Branchenmeldungen 22.05.2026

Zwischen Biofilm und alten Rollenklischees – Wenn der einzige Mann im Team kein „Herr Doktor“ ist



Bereits seit 26 Jahre arbeitet James Reeve als Dentalhygieniker in der Schweiz. Der gebürtige Kanadier liebt die Mischung aus Wissenschaft, Handwerk und Patientenkontakt. Im Interview erzählt er, wie ihn ein Zufall zur DH-Ausbildung führte, warum Männer in diesem Beruf oft fehlen und wie wichtig männliche Vorbilder sind. Er spricht über die Reaktionen seiner Patienten, Generationenunterschiede, die Herausforderungen des Jobs und gibt jungen Männern Tipps, die über eine Karriere in der Dentalhygiene nachdenken.

Zwischen Biofilm und alten Rollenklischees – Wenn der einzige Mann im Team kein „Herr Doktor“ ist

Foto: Portrait: Privat/ Illustationen: WeirdyTales – stock.adobe.com

Was hat Sie dazu bewogen den Beruf des Dentalhygienikers zu ergreifen?

Ich habe zuerst einige Jahre als Kellner und Barkeeper gearbeitet. Ein Freund von mir, Zahnarzt, hat mich irgendwann gefragt, ob ich mir das langfristig wirklich vorstellen kann oder ob ich etwas machen möchte, dass besser zu meinen Interessen passt. Er hat mir geraten, mir die Ausbildung zum Dentalhygieniker (DH) anzuschauen.

Ich habe dann einen eintägigen Kennenlernkurs an einer DH-Schule in der Stadt besucht, in der ich damals lebte, und war sofort begeistert. Der Beruf verbindet vieles, was mich interessiert: Wissenschaft, menschliche Biologie, präzise Handarbeit und die Arbeit mit Menschen.

Sie arbeiten jetzt seit 26 Jahren in Ihrem Beruf und treffen kaum männliche Kollegen. Wie erleben Sie diese Rolle als „Exot im Frauenjob“ im Praxisalltag?

Für mich spielte es nie eine Rolle, dass dieser Beruf damals wie heute oft als weiblich wahrgenommen wird. Natürlich war mir bewusst, dass ich als männlicher DH eher eine Ausnahme bin. Im Team war das aber nie ein Thema – weder für mich noch für meine Kolleginnen und Kollegen. Wir haben einfach professionell zusammengearbeitet.

Ab und zu gab es Patientinnen oder Patienten, die mich zunächst für den Zahnarzt hielten. Damit konnte ich immer gut umgehen. Und dass jemand eine Behandlung nur wegen meines Geschlechts abgelehnt hätte, ist in all den Jahren sehr selten vorgekommen – vielleicht drei- oder viermal. Das ist wirklich eine verschwindend geringe Zahl.

Viele junge Männer ziehen eine Ausbildung zum Dentalhygieniker gar nicht erst in Betracht. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Ein wichtiger Punkt ist das Fehlen männlicher Vorbilder. Viele sehen schlicht keine Männer in diesem Beruf und das beeinflusst die Berufswahl oft unbewusst. In Berufsinfos, auf Websites und in Social Media sieht man fast nur Frauen; das prägt die Vorstellung schon vor der ersten echten Begegnung mit dem Beruf. Dazu kommt die stereotype Idee, es handle sich um einen „Frauenberuf“. Obwohl sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt hat, wirken solche Bilder noch nach und genau da ist weitere Veränderung nötig.

Sie berichten, dass Sie häufig für den Zahnarzt gehalten werden. Welche Reaktionen begegnen Ihnen am häufigsten, wenn Sie Patienten zum ersten Mal treffen?

Das ist eine gute Frage – es passiert seltener als früher. Wenn es vorkommt, kläre ich es freundlich: Ich bin Dentalhygieniker und kümmere mich um die parodontale Gesundheit. Ehrlich gesagt ist mein Geschlecht heute auch deutlich seltener überhaupt ein Thema. Vielleicht, weil sich Erwartungen verändert haben, und vielleicht auch, weil ich selbst gelassener geworden bin.

Erleben Sie einen Unterschied im Verhalten von Patienten verschiedener Generationen Ihnen gegenüber?

Ja, das kann ich durchaus beobachten. Häufig sind es ältere Generationen, die mich „Herr Doktor“ nennen. Oft aus Gewohnheit und geprägt von dem Bild, mit dem sie aufgewachsen sind. Die meisten meinen das aber freundlich. Bei jüngeren Patientinnen und Patienten kommen solche Bemerkungen dagegen nur selten vor.

Was müsste sich konkret ändern, damit mehr Männer diesen Beruf ergreifen?

Ich kenne sicher nicht alle Gründe. Mein Eindruck ist aber, dass sich das zumindest in der Schweiz langsam verändert. Immer mehr junge Männer absolvieren die Ausbildung zum Dentalassistenten (vergleichbar mit der ZFA in Deutschland). Da viele zukünftige Dentalhygienikerinnen ursprünglich aus dieser Ausbildung kommen, dürfte das mittelfristig auch zu mehr männlichen Bewerbern für die DH-Ausbildung führen.

Welche Bedeutung haben Vorbilder Ihrer Meinung nach für junge Männer bei der Berufswahl im zahnmedizinischen Bereich?

Ich bin mir sicher, dass das eine große Bedeutung hat. In der Zahnmedizin ist es gesellschaftlich völlig normal, dass Männer Zahnärzte sein können. Beim Beruf des Dentalhygienikers ist dieses Bild vielerorts noch nicht verankert. Genau deshalb ist es wichtig, dass wir männlichen DHs sichtbarer werden.

Was würden Sie einem jungen Mann sagen, der Interesse an dem Beruf des Dentalhygienikers hat, sich aber unsicher ist, ob er „hineinpasst“?

Wenn Sie empathisch sind und gut mit ganz unterschiedlichen Menschen umgehen können, kann dieser Beruf sehr gut zu Ihnen passen. Professionalität ist zentral. Man braucht ein gutes Händchen, arbeitet detail- und präzisionsorientiert und muss auch mit Zeitdruck, Verspätungen und unvorhergesehenen Situationen umgehen können.

Wichtig sind außerdem Teamfähigkeit und eine patientenorientierte Haltung – also im Team auf Augenhöhe zu arbeiten und den Fokus konsequent auf den Menschen im Behandlungsstuhl zu richten. Schließlich arbeiten wir stark mit Menschen, für Menschen.

Und man sollte den Beruf auch körperlich ernst nehmen. Die Arbeit ist ergonomisch anspruchsvoll und kann langfristig belasten, wenn man nicht konsequent auf Haltung und Arbeitsweise achtet. Krafttraining und Fitbleiben sind aus meiner Sicht deshalb sehr sinnvoll. Positiv ist, dass sich die Tätigkeit gut in Teilzeit und auch mit einem zweiten Beruf kombinieren lässt.

Noch eine kleine Frage zum Abschluss: haben Sie es je bereut einen (fast) ausschließlich weiblichen Beruf ergriffen zu haben?

Kurz gesagt: Nein.

Dieser Beruf hat mir als Kanadier viele Türen geöffnet und mir letztlich auch die Welt eröffnet. Als Zahnarzt wäre ich heute kaum in derselben Kombination aus Praxis, Lehre und internationaler Erfahrung. Ich arbeite seit 26 Jahren als Dentalhygieniker und seit rund neun Jahren zusätzlich als Lehrer an einer DH-Schule. Ich bin sehr dankbar, beide Tätigkeiten ausüben zu dürfen.

Ich habe den Beruf nie als „Frauenberuf“ gesehen. Mir ging es immer darum, meine Arbeit auf dem höchsten Niveau zu machen, das ich erreichen kann. Durch meine Arbeit kann ich Menschen dabei unterstützen, gesund zu bleiben. Es geht zwar nicht um Leben und Tod, aber gesunde Zähne und ein schönes Lächeln sind enorm wichtig für das Wohlbefinden. Ich empfinde es als Privileg, als Dentalhygieniker vielen Menschen helfen zu dürfen.

Als DH-Lehrer kann ich mein Know-how an die nächste Generation weitergeben – unabhängig davon, ob weiblich oder männlich. Auch das erfüllt mich sehr.

Vielen Dank für das Interview und Ihre Zeit!

Zahnärztliche Assistenz 02/26

Zahnärztliche Assistenz


Dieses Interview ist in der Zahnärztliche Assistenz erschienen.

Zahnärztliche Assistenz ist das beliebte Supplement der Dental Tribune German Edition für ZFA, ZMP und DH, das den alltäglichen Praxisalltag lebendig abbildet. Es bietet Fachwissen zu Abrechnung, Prophylaxe und Organisation, ergänzt um Fortbildungstipps und Einblicke in moderne Praxiskultur. Klar strukturiert, frisch gestaltet und nah an den Themen, die das Team am Behandlungsstuhl wirklich bewegen. Das Supplement erscheint zweimal im Jahr.

Jetzt das ePaper lesen.

Mehr News aus Branchenmeldungen

ePaper