auch Männer bekommen Wechseljahre. Diese verlaufen nur etwas anders.
Kontaktaufnahme über info@endoschwarze.de
Quellen:
1) Dental Tribune No. 04/25, S. 12: Prothesenunverträglichkeit
2) YouGov-Umfrage zum Thema Gender Health Gap: „Gender Health Gap? Nie gehört: AXA Studie zeigt große Wissenslücken in der Bevölkerung“, im Auftrag von AXA, Mai 2025
3) Krause, L., Seeling, S. & Reitzle, L. Inanspruchnahme zahnärztlicher Kontrolluntersuchungen in Deutschland – Prävalenzen und Trends auf Basis von GKV-Routinedaten. Bundesgesundheitsbl 69, 803–812 (2026). doi.org/10.1007/s00103-026-04253-3
4) Hülsmann M., Schäfer E.: Besonderheiten der endodontischen Behandlung von Frauen (2019) IN: Probleme in der Endodontie: Prävention, Identifikation und Management, 2., vollständig neu bearbeitete Auflage 2019
5) Fish, E. The X-files in immunity: sex-based differences predispose immune responses. Nat Rev Immunol 8, 737–744 (2008). doi.org/10.1038/nri2394
6) de Soisa Pereira, Ana Patrícia et al (2021): Alteration of the oral microbiota may be a responsible factor, along with estrogen deficiency, by the development of larger periapical lesions.
7) Rosetti, Bárbara Romagna et al (2022): Effects of estrogen deficiency on the progression of apical periodontitis. A systematic review of preclinical studies.
8) Torabinejad M, Kettering JD, McGraw JC, Cummings RR, Dwyer TG, Tobias TS. Factors associated with endodontic interappointment emergencies of teeth with necrotic pulps. J Endod. 1988 May;14(5):261-6. doi: 10.1016/S0099-2399(88)80181-X. PMID: 3251982.
9) G. A. Hauser, P. Potthoff, P. J. Rosemeier und H. P. G. Schneider: „Die Selbstbeurteilungs-Skala für klimakterische Beschwerden (Menopause Rating Scale II)“ IN: Journal für Menopause (Heft 4/1999, S. 12–15). 1999
10) TePe/YouGov-Umfrage Dez. 2024 /Basis = 2050: „Mundgesund durch die Wechseljahre?“