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Wissenschaft und Forschung 17.05.2011

Immundefekte: Wenn der Körper sich nicht wehren kann

Immundefekte: Wenn der Körper sich nicht wehren kann

Angeborene Immundefekte sind zwar relativ selten, sie können aber zu schweren Krankheiten führen. Viele dieser vererbten Immunschwächen werden zu spät oder gar nicht diagnostiziert. Mit dem neu gegründeten Jeffrey-Modell-Zentrum für Patienten mit angeborenem Immundefekt am Kinderspital der Universität Zürich soll sich das ändern.

Glück im Unglück hatte der fünfjährige Max aus Bayern, als er und seine Eltern für eine Zweitmeinung das Zürcher Kinderspital aufsuchten. Zwar hatten bereits die Ärzte in Deutschland eine aggressive Pilzerkrankung der Lunge und des Rückenmarks diagnostiziert, bei der Behandlung aber waren sie erfolglos.

Das Pilzgeflecht drückte Max’s Rückenmark so stark zusammen, dass er seine Beine nicht mehr spüren und nicht mehr gehen konnte. Er war quasi querschnittgelähmt. Zudem litt er zunehmend an Atemnot. Grund für die Leiden des Jungen war ein angeborener Immundefekt. «Längerfristig hätte die Krankheit Max’s Tod bedeutet», sagt Janine Reichenbach, Oberärztin am Zürcher Kinderspital und Privatdozentin an der Universität Zürich, rückblickend.

Dafür, dass es nicht so weit kam, sorgten die Immunologie-Spezialisten am Kinderspital, zu denen auch Reichenbach gehört. Die Zürcher Immunologen besitzen ein schweizweit einzigartiges Knowhow in der Erforschung und Behandlung von angeborenen Immundefekten.

So konnte dem Jungen mit einer von Reinhard Seger, Leiter der Abteilung für Immunologie der Kinderklinik und Professor für Kinderheilkunde an der Universität Zürich, und seinem Team entwickelten Gentherapie geholfen werden. Nach sechs Monaten war Max’s Körper vom Pilz befreit, und er konnte bereits wieder die ersten Gehversuche machen. Heute, mit zehn Jahren, spielt er wieder Fussball und kann ganz normal die Schule besuchen.

Mehr Infektionskrankheiten

Angeborene Immundefekte, wie derjenige von Max, sind relativ selten. Den Betroffenen fehlt die Fähigkeit des Körpers, sich gegen eindringende Krankheitserreger erfolgreich zur Wehr zu setzen. In der Folge treten vermehrt Infektionskrankheiten auf, die zudem schwerer verlaufen können als üblich. Patienten leiden gehäuft unter Hautinfektionen, Lungen- und Mittelohrentzündungen oder tiefen Abszessen der Haut und innerer Organe.

In der Schweiz leben schätzungsweise 7000 Menschen, die an einem angeborenen Immundefekt leiden. «Erschreckend ist, dass nur die allerschwersten Fälle – rund 500 – diagnostiziert sind», sagt Reinhard Seger. Weil sie eben relativ selten sind, fallen solche Immundefekte immer wieder durch die Maschen des Diagnosesystems. Ein Grund dafür ist, dass die Kinderärzte und Allgemeinpraktiker oft wenig über solche angeborenen Immunschwächen und ihre Folgen wissen. «Das Thema wird im Medizinstudium leider nur am Rand behandelt», weiss Immunologe und Universitätsdozent Seger aus eigener Erfahrung. Deshalb sind die Ärzte wenig darauf sensibilisiert und entsprechend selten wird ein Immundefekt von Allgemeinpraktikern festgestellt oder zur weiteren Abklärung an die Spezialisten vom Kinderspital verwiesen.

Bessere Behandlungsmöglichkeiten

Das soll sich nun ändern, denn vor kurzem wurde am Kinderspital das neue JMF Zentrum für Patienten mit angeborenen Immundefekten eröffnet. Unterstützt wird es durch die amerikanische Jeffrey Modell Foundation (JMF), die sich zum Ziel gesetzt hat, die Diagnostik und Therapie von angeborenen Immundefekten zu verbessern. «Mit der Kooperation zwischen der Stiftung und dem Kinderspital werden sich die Behandlungsmöglichkeiten für betroffene Patienten weiter verbessern», betont Reinhard Seger.

Künftig wird sich ein Assistenzarzt am JMF-Zentrum damit beschäftigen, das Wissen über angeborene Immundefekte in die Praxen der Haus- und Kinderärzte zu tragen. Mit dieser Öffentlichkeitsarbeit hoffen die Spezialisten am Kinderspital, die Ärztinnen und Ärzte für die Thematik zu sensibilisieren und die Diagnoserate zu erhöhen.

Gleichzeitig streben sie ein schweizweites Register von Patientendaten an, um bisher nicht diagnostizierte Fälle zu eruieren und so vielleicht dort zu helfen, wo bisher alle Hilfe nichts genützt hat. Zudem wird das Kinderspital durch die Kooperation mit der global tätigen JMF mit anderen JMF-Zentren vernetzt, von deren Wissen die Ärzte profitieren können. 

Defekte früh diagnostizieren

«Wichtig bei angeborenen Immundefekten ist, dass die Diagnose möglichst früh gestellt wird», sagt Reinhard Seger, «denn dann sind die Organe von den ständigen Infekten noch nicht geschädigt und die Chancen intakt, mit Therapien für ein möglichst beschwerdefreies Leben zu sorgen.» Gerade in der Wahl der geeigneten Therapiemethoden haben die Immunologen an der Zürcher Universitätskinderklinik grosse Erfahrung. So werden am Kinderspital jährlich rund 25 Knochenmarktransplantationen bei Kindern durchgeführt. Die Patienten kommen aus der ganzen Welt – aus Albanien und Saudi Arabien genauso wie aus Deutschland oder der Schweiz.

Jede Knochenmarktransplantation kostet zwischen 250’000 und 300’000 Franken. Ein hoher Preis. «Geht alles gut, können die Kinder aber wieder komplett gesund werden», betont Janine Reichenbach, «das belastet das Gesundheitssystem langfristig weit weniger als eine nicht endend wollende Krankengeschichte.» Nicht zu reden von den Leiden, die den Betroffenen damit erspart werden.

Neue Gentherapie für angeborene Immundefekte

Angeborene, schwere Immundefekte mit genetischen Ausfällen in den Abwehrzellen sind nur heilbar, wenn gesunde Stammzellen aus dem Knochenmark transplantiert werden. Reinhard Seger, Leiter Abteilung für Immunologie der Kinderklinik und Professor für Kinderheilkunde an der Universität Zürich erklärt das Verfahren:

«Eines der grossen Ziele der modernen Kinderimmunologie ist die Entwicklung einer wirksamen Gen-Ersatztherapie: Die kranken Stammzellen aus dem Knochenmark sollen durch Einschleusen einer gesunden Kopie des kranken Gens in die Erbsubstanz (DNA) im Zellkern ‚repariert’ und dadurch die Abwehrzellen wieder funktionstüchtig gemacht werden.

Teamarbeit

Um diese einfache Idee umzusetzen, musste ein grosses Team von klinischen Immunologen, Zellbiologen, Virologen und Molekularbiologen die Köpfe zusammenstecken: Sie isolierten die kranken Zellen und das funktionierende Gen, konstruierten eine Fähre zum Einschleusen des Gens in den Zellkern und liessen die beiden Komponenten im Labor mehrere Tage in steriler Kultur aufeinander wirken.

Vor der Rückinfusion musste im kranken Knochenmark durch eine milde Chemotherapie Platz für das Anwachsen der so korrigierten Stammzellen geschaffen werden. Unsere Gruppe in Zürich entwickelte in den letzten zehn Jahren in internationaler Zusammenarbeit eine Gentherapie für den tödlich verlaufenden Immundefekt Chronische Granulomatose. Bei dieser Krankheit können die Fresszellen des Blutes Bakterien und Pilze zwar fressen, aber nicht abtöten.

Deutliche Fortschritte

Neue Genfähren für weitere Immundefekte werden derzeit in verschiedenen Labors entwickelt und werden bald im Rahmen kontrollierter Studien zur Verfügung stehen. Sie sind jedoch momentan wenigen, streng ausgewählten Patienten vorbehalten, bei denen alle anderen Therapien versagt haben und die keinen passenden Knochenmark-Spender haben. Die erst zehn Jahre alte Gentherapie befindet sich heute immer noch in den Kinderschuhen, macht aber deutliche Fortschritte.»

Quelle: UZH News, Roger Nickl

Foto: © Shutterstock.com
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