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Branchenmeldungen 30.11.2011

Traumatag in Basel bot umfassenden Überblick

Traumatag in Basel bot umfassenden Überblick

Im Zahnunfallzentrum der Universitätskliniken für Zahnmedizin Basel fand Ende Oktober der Traumatag 2011 statt. Im Mittelpunkt stand das Management von Zahnunfällen in der zahnärztlichen Praxis. Med. dent. Irina Ilgenstein, Assistentin an der Klinik für Parodontologie, Endodontologie und Kariologie der Universität Basel, berichtet.

Der diesjährige Traumatag fand auf Grund des regen Interesses und den dementsprechend vielen Anmeldungen im Kollegiengebäude der Universität Basel statt. Der Hörsaal war mit 140 Teilnehmern bis auf den letzten Platz ausgebucht. Das Programmheft versprach ein vielseitiges Kursprogramm.

Richtig diagnostizieren

Nach einer kurzen Begrüssung durch die beiden Leiter des Zahnunfallzentrums, Prof. Dr. Andreas  Filippi und Dr. Gabriel Krastl, begann der interessante Morgen mit dem Vortrag von Prof. Dr. Dr. Thomas Lambrecht, Basel, zum Thema Schädelhirntrauma. Er zeigte eindrücklich, welch schlimme Folgen ein Freizeit‐, Verkehrs‐ oder häuslicher Unfall haben kann, denn bis zu 72% aller Unfälle haben eine Beteiligung des Gesichts- und Hirnschädels. Nun kann es passieren, dass auch ein Zahnarzt in seiner Praxis mit solch einer Situation nach Trauma konfrontiert wird. Daher ist es wichtig, dass die Bewusstseinslage des Patienten mittels der Glasgow‐Coma‐Scale richtig eingeschätzt wird und der Patient bei einem Symptom wie Erbrechen, Somnolenz, retrograder Amnesie oder Bewusstlosigkeit direkt in die Notaufnahme oder die Neurologie überwiesen wird. Des Weiteren sollte auch immer der Tetanusschutz des Patienten abgeklärt werden.

Dies wurde im anschliessenden Vortrag von Dr. Sebastian Kühl, Oberarzt an der Klinik für Zahnärztliche Chirurgie, Radiologie, Mund- und Kieferheilkunde der UZM Basel ebenfalls hervorgehoben. Er referierte zum Thema „Systematische Diagnostik und Dokumentation“. Es ging vor allem darum in der Hektik am Tag des Unfalls Ruhe zu bewahren und systematisch vorzugehen. Entscheidend ist das Röntgenbild (intraoraler Zahnfilm und die extraorale Panoramaschichtaufnahme) am Tag der Erstvorstellung. Zudem griff er noch einmal auf den Vortrag von Prof. Dr. Dr. Thomas Lambrecht zurück und betonte die Wichtigkeit der Abklärung und Dokumentation des Schädelhirntraumas.

Richtig medikamentieren

Den nächsten Vortrag hielt Prof. Dr. Andreas Filippi über die Medikamente am Unfalltag. Er thematisierte vor allem die Lokalanästhetika, Analgetika, Antibiotika und die Zahnrettungsbox. Bei Kindern ab vier Jahren und Erwachsenen ist der Standard für Lokalanästhesien das Articain 4%. Analgetikum der Wahl ist bei Kindern Paracetamol und bei Erwachsenen Diclofenac (Voltaren). Standardantibiotika generell in der Zahnmedizin ist nach wie vor Amoxicillin und Clavulansäure (Augmentin). In der Traumatologie ist das Tetrazyklin Standard, da es sowohl eine antibiotische als auch eine antiresorptive Wirkung hat. Bei schweren Dislokationsverletzungen ohne Überlebenschance für die Pulpa wird eine Trepanation bereits am Unfalltag empfohlen. Die Einlage der Wahl ist in diesen Fällen Ledermix aufgrund der antiresorptiven Eigenschaften.

Wichtigkeit der Erstversorung

Während dem die 541. Basler Herbstmesse eingeläutet wurde, hielt Zahnärztin Anne-Catherine Jaun von der Klinik für Kieferorthopädie und Kinderzahnmedizin der Universität Basel ihren Vortrag über den Umgang mit kleinen Kindern nach Zahntrauma. Dabei ist es wichtig, dass zwischen Kind und Behandler Empathie entsteht und man durch ein gezieltes und ruhiges Vorgehen und eine adäquate Reinigung der Wundfläche eine gute Übersicht erhält. Denn es kann auch in der Nachsorge zu Notfällen kommen, wenn die Erstversorgung nicht adäquat war. Frau Jaun empfiehlt, kleine Kinder während der Behandlung auf dem Schoss der Eltern zu platzieren und möglichst schnell alle Blutspuren zu entfernen, da diese das Kind nur unnötig ängstigen.

Umgang mit Diskolorationen

Den letzten Vortrag vor der Mittagspause hielt Prof. Dr. Gideon Holan aus Israel. Der Spezialist vom Departement of Pediatric Dentistry der School of Dental Medicine in Jerusalem sprach über die „Dark Coronal Discoloration“ bei Milchzähnen. Diese kommen in entsprechenden Farben als Spätfolge nach Zahntrauma vor. In den meisten Fällen ist die Verfärbung mit einer Pulpanekrose assoziiert. Die Ergebnisse einer klinischen Langzeitstudie von Prof. Holan belegen allerdings, dass infolge eines Traumas dunkel verfärbte

Milchinzisivi keine endodontische Intervention erfordern, sofern keine weiteren klinischen oder radiologischen Symptome vorhanden sind. Weder der betroffene Milchzahn noch der bleibende Keim profitieren von der Durchführung der Wurzelkanalbehandlung.

Behandlung von Zahnschäden im bleibenden Gebiss

Nach einem gemütlichen Mittagessen auf der Basler Herbstmesse bei schönstem Sonnenschein, ging es weiter mit dem Vortrag im Hörsaal von Dr. Hubertus van Waes, ZZM Zürich. Er referierte über Zahnunfälle im jungen bleibenden Gebiss. Hauptthema war die regenerative Endodontie an Zähnen mit offenem Apex. Damit ist die Wiederbesiedlung eines vormals infizierten Kanals mit vitalem Gewebe gemeint. Dabei wird der infizierte Wurzelkanal zunächst mit reichlich Natriumhypochlorit gespült. Zur weiteren Desinfektion wird eine Mischung aus drei Antibiotika (Ciprofloxacin, Metronidazol, Cefuroxim) in den Kanal eingebracht und für drei bis vier Wochen belassen. In der nächsten Sitzung wird das Antibiotikum wieder ausgespült und eine apikale Blutung provoziert. Diese wird 3 bis 4mm unter der Schmelz-Zement-Grenze gestoppt. Auf das entstandene Koagulum wird Portlandzement aufgebracht und die Restkavität mit Komposit verschlossen. Das Blutkoagulum dient als Matrix für ein neues intrakanaläres Gewebe. Dieses Ersatzgewebe kann zu weiterem Dickenwachstum der Dentinwände, einem Zahnlängenwachstum und einer Apexbildung an der Wurzelspitze führen.

Prognose von Restaurationen

Dr. Gabriel Krastl ging auf die Prognose der verschiedenen Restaurationsoptionen nach Zahntrauma ein: Reattachment, Kompositrestauration, Veneer, Krone. Durch ein Rewetting nach Trockenlagerung, ein adäquates Etch-and-Rinse Adhäsiv und geeignete präparative Massnahmen, kann jedoch die Prognose der Reattachmentrestauration verbessert werden. Generell kann bei adhäsiven Massnahmen ein Sandstrahlen der Frakturfläche mit Aluminiumoxid sinnvoll sein um Zementreste und Mikrocracks zu entfernen. Zur Prognose von Kompositrestaurationen nach Trauma existieren kaum Studien. Die eher ungünstigen Langzeitergebnisse lassen sich in den meisten Fällen mit einem erneuten Trauma erklären. Laborgefertigte Restaurationen gelten als zu invasiv und sollten erst nach dem 19. Lebensjahr in Erwägung gezogen werden.

Ersatzresorptionen

Der nächste Vortrag von Prof. Dr. Andreas Filippi fokussierte auf das Thema Ersatzresorptionen. Er zeigte eindrücklich, dass bei massivem Zementschaden keine parodontale Heilung mehr stattfinden kann und stattdessen der Zahn resorbiert und durch Kochen ersetzt wird (Osseous Replacement). In tierexperimentellen Untersuchungen wurde gezeigt, dass künstlich induzierte Wurzeldefekte bis zu einer Fläche von 2x2mm parodontal „heilen“, während grössere Defektflächen zur Ankylose führen. Diese ist bei Kindern mit einer Wachstumshemmung des entsprechenden Alveolarknochens assoziiert. Ab einer Infraposition von 1mm muss der Zahn in der Regel extrahiert werden. Je nach Alter des Patienten existieren verschiedene Behandlungsmöglichkeiten wie die intentionelle Replantation, die Transplantation von Milcheckzähnen oder Prämolaren, Klebebrücken oder die Decoronation um den Knochen für eine spätere Implantation zu erhalten.

Spätfolgen aus Zahntrauma

Prof. Dr. Roland Weiger, Vorsteher der Klinik für Parodontologie, Endodontologie und Kariologie UZM Basel sprach anschliessend über endodontische Spätfolgen nach Zahntrauma. Kommt es nach einer Dislokationsverletzung mit Schädigung der neurovaskulären Versorgung der Pulpa zu einer Heilung des Endodonts, kann dieser Prozess mit einer beschleunigten Dentinablagerung an den Wurzelkanalwänden und einer gelblichen Verfärbung der Zahnkrone assoziiert sein. Die Dentinapposition mit Verengung des Wurzelkanals wird als indirektes Vitalitätszeichen der Pulpa gewertet. Eine endodontische Intervention wird trotz fehlender Reaktion auf den Sensibilitätstest erst bei gesicherten Zeichen für eine infizierte Pulpanekrose (z.B. apikale Parodontitis) nötig.

Herausforderung Implantatversorgung

Der letzte rein zahnmedizinische Vortrag wurde von Prof. Dr. Nicola U. Zitzmann, UZM Basel, über Schwierigkeiten bei der Implantatversorgung nach unfallbedingtem Zahnverlust gehalten. Mit zahlreichen eindrucksvollen Fällen zeigte sie, wie man auch bei schwieriger

Ausgangssituation ein optimales Ergebnis erzielt, oder die Zeit bis eine Implantation möglich ist mit langzeitprovisorischen Lösungen überbrückt. Neuere Untersuchungen zeigen, dass auch noch weit nach dem 18. Lebensjahr mit Kieferwachstum zu rechnen ist. Daher gilt es, Implantate im Frontzahngebiet möglichst weit hinauszuzögern, um ästhetische Misserfolge zu vermeiden.

Herausforderung Tour de France

Zum Abschluss eines gelungenen Kurstages referierte Dr. Thomas Schwamborn, Direktor der Cross-Clinic in Basel zum Thema Unfälle bei der (Tor‐)Tour de France. Neben vielen anderen schweren Verletzungen gibt es auch immer wieder Unfälle mit Kopfbeteiligung. Mit vielen Bildern und interessanten Facts faszinierte Dr. Schwamborn die rund 140 Kursteilnehmer und rundete einen lehrreichen Tag originell ab.

Ankündigung

Der nächste Traumatag wird als „Kleiner Trauma-Tag“ am 3. Mai 2012 stattfinden. Für 2013 (17. bis 23. März) planen Prof. Filippi und Dr. Krastl ein zahntraumatologisches Highlight im Suvretta House in St. Moritz. Geplant ist, den Teilnehmern in einer Kurswoche „Alles zum Thema Zahntrauma“ beizubringen. Hochkarätige Referenten und eine durchdachte Seminarreihe mit vielen praktischen Übungen in der Traumatologie garantieren eine spannende und lehrreiche Woche.

Kontakt:

www.zahnunfall.unibas.ch

www.unibas.ch/zfz

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