Branchenmeldungen 16.03.2026

Wenn Prävention zur Streitfrage wird: Prof. Noack zur Fluorid-Debatte



Fluorid in Zahnpasten steht immer wieder im Zentrum öffentlicher Debatten. Einen neuen Anstoß liefert seit 2025 die Initiative „Beyond Fluoride“, die fluoridfreie Alternativen propagiert und dabei auch Eltern als Zielgruppe anspricht. Aktuell hat sich die Auseinandersetzung weiter zugespitzt. Nachdem die Stiftung Warentest eine Untersuchung zu fluoridhaltigen Kinderzahnpasten veröffentlicht hatte, reagierte die Initiative mit einem offenen Brief. Der Kölner Zahnmediziner Univ.-Prof. Dr. Michael J. Noack widersprach ebenfalls öffentlich in einem offenen Brief. Im Interview spricht er über die Hintergründe der aktuellen Debatte und darüber, warum evidenzbasierte Prävention zunehmend unter Druck gerät.

Wenn Prävention zur Streitfrage wird: Prof. Noack zur Fluorid-Debatte

Foto: privat

Prof. Noack, Sie haben sich mit einem offenen Brief in die Debatte um fluoridfreie Zahnpflege eingeschaltet. Was hat Sie an der aktuellen Diskussion besonders alarmiert?

Als Hochschullehrer verstehe ich meine verfassungsrechtlich geschützte Unabhängigkeit auch als Verpflichtung, komplexe medizinische Fakten sachlich und verlässlich zu vermitteln. Wenn versucht wird, einen wissenschaftlich sehr gut untersuchten Wirkstoff und seine gesundheitliche Bedeutung zu diskreditieren, um eine deutlich schlechter untersuchte Alternative zu vermarkten, ist das aus meiner Sicht problematisch. Und wenn gleichzeitig bestritten wird, dass entsprechende Aktivitäten von der Industrie finanziert werden, wirft das zusätzliche Fragen auf. Deshalb halte ich es für notwendig, dem mit fundierter fachlicher Kritik und mit Öffentlichkeit entgegenzutreten.

Die Diskussion über Fluorid ist nicht neu. Dennoch scheint sie derzeit wieder an Dynamik zu gewinnen. Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass solche Debatten immer wieder neu aufflammen?

Laut der Berichterstattung des SPIEGEL handelt es sich aktuell primär um eine industriefinanzierte Kommunikationskampagne mit wirtschaftlichen Interessen. Demnach soll sie von einer Münchner Agentur umgesetzt werden, deren Chefin zugleich als Geschäftsführerin der Initiative fungiert. Der sogenannte wissenschaftliche Beirat tritt dabei öffentlich als Sprecher auf. Die Zahnpasta mit der beworbenen Fluoridalternative ist bereits seit Jahren auf dem Markt. Sie ist deutlich teurer, und wenn man sich die Studienlage dazu aus wissenschaftlicher Perspektive anschaut, ist diese vergleichsweise dünn.

Die Initiative „Beyond Fluoride“ richtet sich in ihrer Kommunikation vor allem an Eltern. Wie bewerten Sie diese Fokussierung auf eine besonders sensible Zielgruppe?

Wenn eine Kommunikationskampagne sich stark auf Ängste konzentriert, deutet das für mich darauf hin, dass die positiven Eigenschaften eines Produkts allein offenbar nicht ausreichen, um zu überzeugen. Persönlich halte ich es für moralisch problematisch, mit den Sorgen von Eltern zu arbeiten, um Produkte zu vermarkten.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht soziale Medien und Influencer dabei, gesundheitliche Botschaften, ob korrekt oder problematisch, zu verbreiten?

Soziale Medien und Influencer können definitiv Meinungen beeinflussen. Ich habe aber gehört, dass bei den Influencern nicht alle in Dubai eingeklebten weißen Keramik-Kacheln lange gehalten haben. Das wurde vielen erst kurz nach dem Post mit dem weißen Lächeln deutlich, wie man den Medien entnehmen konnte. Auch die genannte Initiative hat diese Kanäle benutzt. In einem Video sollen auch die Agenturmitarbeiter als besorgte Eltern aufgetreten sein. Das zeigt, wie schnell Informationen heute verbreitet werden, ohne dass deren Hintergründe geprüft werden. Dabei lässt sich oft schon mit wenigen Minuten Recherche klären, welche Funktionen einzelne Akteure haben oder welche institutionellen Verbindungen bestehen.

Der SPIEGEL schreibt in seiner Berichterstattung, dass möglicherweise wirtschaftliche Interessen hinter Kampagnen gegen Fluorid stehen könnten. Wie schwierig ist es für Außenstehende, in solchen Debatten zwischen wissenschaftlicher Kritik und Marketing zu unterscheiden?

Das ist oft schwierig. Ein pragmatischer Ansatz ist die Frage: Cui bono? – wem nützt die Botschaft? Transparente Angaben zu Finanzierung und möglichen Interessenkonflikten sind ein wichtiges Kriterium. Wer offenlegt, wie Kampagnen finanziert werden, schafft Vertrauen. Intransparenz dagegen erzeugt Misstrauen. In der Regel dauert es nicht lange, bis investigative Medien solche Strukturen genauer beleuchten.

Die Zahnmedizin gilt als eine der präventionsstärksten Disziplinen der Medizin. Warum ist gerade hier das Vertrauen in wissenschaftliche Empfehlungen manchmal so fragil?

Mundhygieneprodukte betreffen praktisch alle Menschen täglich; es geht um einen großen Markt. Diese Kombination aus alltäglicher Relevanz und kommerziellem Interesse macht das Vertrauen verletzlich. Entsprechend wichtig sind klare, unabhängige Evidenz und nachvollziehbare Empfehlungen.

Welche Verantwortung tragen wissenschaftliche Fachgesellschaften und Standesorganisationen, wenn sich solche Debatten in der Öffentlichkeit zuspitzen?

Fachgesellschaften haben die Aufgabe, konsolidierte, evidenzbasierte Stellungnahmen und Leitlinien zu veröffentlichen.Diese Konsenspapiere entfalten zu Recht eine große Wirkung. Standesorganisationen sind vor allem dann gefordert, wenn versorgungspolitische Aspekte berührt werden. Sie sollten sicherstellen, dass seriöse Fachinformationen alle approbierten und niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzte erreichen.

Was würden Sie Eltern raten, die durch solche Kampagnen verunsichert sind und sich fragen, ob fluoridhaltige Zahnpasta für ihre Kinder wirklich sicher ist? 

Ich empfehle drei pragmatische Schritte:

Bild von einem Quotenzeichen

Fragen Sie sich: Wem nützt die Botschaft, die mich erreichen will?

Suchen Sie Meinungspluralität: Vergleichen Sie verschiedene, unabhängige Quellen.

Konsultieren Sie eine vertraute Fachperson (z. B. aus dem Praxisteam), um die individuelle Situation zu besprechen.

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