Branchenmeldungen 10.03.2026
Offener Brief: Prof. Michael J. Noack widerspricht „Beyond Fluoride“-Initiative
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Noack, vom Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Uniklinik Köln, zählt zu den bekanntesten Stimmen der präventiven Zahnmedizin. In seinem Schreiben betont er, dass Fluoride zu den bestuntersuchten Substanzen der Zahnmedizin gehören und ihre Wirksamkeit sowie Sicherheit durch zahlreiche internationale Studien belegt seien. Aus seiner Sicht konnten durch den routinemäßigen Einsatz fluoridhaltiger Zahnpasten und Dentalprodukte weltweit erhebliche Fortschritte in der Kariesprävention erzielt werden. Wer Alternativen zu Fluoridprodukten propagieren wolle, müsse deshalb vergleichbare wissenschaftliche Nachweise vorlegen – etwa Langzeitdaten zur Sicherheit, unabhängige klinische Studien zur Wirksamkeit sowie gesundheitsökonomische Analysen. Kritisch äußert sich der Kölner Wissenschaftler insbesondere zu Marketingstrategien, die fluoridfreie Produkte bewerben und dabei mit Verunsicherung arbeiten könnten. Wissenschaftliche Debatten müssten sachlich, transparent und evidenzbasiert geführt werden, so Noack.
Der offene Brief richtet sich an den ehemaligen bayerischen Staatsminister und Zahnarzt Dr. Wolfgang Heubisch, der dem wissenschaftlichen Beirat der Initiative „Beyond Fluoride“ vorsteht.
Sehr geehrter Herr Staatsminister a. D. Dr. med. dent. Wolfgang Heubisch,
als unabhängiger medizinischer Wissenschaftler sehe ich mich verpflichtet, auf Ihren offenen Brief als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der „Beyond Fluoride“-Initiative aus fachlicher Sicht zu antworten – ebenfalls als offener Brief.
Es ist für mich höchst beunruhigend und in weiten Teilen empörend, mit welcher Intensität derzeit versucht wird, seit Jahrzehnten klinisch bewährte Fluoridverbindungen in Frage zu stellen. Nach meinem Eindruck ist ein erheblicher Teil dieser Bewegung durch kommerzielle Interessen und gezieltes Marketing mitbedingt, namentlich durch Anbieter fluoridfreier Dentalprodukte. Diese Einschätzung beruht auf meiner fachlichen Bewertung und ist nicht als pauschale Beschuldigung gegen einzelne Personen oder Unternehmen zu verstehen.
Ihnen als Zahnarzt ist bekannt, dass Fluoride in der Kariesprävention zu den bestuntersuchten Substanzen der Zahnmedizin zählen. Die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Fluiden sind in zahlreichen unabhängigen, klinischen Studien international überzeugend dokumentiert. Durch den routinemäßigen Einsatz fluoridhaltiger Dentalprodukte und Zahnpasten konnten weltweit und in Deutschland beträchtliches Leid vermieden und erhebliche Kosten im Gesundheitswesen eingespart werden.
Wer ernsthaft eine Alternative zu Fluoridprodukten propagiert, muss aus wissenschaftlicher Sicht zwingend folgende Anforderungen erfüllen:
- Langzeitnachweise zur Unbedenklichkeit: Diese Produkte werden regelmäßig und jahrzehntelang angewendet; entsprechende Sicherheitsdaten sind unabdingbar.
- Überzeugende klinische Wirksamkeit: Unabhängige, randomisierte, kontrollierte Studien müssen für verschiedene Altersgruppen und Kariesformen vorgelegt werden.
- Gesundheitsökonomische Analysen: Das Kosten‑Nutzen‑Verhältnis muss transparent nachgewiesen werden, insbesondere wenn die Alternativen deutlich teurer sind.
Für Fluoride existieren solche Daten in großem Umfang; die Empfehlungen der Stiftung Warentest zu Kinderzahnpasten spiegeln den internationalen Stand des Wissens wider. Nach meinem aktuellen Kenntnisstand erfüllt keine mir bekannte Substanz oder Produktkategorie annähernd diese Anforderungen.
Ich erachte es als besorgniserregend, wenn aggressive Marketingstrategien und Angst‑Vermarktung genutzt werden, um klinisch erfolgreiche Fluoridpräparate in Misskredit zu bringen, obwohl belastbare klinische Daten für Alternativen fehlen. Solche Praktiken spielen mit den Sorgen von Eltern und können das Vertrauen in evidenzbasierte Prävention untergraben. Auch wenn Marketing kurzfristig wirkmächtig sein kann, darf dies nicht die Evidenzlage ersetzen.
Wenn Kampagnen von Herstellern unterstützt werden, ist Transparenz über Finanzierungsquellen und mögliche Interessenkonflikte geboten; unbewiesene Spekulationen über verdeckte Finanzierung sollten vermieden oder mit belastbaren Nachweisen belegt werden. Ich bitte Sie in Ihrer Funktion im wissenschaftlichen Beirat, auf eine evidenzbasierte und transparente Darstellung der Informationen hinzuwirken.
Ich verurteile es moralisch, Ängste von Müttern und Vätern für kommerzielle Zwecke auszunutzen. Wissenschaftliche Debatten müssen sachlich, transparent und evidenzbasiert geführt werden; neue Produkte sind an strengen, unabhängigen Prüfständen zu messen. Dazu gehört auch die Offenlegung persönlicher Interessen und Finanzierungsquellen. Meinen eigenen Interessenkonflikt zu diesem Thema kann ich ausschließen.
Mit kollegialem Gruß
Univ.-Prof. Dr. med. dent. Michael J. Noack