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Branchenmeldungen 10.10.2019

„Wir trauern um einen begnadeten Kieferchirurgen“

Dr. Georg Bach
E-Mail:
„Wir trauern um einen begnadeten Kieferchirurgen“

Am letzten September-Sonntag verstarb Prof. Dr. Wilfried Schilli in seinem 92. Lebensjahr. Als Kind der südbadischen Raumschaft wurde Schilli in der Ortenau und in Freiburg im Breisgau groß und blieb dieser ein Leben lang treu. Wer indes glaubt, dass sich Prof. Dr. Wilfried Schilli durch diese Beständigkeit allzu sehr auf lokales „Kleinklein“ fixiert hätte, der sieht sich getäuscht. Das Gegenteil trifft zu – Offenheit und Lust auf Neues zeichneten Wilfried Schilli stets aus und wurden zu seinem Markenzeichen.

Den jungen Schilli prägten Auslandsaufenthalte in den Vereinigten Staaten, Indien sowie spätere Reisen in den asiatischen Raum, in denen Schilli sein umfangreiches und facettenreiches Wissen weitergab. Auch dies war ein Markenzeichen Wilfried Schillis: Wissen zu erwerben und zu teilen.

Hart indes war der Anfang seiner einzigartigen Lebensgeschichte. Als Minderjähriger zur Wehrmacht eingezogen, wurde Schilli mit den unglaublichen Leiden des zu Ende gehenden Zweiten Weltkriegs konfrontiert, auch diese bitteren Erfahrungen erwiesen sich als prägend. Nach Freiburg zurückgekehrt, absolvierte Wilfried Schilli nach einer Dentistenausbildung die Studien der Zahnmedizin und Humanmedizin. Der renommierte Pathologe Büchner wurde auf den jungen Nachwuchswissenschaftler aufmerksam und machte ihn zu einem seiner Mitarbeiter. Das hätte, wenn es nach dem Willen Prof. Büchners gegangen wäre, für unser Fachgebiet ungut ausgehen können. Gott sei Dank besann sich Schilli auf seine Liebe zur Zahnmedizin sowie Kieferchirurgie und wechselte zu Prof. Eschler in die Zahnklinik, wo er das große Spektrum der zahnärztlichen Chirurgie kennen und beherrschen lernte. Nach dem überraschenden und tragischen Tod Eschlers wurde er sogar dessen Nachfolger – und das über einen damals in Freiburg sehr unüblichen Hausruf. Dieser kann mit Fug und Recht als außerordentlicher Beweis für die Fähigkeiten Schillis gewertet werden.

Nunmehr endgültig „angekommen“ scharte Schilli eine ganze Reihe überaus begabter Mund-, Kiefer- und Gesichts-, aber auch Oralchirurgen um sich – der Beginn der „goldenen Freiburger Ära“. Hier zeigte sich neben den anerkannten wissenschaftlichen und fachlichen Fähigkeiten Schillis eine weitere Eigenschaft, die sich für seine Freiburger Abteilung als segensvoll erweisen sollte – die ausgesprochene Befähigung zur Netzwerkbildung. So bildete Schilli nicht nur eine ganze Generation bemerkenswerter Wissenschaftler und Kieferchirurgen aus, nein, diese konnten wiederum das erworbene Wissen an ihren neuen Wirkungsstätten weitergeben. Auszugsweise seien hier die Lehrstühle der Schilli-Schüler Ewers (Wien), Härle (Kiel), Joos und Kleinheinz (Münster) sowie Weingart (Stuttgart) genannt.

Alle die Dinge darzustellen, die Prof. Schilli in seiner Schaffensphase und darüber hinaus angestoßen hat, würde den auferlegten Rahmen dieses Nachrufs weitaus sprengen. Unbedingt erwähnt werden sollten aber seine Entwicklungen und Forschungen zur osteosynthetischen Versorgung von Kieferfrakturen, zur Behandlung von Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten und dann natürlich zur Implantologie.

Als Visionär erkannte Schilli als einer der ersten seines Fachs das unglaubliche Potenzial des damals noch jungen Fachbereichs der Implantologie und führte dieses maßgeblich in die wissenschaftliche Forschung ein. Das bescherte der zunächst noch durchaus angefeindeten Implantologie ein erhebliches Glaubwürdigkeitspotenzial und ermöglichte den späteren „implantologischen Flächenbrand“.

Unbeirrt beschritt Schilli zusammen mit seinem kongenialen Partner Gisbert Krekeler diesen Weg. Beide gehören damit unbestritten zu den Männern der ersten Stunde, welche die deutsche Implantologie „hoffähig“ gemacht haben.

Als Gründungsmitglied des ITI, und später als dessen (erster deutscher) Präsident, vermochte er der oralen Implantologie einen weiteren erheblichen Schub zu geben. Das Ringen um dieses zahnärztliche Fachgebiet war auch das, was Professor Schilli noch im hohen Alter bewegte.

Wir trauern um einen großen Visionär, hervorragenden Wissenschaftler sowie Chirurgen und um einen ganz besonderen Menschen.

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