Branchenmeldungen 31.07.2025

Mit Vorsicht zu genießen: Dr. Marion Teichmann über den Barmer Zahnreport



„Die Statistik ist eine sehr gefällige Dame. Nähert man sich ihr mit entsprechender Höflichkeit, dann verweigert sie einem fast nie etwas.“ Dieses Zitat von Edouard Herriot, der von 1924 bis 1925 französischer Premierminister war, ist aus meiner Sicht auch heute noch gültig.

Mit Vorsicht zu genießen: Dr. Marion Teichmann über den Barmer Zahnreport

Foto: Darya – stock.adobe.com

Der Barmer Krankenkasse gelingt es immer wieder, mit ihrem „Zahnreport“ Schlagzeilen zu machen. 2024 wurden die Kieferorthopäden wegen angeblicher „Übertherapie“ kritisiert. 2023 forderte die Barmer mehr Prävention für Risikogruppen. 2022 klagte die Krankenkasse, dass noch immer zu viele Füllungen benötigt werden. Dieses Jahr zog man wieder einmal die regionale Karte. „Guter Westen, schlechter Osten“ – das ist die Erkenntnis, die man aus den Abrechnungsdaten der Barmer ziehen könnte.

Für mich sind diese Statistiken mit höchster Vorsicht zu genießen. Denn erstens bestehen Zweifel an der wissenschaftlichen Methodik. Die Marktanteile der Krankenkassen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland ganz erheblich. Insgesamt sind bundesweit rund 10,7 Prozent der Deutschen bei der Barmer versichert. Laut einer Statistik aus dem Jahr 2019 lag ihr Marktanteil in Baden-Württemberg und Bayern jedoch nur bei 7,2 Prozent beziehungsweise 9,3 Prozent, in Brandenburg dagegen bei 17,9 Prozent. Lassen sich die Abrechnungszahlen also ohne Weiteres miteinander vergleichen? Mein zweiter Kritikpunkt: Bei den Pressemitteilungen der Barmer schwingt immer eine latente Kritik an den Zahnärzten mit. Wir sollen die Prävention verbessern! Wir machen zu viel Zahnspangen! Wir schaffen es nicht, regionale Unterschiede zu verringern!

Immerhin verweist der neueste Zahnreport auf „sozioökonomische Faktoren“. Richtig, liebe Barmer! In kaum einem anderen Medizinbereich ist die Mitwirkung des Patienten relevanter für den Behandlungserfolg als in der Zahnmedizin. Auf den Zusammenhang zwischen dem Sozialstatus und der Mundgesundheit haben wir in den aus meiner Sicht deutlich verlässlicheren Deutschen Mundgesundheitsstudien immer wieder hingewiesen. Wir versuchen etwa durch unser Engagement in der Landesarbeitsgemeinschaft Zahngesundheit, auch Kinder aus prekären Verhältnissen zu erreichen. Aber vollständig kompensieren können wir das Desinteresse von Eltern an der Mundgesundheit ihrer Kinder nicht.

Dasselbe gilt für die angeblichen Unterschiede zwischen Ost und West. Ich bin überzeugt davon, dass die Kolleginnen und Kollegen zwischen dem Erzgebirge und der Ostsee keine schlechtere Arbeit leisten als die Zahnärzte in Westdeutschland. Wenn aber beispielsweise von den Patienten weniger professionelle Zahnreinigungen nachgefragt werden, wirkt sich das höchstwahrscheinlich auch auf die Haltbarkeit von Füllungen aus. Und natürlich spielt das Füllungsmaterial eine wichtige Rolle. Kompositfüllungen schneiden in allen Langzeitstudien besser ab als nichtadhäsive Materialien. Kann es vielleicht sein, dass in den ostdeutschen Bundesländern die Sachleistung häufiger nachgefragt wird als die Varianten mit privater Zuzahlung? Aber auf diese und andere Fragen liefert der Barmer Zahnreport keine Antworten. Hierzu heißt es lapidar: „Da die verwendeten Materialien für die Füllungstherapie aus den hier verwendeten Versorgungsdaten nicht zu erschließen sind, sind sie nicht Gegenstand unserer Analysen.“ Wer Äpfel mit Birnen vergleicht, hat aus meiner Sicht die wissenschaftliche Reputation verloren. Die „regionalspezifische Betrachtung“ der Barmer ist für mich deshalb eine Mogelpackung. Die Zahnärzte leisten in Ost und West gleichermaßen hervorragende Arbeit. Wir haben allerdings nur bedingt Einfluss darauf, für welche Füllung sich die Patienten entscheiden und wie sie danach mit ihrer Füllung umgehen.

Dieser Beitrag ist im BZB Bayerisches Zahnärzteblatt erschienen.

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